Pflegeeltern

„Kindeswohl ist wichtiger als Elternrecht“

Pflegekinder Philipp und Jason fühlen sich wohl bei ihrer Pflegemutter

Pflegekinder Philipp und Jason fühlen sich wohl bei ihrer Pflegemutter

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Miriam und Jörn Sommer sind Pflegeeltern. Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt Mitte funktionierte gut.

Hamburg. Eigentlich könnten Miriam Sommer (45) und ihr Mann Jörn (50) (alle Namen geändert) ein entspanntes Leben haben. Die beiden eigenen Kinder sind erwachsen, sie haben ein schönes Zuhause in einer ruhigen Siedlung im Westen Hamburgs. Doch die Sommers haben sich entschieden, mehrere Pflegekinder in ihrer Familie aufzunehmen – auch weil sie im zweiten Anlauf so gute Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht haben: „Wir wollen zeigen, dass da Menschen eine tolle Arbeit machen, und uns bedanken.“

Dass hier Kinder wohnen, sieht man auf den ersten Blick. Im Vorgarten des Reihenhäuschens steht ein Bobbycar, an der Küchentür hängen Buntstiftzeichnungen, am großen Kühlschrank halten Magneten viele Familienfotos fest. Es ist ruhig an diesem Vormittag, Philipp und sein kleiner Bruder Jason sind im Kindergarten, bald wird der Große eingeschult. Doch Miriam Sommer freut sich schon, wenn ihre beiden Wirbelwinde am Nachmittag wieder da sein werden. Die Hamburgerin ist ein grundoptimistischer Mensch. „Schwierigkeiten sind Herausforderungen“, findet sie und packt da an, wo es nottut. So kam die Familie zu ihrem ersten Pflegekind Ramona. Eine Jugendfreundin, die mit ihrem Leben überfordert war, bat sie, ihr Baby für eine Weile zu nehmen. „Ich war ziemlich blauäugig“, sagt Miriam Sommer im Rückblick. Drei Wochen blieb die kleine Ramona, dann holte die Mutter sie ab. „Danach war erst mal Funkstille“ – bis zu einem erneuten Hilferuf der Jugendfreundin, „da war Ramona sechs“.

Das Kind sollte bis zu Volljährigkeit

Die Sommers hielten Familienrat und beschlossen, das Mädchen so lange zu sich zu nehmen, bis die Mutter Drogenentzug und Therapie erfolgreich abgeschlossen hätte. Doch das zuständige Jugendamt hatte andere Pläne: Ramona sollte bis zur Volljährigkeit bei den Sommers bleiben. „Das erfuhren wir erst aus dem Hilfeplan“, sagt Miriam Sommer trocken. Nun gut: Das Ehepaar legte mit Erfolg die Pflegeelternprüfung ab und Ramona blieb erst einmal. Das Mädchen war von seinem noch jungen Leben bereits traumatisiert und verhaltensauffällig. Dazu kam noch die Diagnose ADHS. Die Sommers hatten schwierige Zeiten. „Es ist nicht gut, wenn sich ein Kind immer nur im Kreis dreht“, fanden sie und beschlossen, ein weiteres Pflegekind aufzunehmen, denn Ramona sollte nicht allein sein. Die Wahl fiel auf den vierjährigen Philipp, der bereits eine Menge schlechter Erfahrungen gemacht hatte. Beide Eltern waren sehr jung und konnten ihn nicht versorgen. Der Junge wechselte zwischen Pflegestellen und dem Kinderschutzhaus hin und her, es gab Gewalterfahrungen.

Die Unterstützung vom Jugendamt Mitte gab den Ausschlag, dass die Familie sich vorstellen konnte, es mit Philipp zu versuchen. „Wir hatten Sorge, wie es mit dem Vormund und uns laufen wird“, sagt die Pflegemutter – und war positiv überrascht, als er beim ersten Treffen erklärte, wie wichtig es sei, dass alle an einem Strang ziehen. „Er kam mit seinem Hund bei uns zu Hause vorbei, das war sehr entspannt und nett“, sagt Miriam Sommer. Auch die Mitarbeiter beim Jugendamt überraschten sie. „Bei Ramona waren unsere Erfahrungen mit einem anderen Jugendamt eher neutral. Hier waren das Menschen, die sich für das Kind einsetzen! Man hat uns toll begleitet und beraten, auch finanziell, die Leistungen wurden ohne Wartezeiten gezahlt – das kannten wir anders.“ Die Mitarbeiter kamen ins Haus, um sich ein Bild zu machen. „Das war für mich sehr wichtig, es hat mir Bestätigung und Sicherheit gegeben.“ Die Dame vom Pflegekinderdienst stand ihnen ebenfalls zur Seite: „Sie war sehr direkt und menschlich, das hat uns beeindruckt.“

