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Zahl der Fälle in Deutschland binnen neun Jahren verdoppelt

Im Jahr 2013 nahm die Stadt Hamburg 805 Kinder und Jugendliche in Obhut (unbegleitete minderjährige Ausländer nicht mitgerechnet), 2016 waren es 1206 Kinder und Jugendliche.

Für Deutschland sind Vergleichszahlen von 2005 und 2014 verfügbar: Danach stieg die Zahl der Inobhutnahmen von 24.664 auf 48.059. Von diesen seien, so schreibt der Hamburger Kriminologe Birger Antholz, zwei Drittel nicht wieder in ihre Familien zurückgekehrt. Und von den Zurückgeführten müssten rund 20 Prozent wieder fremd untergebracht werden. „Kinder oder Jugendliche, die ihren Eltern weggenommen werden, können lebenslang traumatisiert sein, benötigen später nicht selten psychologische Hilfe und gehören mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit als Heimkinder zu den späteren Kriminellen.“ In fast jedem zweiten Fall ging es um das Kind einer/eines Alleinerziehenden, obwohl diese nur 20 Prozent der Elternschaft ausmachen.


Der starke Anstieg der Zahlen zeigt laut Antholz, dass Kindesentzug nicht das letzte Mittel sei, wie es das Bundesverfassungsgericht fordere, sondern oft zum Mittel der ersten Wahl werde. Es diene häufig zum Selbstschutz der Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendhilfe.

Die Kostenfür stationäre Hilfen (Heim und Pflegeeltern) in Deutschland sind von 3,9 Milliarden (2005) auf 5,4 Milliarden Euro (2013) gestiegen. Das entspricht rund 127.000 Euro pro Kind. Eine Pflegefamilie bekommt im Schnitt 1176 Euro pro Kind und Monat, ein Heimträger bekam 2013 für einen voll besetzten Heimplatz 50.000 Euro pro Jahr. Antholz sagt, dass die Kinder- und Jugendhilfe „ein sich selbst auf Staatskosten vergrößerndes System“ sei.

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