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Wir lotsen Eltern durch den Schulalltag

Die ehrenamtlichen Elternlotsen hat alle mit Migrationshintergrund  und gehen durch eine zweimonatige Schulung

Die ehrenamtlichen Elternlotsen hat alle mit Migrationshintergrund und gehen durch eine zweimonatige Schulung

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Eine Gruppe ehrenamtlicher Migranten aus Altona lernt das Bildungssystem kennen, um anderen Familien zu helfen.

Eine 17 Jahre alte Schülerin, die vor einem Jahr aus Afghanistan nach Deutschland kam, hat an einer berufsbildenden Schule ihren ESA, ihren ersten Schulabschluss, erreicht. Doch nun weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Für den mittleren Schulabschluss reichen ihre schriftlichen Deutschkenntnisse noch nicht aus, ihr Lehrer rät zu einer schulischen Ausbildung, etwa in der Altenpflege. Die Eltern können ihr keinen Rat geben, sie kennen sich mit den Bildungsangeboten in Deutschland nicht aus.

Das ist eins von drei Beispielen von Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln, die nicht wissen, was sie nach dem Schulabschluss machen sollen. ­Secil Yusun, Projektreferentin von „Starke Eltern Altona“, hat diesen Fall eben der kleinen Gruppe von Teilnehmern vorgestellt, die sich heute als Elternlotsen schulen lässt. Aufmerksam haben die acht Frauen und drei Männer zugehört. Nun teilen sie sich in Kleingruppen auf und besprechen Lösungsansätze: „Wie kann man einen Jugendlichen bei der Jobsuche unterstützen, was den Eltern raten?“

Solche und ähnliche Fragen betreffen auch die angehenden Elternlotsen selbst, alle haben Kinder im Schulalter, alle sind Einwanderer aus unterschiedlichen Nationen. Sie leben bereits seit einigen Jahren in Deutschland und wollen nun das Bildungssystem besser verstehen, vor allem, um es auch anderen Eltern mit Migrationshintergrund zu vermitteln. Deshalb sitzen sie zweimal in der Woche vormittags in der Schulung „Starke Eltern Altona“, kurz Elternlotsen, die vom Verein „Unternehmer ohne Grenzen“ angeboten wird. Der Verein, der von Unternehmern mit unterschiedlichen Nationalitäten gegründet wurde, hat bereits mehrere Projekte vorangebracht, die vor allem die lokale Wirtschaft stärken und die Existenzgründungen von Menschen mit Migrationsgeschichte fördern sollen. Mit dem neuen Modellprojekt der Elternlotsen soll die Integration im Bereich der Bildung verbessert werden. „Wenn Eltern das hiesige Bildungssystem verstehen und ihre Kinder in der Schule aktiv unterstützen, kann auch die Integration besser klappen“, erklärt Projektreferentin Kirstin Krüger.

Finanziert wird das zweijährige Modellprojekt im Stadtteil Altona vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ sowie von der Stadt Hamburg. Die erste Schulung mit 13 Teilnehmern begann im Mai dieses Jahres. Die Schulung ist kostenlos und dauert zwei Monate.

In der Zeit lernen die Teilnehmer in einzelnen Modulen Wissenswertes über Themen wie den Übergang von der Kita zur Grundschule und zu weiterführenden Schulen. Sie erfahren etwas darüber, was Lehrer von Eltern erwarten, und werden an Themen wie Mehrsprachigkeit, Sonderpädagogik und Entwicklungsprozesse von Kindern herangeführt. Am Ende sollen die Elternlotsen ihr erworbenes Wissen in ihre Nachbarschaft, ihre Verwandtschaft oder in den Stadtteil tragen und andere Migrantenfamilien „in deren Herkunftssprache informieren und beraten können“, sagt Kirstin Krüger. Sie hat das Konzept für die Schulungseinheiten entwickelt. Secil Yusun hat an Schulen, in sozialen Einrichtungen, in Folgeunterkünften und bei Nachbarschaftstreffen für das neue Projekt geworben und die Teilnehmer gefunden. „Einige kamen auch über Mundpropaganda“, sagt sie. Nach Aufnahmegesprächen wurden sie in die Schulungsgruppe aufgenommen, die Einheiten werden von den beiden Referentinnen sowie bei Bedarf von externen Fachleuten gestaltet.

