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Der Triumphzug des Thomas Mann

Vor 65 Jahren kam der Nobelpreisträger zu seinem einzigen Nachkriegsbesuch nach Hamburg. Überall wurde er begeistert empfangen. Dabei hatte großes Unbehagen Gast und Gastgeber zuvor gequält. Von Matthias Schmoock

Als Thomas Mann Hamburg am 11. Juni 1953 nach einem viertägigen Aufenthalt wieder verließ, waren alle Beteiligten mit dem Verlauf des Besuchs hochzufrieden. Die Zeitungen jubelten, die städtischen Honoratioren lobten sich gegenseitig, und auch Mann selbst schrieb Positives in sein Tagebuch. Doch wenn man sich mit der Geschichte dieser berühmt gewordenen Visite beschäftigt, wird klar: Es war auch vor allem Erleichterung darüber im Spiel, dass alles gut geklappt hatte – und das war vorab keineswegs zu erwarten gewesen.

Der Hamburger Historiker Rainer Nicolaysen hat diesen Besuch in einem Aufsatz aufgearbeitet. Der bezeichnende Titel: „Auf schmalem Grat – Thomas Manns Hamburg-Besuch im Juni 1953“.

Würde der Nobelpreisträger Thomas Mann (1875–1955) Hamburg in der heutigen Zeit besuchen, wäre ihm ein begeisterter Empfang gewiss. Doch vor 65 Jahren war die Haltung der Deutschen zu dem Literaturgenie durchaus ambivalent. Wie zahlreiche von Nicolaysen ausgewertete Zeitungsartikel und Leserbriefe zeigen, wurde es Mann von vielen verübelt, dass er Deutschland während der NS-Zeit verlassen hatte und im Exil ein „bequemes Leben“ geführt hatte.

„In (…) Umkehrung der Realität galten die Vertriebenen vielen ,Daheimgebliebenen‘ als Verräter“, schreibt Nicolaysen, „und in besonderem Maße traf dies auf Thomas Mann zu.“ Schriftsteller wie Frank Thiess und Walter von Molo griffen Mann deshalb öffentlich scharf an, vorgeworfen wurde ihm auch, dass er sich nach seiner Rückkehr aus den USA in der Schweiz und nicht in Deutschland ansiedelte. Auch dass Thomas Mann 1949 den Goethepreis nicht nur in Frankfurt am Main, sondern auch im ostdeutschen Weimar angenommen hatte, brachte ihm Kritik ein.

Vor diesem Hintergrund herrschte bei der Vorbereitung der Hamburg-Visite allgemeine Anspannung. Die Initiative, Mann einzuladen, ging unter anderem von dem Verleger Christian Wegner, Uni-Rektor Bruno Snell und dem Direktor der Staatlichen Pressestelle, Erich Lüth, aus. Der besuchte Mann, der erst ein Jahr zuvor aus dem Exil zurückgekehrt war, in Zürich und schrieb später, dieser habe lange gegrübelt und „von einer gewissen Kühle gesprochen, die ihn gerade von der norddeutschen Wasserkante anwehe“. Wie Nicolaysen nachweist, finden sich in offiziellen Akten keine Unterlagen über die Vorbereitung. Nicolaysen vermutet, dass die Initiatoren im Stillen walteten, um „Diskussionen über Thomas Mann im Vorfeld zu vermeiden“.

Er hatte Sorge, vor dem Publikum bestehen zu können

Schließlich willigte Thomas Mann ein, auf der Rückreise von Cambridge, wo ihm ein Ehrendoktortitel verliehen werden sollte, in Hamburg Station zu machen und zwei Lesungen abzuhalten. Auffällig ist, dass die bevorstehende Reise dem Endsiebziger offenbar zu schaffen machte. „(….) ich hoffe nur, dass ich mit meinen Darbietungen vor dem Hamburger Publikum und den Studenten werde bestehen können“, schrieb er an den Hamburger Kulturpolitiker Hans-Harder Biermann-Ratjen. Insbesondere die geplante Ansprache an die Hamburger Studenten strapazierte seine Nerven, der berühmte Schriftsteller marterte sich bei der Vorbereitung geradezu. „Vorrede an die Hamb. Studenten. Depressionen, unnötige Quälerei“, steht dazu in Manns Tagebuch, später notierte er: „Schrieb die Studentenrede zu Ende auf, ohne Sicherheit, ob sie das Rechte ist.“ Ende Mai las er die Rede sogar seiner Frau Katia und der Tochter Erika vor, die von beiden „gebilligt wurde“.

