Ausgezeichnet

Eine Extraportion Zeit für Grundschüler

Fellow Simone Brünz unterrichtet in der Brüder-Grimm-Schule in Billstedt

Fellow Simone Brünz unterrichtet in der Brüder-Grimm-Schule in Billstedt

Foto: Teach First Deutschland gGmbH

Teach First erhält den HanseMerkur Preis für Kinderschutz. Hochschulabsolventen unterstützten dabei Lehrer – wie Simone Brünz in Billstedt

Die Klassenlehrerin der 3b an der Brüder-Grimm-Schule in Billstedt schlägt einen Triangel, dann übernimmt Simone Brünz den Unterricht. Es geht um Ernährung und gesundes Essen - vor allem aber darum, das Lesen zu üben. Der Unterricht heute ist multimedial. Zunächst wird eine Audiodatei mit dem Lesetext eingespielt, dann lesen die Kinder dazu laut mit und anschließend liest jeweils ein Schüler dem anderen einen Satz vor. Die Kinder arbeiten ruhig und diszipliniert mit, sehr zur Freude von Simone Brünz, die die Stunde minutiös vorbereitet hat. Sie ist keine ausgebildete Lehrerin, sondern eine sogenannte Fellow der gemeinnützigen Organisation Teach First. Die bundesweit agierende Institution schickt ausgesuchte Hochschulabsolventen zu Schulen in sozialen Problemvierteln. Simone Brünz ist in den dritten und vierten Klassen der Billstedter Grundschule im Einsatz. Sie ist Teil des Programms „Starke Basis! – Grundschüler aus Hamburgs Brennpunkten auf Erfolgskurs“, das am Donnerstag mit dem HanseMerkur-Preis für Kinderschutz 2018 ausgezeichnet wurde.

Dreistufiges Auswahlverfahren für Fellows

Die 27-Jährige bietet Kleingruppenförderung in Mathematik und Deutsch an. Die Leseunterstützung hat bei ihr jedoch oberste Priorität, denn, „einige Schüler können auch in der dritten Klasse noch nicht richtig lesen“. Sie hat Erziehungswissenschaft in Tübingen studiert und bei Teach First einen dreistufigen Auswahlprozess durchlaufen, in dem neben einem herausragenden Hochschulabschluss die soziale Intelligenz, Reflexions- und Empathiefähigkeit sowie Führungsqualitäten, etwa in der Jugendarbeit, abgeprüft wurden. Ihr Gehalt zahlt die Stadt Hamburg, aber sämtliche Programmkosten von Teach First für Aus- und Weiterbildung sowie Betreuung müssen über Spenden gedeckt werden. Teach First hat eine klare Vision: „Jedes Kind verlässt die Schule mit einem Abschluss und dem festen Glauben an den eigenen Erfolg.“

Denn die Fellows an den Schulen bringen eine Extraportion Zeit mit, ermöglichen durch zusätzliche Angebote im Ganztags- und Nachmittagsbereich eine gezielte und individuelle Förderung. Julia Sondermann, die bei Teach First die Region Nord leitet, hat festgestellt, dass „das Vorlesen in Familien keine große Rolle mehr spielt. Deutsch wird in Familien mit Migrationshintergrund kaum gesprochen. Diese Eltern behalten ihre Kinder auch länger zu Hause, sodass die Kinder ohne vorschulische Erfahrungen aus der Kita in den Schulalltag starten. Und anschließend haben Eltern, die nicht gut Deutsch sprechen, Hemmungen, sich auf Elternabenden einzubringen“, sagt Sondermann.

