Stadtteilarbeit

Gartenzaun-Momente auf der Uhlenhorst

Treffpunkt der „Stadtteilentdecker“ ist immer der Strandkorb vor St. Gertrud. Pastor Oliver Spies (2. v. r.) zeigt historische Bilder.

Treffpunkt der „Stadtteilentdecker“ ist immer der Strandkorb vor St. Gertrud. Pastor Oliver Spies (2. v. r.) zeigt historische Bilder.

Foto: PFLEGEN & WOHNEN HAMBURG GmbH

Zehn Institutionen des Quartiers organisieren Stadtteilspaziergänge für eine lebendige Nachbarschaft. Ein wunderbares Projekt zum Nachahmen

Graumannsweg, Ecke Schottweg. Den meisten Teilnehmern des Stadtteilspaziergangs ist die Kreuzung in Hohenfelde vertraut. Allerdings sind die wenigsten von ihnen schon einmal in die kleine Nebenstraße abgebogen. Im Alltag verlässt man selten die vertrauten Routen und auch sonntags bricht man eher zu ferneren Zielen auf, als das Unbekannte vor der eigenen Haustür zu entdecken. Doch genau dorthin will die Aktion „Stadtteilentdecker“ locken, zu der verschiedene Einrichtungen und Institutionen bereits dreimal eingeladen haben. Bei den Rundgängen durch Uhlenhorst und Hohenfelde gilt das Motto: „Mitten im Herzen Hamburgs: Neues entdecken und Vertrautes zeigen!“

Startpunkt sind immer die Strandkörbe vor der St.-Gertrud-Kirche. Jemand stellt die Frage: „Ist hier nicht der Mittelpunkt Hamburgs?“ Sofort wird diskutiert: Einige sehen ihn genau vor der Kirche am Kuhmühlenteich. Andere halten dagegen: Das Herz der Stadt liegt auf dem Fußweg vor dem Lerchenfeld-Gymnasium, gleich neben dem alten Hammonia-Bad an der Mundsburg. Ein endgültiges Ergebnis gibt es nicht, aber das Eis ist gebrochen. Jeder bringt etwas über den Stadtteil mit. Manche sind erst vor Kurzem ins Quartier gezogen, andere haben hier die Bombennächte als Kind erlebt und kennen die Veränderungen durch die Jahrzehnte. Auf den verschiedenen Routen ist jeder eingeladen zu erzählen, zu zeigen und zu fragen. Kein Vortrag begleitet den Weg, sondern das Gespräch und die Entdeckerlust. Die Reiseleitung wechselt zwischen Banker, Pastor und Engagierten.

Am Runden Tisch wurde die Idee entwickelt

Die Idee zu den Rundgängen ist am Runden Tisch entstanden, zu dem sich Einrichtungen monatlich treffen. Vor gut einem Jahr kam der Wunsch auf, eine gemeinsame Aktion auf die Beine zu stellen. Da alle große Lust hatten, die Stadtteile besser kennenzulernen und durch die Brille der anderen wahrzunehmen, war schnell klar: „Wir gehen spazieren und nehmen andere mit!“ Routen und Stationen wurden erarbeitet, wobei die Vielfalt immer im Blick war, die der Kreis der Veranstalter selbst mitbrachte: Neben den Seniorenhäusern von Pflegen & Wohnen in der Finkenau und Heinrich-Hertz-Straße waren von Anfang an auch die Kita Eulennest, der Bürgerverein Hohenfelde, der Campus Uhlenhorst, die Haspa Hamburger Meile, das PK 36, das Quartiersmanagement AGQua, die Geschichtswerkstatt St. Gertrud und die Kirchengemeinde beteiligt.

