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Viel zu schade zum Wegwerfen

Repair Cafe in der Wichern-Schule: Madelene (10) hat ihre 38 Jahre alte Puppe mitgebracht, die icht mehr weinen kann. Klaus Plath konnte die Puppe reparieren.

Repair Cafe in der Wichern-Schule: Madelene (10) hat ihre 38 Jahre alte Puppe mitgebracht, die icht mehr weinen kann. Klaus Plath konnte die Puppe reparieren.

Foto: ANDREAS LAIBLE

Defekte Alltagsgegenstände lassen sich wieder flottmachen. Am besten in sogenannten Repair Cafés – wie dem in Horn.

Drei Tischreihen sind sorgfältig mit Maler-Vlies abgedeckt, darauf liegen Werkzeuge vom Mini-Schraubendreher bis zum Lötkolben. In der Wichern-Schule in Hamburg-Horn ist heute ein Klassenraum zur Werkstatt umfunktioniert – zu einem Repair Café. Reparatur und Café, das passt gut zusammen. Während vor dem Klassenraum Schülerinnen und Schüler Kaffee, Kuchen und selbst gebackene Waffeln verkaufen, wird drinnen eifrig gewerkelt. Besucher warten mit ihren defekten Bügeleisen, Wasserkochern oder Radios, bis einer von den sechs fachkundigen Ehrenamtlichen an den Tischen Zeit für sie hat.

Klaus Plath hat gerade ein Smartphone in Arbeit, Ingrid Reese, die es mitgebracht hat, sitzt neben ihm. „Ich wollte den Akku wechseln, aber es lässt sich nicht so einfach öffnen“, sagt die Hamburgerin, die schon Repair Cafés in anderen Stadtteilen besucht hat. „Ich finde das eine tolle Einrichtung, man lernt auch etwas dabei“, sagt die Seniorin. Klaus Plath hat mittlerweile das Smartphone geöffnet und zeigt Ingrid Reese, wie sie den Akku einlegen soll. „Wir sind keine Reparatur-Werkstatt, sondern leisten Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Klaus Plath. Der 68-Jährige ist studierter Ingenieur und ehemaliger Gewerbelehrer und engagiert sich seit fünf Jahren in Reparatur-Treffs, nicht nur in Horn, sondern auch in Sasel.

Dort hatte Kristina Deselaers 2013 zum ersten Repair Café in Hamburg eingeladen. Die Idee stammt von der Holländerin Martine Postma. Die Publizistin eröffnete 2009 in Amsterdam ein Repair Café, das gut angenommen wurde. Es entstand eine Stiftung, welche die Verbreitung der Idee unterstützt. „Das Konzept, das an die offenen Werkstätten der Siebzigerjahre anknüpft, hat mich sofort begeistert, neben dem Umweltschutzgedanken hat es auch eine soziale Komponente, belebt die Kommunikation in der Nachbarschaft“, sagt Kristina Deselaers. Menschen mit Fachkenntnissen können ihr Wissen an andere weitergeben, Jung und Alt miteinander ins Gespräch kommen.

Auch in der Wichern-Schule wird munter geplaudert. 30 Gäste haben sich mit ihren Geräten angemeldet. An seinem Reparaturplatz ist Klaus Plath mit dem Smartphone inzwischen fertig. Er repariert nicht nur Computer oder Smartphones, sondern auch viele Haushaltsgeräte. Zu Hause hat er eine kleine Werkstatt, das Tüfteln ist seine Leidenschaft. „Viele Leute werfen defekte Sachen gleich auf den Müll, dabei sind manchmal nur Kleinigkeiten auszubessern und es funktioniert wieder“, sagt er. Nach seiner Erfahrung könne gut ein Drittel einfach repariert werden, ein weiteres Drittel lasse sich mit Ersatzteilen wieder flottmachen und bei rund 30 Prozent sei eine Reparatur aussichtslos, etwa weil man nicht an das Innenleben der Geräte herankomme oder es keine Ersatzteile gebe. Manchmal müsse man auch kreativ werden. „Oft sind Schrauben tief in Gehäusen verschraubt und mit normalen Schraubendrehern unerreichbar, aber wir wissen uns mit entsprechend angepassten Werkzeugen zu helfen“, sagt Plath.

