Mobilität

Rad, Bus, Auto – oder ...?

Magazin Mobilitäts-Test am Mittwoch (23.05.2018) An der Bushaltestelle Foto: Roland Magunia

Magazin Mobilitäts-Test am Mittwoch (23.05.2018) An der Bushaltestelle Foto: Roland Magunia

Foto: Roland Magunia / HA

Es gibt viele Möglichkeiten, täglich zur Arbeit zu gelangen. Yvonne Weiß hat sie verglichen und fragt sich, warum ausgerechnet Schnellbusse häufig so langsam sind, die Straße so viel Feindschaft gebiert und in der U-Bahn schlechte Laune zum guten Ton gehört.

Hamburg. Mars macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel. Keine Ahnung, wieso ich zum Start meines Tests diesen gefühlt 1000 Kalorien schweren Werbereim erinnere. Ich bekomme gar keine Schokoriegel von meinem Chef dafür, mich mit unterschiedlichen Transportmitteln durch die Stadt zu bewegen. Wäre schön.

Aber das Leben ist kein Ponyhof in der Großstadt. Pferdestärken gibt es zwar, die werden aber manchmal von Eseln bedient. Drahtesel finden sich ebenfalls. Dazu U-Bahnen, die oben fahren, und Schnellbusse, die sehr langsam vorankommen. Geduld stellt eine Grund­­voraussetzung für die Bewegung in einer Metropole dar. Ich bin in dem Punkt leider talentfrei. Viele Jahre als Verkehrsteilnehmerin haben mich davon überzeugt, dass Gelassenheit und Verständnis im Straßenverkehr untrainierbar sind. Anfänger für immer. Selbst wenn man wie ich mit seinem Führerschein bereits Silberhochzeit gefeiert hat. Los geht’s.

Mit dem Auto: 6,4 km, 20 bis 45 Minuten

Die ersten Schritte auf meinem Weg ins Büro sind angelehnt an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Raus aus der Tür, Treppe runter, Treppe wieder hoch, weil ich entweder das Handy oder den Schirm oder beides vergessen habe. Ein schönes Ritual, das mein Mann regelmäßig zu überbieten versucht, indem er mindestens drei- oder viermal rauf- und runterrennt. Zwei Minuten meines Arbeitswegs gehen also für Schusseligkeit drauf. Drei bis vier Minuten, um unser Auto zu suchen. Wir wohnen in Eppendorf ohne Stellplatz, mehr muss ich wohl nicht erklären. „Links oder rechts?“, schreie ich von der Straße aus zu meinem Mann hoch, der sich hinter der verschlossenen Tür im ersten Stock befindet, aber wie durch ein Wunder hört er mich manchmal tatsächlich und brüllt zurück: „Rechts die Straße runter.“

In letzter Zeit wurde unser liebevolles Kommunikationsverhalten durch den Presslufthammer gestört, der direkt neben uns eingezogen ist. Altbausanierung. „Dauert nur bis nächstes Jahr irgendwann“, bellte der Bauarbeiter mir kürzlich zu, als ich beim Rauskommen direkt in eine Staubwolke geriet und fürchterlich husten musste.

In meinem Wagen schalte ich das Radio ein. Auf dem Hinweg Info-Radio, weil ich noch in der Lage bin, Nachrichten aufzunehmen. Auf dem Rückweg irgendeine laute Musik. Vollkommen egal, weil mein Kopf nach der Arbeit meist sein eigenes Radioprogramm spielt.

300 gefahrene Meter, und ich feiere bereits den ersten Etappenerfolg, weil ich es geschafft habe, ohne Auseinandersetzungen aus unserer engen Straße herauszukommen. Zwei Wagen passen selten aneinander vorbei, es gelten verschiedene Vorfahrtsregeln: Der mit dem dickeren Auto fährt zuerst, der Ungeduldigere fährt zuerst, die Müllabfuhr fährt zuerst. Wenn die Müllabfuhr auf einen Ungeduldigen im Porsche Cayenne trifft, herrscht minutenlanger Stillstand. Da wird kein Meter gewichen; Autofahren ist in erster Linie eine Machtdemonstration. Ich wette bei dem Zweikampf stets auf die Jungs von der Stadtreinigung. Morgens vor dem ersten Tee einen Sieg einzufahren, das motiviert mich ungemein.

