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Stipendien speziell für Geflüchtete

Drei Stipendiaten des Studierendenwerk Hamburg:  Melanie Joanna Peter, Sajjad Ebadi und Rafat Al Ani (r.)

Drei Stipendiaten des Studierendenwerk Hamburg: Melanie Joanna Peter, Sajjad Ebadi und Rafat Al Ani (r.)

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

18 Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund erhalten ab Oktober Unterstützung des Studierendenwerks Hamburg

Vor zehn Jahren hatte Rafat Al Ani sich vorgestellt, was er mit 27 Jahren für ein Leben führen würde. Er hatte gerade sein Abitur in der Tasche, lebte mit seinen acht Geschwistern und den Eltern in Rakka, im Norden Syriens. Sein Vater hatte ein Geschäft, alle seine Geschwister studierten. „Ich stellte mir damals vor, dass ich mit 27 Jahren einen guten Job, eine Frau und vielleicht schon Kinder habe“, sagt der sympathische Syrer in fließendem Deutsch. Al Ani ging zunächst an die Uni in Damaskus und belegte dort einen Ingenieurstudiengang für Erdöl. Er hatte schon sieben Semester studiert, als ihn das Regime und der unerbittliche Krieg in Syrien aus dem Land trieben und er gemeinsam mit einem älteren Bruder in Hamburg bei Null anfangen musste.

Rafat Al Ani ist jetzt 27 Jahre alt und studiert im zweiten Semester Wirtschaftsingenieur. „Dann bist du genauso wie ich ein Opa unter den Studierenden“, sagt Sajjad Ebadi, ein ebenfalls 27-jähriger Student aus dem Iran. Auch er ist wie Al Ani vor drei Jahren Hals über Kopf vor dem iranischen Regime nach Hamburg geflohen, auch er hat bei Null wieder angefangen, denn seine Uni in Isfahan verweigert ihm bis heute Unterlagen über sein fast beendetes Mechatronik-Studium. Auch Ebadi denkt oft daran, „dass alle meine Freunde schon einen Job und eine Familie haben“.

Auch wenn Ebadi und Al Ani früher von einem anderen Leben in ihrer Heimat geträumt haben, sind sie dankbar für die Chance, die sie von der Universität der Hansestadt erhalten haben. Zumal sie ab Oktober Stipendiaten sind – gemeinsam mit 16 anderen Studierenden gehören sie zum ersten Jahrgang des Hamburg Stipendiums, das seit diesem Wintersemester vom Studierendenwerk Hamburg für ein Jahr vergeben wird. In einer kleinen Feierstunde wurden die elf Männer und sieben Frauen in Anwesenheit von Sozialsenatorin Melanie Leonhard und der Bundestagsabgeordneten Aydan Özoğuz (SPD) geehrt.

Eine Erbschaft von 80.000 Euro machte das Stipendienprogramm möglich. „Wir konnten frei darüber entscheiden, wie wir das Geld verwenden. Und wir haben uns überlegt, Studenten mit Migrations- oder Fluchthintergrund damit zu unterstützen“, sagt Jürgen Al­lemeyer, Geschäftsführer des Studierendenwerks. Etwa die Hälfte aller Hamburger unter 18 Jahren hat eine solche Herkunft, den Schritt an die Hochschule wagen jedoch nur wenige, nur ein Viertel aller Studierenden in der Stadt hat einen Migrationshintergrund.

So sind bei der Auswahl der Bewerber – anders als bei den meisten Stipendienprogrammen – nicht nur die guten Leistungen entscheidend gewesen, sondern vor allem die „herausfordernden Lebensumstände“ und dass die Eltern keine Hochschule in Deutschland besucht haben. Die ersten Stipendiaten kommen aus Syrien, Iran, Sudan, Nigeria, Bosnien-Herzegowina, Afghanistan und Deutschland. Die meisten sind Anfang bis Mitte 20 Jahre alt, eine Nigerianerin ist allerdings schon 47, verheiratet und hat drei Kinder. Sie hat sich in Deutschland von der Küchenhelferin zur Kantinenleiterin hochgearbeitet und studiert nun Ökotrophologie an der HAW im ersten Semester.

Daneben gibt es auch Sprach- und IT-Studenten, die künftig gefördert werden. „Es sind alles Menschen, die durch ihren schwierigen Lebensweg und ihre Herkunft weniger Chancen hatten und finanziell bedürftig sind“, sagt Allemeyer, dem es allerdings auch um eine gesellschaftliche Aussage geht. „Wir möchten aufzeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund ein fester Teil unserer Gesellschaft sind und wir voneinander profitieren.“

Davon ist auch Melanie Joanna Peter überzeugt, die im vierten Semester Soziologie und Erziehungswissenschaften studiert und sich seit sechs Jahren ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagiert. „Ich möchte später auch in meinem Beruf anderen Menschen helfen“, sagt die 22-Jährige. Ihre Mutter kommt aus Russland, ihr inzwischen verstorbener Vater war Deutscher. Peter ist in Mümmelmannsberg aufgewachsen, dort zur Schule gegangen und wurde zuvor durch die Joachim Herz Stiftung als „Grips gewinnt“-Schülerstipendiatin gefördert. „Ich bin in die Luft gesprungen, als ich erfahren habe, dass ich nun das Hamburg Stipendium erhalten werden. Das ist eine echte Anerkennung“, sagt Melanie Peter. Über die 150 Euro Unterstützung im Monat freut sie sich genauso wie darauf, „die anderen Studenten mit ihren unterschiedlichen Geschichten und Nationalitäten kennenzulernen“.

Für Al Ani und Ebadi, die genauso wie Melanie Peter BAföG beziehen, bedeutet das Geld vor allem eine große finanzielle Entlastung. „Ich bin sehr froh darüber, denn jetzt kann ich mich voll auf mein Ingenieurstudium konzentrieren“, sagt Rafat Al Ani. Sajjad Ebadi wohnt mit seiner Familie – den Eltern und zwei Geschwistern – in einer kleinen Wohnung auf St. Pauli. Sein Vater ist krank, sein Bruder macht eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. „Das Geld verschafft mir etwas Luft. Ich musste bisher immer noch nebenbei arbeiten, das war schwer neben dem Studium. Ich habe das Gefühl, ich muss doppelt so viel lernen wie die anderen, weil ich die Sprache noch nicht perfekt spreche“, sagt der Iraner. Er hofft zudem auf neue Kontakte. „Ich bin nicht so offen. Und viele Stipendiaten haben offenbar ähnliche Lebensgeschichten wie ich, da haben wir doch alle etwas gemeinsam“, sagt der Student der Technischen Universität Harburg.

Jürgen Allemeyer und sein Team möchten ein Netzwerk der Stipendiaten untereinander aufbauen, sie zu Vorträgen erfolgreicher Migranten einladen und vor allem auch Kontakte zu Wirtschaftsunternehmen vermitteln. Derzeit gehören Gasnetz Hamburg, die Deutsche Kreditbank und Hapag-Lloyd zu den Förderern. „Wir hoffen jedoch, dass wir noch viel mehr Unternehmen und Einzelpersonen dafür gewinnen können, Stipendien und Patenschaften zu übernehmen. Denn wir möchten das Stipendium gern nachhaltig ausbauen“, sagt Jürgen Allemeyer. Die Abendblatt-Hilfsinitiative „Von Mensch zu Mensch“ wird künftig zwei Hamburg Stipendien für derzeit je 2000 Euro im Jahr übernehmen.

Infos über das Stipendium unter www. hamburg-stipendium.de, E-Mail: hamburg- stipendium@studierendenwerk-hamburg.de