Ramona verließ die Familie

Drei Monate dauerte es, bis alle Pflöcke eingeschlagen waren. „Ich hatte ganz schön Bammel vor der ersten Begegnung, dachte, vielleicht findet der Junge uns ja doof“, erinnert sich Miriam Sommer. Doch das Eis war schnell gebrochen, Philipp kam im Sommer 2016 und fasste Vertrauen. „Er brauchte das Gefühl, dass wir ohne Wenn und Aber zu ihm stehen und uns für ihn einsetzen.“ Auch Ramona war begeistert vom neuen Bruder. Doch anders als das laute, fordernde Mädchen war er anfangs in sich gekehrt, „manchmal versteckte er sich unter dem Tisch“. Mittlerweile ist er angekommen, findet Miriam Sommer, „er ist viel entspannter“. Ramona verließ die Familie, die leibliche Mutter hat sie wieder zu sich genommen.

Dass der Weg als Pflegemutter für sie der richtige ist, daran hatte Miriam Sommer keinen Zweifel. So entschloss sich die Familie Ende 2017, Philipps zwei Jahre jüngeren leiblichen Bruder Jason ebenfalls aufzunehmen. „Die Brüder kannten sich, die Mutter war einverstanden, das war eine tolle Lösung.“ Das Zusammenleben klappt gut, was auch daran liegt, dass die leibliche Mutter den Wunsch hatte, dass beide Söhne zusammenbleiben können. „Sie ist Mama, ich bin Miri“, sagt die Pflegemutter. „So soll es sein.“ Vor der leiblichen Mutter hat Miriam Sommer großen Respekt. „Für sie ist es schwer und sie hat viel Mut, sich einzugestehen, dass sie ihre Kinder nicht gut genug versorgen kann, und sie gehen zu lassen.“ Doch sie glaubt, dass die beiden Jungs durch das geordnete Familienleben eine bessere Chance auf ein normales Leben haben, „auch wenn sie ihr schweres Päckchen immer mit sich tragen müssen“, sagt Sommer.

Missglückte Pflegeverhältnisse scheitern oft daran, dass das Elternrecht Vorrang vor dem Kindeswohl bekomme, findet Miriam Sommer. In ihrem Fall ziehen alle an einem Strang. „Wenn alle Beteiligten – Fachkräfte, Eltern und Pflegefamilien – im Blick haben, was das Kind braucht, kann Pflege wirklich gelingen.“ Ihre Entscheidung für Pflegekinder haben die Sommers bis heute nicht bereut. „Das liegt auch an der tollen Unterstützung durch die Fachkräfte. Ihnen gebührt ein ganz dickes Dankeschön!“

Hamburger Pflegeelternschule bildet aus

Rund 1200 Hamburger Kinder leben derzeit in Pflegefamilien – es gibt einen sehr großen Bedarf an Pflegemüttern und -vätern. Der erste Schritt ist der Besuch zweier Informationsabende in der Hamburger Pflegeelternschule. Wenn man sich danach als Pflegeeltern bewerben will, führt man ein Erstgespräch mit einer Fachkraft. Wenn es passt, durchlaufen Bewerber eine 30-stündige Ausbildung in der Pflegeelternschule, werden dann zu einer anerkannten Pflegefamilie. Wenn ein Kind zur Vermittlung ansteht, fragen die Jugendämter der Stadt Hamburg bei der Zentralen Pflegestellenvermittlung im Rathaus Altona an, ob es eine freie Pflegestelle gibt, die für das Kind passen könnte.

Mehr Infos dazu unter:
www.pflegefamilie-werden.info

Termine zu den Infoabenden: www.kurse-hamburg-pfiff.de