Ein ausländischer Bekannter von mir glaubt, es würden weniger Fahrer auf ihr Recht beharren, wenn in Deutschland nicht alles so geregelt wäre. Reduzierte Verkehrsvorschriften, mehr Rücksichtnahme? Hm. Am Ende gewinnt immer die Müllabfuhr.

Meine Route führt über Eppendorfer Landstraße, Lehmweg, Grindelallee, Messe, Kaiser-Wilhelm-Straße, Stadthausbrücke. Laut Navi würde es schneller gehen über die Hochallee, aber dort ist eine Grundschule, bei der morgens ein Elterntaxi nach dem anderen vorfährt. Kinder schlängeln sich zwischen Autos hindurch, während wild vor- und zurückgesetzt wird. Ein Gefahrenherd, dem ich lieber ausweiche. Jedes dritte Schulkind wird laut Schätzung der Schulbehörde mit dem Auto kutschiert, die Polizei appelliert regelmäßig, zu Fuß oder mit dem Rad zu kommen. Meistens mit nur kurzzeitigem Effekt.

Dabei hat es Auswirkungen, wie man die ersten Wege durch die Stadt erlernt. „Wie Kinder als Kind transportiert werden, so bewegen sie sich auch als Erwachsene, das prägt“, sagt Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin Katharina Manderscheid. „Wer mit dem Auto zur Schule fährt, fängt an, mit dem Auto im Kopf zu denken, es als Normalität zu empfinden. Kommt man mit dem Rad, lernt man selbst mit dem städtischen Verkehr umzugehen. Wer den Verkehr in einer Großstadt nicht von Kind an lernt, hat später mehr Angst und empfindet ihn als gefährlicher.“

Auf der anderen Seite kenne ich viele Familien, für die die Autofahrt zur Schule aus sozialen Gründen eine Rolle spielt. Endlich können sie ungestört mit ihren Kindern reden. Wenn gemeinsame Essenzeiten aus unterschiedlichsten Gründen kaum möglich sind, werden Gespräche auf Autofahrten geschoben. Alle hören zu, niemand kann den Raum bei unliebsamen Themen verlassen. Der Anschnallgurt als Diskussionseröffnung.

Neben der direkten bedeutet Verkehr immer auch nonverbale Kommunikation. Man schaut auf die anderen, wer biegt wo ab, wo will der hin, hat der mich gesehen? Vorlassen ruft ein leicht erhebendes Gefühl hervor, Hupen impliziert Aggression. So nicht, Freundchen!

Meistens geht es um Abgrenzung, die in dem eigenen Wagen natürlich viel besser gelingt als in allen anderen Möglichkeiten der Fortbewegung. In seinem eigenen Auto kann man schalten und walten, wie man will. Ein geschützter Raum, der wahlweise als Disco, als Aufputschmittel fürs Selbstbewusstsein oder – wie in unserem Fall – als mobiler Keller genutzt wird. Was wir in unserem Kofferraum alles transportieren, können nur Chinesen toppen. Einmal stieg ich in Shanghai in ein Taxi, dessen Fahrer im Kofferraum einen Reiskocher aufgebaut hatte. Jederzeit bei Hunger einsetzbar, praktisch. Blöd nur, dass ich meinen Koffer auf den Schoß nehmen musste.

Da wir uns gerade im Ausland befinden, lassen Sie uns gleich mit der Mär aufräumen, auf deutschen Straßen herrsche zu viel Verkehr. Das ist Jammern auf hohem Niveau oder zumindest relativ zu betrachten. 15 km/h beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit auf unseren Straßen, in London misst man 9 km/h, und in São Paulo brauchen Sie einen Helikopter, wollen Sie jemals bei der Arbeit ankommen. Dort und in Mexiko-Stadt denkt man bereits über die Einführung von Flugtaxi-Zentralen nach.

