Sehbehindertentag

Eine Ausstellung ertasten, hören und riechen

Anja Rutter (r.) führt die beiden Sehbehinderten Barbara H. (M.) und Susanne Aatz durch das Internationale Maritime Museum

Anja Rutter (r.) führt die beiden Sehbehinderten Barbara H. (M.) und Susanne Aatz durch das Internationale Maritime Museum

Foto: Andreas Laible

Sieben Hamburger Museen bieten ab der nächsten Woche auch Führungen für blinde Menschen an

Mit der linken Hand fühlt Susanne Aatz am Pfeiler entlang und tastet über die großen runden Nieten. „Das ist Stahl, oder?“, fragt sie. Anja Rutter bestätigt das und fügt hinzu, dass diese dicken Trägerstützen das alte Gebäude des Internationalen Maritimen Museums halten. Die energische Museumsführerin stampft einmal auf, um den Klang des alten Holzbodens vorzuführen, und weist darauf hin, dass das durchdringende Piepen im Hintergrund zu einem Morsegerät gehört. Seit 20 Jahren führt die Unterwasserarchäologin durch Ausstellungen, eine Begleitung von Menschen mit einer Sehbehinderung ist für sie allerdings Neuland.

Gemeinsam mit sechs weiteren Hamburger Museen beteiligt sich das ­Maritime Museum am diesjährigen Sehbehindertentag, der am 6. Juni stattfindet. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e. V. (BSVH) hat mit den Häusern rund um dieses Datum herum Aktionen, Führungen und Workshops für sehbehinderte und blinde Menschen organisiert und teilweise neu entwickelt. „Die Idee wirkte wie eine Initialzündung, denn alle beteiligten Museen wollen ihre Angebote auch nach der Aktionswoche für Menschen mit Seheinschränkung weiterführen“, sagt Melanie Wölwer vom BSVH. Der Bedarf ist da, denn in der Stadt leben 2500 Blinde und rund 40.000 Sehbehinderte.

Bisher bietet nur die Kunsthalle solche Führungen regelmäßig an. Es gibt dort sogar eine Hörversion des Sammlungskatalogs „Kunst aus acht Jahrhunderten“. Die 300 bedeutendsten Meisterwerke des Museums werden dabei in informativen Kurztexten erklärt. Barbara H. ist einmal im Monat bei dieser speziellen Führung in der Kunsthalle dabei. Sie liebt Bilder und ist selber Illustratorin, musste den Beruf jedoch aufgrund ihrer degenerativen Augenkrankheit ­Retinitis Pigmentosa aufgeben.

Die 63-Jährige kann nur noch mit einer Art Tunnelblick Gegenstände erkennen, sich in einem Raum zu orientieren fällt ihr schwer. Sie ist auf einen Blindenstock angewiesen. H. hat früher viele Museen auf der ganzen Welt besucht, inzwischen ist ihr das kaum noch möglich. „Ich freue mich sehr über diese neue Form der Führungen. Das ist sehr lebendig und auf uns zugeschnitten. Es wird auch ein tolles Angebot für ältere Menschen sein, die zum Beispiel durch eine Makuladegeneration seheingeschränkt sind“, sagt sie. Immerhin haben diese Augenerkrankung rund 30 Prozent der 75- bis 85-Jährigen.

Genau wie Susanne Aatz (43), die nur noch zwei Prozent Sehstärke hat, macht H. zum ersten Mal eine Führung mit, die vor allem den Tast-, Geruchs- und Hörsinn anspricht. „Ich gehe eigentlich nie ins Museum“, sagt Susanne Aatz. „Zum einen akzeptieren manche Häuser meinen Blindenführhund Malte nicht, zum anderen habe ich als Kind negative Erfahrungen in Ausstellungen gemacht. Da sind wir immer nur durchgehetzt. Ich brauche aber Zeit, um die einzelnen Gegenstände zu begreifen“, sagt die Diplompädagogin.

So geht Museumsführerin Anja Rutter mit den beiden Frauen zu den Bronzebüsten der Weltentdecker, danach zum riesigen Steuerrad und als Nächstes zu den Tauen, die an dicken Holzbalken hängen. „Das Hanf riecht man ganz deutlich“, sagt Barbara H., während sie über die verknoteten Seile streicht. Rutter führt sie zu den Kanonen. „Stemmen Sie sich mal darauf, dann merken Sie, wie schwer beweglich diese Rohre sind.“

In der Vorbereitung auf diese Führung hat Anja Rutter gemeinsam mit der Museumspädagogin Annette Moritz das Haus noch einmal ganz neu für sich entdeckt. „Fast 90 Prozent der Gegenstände sind hinter Vitrinen, sie sind schwer zu beschreiben. Deswegen haben wir uns darauf konzentriert, was sich bewegt und gut anfühlt. Es geht hier ja darum, die Ausstellung nicht zu sehen, sondern zu erleben“, sagt Moritz.

Für Melanie Wölwer vom Sehbehindertenverein war vor allem wichtig, dass das Spektrum an Themen in der Aktionswoche vielseitig ist. Denn wer sich nicht für die Seefahrt interessiert, kann auch ins HSV-Museum gehen und dort die Trikots verdienter Profifußballer befühlen, im Polizeimuseum einen Streifenwagen und eine Hubschrauberkanzel begreifen oder in der Buchdruckwerkstatt des Museums der Arbeit Drucksachen erstellen. Denn wenn man die Bleilettern in kräftiges Papier einprägt, kann man die Buchstaben mit den Fingern ertasten. Musikliebhaber können im Museum für Kunst und Gewerbe auf ihre Kosten kommen. „Dort wird die umfangreiche Instrumentensammlung vorgeführt und akustisch erlebbar gemacht“, weiß Vereinspressesprecherin Wölwer.

Susanne Aatz will hingegen bald noch einmal ins Internationale Maritime Museum gehen: „Und ich möchte dann von Frau Rutter noch viel mehr über diese Weltentdecker hören, während ich ihre Gesichter aus Bronze ertaste und mir vorstelle, was sie alles gesehen und erlebt haben.“

Diese Museen machen beim Sehbehindertentag mit

4. Juni, 14–17 Uhr, Altonaer Museum: Führung mit der Möglichkeit, Exponate zu ertasten – zum Beispiel die Vierländer Kate mit ihren Werkzeugen.
5. Juni, 11 Uhr, Hamburger Kunsthalle: Vorstellung der Audiofassung des Sammlungskatalogs.
5. Juni, 16 Uhr, Museum für Kunst und Gewerbe: Die Führung durch die Instrumentensammlung gibt einen Einblick in diese musikalische Welt, die auch akustisch erlebbar wird.
6. Juni, 13–14.30 Uhr und
15–16.30 Uhr, Museum der Arbeit: Workshop „Erlebnis Buchdruck“in der Buchdruckwerkstatt.
7. Juni, 14 Uhr, Polizeimuseum. Besucher erfahren Interessantes aus der Polizeigeschichte, ertasten u. a. einen Hubschrauber.
8. Juni, 11 Uhr, HSV-Museum. Bei der Führung erleben die Besucher die Geschichte des Fußballvereins und lüften die letzten Geheimnisse des HSV.
8. Juni, 14 Uhr, Internationales Maritimes Museum. Auf neun Decks erleben die Besucher, wie die Natur den Menschen herausfordert, lernen etwas über Navigation und Kriege auf See, Schiffsbau.

Anmeldung zu den Führungen bei Melanie Wölwer,
Tel.: 20 94 04 29, E-Mail: m.woelwer@bsvh.org
Weitere Informationen:
www.sehbehindertentag.de