Austausch

Wenn Manager Pastoren begleiten

Job Shadowing -Begegnung von Kirche und Wirtschaft. Jan Richter von der Firma Gebr. Heinemann begleitet Pastorin Anne Arnholz von der Paulusgemeinde Heimfeld bei ihrer Arbeit

Job Shadowing -Begegnung von Kirche und Wirtschaft. Jan Richter von der Firma Gebr. Heinemann begleitet Pastorin Anne Arnholz von der Paulusgemeinde Heimfeld bei ihrer Arbeit

Foto: Michael Rauhe

Beim Job Shadowing lernen Entscheider aus Wirtschaft und Kirche den Arbeitsalltag des anderen kennen. Mehr Teilnehmer erwünscht.

Jan Richter (38) sitzt zwischen rund 60 älteren und pflegebedürftigen Menschen im Aufenthaltsraum von Pflegen und Wohnen in Heimfeld. Er blickt auf Pastorin Anne Arnholz (36) von der St. Pauluskirchengemeinde, die an diesem Morgen das Kirchencafé in der Einrichtung leitet. Sie spielt Klavier und singt mit den Menschen, die teils in Rollstühlen und neben Betreuern an gedeckten Kaffeetafeln sitzen. Sie motiviert sie zu gemeinsamen Sprachrätseln und liest ihnen Geschichten vor. Für Jan Richter ist dies ein ungewöhnlicher Einstieg in einen Arbeitstag. Normalerweise würde er jetzt Markenware für die neue Verkaufsfläche am Flughafen in Moskau festlegen oder mit Sydney oder Istanbul telefonieren. Jan Richter ist Einkaufsdirektor in der Abteilung Fashion and Accessoires bei Gebr. Heinemann. Die Hamburger Firma betreibt und beliefert weltweit Shops mit Duty Free Produkten auf Flughäfen und Kreuzfahrtschiffen. Für Richter kommt öfters vor, dass er mal eben in den Flieger steigt, um Shops oder Hersteller von Luxuswaren weltweit zu besuchen oder per Telefon global zu agieren. Doch heute begleitet er den Arbeitsalltag von Pastorin Arnholz.

Die von Bischöfin Kirsten Fehrs gemeinsam mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der Nordkirche (KDA) ins Leben gerufene Initiative Job Shadowing will eine Begegnung von scheinbar verschiedenen Lebenswelten ermöglichen. „Wir wollen zeigen, was ein Pastor den ganzen Tag macht“, sagt Renate Fallbrüg, die das Projekt im Rahmen der Initiative Dialog Kirche und Wirtschaft Hamburg beim KDA betreut. Wie sieht das Arbeitsfeld eines Pastors aus, welche Entscheidungen müssen in Kirchengemeinden getroffen werden? Bei einem Job-Shadowing mit zwei Terminen sollen beide Partner einen Eindruck von der jeweiligen Arbeitswelt bekommen. Einen Tag lang begleitet ein Entscheider aus der Wirtschaftsbranche oder aus einer Behörde einen Pastor bei der Arbeit, kurz darauf erfolgt der Gegenbesuch des Pastors im Unternehmen seines Job-Shadowing-Partners.

Derzeit gibt es vor allem jüngere Pastoren, die am Programm mitmachen

Als Anne Arnholz von Renate Fallbrüg angesprochen wurde, ob sie beim Job-Shadowing teilnehmen wolle, war sie sofort einverstanden. Sie ist eine von vier Pastoren unter 40 Jahren, die bei dieser Initiative mitmacht. „Wir jüngeren Pastoren müssen uns Gedanken über die Zukunft machen, in unserer Gemeinde stecken wir zum Beispiel mitten in einem Fusionsprozess, er begleitet einen großen Teil meines Arbeitsalltages und ich bin gespannt, wie ein Außenstehender diesen Prozess wahrnimmt“, sagt sie.