Überhaupt, Stau. Entspannen Sie sich mal! Viele Pendler erleben diesen als gar nicht so schlimm, wenn sie ihn positiv für sich nutzen, berichtet Katharina Manderscheid: „Dieser zeitliche Puffer hilft, die Sphären zu trennen. Viele Pendler beispielsweise nutzen den Heimweg, um mit dem Job abzuschließen.“

Auf dem Hinweg aber werde ich nervös, wenn vor der Messe plötzlich alles dicht ist. Da hilft es nichts, wenn ich mir den Stau als geschenkte Zeit zu verkaufen versuche. Auch der Tipp eines Glücksforschers, mit dem ich mal sprach, nutzt nur bedingt. Wenn jemand zu langsam oder richtig schlecht fährt, dann solle ich mir immer drei Gründe für dieses Verhalten einfallen lassen, um mich nicht aufzuregen, riet er mir. Also nicht: „Die dumme Nuss. Was macht die denn da?!“ Sondern: „1. Wahrscheinlich transportiert sie eine dreistöckige Hochzeitstorte im Kofferraum. 2. Sie wurde gerade verlassen und sieht durch ihre Tränen die Straße schlecht. 3. Sie will mich ärgern.“

Sie haben recht, Aufgabe schlecht gelöst. Zu meiner Verteidigung darf ich bitte anbringen, dass ich morgens unter großem zeitlichen Druck stehe. Ich muss um spätestens 8.23 Uhr an der Tiefgarage des Deutsch-Japanischen Zentrums sein, sonst bekomme ich dort keinen Platz mehr. Schon um 8.24 Uhr schaltet die Anzeige gerne auf „Besetzt“, was mich stresst, weil ich dann nicht nur ein anderes Parkhaus suchen muss, sondern auch viel zu viele Parkgebühren für den Tag zahle. Bei strömendem Regen bleibt mir nichts anderes übrig, aber ich bin auch schon mal wieder zurückgefahren zur U-Bahn-Station Hallerstraße, um mein Auto dort abzustellen und dann mit der U 1 zu fahren.

Unser Auto kostet einfach insgesamt zu viel Geld. Die Anschaffungskosten, das Benzin, die Parktickets, die Strafzettel. Kürzlich war ich in Utrecht und handelte mir 65 Euro Geldbuße ein. Dort zieht man kein Parkticket, sondern gibt sein Kennzeichen und die gewünschte Parkdauer an einer Station in der jeweiligen Straße ein. Ich hatte versehentlich einen Zahlendreher eingetippt, so lag anstatt HH-XX 439 also HH-XX 349 hinter der Fensterfront. Keine Gnade seitens der Holländer. Kommt ihr mal mit eurem Wohnwagen in meine Straße. Am besten dann, wenn die Müllabfuhr unterwegs ist.

Was mich lange ebenfalls aufgeregt hat, war der Liebesentzug der Politik und der Öffentlichkeit, den unser Diesel wegen der Abgasaffäre erleiden musste. Er kann doch nichts dafür, dass er technisch so vergewaltigt wurde. Gerecht wäre, wenn alle am Skandal beteiligten Manager niemals mehr durch die Stresemannstraße und die Max-Brauer-Allee fahren dürften. Wenn sie jeweils 100 Sozialstunden an Feinstaubmessanlagen absolvieren müssten. Welchen Sinn macht es, wenn ich anstatt über die für bestimmte Dieselfahrzeuge gesperrten Abschnitte nun über die Reeperbahn fahre? Der Dreck wird verschoben anstatt bereinigt. Diese Maßnahmen sind wie Laubbläser, die viel Wind und Lärm machen, doch am Ende liegt immer noch alles herum, nur in Haufen. Hauptsache, es wurden jede Menge Durchfahrt-Verbotsschilder gepresst. Bestimmt aus abbaubaren Materialien.

