Tabuthema

Keine Angst vor dem Thema Tod

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Die Vorschulgruppe des Theodor-Wenzel-Hauses in Hummelsbüttel philosophierte zum Thema „Tod“ mit Prof. Barbara Brüning (r. hinten).

Die Vorschulgruppe des Theodor-Wenzel-Hauses in Hummelsbüttel philosophierte zum Thema „Tod“ mit Prof. Barbara Brüning (r. hinten).

Foto: Andreas Laible

Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Barbara Brüning macht Mut, schon mit Vorschulkindern die Endlichkeit des Lebens zu besprechen

Gespannte Erwartung liegt in der Luft, als die zwölf Kinder der Vorschulgruppe in der Evangelischen Kita des Theodor-Wenzel-Hauses in Hummelsbüttel an diesem Vormittag Besuch von Barbara Brüning bekommen. Die fünf- bis sechsjährigen Mädchen und Jungen kennen die Hamburger Professorin für Philosophiedidaktik bereits, weil sie oft ihre Enkelin Jana aus der Gruppe abgeholt hat. Heute will sie den Kindern aus dem Bilderbuch „,Was ist das?‘, fragt der Frosch“ von Max Velthuijs vorlesen. Das großformatige Kinderbuch thematisiert, wie eine Gruppe von Tieren den Tod einer Amsel erlebt. Barbara Brüning hat sich in ihren Sach- und Lehrbüchern zur ethischen Erziehung mehrfach damit beschäftigt, wie Kindern und Jugendlichen das Tabuthema „Tod“ nahegebracht werden kann. Doch so jung wie heute waren die Teilnehmer ihrer Philosophierunde noch nie.

Konzentriert lauschen die Kinder der Geschichte: Schweinchen, Frosch, Ente und Hase betrachten eine Amsel, die bewegungslos auf dem Rücken liegt. Die Frage der Tiere, was mit der Amsel los sei, gibt Barbara Brüning an die Kinder weiter. „Bestimmt ist sie tot“, sagt Jana. Und Pauline ergänzt, woran man den Tod erkennen könne: „Die Amsel atmet nicht mehr. Sie kann nicht mehr hören und nicht mehr denken.“ Im nächsten Abschnitt, den Barbara Brüning vorliest, kommen auch die Tiere zu dem Schluss, dass die Amsel gestorben ist. „Was ist das?“, möchte der Frosch wissen. Mit der Geste des Hasen, mit der Pfote gen Himmel zu zeigen, können die Kinder etwas anfangen. „Die Toten kommen in den Himmel!“, ruft David. „Sie leben in den Wolken und schauen von dort auf uns herunter“, meint Noah. Und Paula ergänzt mit großer Ernsthaftigkeit: „Sie werden unsere Schutzengel und passen von oben auf uns auf.“ Dann malen die Kinder dazu Bilder.

Die Kinder sind ganz unbefangen

Vorschulpädagogin Marzena Krawczyk freut sich über die Unbefangenheit, mit der sich die Kinder ihrer Gruppe dem schwierigen Thema widmen. „Wir tabuisieren den Tod nicht und haben schon einige tote Igel, Vögel, Käfer und Regenwürmer, die die Kinder gefunden haben, gemeinsam beerdigt“, erzählt sie. In der christlich geprägten Kita finden regelmäßig Andachten für Kinder statt. Gerade wurde die Ostergeschichte spielerisch vermittelt, ein kleiner Altar lädt zum Gebet ein. Gemeinsam wurde auch der Friedhof Ohlsdorf besucht, um das Thema Bestattung kindgerecht zu vermitteln. „Dabei verstehen wir die christlichen Rituale als Angebot“, sagt Marzena Krawczyk. „Jedes Kind kann die eigenen Vorstellungen frei äußern und weiterentwickeln.“ Ohne Angst reagieren die Kinder auch auf die Erkenntnis des Hasen im Bilderbuch, dass „alles einmal sterben müsse“. „Wir auch“, erklärt Emma. „Wir gehen in den Himmel, aber unsere Seele bleibt hier unten.“

Behutsam fragt Barbara Brüning nach, wie sich die Kinder die Seele vorstellen. David bezeichnet sie als „den Geist“, Noah vermutet den Sitz der Seele zu Lebzeiten im Gehirn. „Nach dem Tod kann man in den Gedanken von anderen Menschen auf der Erde weiterleben“, meint Paula.