Pause im Campus Uhlenhorst in der Heinrich-Hertz-Straße. „Ich gehe hier oft vorbei, aber habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was ihr genau macht.“ Der Schulleiter berichtet: Campus eröffnet Jugendlichen mit Einschränkungen beim Lernen und mit geistigen Behinderungen die Chance, ihre Schulzeit zu verlängern, um an ihren Interessen und Kompetenzen orientiert zu lernen und sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Die Einrichtung ist nicht groß: 35 Schüler und Teilnehmer einer berufsbildenden Maßnahme, gut 20 pädagogische Mitarbeiter. „Wer mag, kann auch mal zum Mittagessen vorbeikommen – nur kurz anmelden.“ Zwei ältere Damen flüstern: „Das machen wir mal.“

Über Schwellen zu locken ist den Initiatoren wichtig.

Dann geht es weiter: zur Flüchtlingsunterkunft, zum Bauspielplatz, zum Ernst-Deutsch-Theater und zum Schluss gibt es Würstchen im Hof von pflegen & wohnen Uhlenhorst. Am Grill steht der Leiter des Hauses. Über Schwellen zu locken ist den Initiatoren wichtig. Es ist ein Unterschied, ob man das Seniorenhaus, den Spielplatz, die Filiale, die Kirche schon einmal betreten oder nur von außen wahrgenommen hat. Und ob man Gesichter dazu kennt, die etwas von der Idee, dem Alltag und den Herausforderungen der jeweiligen Einrichtung erzählen. Oft gehen die Gespräche zwischen den Stationen weiter. Nach der Stippvisite im Seniorenheim diskutiert eine Gruppe über das Älterwerden im Quartier und was es dafür braucht: bezahlbaren Wohnraum, Ärzte, Nachbarn, die man kennt.

Lebendige Nachbarschaft ist in der Großstadt keine Selbstverständlichkeit. Oft fehlt es ihr, an Zeit und Gelegenheiten zu wachsen. Trifft man sich im Dorf selbstverständlich am Gartenzaun, fehlt dieser Ort häufig in der dicht bevölkerten Großstadt. Der Wunsch war deshalb, mit den Spaziergängen „Gartenzaun-Momente“ zu erzeugen: zwei Stunden gemeinsam unterwegs sein, ins Gespräch kommen und sich als Nachbarn wahrnehmen.

An einigen Haustüren wird geläutet

Mit jeweils um die 40 Teilnehmern wurde dieser Gartenzaun länger als geplant. Auch einige Gartenpforten werden aufgestoßen. An einigen Haustüren wird geläutet. Die Bewohner öffnen und erzählen: von der Planung der neuen Stadthäuser auf dem ehemaligen Gelände der Klinik Finkenau zum Beispiel und davon, wie es sich anfühlt, hier neu zu leben. Stolz schwingt mit, denn die Häuser haben bereits so manchen Architekturpreis eingeheimst. „Sie wohnen auf dem Gelände, auf dem ich geboren wurde“, sagt jemand.

In der Ifflandtstraße tritt ein Ehepaar vor die Tür und berichtet vom „Ludwig“, dem Stadtteilfest von Hohenfelde: „Am 24. August feiern wir wieder.“ Alles werde ehrenamtlich organisiert, mitmachen gehe ganz einfach: „Sprecht uns an!“

Um die Idee der „Stadtteilentdecker“ noch etwas größer in den Stadtteil zu tragen, entstand auch ein Stadtplan mit Terminen und Infos. In den Neubaugebieten haben die Schüler von Campus sie als Willkommensgruß in die Briefkästen geworfen. Die Realisierung erfolgte ganz unbürokratisch: Einige brachten ein paar Euro, andere ihre Arbeitszeit ein. Aufgrund der guten Rückmeldungen wird am Runden Tisch bereits für 2020 weitergeplant.

Am Graumannsweg zeigt die Geschichtswerkstatt alte Fotos der Straße: Eines der Häuser darauf steht noch, alles andere hat sich verändert. Auch die Besitzerin der italienischen Eisdiele erzählt davon. Dennoch ist für sie klar, was gute Nachbarschaft an einem Sommertag gebraucht hat und immer noch braucht: ein gutes Eis!