Mit dem Fahrrad: 7 km, 30 Minuten

Läge Hamburg in Frankreich oder in Italien, wäre das Rad meine liebste Fortbewegungsmethode. Es arbeitet sich nur so schlecht in nassen Klamotten. Sicher, ich könnte mir Funktionskleidung zulegen. Aber dieser Konjunktiv wird für alle Ewigkeit bestehen bleiben. Menschen, die von oben bis unten in Softshell, Hardshell oder Fleece in Warnorange gekleidet sind, machen mir keine gute Laune. Fühlt sich an wie ein Vorwurf an uns Nicht-Zweckgekleidete! Ja, ich fahre Fahrrad, aber muss ich mich gleich demonstrativ so anziehen? Wenn ein Arzt einen weißen Kittel trägt, in Ordnung. Aber Freizeit-Uniform auf dem Weg zur Arbeit? Helm, zugegeben, das müsste eigentlich sein. Fragen Sie mich in zehn Jahren noch mal, dann werde ich wahrscheinlich auch meine Einstellung zu Botox überdenken.

Bei trockenem Wetter jedenfalls gibt es nichts Schöneres, als mit dem Rad erst den Leinpfad entlang, dann über die Alster und schließlich in den Harvestehuder Weg zu fahren, Hamburgs bekannteste Fahrradstraße. Die Strecke an der Außenalster führt unter dem Ring 1 hindurch direkt bis zur Innenstadt, kaum Ampeln, ständig Postkarten-Aussicht. Gestern überholte ich eine Gruppe von zehn Männern, die mit Walkingstöcken unterwegs waren. „Was macht ihr denn hier so früh?“, fragte ich. „Wir sind auf Kur in Hamburg, ist das nicht geil?“, antwortete der Anführer. „Wieso seid ihr nur Männer?“ „Wir arbeiten auf dem Bau, für dich wäre das auch nichts.“ Ich liebe solche Gespräche. Würden in der U-Bahn niemals stattfinden wegen der dort vorgeschriebenen schlechten Laune.

Oder der Typ auf dem E-Skateboard, mit dem ich vor ein paar Tagen an der Kreuzung wartete: „Gilt das denn dann noch als cool, wenn Sie mit Elektroantrieb skaten?“, fragte ich ihn. „Und wie!“ Er demonstrierte mir umgehend alle Vorteile seines Transportmittels, ich durfte Fotos machen für meinen Bruder, weil der eine große Schwäche für fahrende Bretter aller Art hat. Snowboards, Wakeboards, Skateboards – irgendetwas befindet sich ständig unter seinen Füßen.

Am besten gefällt mir an der Strecke der eingebaute Rückenwind. Egal in welche Richtung. Morgens fahren wir Radfahrer alle in die Stadt rein, abends alle wieder raus. Dieses Gruppengefühl trägt. Wir sind viele. Fährst du alleine, bist du gefangen in der Blechlawine und leicht zu übersehen. In der Gruppe fällt man besser auf und bekommt ein anderes Selbstverständnis.

Ich mag Radfahren auch, weil es von allen Fortbewegungsmethoden am wenigsten nur ein Mittel zum Zweck darstellt. Verkehr ist ein Instrument, das man für die Umsetzung der Mobilität benötigt, der Mobilität wiederum liegt immer ein Bedürfnis zugrunde. In meinem Fall: Ich muss zur Arbeit. Das erfordert eine Ortsveränderung. Niemals würde jemand Verkehr an sich nachfragen. Nie ohne Anlass Auto oder U-Bahn fahren. Radfahren jedoch ist anders. Dieses Verkehrsinstrument macht auch ohne das Bedürfnis nach Ortsveränderung Spaß. Erst recht, wenn man frühmorgens an der Alster entlangdüst. Oder noch schöner abends, wenn alle irgendwie erleichtert scheinen.

