Begleitung von Bedürftigen

10 Jahre Hamburger Kulturschlüssel

Carsten Bäcker begleitet die sehbehinderte Doris Tillmann gern in Theater oder zu Lesungen

Carsten Bäcker begleitet die sehbehinderte Doris Tillmann gern in Theater oder zu Lesungen

Foto: Sabine Tesche (FMG) / SABINE TESCHE/HAMBURGER ABENDBLATT

Ehrenamtliche begleiten Senioren und Behinderte in Konzerte, Theater und Museen. Manchmal ist es ein Blind Date

Offiziell ist sie die Kulturgenießerin und er der Kulturbegleiter, aber inoffiziell sind Doris Tillmann und Carsten Bäcker schon längst Freunde, die sich vor rund fünf Jahren über das Projekt Hamburger Kulturschlüssel kennengelernt haben. Sie lieben die Theatervorstellungen, klassischen Konzerte und Lesungen, die sie gemeinsam besuchen können. Tillmanns Mann ist kein Kultur-Fan, er ist fußballbegeistert und zudem gehbehindert. Doch die 68-Jährige braucht eine Begleitung, denn sie ist stark sehbehindert. Deswegen ist Carsten Bäcker an ihrer Seite. „Der Kulturschlüssel ermöglicht mir eine Teilnahme am kulturellen Leben, das mir sonst verwehrt wäre. Das finde ich so schön“, sagt die Rentnerin.

Für Menschen wie sie, also Senioren mit Einschränkungen, Migranten und Menschen mit Behinderungen wurde die Initiative des Vereins „Leben mit Behinderung“ vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Der Festakt zum Jubiläum fand diese Woche auf Kampnagel statt.

Rund 100 Hamburger Kultureinrichtungen machen mit

Die Eintrittskarten für die Kulturevents werden von 100 Hamburger Institutionen von den Bücherhallen, kleinen Kulturforen bis zu den großen Museen, Theatern und Musikhallen gespendet und dann von einem Team an Paare oder kleine Gruppen – also Kulturgenießer und Kulturbegleiter – verteilt. Dabei wird darauf geachtet, dass beide Parteien nicht allzu weit fahren müssen. Der Begleiter, der zu Beginn seines Ehrenamts eine Schulung erhält, holt den Genießer zu Hause ab, sie erleben geineinsam eine Veranstaltung, die sie sich aus einem Kulturprogramm, das monatlich herauskommt, ausgesucht haben. „Wir matchen die Paare, oft kennen sie sich, manchmal ist es ein Blind Date“, sagt Frank Nestler. Er ist Projektverantwortlicher bei „Leben mit Behinderung“ und Erfinder der erfolgreichen Initiative. Als er anfing, war es einfach, ehrenamtliche Begleiter zu finden, aber schwierig Senioren und andere Bedürftige für das Projekt zu begeistern. „Es gab eine große Schamschwelle, die sie überwinden mussten. Doch das ist längst vorbei.“

Mehr als 36.000 Kulturgenüsse

2009 fing der Kulturschlüssel mit vier Institutionen und 100 sogenannten Kulturgenüssen an, inzwischen sind es pro Jahr 6000. Insgesamt gab es bisher 36.000 Kulturgenüsse und viele neue Freundschaften – wie die von Doris Tillmann und Carsten Bäcker (46), der inzwischen zum Organisationsteam gehört. Ebenso wie Nicole Stephan (31), die gemeinsam mit der Jurastudentin Greta Schulte (23) regelmäßig Menschen mit einer geistigen Behinderung aus einer Wohngemeinschaft begleiten. Schulte mag die „fröhlichen und lustigen Begegnungen“, gibt aber zu, dass man Gelassenheit dafür benötigt. „Manchmal brauchen wir viel Zeit, um von einem Punkt zum anderen zu kommen.“ Michaela Jörn, die in der WG lebt, würde am liebsten jede Woche mitkommen. Sie ist vor allem begeistert von der jährlichen Polizeishow. „Die Begleiter sind nett und ich komme mal raus, das ist doch toll“, sagt sie und strahlt Greta Schulte an.

Infos unter www.hamburger-kulturschluessel.de, Tel. 270 79 06 01.