Eher kritische Freundin als Lehrkraft

Umso wichtiger ist es, dass Simone Brünz die anderen Lehrkräfte bei der Vermittlung von Sprachkompetenz unterstützt. „Ich bin für die Schüler weniger Lehrkraft als vielmehr kritische Freundin oder große Schwester. Jeder hatte in seinem Leben einen Menschen, der einem in schwieriger Situation Orientierung gegeben hat. Bei mir war es in der elften Klasse der Biologielehrer, der mir half, als ich zu entgleisen drohte. Wenn ich das in die Schule tragen kann, ist viel erreicht“, sagt Simone Brünz. Die Fellow ist für 24 Stunden pro Woche an der Brüder-Grimm-Schule tätig, zu je 50 Prozent im Fachunterricht und nachmittags im Projektunterricht mit Schülern mit besonderem Förderbedarf. Sie hat Konzentrationsgruppen eingeführt sowie Fantasiereisen und Entspannungskurse.

Für den stellvertretenden Schulleiter Olaf Neumann sind diese jungen Zusatzkräfte, die zwei Jahre an der Schule bleiben, ein Segen: „Der Anteil von Schülern mit großem Förderbedarf ist hier hoch. Und über Teach First werden Angebote gemacht, die sonst nicht stattfinden würden. Das ist eine Win-win-Situation.“ Zudem brächten die Fellows eine hohe Eigenmotivation, Verlässlichkeit und Selbstständigkeit mit. „Sie machen auch Freizeitangebote wie Fahrradtouren oder helfen bei der Schülerzeitung“, sagt Neumann. So habe er darüber auch einen ehemaligen Handwerksmeister gewinnen können, der die Holzwerkstatt der Schule leitet.

Das Programm gibt es in fast 50 Ländern

Teach First gibt es inzwischen in 48 Ländern von Australien bis Nepal. Den größten Anteil mit 40 Prozent stellen Geisteswissenschaftler, gefolgt von Absolventen natur- und wirtschaftswissenschaftlicher Studien. Für viele Fellows ist Teach First der erste Arbeitgeber. In der Vergangenheit gab es 1000 Bewerber auf 80 deutsche Fellow-Stellen. „Aber beim derzeitigen Jobmarkt“, sagt Julia Sondermann, „wird es zunehmend schwieriger, exzellente Fellows zu finden, da diese von Top-Unternehmen weggefischt werden.“ Auf das Bildungsprojekt wird direkt an den Universitäten, auf Berufsmessen und über Weiterempfehlungen auf Schulleiterkonferenzen aufmerksam gemacht.

Derzeit hat Teach First 169 Fellows in acht Bundesländern im Einsatz, davon 21 in Hamburg an 17 Schulen. In der Hansestadt wurde Teach First 2009 gegründet und hat seither mehr als 6500 Kinder und Jugendliche an 50 Schulen erreicht. An Grund- und Stadtteilschulen sowie Gymnasien ist die Organisation in Altona, Bergedorf, Eimsbüttel, Hamburg-Nord, Hamburg-Mitte, Harburg und Wandsbek aktiv. An neun Grundschulen hat Teach First mit 13 Fellows bereits 650 Schüler erreicht – alle in Schulen mit niedrigem Sozialindex.

Das Preisgeld von 20.000 Euro soll genutzt werden, um weitere sozial belastete Grundschulen in Hamburg an das Programm anzubinden, um Schüler bestmöglich auf den Übergang in die Sekundarstufe vorzubereiten.

Die anderen Preisträger

Jedes Jahr werden in Hamburg die HanseMerkur Preise für Kinderschutz vergeben. Neben dem Hauptpreisträger Teach First Deutschland gGmbH (20.000 Euro) erhielten Anerkennungspreise mit je 10.000 Euro: J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main: „Frankfurter Modell: Kinderschutz in der Lehre“; AETAS Kinderstiftung mit dem Projekt „KinderKrisenIntervention“ (München); Diakonie Düsseldorf mit dem Projekt: „Kinderschutz in Flüchtlingsunterkünften“.
Sonderpreis mit 5000 Euro: Förderung von Jugendlichen e. V.: „Antihelden* – Onlineberatung für Jungen zum Thema Sexualität und sexualisierte Gewalt“ (Stuttgart