Es gibt jedoch einen Haken an dieser wunderschönen Strecke: Nirgendwo sonst tritt die Feindschaft zwischen Auto- und Radfahrern so offen zu Tage. Im April hat ein älterer Herr mit dem amtlichen Kennzeichen (so heißt es immer bei „Aktenzeichen XY“) HH-BN-2XY aus dem offenen Fenster seines fahrenden Wagens gebrüllt: „Du blödes Schwein! Dir sollte man in die Fresse hauen!“ Er meinte mich. Das wurde mir erst klar, als ich mich umschaute und außer mir niemand zu sehen war. An der nächsten Ampel holte ich den Fahrer ein und fragte mit zitternder Stimme: „Wieso haben Sie mich denn so angeschrien?“ Seine Antwort, wieder geschrien: „Weil Sie blöde sind, man sollte Sie vom Rad holen.“ Keine Ahnung, was ich gemacht hatte, er verriet es mir nicht.

Das Problem ist wahrscheinlich die Fahrradstraße an sich. Wie der Name ­bereits verrät, haben Zweiräder dort Vorrang, was eine Veränderung der typischen Machtverteilung unter Verkehrsteilnehmern bedeutet. Denn jahrzehntelang beherrschte das Auto alle anderen. Die verinnerlichte Ordnung wird durch eine Fahrradstraße infrage gestellt. Oh, Schreck!

Es soll ja auch Leute geben, die immer noch der Monarchie nachtrauern. Oder LPGs. Sehen Sie es ein: Die freundliche Übernahme ist bereits im Gange. Verkehr in Deutschland bedeutet nicht mehr zwangsläufig Autoverkehr. Je größer die Zahl der Radfahrer wird, desto größer wird ihre Macht. Bald bekommen wir sogar in Hamburg baulich vom Autoverkehr getrennte Radspuren, bald stehen wir an allen Ampeln ganz vorn. In der Zukunft ist Münster überall. Bis dahin lasse ich mich anschreien.

Das nächste Mal würde ich nur gerne die Gründe dafür erfahren. Also in etwa so: „Du blödes Schwein! Du hast mir die Vorfahrt genommen! Dir sollte man in die Fresse hauen!“ So wäre es korrekt.

Mit dem Bus 34: 14 Stationen, 38 Minuten

Warum fühle ich mich unwohl, weil ich für diesen Test ausnahmsweise den Bus nehmen soll? Die Haltestelle Nedderfeld liegt nicht weit von unserem Haus entfernt, dennoch wähle ich fast nie diese Fahrmethode. Warum? Weil Mobilität ein routiniertes Verhalten ist. Bei Regen fahre ich mit dem Auto, andernfalls Rad – so lautet meine Gewohnheit. Es entlastet, gewisse Entscheidungen bereits getroffen zu haben, es gibt jeden Morgen schon genug auszusuchen und zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Marmelade oder Müsli, Rock oder Hose, Kinder mal pünktlich zur Kita bringen oder doch wieder nicht?

Mir missfällt an dem Bus, dass ich für ihn auf die Uhr gucken muss. Er fährt nämlich nur alle 20 Minuten. Der starre und lineare Zeitplan, den es beim Auto- und Radfahren nicht gibt, schränkt meine Bewegungsfreiheit ein. Und über meine Geduld beziehungsweise über die nicht vorhandene sprach ich bereits. Die Fahrt an sich ist schön und gut, doch sie dauert ziemlich lange, weshalb ich die Bezeichnung Schnellbus und seinen Zuschlag von 2,10 Euro infrage stellen möchte. Hin und zurück zahle ich insgesamt 7,20 Euro. Muss das so teuer sein?

