Schicksal

„Unsere Eltern sind vorangegangen“

Die Geschwister halten einander und trösten sich gegenseitig

Die Geschwister halten einander und trösten sich gegenseitig

Foto: Hamburger Abendblatt / Mark Sandten

Innerhalb von elf Tagen verloren die acht Geschwister Krys Vater und Mutter. Vor allem hilft ihnen ihr enger Zusammenhalt

Am 30. Hochzeitstag fuhren Kilian, Alica, Marnie, Lea, Laura, Nina, Kira und Kai in die Kirche. An den Ort, an dem ihre Eltern am 8.7.1988 geheiratet hatten. Die acht Geschwister zündeten eine Kerze an und spielten ihren Familiensong „Viva la vida“ von Coldplay ab. Dann gingen sie hinaus in den heißen Sommertag. Sie ließen einen Heliumballon in den Himmel steigen. Eine 30 stand darauf. Und Sätze wie diese: „Wir haben euch so lieb.“ „Wir werden euch niemals vergessen.“ In der Nacht zuvor wollte Lea ihrer sterbenskranken Mutter eine Spritze gegen die Schmerzen geben. „Aber sie war bereits von uns gegangen“, sagt sie. „Sie hat friedlich gelächelt.“

Es war der zweite schwere Abschied innerhalb von elf Tagen. Am 7. Juli verloren die Geschwister Krys ihre Mutter. Sie hatte einen unheilbaren Hirntumor. Eineinhalb Jahre blieben ihr nach der Diagnose. Der Tod des Vaters aber kam plötzlich. In der Nacht des 25. Juni erlitt Peter Krys einen asthmatischen Anfall. Die Kinder fanden ihn leblos auf dem Boden im Bad. Zwar konnten die Ärzte den 58-Jährigen noch einmal wiederbeleben. Doch er blieb im Koma. Am 26. Juni stellten die Ärzte den Hirntod fest.

Stille. Unmöglich, etwas zu sagen. Unmöglich, Worte wie diese auszusprechen: „Mama und Papa sind tot.“

Weil sie für die Geschwister nicht gestorben sind. „Sie sind gegangen“, sagen sie. „Vorangegangen.“ Die Geschwister sitzen gemeinsam auf dem großen blauen Sofa im Wohnzimmer ihres Elternhauses in Salzhausen. Acht Waisen zwischen 14 und 29 Jahren. Sie haben viel durchgemacht in den vergangenen Monaten. Trauer, Angst und Hoffnung begleiten ihre Tage. Sie weinen viel, aber sie können auch lachen.

Darüber zum Beispiel, was sie erleben durften in den vielen gemeinsamen Jahren. Es sind Erinnerungen, die trösten. Erinnerungen an die Kindheit, daran, wie der Papa sie abends alle um sich herum scharte – das Bilderbuch auf dem Schoß – und vorlas. Erinnerungen an das morgendliche Ritual, wenn der Vater in die Kinderzimmer schlich, leise das Radio anmachte und wartete, dass eines nach dem anderen aufwachte und herunterkam. Dort standen auf dem großen Tisch bereits acht Brottüten, fein säuberlich aufgereiht und mit ihren Namen versehen. Sie erinnern sich an ihre Mutter, an ihre sanfte Strenge, daran, dass sie immer da war, wenn es ihnen schlecht ging. Auch später noch, als die Ältesten bereits ausgezogen waren. Immer empfing sie die Kinder mit einem Lächeln an der Tür. Immer winkte sie fröhlich zum Abschied. Sie erinnern sich an gemeinsame Dänemark-Urlaube, an Abende vor dem Kaminofen und das Rauschen der Nordsee, die ihre Mutter so liebte.

In die Weite des Meeres haben sie die Asche ihrer Eltern gegeben. Am 25. Juli wurden die Urnen von Mara und Peter Krys vor Büsum beigesetzt. „Es war ein perfekter Tag“, sagt Nina (18). „Mamas Lieblingswetter, blauer Himmel, ein sanfter Wind, die Nordsee seicht. Wir haben die Lieblingslieder unserer Eltern und andere Songs gespielt. Wir hatten bunte Sommerkleider an. Wir wollten fröhlich gekleidet sein.“

Es ist ein Umgang mit dem Sterben und dem Abschied, der bewegt. Auch in den schwersten Stunden sehen die Krys-Kinder immer wieder einen Hoffnungsschimmer. So wie diesen, als sie bei einem Lübeck-Ausflug am Himmel eine Wolke entdeckten, die wie ein Elefant aussah – eines der Lieblingstiere ihrer Eltern. Die Kinder glauben fest daran, dass die beiden auch nach ihrem Tod bei ihnen sind. Und ihnen Zeichen schicken wie diese.