Sie verstehen Begriffe wie Tod und Seele

Als in der nächsten Sequenz die Beerdigung des Vogels beschrieben wird, interessiert sich Noah besonders für die Konstruktion der Bahre aus Stöcken und Blättern, mit der die Tiere die tote Amsel transportieren. Am Ende freuen sich die Kinder darüber, dass die Tiere wieder fröhlich herumtollen und eine junge Amsel im Baum ihr Lied anstimmt. „Vielleicht ist es das Kind der toten Amsel“, überlegt Celina. „Zum Glück bin ich auch noch ein Kind, ich kann noch lange leben!“, ruft Noah erleichtert.

„Ich bin erstaunt darüber, wie gut die Kinder ihre Vorstellungen von komplexen abstrakten Begriffen wie Tod und Seele entwickeln und erläutern können“, sagt Barbara Brüning. „Sie begreifen bereits, dass der Tod unumkehrbar ist.“ Damit gingen ihre Fähigkeiten beim Philosophieren über das hinaus, was der Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie Jean Piaget (1896–1980) in dieser Altersstufe für möglich hielt. Aufgrund neuer Erkenntnisse der Hirnforschung schreibt die amerikanische Psychologin Alison Gopnik heutzutage gerade Kindern eine hohe kreative Kompetenz beim Nachdenken über die Welt in Form von Gedankenexperimenten zu. Professorin Barbara Brüning macht Mut dazu, dieses Potenzial im Gespräch zu nutzen. „Spätestens wenn ein Haustier oder ein Familienmitglied stirbt, beginnen die Kinder Fragen zu stellen“, sagt sie. „Dann machen die meisten die Erfahrung, dass ihre Eltern befangen reagieren oder das Thema abblocken. Wenn die Kinder aber mit ihren Gedanken alleingelassen werden, kann das große Ängste auslösen.“

Man kann auch vor Kindern weinen

Die Erziehungswissenschaftlerin betont, dass es im Umgang mit den großen Seinsfragen kein Patentrezept gebe. „Ich würde Eltern aber immer dazu raten, sich bei den Antworten zurückzunehmen und den Ball erst einmal mit der Gegenfrage ,Wie stellst du es dir vor?‘ zurückzuspielen.“

Marzena Krawczyk hat in ihrer Vorschulgruppe gute Erfahrungen damit gemacht, bei Fragen auf Bilderbücher zum Thema Tod zurückzugreifen. Bei einem Todesfall in der Familie hat sie Eltern geraten, sich zusammen mit dem Kind an den Verstorbenen zu erinnern, die eigenen Gefühle zu thematisieren und ruhig auch in Gegenwart des Kindes zu weinen.

„Wichtig ist aber, dem Kind immer wieder das Gefühl zu geben, dass das Leben weitergeht“, sagt die Pädagogin. Als der Opa eines Mädchens Anfang des Jahres im Sterben lag, hat Marzena Krawczyk zusammen mit den Eltern überlegt, wie die Gruppe das Kind in der schwierigen Zeit unterstützen könnte. „Das Mädchen hat mehrfach über seine Gefühle gesprochen und wurde von den anderen getröstet. Dadurch ist das Gemeinschaftsgefühl der Kinder enorm gestärkt worden.“

Vortrag für Eltern zum Thema

In ihrem Vortrag „Sterben wir auch im Kopf? Wie Kinder die Endlichkeit verstehen“ gibt Prof. Dr. Barbara Brüning auf Basis entwicklungspsychologischer Erkenntnisse Beispiele für einen altersgerechten Umgang mit dem Thema „Tod“. Termin: 15. Mai von 18 bis 20 Uhr im Hamburger Hospiz e. V. (Helenenstraße 12). Eintritt frei, Spenden erwünscht. Anmeldung unter E-Mail: veranstaltungen@hamburger-hospiz.de

Wenn Kinder mit ihren Gedanken alleingelassen werden, kann das große Ängste auslösen
Prof. Barbara Brüning