„Die SchnellBus-Linien stellen heute ein Komfortangebot dar, das dem Grundverkehrsangebot der Schnellbahn- und der StadtBus-Linien überlagert ist“, sagt Rainer Vohl von der Hamburger Verkehrsverbund GmbH. „Es gibt also immer auch die Möglichkeit, sein Ziel zuschlagfrei zu erreichen. Im Gegensatz zu den meisten StadtBus- kann man mit den SchnellBus-Linien aus den Außenbereichen der Stadt direkt die Innenstadt. Die Fahrzeuge weisen eine bequemere Bestuhlung auf, und der Fahrplan ist so bemessen, dass den Fahrgästen weitestgehend ein Sitzplatz zur Verfügung steht. Für diesen zusätzlichen Komfort wird der Zuschlag erhoben.“

Scheint nur mich zu stören, denn im Allgemeinen zeigen sich die Hamburger sehr zufrieden mit ihrem HVV. Der Gesamtwert beträgt für das vergangene Jahr 2,09 Punkte auf einer fünfstufigen Bewertungsskala (1 = vollkommen zufrieden, 5 = vollkommen unzufrieden). Erstaunlich, findet der Hamburger Verkehrsforscher Wolfgang Maennig. Die Taktung und der frühe Feierabend seien für eine Metropole nicht unbedingt angemessen, findet er, und aufgrund der Starrheit des Systems, das uns immer nur in die Nähe unseres Zieles bringt, aber nie direkt bis dorthin, führen immer noch viele Leute lieber mit dem Auto.

„Wir müssen die Nutzerfreundlichkeit des öffentlichen Personennahverkehrs erhöhen“, sagt Maennig. „Innovativ wären selbstfahrende E-Mini-Busse, die wie ein Sammeltaxi funktionieren. Als Kunde gebe ich Standort und Fahrtziel ein, und ein Zentralrechner checkt, welcher Bus auf einer entsprechenden Route fährt und mich einsammeln kann.“

So würde man natürlich nicht auf direktem Weg bis nach Hause gelangen, weil zwischendurch noch andere Personen abgesetzt werden, aber man könnte Gepäck und Buggys mitnehmen, was in Bussen und U-Bahnen eher lästig ist. Kaum Platz, fehlende Aufzüge, kaputte Rolltreppen. Nirgendwo sonst muss ich so häufig um Hilfe bitten, wie wenn ich mit dem Kinderwagen öffentliche Verkehrsmittel nutze. „Können Sie mir bitte einmal Ihre Kraft leihen?“, frage ich dann gern junge Typen, deren Oberarme auf Effekt gepumpt sind. Sie packen immer mit an! Ausnahmslos. Tragen Kinderwagen samt Kind (14 Kilo!) Treppen hoch, aus Bussen heraus und schubsen uns sogar manchmal den Weg frei: „Mach mal bisschen Platz für die Dame mit ihren Kids. Geht doch!“ Vielen Dank an dieser Stelle an all die Hamburger Jungs, die Müttern durch ihre Muskeln das Stadtleben leichter machen.

Die Mini-Busse würde ich sofort nutzen, die Stadt müsste aber gleich Tausende von ihnen einsetzen, damit die Wartezeiten nicht zu lang würden. „Mit E-Bussen wären die Straßen freier, und so könnte in unserer Stadt auch der Sprung über die Elbe gelingen, ohne das U-Bahn-Netz teuer auszubauen“, sagt Maennig.

Mit der U-Bahn: 6 Stationen, 35 Minuten

„Ein Lächeln gilt als Ordnungswidrigkeit und wird mit einer Geldbuße von 1000 Euro geahndet.“ Ich suche immer nach dem Schild mit dieser Aufschrift, wenn ich U-Bahn fahre. Bislang habe ich es nicht entdeckt, aber irgendwo muss es sein, anders lässt sich die größtenteils mürrische Laune der Passagiere nicht erklären. Steckt natürlich an, weshalb ich nach ein paar Minuten Fahrt genauso gestresst blicke wie alle anderen. Sowieso steckt alles in der U-Bahn an, Tröpfcheninfektion heißt hier das Stichwort, das rot blinkend vor meinen Augen aufploppt, sobald jemand in meiner Umgebung niest. Hypochonder, natürlich, aber geben Sie es doch zu: Sie würden die Haltegriffe in der U-Bahn auch nicht für 10 Euro ablecken! Die Wette gilt.