Für den Besuch von Jan Richter hat sie einen pastoralen Arbeitsalltag mit typischen Terminen ausgesucht. Er beginnt mit dem rund einstündigen Kirchencafé, in dem die Pastorin dem seelsorgerischem Anteil ihrer Arbeit nachgeht. Danach folgen diverse Besprechungen, darunter eine dreistündige Sitzung mit drei Pastoren zum Thema Fusion, eine Planungsrunde zu Themen für die Kirchengemeinderatssitzung und ein Treffen mit dem Ehrenamtlichen-Team zur Vorbereitung des Kindergottesdienstes. Jan Richter, der „sich einfach mal überraschen lassen wollte, von dem täglichen Geschäft der Pastorin“, erhält an diesem Tag einen weitgehenden Einblick in die Belange der Gemeinde. „Ich habe nicht nur die Möglichkeit zu hospitieren, sondern konnte mich bei Gesprächen auch einbringen“, sagt er. Er schätzt das ihm entgegengebrachte Vertrauen, dass „ich an Sitzungen teilnehmen durfte, in denen Interna besprochen wurden“, sagt Richter.

Wirtschaft und auch Kirche müssen neue Zielgruppen erreichen

Im Laufe des Tages erfährt Jan Richter viel über die kleinen und großen menschlichen Probleme und das Ringen um Lösungen, wie etwa beim Thema Fusion. „Das kenne ich auch aus meinen Arbeitsalltag, wo viele Entscheidungen nötig sind, die wir als Familienunternehmen gemeinsam treffen möchten“, sagt Richter. Eine Parallele zu seinem Arbeitsfeld sieht er in dem Veränderungsprozess, in dem auch die Kirche stecke. „Wir müssen uns im Zuge der globalen Digitalisierung überlegen, wie stellen wir uns auf, wie erreichen wir unsere Gemeinschaft, kauft der Kunde zukünftig nur noch online?“, sagt Richter. Ein Thema, das auch die Pastorin beschäftigt: „Wie erreichen wir die jungen Leute und wenn die Gotteshäuser immer leerer werden, was passiert, wenn auch Kirche nur noch digital läuft, gibt es noch Orte, an denen wir Menschen treffen können?“, sagt Arnholz.

Bei ihrem Gegenbesuch in der Firma von Jan Richter lernt Anne Arnholz eine „komplett andere Arbeitswelt“ kennen. „Der Tag ist dort eng durchgetaktet, es geht von einem Meeting zum anderen“, sagt Anne Arnholz. Ihr sei dabei bewusst geworden, wie wichtig für sie die „die kreativen Momente sind, wenn ich am Schreibtisch über einen Text nachdenke“, sagt die Pastorin. Doch auch sie habe eine interessante Parallele gesehen in der Frage, wie bekommen junge Führungskräfte Veränderungsprozesse hin. „Veränderungen sorgen bei den Menschen ja nicht nur für Begeisterung, das erlebe ich auch in unserer Gemeinde“, sagt sie. Für sie, die mit sehr vielen Ehrenamtlichen zusammenarbeitet, spielen andere Faktoren eine Rolle als im hektischen Geschäftsleben. Der Austausch mit Anne Arnholz hat auch Jan Richter bereichert. „Es hat meinen Blickwinkel erweitert, und mir gezeigt, dass es trotz allen Unterschieden eine Schnittmenge zwischen Kirche und Wirtschaft gibt“.

Weitere Begegnungen sollen folgen

Vier Job-Shadowing-Paare hat es bisher gegeben. Ein Jurist aus dem Jobcenter Team.Arbeit.Hamburg, eine Unternehmensberaterin und eine Personaldienstleisterin haben jeweils einen Pastoren begleitet und umgekehrt. Welche Erkenntnisse die Beteiligten gewonnen haben, darüber soll es bei einem gemeinsamen Essen noch einmal einen Austausch geben. Die Rückmeldungen seien jedoch schon positiv. „Es war auf jeden Fall eine Anregung, mal anders über die eigene Arbeit nachzudenken und neue Impulse aufzunehmen“, fasst Renate Fallbrüg die Eindrücke zusammen. Weitere Begegnungen zwischen Kirche und Wirtschaft sollen folgen.