In den tiefsten Stunden der Trauer erfahren die Geschwister, dass es Menschen gibt, die ihnen zur Seite stehen. Tina Silva zum Beispiel, die Bestatterin, die sich um alles kümmerte. Oder Pastor Jürgen Pommerien, der ihnen als Seelsorger hilft. Sie sind bis heute wichtige Lebensbegleiter. Und Charlotte Weyer vom „Verein Salzhausen e. V.“, die innerhalb kürzester Zeit mit der Kirchengemeinde sowie dem Lions-Club Spendenaktionen organisierte.

Mara Krys (57) erkrankte im März 2017. Nach einem epileptischen Anfall tippten die Ärzte auf ein Aneurysma, fanden aber keine Anzeichen auf dem CT. Im März 2018 hatte sie einen zweiten Anfall. Die Ärzte diagnostizierten einen faustgroßen Tumor im Gehirn, ein Glioblastom, der häufigste bösartige Hirntumor bei Erwachsenen. „Die Ärzte haben unserer Mutter Chemotherapie und Bestrahlung vorgeschlagen, doch sie hat sich gegen diese Tortur entschieden“, sagt Kilian Krys (29). Und für ein kurzes, intensives Leben im Kreise ihrer Liebsten. Sie reiste im April mit ihrem Mann nach Dänemark, fuhr mit ihm und der Zweitjüngsten nach Fehmarn und Schweden. Am 10. Mai erlitt sie dann den dritten epileptischen Anfall, im Juni einen Schlaganfall.

Die Kinder und ihr Vater beschlossen, dass Mara Krys zu Hause gepflegt werden soll. Dort, wo die Familie ist. Obwohl sie nicht mehr richtig schlucken konnte, halbseitig gelähmt war. Neben dem Esstisch, mitten im Wohnzimmer, stellten sie ihr Bett auf. Sie organisierten eine Palliativpflege. In dieser kurzen Zeit erfuhren die Kinder, wie intensiv das Leben im Sterben sein kann. Sie spürten, wie nah sich ihre Eltern standen. „Ich habe dir heute Nacht ganz viele Küsse geschickt“, sagt Peter Krys zu seiner Frau. „Das habe ich aber gar nicht gemerkt. Mach das noch mal!“, antwortet sie. Es ist einer dieser innigen Dialoge ihrer Eltern. Nina wird ihn später auf der Beerdigung zitieren.

Der Älteste zieht mit seiner Frau zurück ins Elternhaus

Auf den Abschied von ihrer Mutter hatten sie sich vorbereiten können. Doch dann geschah das Ungeheuerliche. Mitten in der Nacht erlitt ihr Vater im Badezimmer einen Asthmaanfall. Sein Asthmaspray hatte er in dem Moment nicht dabei, es stand auf dem Küchentisch. „Papa war Organspender“, sagt Nina. „Das hat er drei Monate vor seinem Tod festgelegt.“ Sie ist stolz auf ihren Vater, der mit seinem Sterben noch Leben retten konnte. Manchmal scheint es den Kindern, als hätte ihr Vater gewusst, dass er eher gehen würde. „Er hatte zu mir noch Tage vorher gesagt: ‚Ich dachte, ich gehe vor Mama‘“, erinnert sich Lea (27). Die Geschwister rücken zusammen, um das Unglück aushalten zu können. Kilian und seine Frau Petra beschließen, zurück ins Elternhaus zu ziehen und sich um die fünf jüngeren Geschwister zu kümmern, die dort noch wohnen. „Unser Vater hat, kurz bevor er von uns gegangen ist, gesagt: ‚Genießt euer Leben. Lasst nichts aus. Wir sehen uns alle wieder‘“, sagt Lea. Worte, welche die Geschwister damals nicht verstehen konnten. Und die ihnen heute viel bedeuten. Sie versuchen bei all dem Kummer das Gute zu sehen. Gemeinsam wollen sie anderen helfen, haben eine E-Mail-Adresse eingerichtet, an die sich Betroffene wenden können (krys.kinder@web.de).

Im Wohnzimmer auf dem Kaminofen haben sie einen Ort der Erinnerungen geschaffen. Muscheln und Steine aus den Dänemark-Urlauben liegen hier, daneben ein Getränke-Untersetzer mit dem Aufdruck „Beste Mama“. Rundherum haben die Kinder Fotos aufgestellt. Über dem Ofen haben die Geschwister ein Bild aufgehängt. Es zeigt Mara und Peter Krys, die Köpfe vertraut aneinandergelehnt. Rund um das Foto hat jedes der Kinder eine Botschaft an die Eltern aufgeschrieben. Sätze wie diese: „Ihr habt mich darin bestärkt, an das Schicksal und die große Liebe zu glauben. Dadurch, dass ich mir sicher bin, dass ihr nun wieder vereint seid, sehe ich ein Licht am Ende des Tunnels. Ihr lebt für immer in uns weiter!“ Darunter haben sie eine liegende Acht gemalt - das Symbol für die Ewigkeit.