Toll an der U-Bahn sind drei Dinge: Sie ist überdacht, sie fährt teilweise sogar oben, und der HVV hat eine super App entwickelt, mit der Tickets sehr schnell zu kaufen sind. Keine Kleingeldkramerei. Und es lohnt sich: Mit der App bekommt der Kunde drei Prozent Rabatt auf alle Einzel- und Tageskarten, außerdem sieht man, wo in der Nähe „switchh“-Carsharing-Fahrzeuge und StadtRad-Stationen sind. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres kauften 1.900.000 Passagiere ihre Fahrkarte über die App.

Wenn ich auf dem Heimweg bin, muss ich nur daran denken, das Ticket zu kaufen, bevor ich in die Katakomben des Jungfernstiegs hinabsteige, weil ich dort schlechten Empfang habe. So sieht man mich manchmal in mein Handy tippend über den Rathausmarkt gehen und mit einem Touristen, der gerade Fotos macht, zusammenstoßen. „Diese Großstädter“, sagt der Tourist dann entrüstet, und ich antworte: „Aber Schwarzfahren ist doch strafbar.“

Auf dem Hinweg sind keinerlei Kollisionen erforderlich: Meine Station Lattenkamp, zu der ich mehr als einen Kilometer laufen muss, liegt über Tage, da kann ich noch am Bahnsteig kaufen, simsen und mailen, bis die Flatrate platzt. Sechs Stationen sind es dann bis zum Jungfernstieg mit der U 1, der einzigen U-Bahn-Linie Hamburgs, die die Stadtgrenze überquert (Norderstedt bis Großhansdorf). Durchschnittlich 380.000 Fahrgäste nutzen sie werktags, was die angespannte Stimmung der Menschen erklärt: Sie rücken sich zu sehr auf die Pelle. Die Schweizer haben das schöne Wort „Dichtestress“ für dieses Gefühl erfunden.

„Soziologisch ist gut untersucht, dass man sich in der Bahn ähnlich unwohl fühlt wie im Aufzug. Man kann seinen privaten Raum nicht aufrechterhalten“, erklärt Soziologin Manderscheid. „Unser Bedürfnis nach Platz um uns herum hat zugenommen. Früher haben die Leute auf kleinerem Raum gelebt, heute möchte jeder mehr für sich beanspruchen, das ist ein Effekt von Wohlstand.“ Ich würde den Herren und Damen, die für ihre Taschen einen eigenen Platz reservieren, selbst wenn 100 Leute den Waggon stürmen, gern mal eine Indienreise empfehlen. Ideale Dichtestress-Impfung.

Es gibt übrigens neben der oben erwähnten – nicht dem Gesichtsausdruck der Passagiere entsprechenden – Zufriedenheit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln noch einen Grund, warum es in den Bahnen voll ist: Immer weniger junge Leute fahren Auto. Sie können es einfach nicht. 41,6 Prozent der Fahrschüler fallen bei der praktischen Prüfung durch. Damit bildet Hamburg nicht zum ersten Mal die traurige Spitze im bundesweiten Vergleich. Kaum jemand bereitet sich noch genügend vor. Durch die teilweise hohe zeitliche Belastung der Fahrschüler sei ein intensives Lernen nicht mehr möglich, erklärt Sabine Darjus vom Fahrlehrerverband Hamburg e. V.: „Der Fahrlehrer muss auch die sozialen Kompetenzen des Autofahrens in die Ausbildung packen. Immer mehr Fahrschüler bringen immer weniger Vorkenntnisse zu Verkehrsregeln mit. Das aktive Beifahrersein ist im Laufe der Jahre verloren gegangen, Smartphone und Co. sei Dank.“

Hoppla, da bin ich doch gerade beim Tippen ins iPhone wieder gegen jemanden gestoßen.