Nun widmet er sich einem besonderen Fall, einer großen, nicht mehr schreienden Babypuppe, die Bianca Käselau (41) und ihre Tochter Madelene (10) mitgebracht haben. „Die Puppe ist schon 38 Jahre alt“, sagt Bianca Käselau. Sie und vor allem Madelene, der die Puppe jetzt gehört, hoffen auf eine Lösung. Plath öffnet den Abspielkasten und staunt. Für das Babygeschrei sorgt eine Miniaturschallplatte, doch sie läuft nicht. Um die Wiederbelebung wird lange gerungen, trotz neuer Batterie ertönt nur klägliches Quietschen. Klaus Plath erklärt Madelene den Mechanismus und schraubt hier und da. Nach mehreren Versuchen klappt es endlich. „Man darf nicht zu früh aufgeben“, sagt Plath zufrieden, während Madelene die Puppe glücklich in die Arme schließt.

Während sich an der zweiten Tischreihe die Reparateure Gunnar und Thomas über eine Musikanlage beugen, sitzt in der dritten Reihe Schülerin Dilara (16) mit Nähzeug. Heute gibt es nicht nur Kleidung zu flicken, sondern auch die Textilummantelung eines Bügeleisenkabels.

„Ich finde es wichtig, dass man möglichst viele Sachen repariert. Man verschmutzt die Umwelt nicht mit Müll und lernt seine Sachen mehr zu schätzen“, sagt die Zehntklässlerin. Sie und 15 weitere Mitschüler gehören zu dem Wahlpflichtkurs „Mitbestimmen – Aktiv in Schule, Umwelt und Gesellschaft“ in der Stadtteilschule der ev. Wichern-Schule, deren Träger die Stiftung Rauhes Haus ist. „In dem Kurs bekommen Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, Demokratie zu üben, indem sie sich einbringen und ihre Umgebung ein Stück weit mitgestalten“, sagt Lehrer Alexander Jacobi. Dazu haben die Zehntklässler bereits an verschiedenen Projekten teilgenommen. Der Auslöser für die Einrichtung des Repair Cafés war ein Besuch des Kurses in einer Müllverbrennungsanlage.

„Die Schüler fanden, dass bei der Müllverbrennung zu viele Wertstoffe verschwendet werden“, sagt Lehrer Jacobi. Das wollen sie mit ihrer Initiative ändern und starteten im Januar 2018 mit dem Repair Café an ihrer Schule. Auf der Suche nach freiwilligen Experten hatten sie andere Cafés aufgesucht und mit Greenpeace Hamburg Kontakt aufgenommen. Mittlerweile gibt es einen Stamm von bis zu acht Reparateuren mit handwerklichem Fachwissen, darunter mehrere Ingenieure, ein Verfahrenstechniker, ein Physiker und eine Lehrerin, die gelernte Elektrikerin ist.

Neben dem Reparaturangebot im Klassenraum wird auch der Werkraum der Schule für die Instandsetzung von Fahrrädern oder kleinen Gebrauchsmöbeln wie etwa Stühlen benutzt. „Bisher konnten wir gut 90 Prozent von dem, was gebracht wurde, wieder reparieren“, sagt Jacobi. Alle zwei Monate findet das Repair Café in der Schulzeit statt. Am nächsten Termin am 16. Januar feiert die Initiative ihren einjährigen Geburtstag.

Her sind Termine für weitere Repair Cafés

In Deutschland gibt es etwa 200 Repair Cafés, in Hamburg sind es rund ein Dutzend, in verschiedenen Stadtteilen. Träger wie Schulen, Bürgerhäuser oder Umwelt-Zentren stellen die Räume für die Treffs zur Verfügung. Die Veranstaltungen kosten nichts, aber die jeweiligen Initiativen sammeln Spenden. Repariert werden
können kleine bis mittelgroße Alltagsgegenstände sowie Kleidung. Wer eine Repair Café finden, unterstützen oder gründen möchte, findet Informationen auf den Seiten www.repaircafe.org/de und www.reparatur-initiative.de

Termine in Hamburg:
Stellingen: 12.1., 11–15 Uhr,
Nachbarschaftstreff „Gegenüber“, Försterweg 52, Zugang über Marktplatz Linse.
Eppendorf: 12.1., 14–17 Uhr,
Kulturhaus Eppendorf,
Julius-Reincke-Stieg 13a
Horn: 16.1., 13.30–16 Uhr,
Wichern-Schule, Horner Weg 164.
Sasel: 19.1., 14–17 Uhr, DRK- Treffpunkt Sasel, Redder 2b.

Weitere Termine: www.hamburg.de/stadtleben/ 4601214/
repair-cafes-hamburg/