Gebärdensprache

Die mit den Händen tanzen: Wenn Musik für alle sichtbar wird

Gebärdendolmetscherin Jana Blume beim Konzert der Band Emil Bulls auf dem Wacken Open Air 2019.

Gebärdendolmetscherin Jana Blume beim Konzert der Band Emil Bulls auf dem Wacken Open Air 2019.

Foto: PARVENUE Kulturbüro

Gebärdendolmetscher übersetzen für gehörlose Wacken-Gäste die Musiktexte und interpretieren auch die Instrumentalparts mit Gesten.

Der Boden staubt unter den schunkelnden Menschenmassen beim Auftritt der Shanty-Rocker Santiano auf der Louder-Bühne beim diesjährigen Wacken Open Air. „Wir seh’n uns wieder in Walhalla. Lasst uns feiern, seid bereit“, singen die Barden aus dem Norden – doch nicht nur sie und die zahlreichen Fans. Neben den fünf Männern steht noch eine weitere Person auf der Bühne, die ganz in Schwarz gekleidet glatt als weiteres Bandmitglied durchgehen würde.

Die junge Frau am äußeren Bühnenrand bewegt sich rhythmisch im Takt der Musik, formt mit ihren Lippen die Laute der Texte. Durch die Bewegungen ihrer Hände wird jedoch schnell klar, dass es sich bei ihr nicht etwa um eine Tänzerin oder eine Background-Sängerin handelt, sondern um eine Gebärdensprachdolmetscherin. Das Besondere: Sie übersetzt nicht nur die Texte für das gehörlose Publikum, sondern macht die Musik im Ganzen erfahrbar. Musikdolmetschen heißt das im Fachjargon. Doch wie funktioniert das eigentlich? „Beim Musikdolmetschen versuchen wir alle Aspekte eines Liedes mit einzubeziehen. Den Rhythmus, ob das Lied schnell oder langsam ist, die Stimmung dazu und dann natürlich noch den Text“, sagt Jana Blume nach ihrem Einsatz bei Santiano. „Ich zeige zum Beispiel an, wenn ein Gitarrensolo gespielt wird. Dann gehe ich mit und zeige somit auch, in welchem Rhythmus es gespielt wird.“

Drei Musikdolmetscher leisten Pionierarbeit

Die 35-Jährige ist Teil des Teams „Die mit den Händen tanzen“. Beim Wacken-Festival dolmetschte sie zusammen mit zwei Kolleginnen eine Reihe von Konzerten und machte die Musik somit für Gehörlose sichtbar. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete in den vergangenen Jahren die Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengber. Sie übersetzte Konzerte von Peter Maffay bis Kraftklub sowie die Musik des Eurovision Song Contests 2017 und 2018. Da die Nachfrage immer größer wurde, gründete sie Anfang des Jahres zusammen mit dem inklusiven Kulturbüro Parvenue das Team „Die mit den Händen tanzen“. 2018 stand Schwengber in Wacken noch allein auf den Bühnen, durch das Team konnten in diesem Jahr deutlich mehr Konzerte übersetzt werden.

„Das Interesse kommt von den Veranstaltern“, sagt Elnaz Amiraslani, Inhaberin des Parvenue Kulturbüros. Besonders in Wacken sei der Inklusionsgedanke sehr stark ausgeprägt. „Im Gegensatz zu barrierefreien Angeboten wie Rampen für Rollstuhlfahrer, die nicht zwingend jeder wahrnimmt, findet beim Musikdolmetschen die Sensibilisierung bei 100 Prozent des Publikums statt“, betont Amiraslani. Auch die Musiker seien den Dolmetscherinnen gegenüber sehr aufgeschlossen. „Ich habe bisher durchweg positive Rückmeldungen bekommen“, sagt Jana Blume. „Die Musiker freuen sich, dass das taube Publikum sie durch uns auch abfeiern kann.“

Jeder Einsatz ist wie ein kleines Workout

Eine extra Ausbildung für das Dolmetschen von Musik gebe es nicht, so Blume. Anders als bei der Gebärdensprache, die über eine eigenständige Grammatik verfügt, hängt es vom Dolmetscher ab, wie die instrumentellen Parts übersetzt werden. „Jeder von uns interpretiert ein Lied unterschiedlich und verwendet andere Stilmittel.“ Ist das Dolmetschen von Heavy Metal besonders schwer? „Für mich kommt es nicht auf die Musikrichtung an, sondern ob ich eine Affinität zu einem Lied habe und mich gut reinfühlen kann“, sagt Blume. Von Schlager über HipHop bis Metal lasse sich alles übersetzen. Anstrengend ist so ein Einsatz jedoch allemal. „Das ist schon ein kleines Workout“, sagt sie und wischt sich lachend die Schweißperlen von der Stirn.

Dass der „Pommesgabel“-Gruß für Wacken steht, lässt sich auch für der Gebärdensprache nicht mächtige Festival-Besucher erkennen, aber wie bitte lässt sich ein Begriff wie „Walhalla“ übersetzen? „Im Endeffekt bedeutet es Himmel. Fans dieser Musik wissen das natürlich.“

Am Ende überwindet Musik eben alle Barrieren.