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Pflanzen, Tiere, Sensationen

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Vor 175 Jahren wurde Hamburgs Naturhistorisches Museum mit spektakulären Exponaten aus aller Welt gegründet. Matthias Schmoock über die wechselvolle Geschichte und die dramatische Rettungsaktion vor den Bomben von 1943

Während sich Hamburgs Architektur-Experten aktuell über die Zukunft der City-Hochhäuser streiten, sind die Erinnerungen an ein viel faszinierenderes Gebäude verblasst, das nur wenige Meter davon entfernt stand: das Naturhistorische Museum am Steintorwall. Es war nach dem Berliner das zweitgrößte Museum dieser Art und mit 125.000 Besuchern im Jahr das meistbesuchte im Kaiserreich.

Vom September 1891 bis Juli 1943 beherbergte der schöne Bau mit verglastem Dach, umlaufenden Galerien und freitragenden Brücken eine einmalige Sammlung. Zu den Hauptattraktionen zählten ein Blauwalskelett, eine schon im 18. Jahrhundert ausgestorbene Stellersche Riesenseekuh und ein Narwal-Schädel mit zwei Zähnen aus dem Jahr 1684. Heute steht dort ein Medienkaufhaus.

Die Anfänge des Hauses reichen weit zurück, und es ist damit auch eines der traditionsreichsten Museen seiner Art in ganz Deutschland. Im Mai 1843 – in diesen Tagen vor 175 Jahren – wurde das Naturkundliche Museum gegründet, wenn auch an anderer Stelle. Genau genommen hat das Naturkundliche Museum zwei Wurzeln, die beide mit Hamburgs Status als Hafen- und Handelsstadt zusammenhängen.

Da war zum einen das städtische Naturalienkabinett, das zu Hamburgs erster Schule, dem Johanneum, gehörte. Die ursprüngliche Gelehrtenschule widmete sich von 1613 an als „Akademisches Gymnasium“ parallel auch der Ausbildung von Söhnen der Kaufleute und Gewerbetreibenden. Damit war sie nicht nur eine humanistische Bildungseinrichtung für Kinder, sondern auch eine Art frühe Volkshochschule, die Erwachsene besuchen konnten.

In den Räumen der hauseigenen Bibliothek entstand mit der Zeit Hamburgs erstes Naturalienkabinett, das 1653 um eine anatomische Sammlung ergänzt wurde. Durch Schenkungen entwickelte sich dieses Kabinett mit der Zeit immer weiter. Für Hamburgs gutbürgerliche Kreise war es eine Ehre, unterstützend einzugreifen. Einige Beispiele: Senator Johann Heinrich Merck stiftete eine Schmetterlings-, Tuchhändler Gerhard Hinrich von Essen eine Vogelsammlung, und der Arzt Isaak Grüno steuerte Mineralien bei. 1840 zogen Akademisches Gymnasium und Gelehrtenschule samt Naturalienkabinett in einen Neubau auf dem Domplatz am Speersort.

Daneben gab es in der Stadt auch eine naturkundliche Parallelwelt, nämlich die privaten Naturaliensammlungen bürgerlicher Kaufleute. „Hamburg hatte sich seit dem 18. Jahrhundert zur Tauschbörse und Auktionsstadt für Naturalien aus aller Welt entwickelt“, schreibt die Historikerin Susanne Köstering in ihrem in diesen Tagen erschienenen Buch „Ein Museum für Weltnatur. Die Geschichte des Naturhistorischen Museum in Hamburg“ (Dölling und Galitz, 344 S., 175 Abbildungen, 30 Euro). Demnach gab es in der Stadt schon damals 76 private Naturalienkabinette.

Der Ausbau der Handelsbeziehungen mit Nord- und Südamerika sorgte dafür, dass Naturforscher immer häufiger mit Kaufleuten auf große Fahrt gehen konnten, um Pflanzen und vor allem Tiere in Hülle und Fülle mitzubringen, die sie unterwegs eingesammelt hatten. Doch die privaten Sammlungen waren lose über die Stadt verteilt, nur wenig systematisiert, und viele stießen mit der Zeit räumlich an ihre Grenzen.

Der Bau für die Ewigkeitstand nur 52 Jahre

Der 1837 ins Leben gerufene Naturwissenschaftliche Verein bündelte schließlich die Interessen der vielen Sammler. Schon früh regte der erste Präsident die Gründung eines vereinseigenen Museums an, das 1839/40 auf den Weg gebracht wurde. Nach einigen Umzügen fand es einen festen Platz, nämlich dort, wo sich schon Hamburgs andere Naturaliensammlung befand: im Neubau des Johanneums am Speersort.

„Mit diesen Aktivitäten überflügelte der Naturwissenschaftliche Verein schnell die städtische Naturaliensammlung im Johanneum“, schreibt Susanne Köstering, „über kurz oder lang musste diese Konkurrenz überwunden werden.“ Nach zähen Verhandlungen wurde die Vereinigung beider Sammlungen unter einem Dach beschlossen, um endlich ein staatliches Naturhistorisches Museum vor Ort einzurichten.

Am 17. Mai 1843 unterzeichneten Vertreter der Stadt und der neu berufenen Museumskommission den Gründungsvertrag. Der Hamburger Senat übernahm die Grundfinanzierung, die achtköpfige Kommission verwaltete das Haus ehrenamtlich.

Bei der Eröffnung besaß das Museum schon 500.000 Objekte – vom Käferpräparat bis zum Säugetierskelett. 1883 erhielt die Botanik ein eigenes Museum, doch da die Sammlung trotzdem nach einigen Jahren aus allen Nähten platzte, wurde das Neubauprojekt am Steintorwall in Angriff genommen. „Eine einzige Basilika, indem ein gewaltiger Mittelbau von rund 65 m Länge und 15 m Lichtweite durch alle Geschosse hindurch emporreicht“, beschrieb die Bauverwaltung 1885 das neue Gebäude vorab. 1907 wurde auch die mineralogischen Sammlungen ausgelagert, sodass das Museum schließlich eine anthropologische, eine paläontologische und eine zoologische Sammlung beherbergte.

Ein Bau für die Ewigkeit schien es zu sein, doch die „Basilika“ mit ihren Schätzen, die in Jahrhunderten zusammengetragen worden waren, stand schließlich nur knapp 52 Jahre.

Die Sicherung der Exponate vor den Bombenangriffen im Sommer 1943 ­gelang nur zu einem kleinen Teil. