Vernetzung

Damit’s auch mit dem Nachbarn klappt

Erdtrud Mühlens leitet das Netzwerk Nachbarschaft

Erdtrud Mühlens leitet das Netzwerk Nachbarschaft

Foto: ANDREAS LAIBLE

Vor 15 Jahren gründete Erdtrud Mühlens das Netzwerk Nachbarschaft. Sie gibt Tipps, was im Stadtteil gut funktioniert

Die Hamburgerin Erdtrud Mühlens hat vor 15 Jahren das Netzwerk Nachbarschaft gegründet, eine Online-Plattform, die gelungene und nachahmungswürdige Stadtteilprojekte bundesweit auszeichnet und viele Tipps rund um Nachbarschaft gibt. Patin der Initiative ist in Hamburg die Sozialsenatorin Melanie Leonhard, die Mühlens für ihr Engagement 2018 im Namen des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz überreicht hat.

Was macht für Sie eine gute Nachbarschaft aus?

Erdtrud Mühlens: In einer guten Nachbarschaft fühlt man sich zu Hause, man kennt viele persönlich, geht offen und vertrauensvoll miteinander um und gestaltet gemeinsam einen guten Wohnalltag. Gute Nachbarn teilen viele Interessen und sind aufmerksam. Man hilft sich nicht nur in Notlagen.

Die Stadt wächst, es entstehen viele hohe Mehrfamilienhäuser. Nehmen dadurch die Nachbarschaftskontakte zu oder gibt es eher mehr Anonymität?

Wir sehen, dass das Bedürfnis nach Kontakten deutlich zunimmt. Nach lebendigem, direktem Austausch. Die Leute wollen eher raus aus der Anonymität, und das ist gut so, denn Anonymität ist Ursache für viele Probleme.

Sie haben den Verein vor 15 Jahren gegründet, gibt es seither eine gesellschaftliche Veränderung in der Nachbarschaftshilfe?

2004 war gute Nachbarschaft noch kein Thema. Schlechte schon. Konflikte hatten die bessere Presse. Heute sagen laut jüngerer Umfrage 90 Prozent der Deutschen, dass sie mit ihrer Nachbarschaft zufrieden sind und sich sogar noch mehr Umgang mit den Nachbarn wünschen. Da spielt sicher die Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit mit, nach mehr Überschaubarkeit und Einflussnahme. In der Nachbarschaft sind die Bekanntschaften weniger flüchtig, auf die Nachbarn ist Verlass.

Merkt man diese gesellschaftlichen Veränderungen auch an den Projekten?

Ja, die Ideen sind kreativer, die Aktionen nachhaltiger geworden. Das zeigt sich im Kleinen beispielsweise bei Aktionen wie „The Bänk for better Ander­ständing“, wo Nachbarn eine rotierende Holzbank in der Straße aufstellen. Da, wo sie steht, setzt man sich hin und klönt miteinander. Zugenommen haben Initiativen für Begegnungsstätten, die für alle Generationen leicht zugänglich sind und wo man mit seinen Sorgen und Wünschen gut aufgehoben ist. In städtischen Nachbarschaften sind Umweltprojekte wie Urban Gardening, die Umwandlung von Parkplätzen zu grünen Begegnungsorten angesagt, auch Hinterhofbepflanzungen und Upcycling-Aktionen. Diese Ideen stellen wir auf unserer Plattform vor, mit Checklisten zum Nachmachen.

Ich bin neu zugezogen und würde gerne mehr Menschen in meiner Umgebung kennenlernen. Wie mache ich das am besten?

Einfach klingeln und sich den neuen Nachbarn persönlich vorstellen. Wenn mir an einem lebendigen Miteinander liegt, lade ich sie zur Begrüßung ein. Das schafft Vertrauen und ich erfahre so am besten, auf wen ich zugehen kann, wenn ich mal etwas brauche.

Es laufen inzwischen viele Kontakte über soziale Medien oder Plattformen wie nebenan.de. Was halten Sie davon?

Diese Medien können das Miteinander erleichtern, gerade für die Organisation von Festen oder auch um etwas loszuwerden. Aber um Vertrauen oder Verlässlichkeit aufzubauen, ist die altmodische Methode des Klingelns, also realer Kontakte an der Haustür, alternativlos.