Mit dem Sharing-Angebotvon CleverShuttle

„Sharing is Caring“ lautet der Trend der Stunde. „Kommt ein Mann noch mit seinem eigenen Golf zum Date, dann hat er doch schon verloren“, sagt Mobilitäts-Experte Wolfgang Maennig. Das eigene Auto als Statussymbol gilt bei der jüngeren Generation als unmodern. Besitz ist out. Mieten ist in. Gute Nacht, deutsche Vorzeige-Industrie, da braucht ihr gar keine Abgasskandale oder amerikanischen Strafzölle, die Jugend ist schon so dermaßen mobil unterwegs, die spart nicht mehr sehnsüchtig auf den ersten eigenen Gebrauchten mit Keilriemen-Gequietsche. Finden die einfach nicht cool.

Die Autobauer haben deshalb in Autos zum Mitnehmen investiert und car2go (Daimler) beziehungsweise ­DriveNow (BMW) entwickelt. Die Vorteile sind inzwischen jedem bekannt, nur ich bin bislang kein Fan, weil so selten ein Auto in meiner Straße bereitsteht, wenn ich gerade los muss. Irgendein junger, urbaner Vorzeige-Sharer schnappt es mir vor der Nase weg. Dann doch lieber mit dem Porsche-Cayenne-Fahrer um die Vorfahrt ringen, da sehe ich meinen Gegner immerhin noch.

Außerdem bleibt das nervige Parkplatz-Problem bestehen, was bei CleverShuttle entfällt. Das Unternehmen hat mit seiner Ridesharing-App eine umweltfreundliche Lösung für urbane Verkehre gefunden: Fahrgäste mit einer ähnlichen Route teilen sich ein Fahrzeug, wodurch die Fahrt für alle günstiger wird. Funktioniert also ähnlich wie das von Maennig vorgeschlagene Mini-Bus-System. 25 Wasserstofffahrzeuge des Typs Toyota Mirai fahren zurzeit durch Hamburg, leider noch nicht bis in alle Bezirke, aber ich habe Glück und kann für 11,86 Euro bis nach Hause kommen (fast 40 Prozent günstiger als mit dem Taxi) und im Wagen sogar mein Handy aufladen.

Die durchschnittliche Sharing-Quote liegt bei 42 Prozent. Zur Feierabendzeit ab 17 Uhr steigt sie auf 80 bis 90 Prozent. Wer also neue Leute kennenlernen will, für den stellt CleverShuttle sicher die kommunikativste Art des Transports dar. Man kommt nicht nur schnell, sondern gemeinsam voran.

Womit ich wieder beim Radfahrer-Flow wäre. Sie fühlen sich nicht fit genug, in die Pedale zu treten? Oder Sie wollen sich auch mal ordentlich beleidigen lassen, weil sie schneller sind als alle anderen oder warum auch immer? Dann leihen Sie sich ein E-Bike. Kaufen ist ja out, wie wir gelernt haben.

Bei ERFAHRE Hamburg beispielsweise können Sie die Räder stunden- oder tageweise leihen. Was aber richtig interessant für Arbeitnehmer ist: Über Leasingfirmen wie JobRad oder Businessbike besteht die Möglichkeit, ein Dienstfahrrad zu leasen. Dem Arbeitgeber entstehen dadurch keine Kosten; der Arbeitnehmer profitiert von dem deutlich günstigeren Preis (bis zu 30 Prozent), und da ein Teil seines Bruttogehalts umgewandelt wird, sinkt das zu versteuernde Einkommen – Arbeitnehmer müssen also weniger Steuern zahlen. Ausschlaggebend für die Höhe der monatlichen Leasingrate sind das Bruttogehalt und der Kaufpreis des E-Bikes.

Unbezahlbar auf jeden Fall: die Menschen in den orangefarbenen Fleece-Jacken zu überholen.

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