Rezension

Wenn der Sohn eine Psychose hat

Kerstin Samstag und Friederike Samstag (Symbolbild) haben über ihren psychisch kranken Sohn und Bruder geschrieben

Kerstin Samstag und Friederike Samstag (Symbolbild) haben über ihren psychisch kranken Sohn und Bruder geschrieben

Foto: borromedien

Mutter und Tochter beschreiben in einem berührenden Buch, wie die Erkrankung das Familienleben erschüttert hat

„Wenn jemandem die Wohnung abbrennt, kann jeder nachvollziehen, wie schrecklich das sein muss, und Mitgefühl und Verständnis äußern. Das ist anders, wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt“, schreibt Kerstin Samstag in ihrem Buch „Wahnsinn um drei Ecken“, das sie mit ihrer Tochter Friederike (die Namen sind geändert) verfasst hat. Die kleine Familie der alleinerziehenden Psychotherapeutin wird in ihren Grundfesten erschüttert, als der 18-jährige Sohn und Bruder eine Psychose entwickelt. Die beiden Frauen „haben Texte über das Erleben von Geschwistern und über die Krise der Familienbeziehungen insgesamt vermisst. Wir glauben, solche Texte hätten geholfen, das eigene Erleben einzuordnen und uns weniger allein zu fühlen.“

In dem Buch beschreiben die Mutter und die Tochter, die drei Jahre älter ist als ihr Bruder, wie sie durch diese Krise das gesamte Familiengefüge und sich selbst infrage stellen. Die „persönliche Erfahrung zu beschreiben, als Angehörige mit einer psychischen Krankheit konfrontiert zu sein“, ist ihr Anliegen. In ­abwechselnden Texten skizzieren die Frauen ihre Sicht, die Gefühle und Entwicklungen in der jahrelangen Begleitung des jungen Mannes, wozu Erfahrungen mit stationären Aufenthalten in der Psychiatrie gehören.

Kerstin Samstag setzt sich selbst unter Druck, achtet nicht mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse, denn sie müsse sich um den Sohn kümmern. Sie erlebt die Fachleute in der Psychiatrie als wenig verständnisvoll und hat den Eindruck: „Angehörige stören nur.“ Als ein Psychiater rät, die Verantwortung für den Sohn einfach abzugeben, da dieser auf der geschlossenen Station betreut werde, empfindet die Mutter genau das Gegenteil. „Gerade jetzt, wo mein Sohn anderen anvertraut und gehandicapt war, keinen Vermittler und keinen Sprecher hatte, war ich zuständig, wurde ich von ihm gebraucht.“ Und als der Sohn einige Tage lang fixiert wird, da er einer Erhöhung der Medikamentendosis nicht zugestimmt hatte, holt Kerstin Samstag ihn aus dem Krankenhaus.

Friederike, die Tochter, fühlt sich in den Hintergrund gedrängt. „Plötzlich hatte ich niemanden mehr. Die Mutter, die ich kannte, war verschwunden. Jemand, der auch für mich Sorge tragen wollte? Das gab es jetzt nicht mehr.“ Dazu kommt die Angst um den Bruder, der sich umbringen will. Ein normales ­Leben ist nicht mehr möglich. „Meine Mitbewohner reden über Partys und meine Kommilitonen erzählen von ihren Hausarbeiten. Das alles interessiert mich nicht mehr“, schreibt Friederike. Eine Selbsthilfegruppe bietet schließlich Ansprache und Verständnis und im Laufe der Jahre verarbeiten Mutter und Tochter auch ihre Familiengeschichte, finden einen neuen Zusammenhalt. An ihrem Weg lassen sie den Leser teilhaben.

Das Buch ist lesenswert für alle, denen das „bürgerliche Planspiel“ für die Zukunft eines Angehörigen durch eine plötzliche Veränderung entgleitet. Es ist eine ehrliche Bilanz auch der eigenen Schwächen und Stärken. (hwa)

Kerstin Samstag, Friederike Samstag: „Wahnsinn um drei Ecken“, Balance buch + medien Verlag, 174 Seiten, 16 Euro