Welche Projekte funktionieren besonders gut, sind leicht zu realisieren und werden von allen gut angenommen?

Haus- und Straßenfeste sind Initiationsriten jeder guten Nachbarschaft. Daraus resultieren meist weitere Kontakte und Aktionen wie Talente-Tauschbörsen oder Netzwerke von Alleinerziehenden und Senioren, zum Beispiel Babysitterdienste gegen Einkaufshilfen. Man kann auch mal Bücher zum Tauschen ins Treppenhaus legen. Innenhofgestaltungen, Garagen-Flohmärkte oder Geschenkeboxen kann man schon mit wenigen Akteuren realisieren.

Wie fange ich an?

Ich finde Mitstreiter, die meine Ideen teilen, lade sie zum Kaffee oder im Sommer zu einem kleinen Gartentreffen ein und brainstorme mit ihnen. Bei uns in der Straße in Eppendorf organisierten wir so eine Lichtzauber-Aktion. Alle haben für einen Tag ihre Fenster von innen bunt gestaltet und beleuchtet – dafür sind wir von Tür zu Tür gegangen und haben die Nachbarn gewonnen mitzumachen. Seither kennen wir uns namentlich, und es gibt einen Nachbar-Stammtisch in dem kleinen Café in unserer Straße.

Gerade für alte und allein lebende Menschen ist es wichtig, mehr Kontakte zu haben, wie kann ich die Nachbarschaft motivieren, da aufmerksam zu sein?

Älteren allein lebenden Nachbarn sollte ich vermitteln, dass ich sie brauche. Die Senioren im Haus kennen ja die Umgebung meist besonders gut. Sie nehmen Pakete für ihre Nachbarn an oder sind da, wenn ein Kind aus der Schule kommt. Dafür kann man sich als Jüngerer auch mal mit einer Kaffee-Einladung oder einem Spielenachmittag revanchieren. In Essen übernehmen Nachbarn Spaziergangspatenschaften für ältere Mitbewohner. In Eppendorf oder in Winterhude gibt es regelmäßige Nachbarschafts-Tischtreffen, bei denen die Anwohner miteinander essen. Diese Projekte kann man auf unserer Webseite einsehen und erfahren, was heute schon funktioniert. Und wir stellen natürlich auch gern den Kontakt zum Info-Austausch her.

Beliebte Online-Plattformen für Nachbarn

Es gibt verschiedeneOnline-Plattformen, die Infos über und Vernetzung mit den Nachbarn ermöglichen. Sie sind alle kostenfrei für die Nutzer.


www.netzwerk-
nachbarschaft.net
Stellt ihre bundesweit ausgezeichneten Nachbarschaftsprojekte vor und gibt Tipps rund um das Thema. Gute Plattform, um sich Ideen für Aktionen in der eigenen Nachbarschaft zu holen, den Kontakt muss man dann aber persönlich zum Nachbarn herstellen.


www.nebenan.de
Über diese Plattform können Nachbarn sich sehr einfach vernetzen. Jeder Teilnehmer kann Gruppen erstellen, private Verkäufe, Termine etc. einstellen, allerdings nur in seiner unmittelbaren Umgebung. Dazu muss man sich mit persönlichen Daten – also Name, Anschrift und E-Mail – registrieren. Durch die Angabe der Anschrift wird man automatisch einer Nachbarschaft hinzugefügt und kann sich die Profile der anderen User in der Umgebung anzeigen lassen.

www.nachbarschaft.net

Funktioniert ähnlich wie nebenan.de, ist aber kleiner und eine Anmeldung ist bereits via Social Login – in diesem Fall Facebook – oder durch die Angabe einer E-Mail-Adresse möglich. Man kann so die Nachbarschaft angezeigt bekommen, aber gibt nicht genau an, wo man selber wohnt. Bei diesem Netzwerk sind private Nachrichten wichtig. Unter „Nachbarschaftstreffer“ kann man sich Profile von Personen in der Nähe ansehen. Funktioniert als Flirtmöglichkeit, aber auch für Verabredungen zu Spielerunden.