Am 7. Juni 1953, einen Tag nach seinem 78. Geburtstag, traf Thomas Mann mit Ehefrau Katia nachmittags aus London kommend in Hamburg ein. Es war nicht nur Manns erster und einziger Hamburgs-Besuch nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern überhaupt seine erste längere Visite in der Stadt. Alle früheren (insgesamt fünf) Aufenthalte waren nur Kurzbesuche gewesen. Am Flughafen wurde er unter anderem von Christian Wegner und Bruno Snell begrüßt, der Presseauftrieb war gewaltig. Die Manns wohnten im Gästehaus der Alfred Toepfer Stiftung an der Elbchaussee, der NWDR (heute NDR) stellte einen Wagen mit Chauffeur zur Verfügung. Dem betagten Ehepaar stand ein umfangreiches, anstrengendes Programm mit diversen Empfängen und Essenseinladungen bevor.

Am 8. Juni las Thomas Mann eine Stunde lang im heutigen Ernst-Cassirer-Hörsaal des Uni-Hauptgebäudes aus „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Mehr als 600 Zuhörer drängten in die Veranstaltung, Mann wurde mit minutenlangem Applaus begrüßt. Vorab elektrisierte seine „Ansprache vor Hamburger Studenten“ das Publikum. Darin forderte der Emigrant „die deutsche Jugend“ dazu auf, das „längst Verworfene“ zu verwerfen und „klar und einmütig“ ihren Willen kundzugeben – „nicht zu einem deutschen Europa, sondern zu einem europäischen Deutschland“. Diese nur zehnminütige Rede wurde mehrfach gedruckt und immer wieder zitiert – oft auch ohne den Hinweis auf ihren Verfasser. Am zweiten Tag las Mann vor rund 2300 Gästen in der Musikhalle (heute Laeiszhalle), die ihm minutenlang stehend applaudierten.

Es folgte eine Kette von Einladungen und Ehrungen, unter anderem gab der NWDR ein Dinner für die Manns, die auch von Bürgermeister Max Brauer zum Essen empfangen wurden. Ein Kuriosum am Rande: Uni-Rektor Snell hatte die Manns zu einem Essen im Familienkreis in seine Privatwohnung an der Isestraße eingeladen. Auf die Weinauswahl war besonders viel Mühe verwandt worden, doch Thomas Mann bat zum Essen dann nur um etwas Bier. Ausgerechnet das war nicht mehr vorrätig, und so musste Snells Tochter eilig in einer Kneipe Nachschub holen. Am 11. Juni verließen die Manns Hamburg nach einem Mittagessen im Hotel Vier Jahreszeiten per Zug Richtung Schweiz.

Sein Fazit: „Zufriedenheit nach bestandenen Abenteuern“

Doch auch wenn der Aufenthalt alles in allem einem Triumphzug glich, soll unterschwellig permanent eine gewisse Befangenheit spürbar gewesen sein. „Stets wurde darauf geachtet, Misstöne zu vermeiden; stets schwang Erleichterung mit, wenn dies gelungen schien“, schreibt Nicolaysen.

Dass der Besuch so erfolgreich verlief, lag laut Nicolaysen auch an Thomas Mann selbst, der das Programm freundlich und gelassen absolvierte und seinen Gastgebern die Berührungsängste nahm. In sein Tagebuch notierte Mann: „Zufriedenheit nach bestandenen Abenteuern (...). Seltsam festlich geräuschvolles Abschnurren des Lebensrestes.“

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