Die Atmosphäre in dem kleinen Seminarraum im Altonaer Büro von „Unternehmer ohne Grenzen“ ist konzentriert, aber auch entspannt. Die Teilnehmer duzen sich. Auf den Tischen stehen Kaffee, Wasser und Obst. Die Gruppe diskutiert über Strategien für die Jugendlichen aus den Fallbeispielen. „Die Eltern sollten das Gespräch mit dem Lehrer suchen“, schlägt Parwana Yaqobi vor, die aus Afghanistan stammt. Jalila Hamdan, die in Syrien als Englischlehrerin arbeitete, empfiehlt, „mit der Jugendlichen nach ihren Stärken und Schwächen zu suchen und vielleicht ein Praktikum in der Altenpflege zu machen.“

Die Fallbeispiele, die Secil Yusun zusammengestellt hat, sind aus dem wahren Leben gegriffen. Auch die angehenden Elternlotsen haben bereits Ratlosigkeit bei anderen Familien erlebt. „Im vergangenen Jahr traf ich eine junge Mutter aus Ägypten, die keine Ahnung von dem Schulsystem hier hatte“, sagt Chella Ramli aus Marokko, Mutter von drei Kindern und seit fast zehn Jahren in Deutschland. Sie konnte der Ägypterin damals schon einiges erklären. Diese gab daraufhin Ramlis Telefonnummer weiter und prompt erreichten Chella Ramli weitere Nachfragen von arabisch sprechenden Eltern zum deutschen Bildungsangebot. Deshalb wollte sie unbedingt mehr wissen und fand nach etwas Recherche die Elternlotsen in Altona.

Auch Randa Mousa Agha aus Syrien findet, das deutsche Schulsystem sei schwer zu verstehen. Die Mutter von drei Kindern ist gerade vor zwei Monaten mit ihrer Familie aus einer Flüchtlingsunterkunft in eine Wohnung umgezogen. „Ich hatte anfangs viel Hilfe von Menschen, die mir alles hier erklärt haben, jetzt möchte ich etwas zurückgeben“, sagt sie in schon gut verständlichem Deutsch.

„In der Schulung ist es möglich, kompliziertes Wissen einfach aufzubereiten und zu vermitteln, welche Rechte und Pflichten Eltern hier haben“, sagt Kirstin Krüger. Zugleich sei es eine gute Möglichkeit, Deutsch zu sprechen und sich miteinander auszutauschen. Die Teilnehmer sind ohnehin gerade dabei, ihr Deutsch zu verbessern, manche besuchen noch Deutschkurse, andere sind bereits auf Jobsuche oder haben Minijobs. „Zudem ist es für alle, die sich hier allmählich eingelebt haben, auch gut zu merken, dass etwas für sie weitergeht. Sie können jetzt selber etwas tun und erfahren Wertschätzung für ihr Engagement“, sagt Kirstin Krüger.

Nach dem Ende der Schulung sollen die Lotsen sich rund zehn Stunden im Monat ehrenamtlich engagieren. „Sie können Info-Abende an Schulen organisieren, Eltern beim Lernentwicklungsgespräch begleiten oder Treffs für Schulthemen in der Nachbarschaft einrichten“, sagt Secil Yusun. Es soll für die bereits qualifizierten Elternlotsen auch regelmäßige monatliche Treffen zu Nachbesprechungen geben. Die nächs­te Schulung beginnt im Herbst.

Infos: www.unternehmer-ohne-grenzen.de

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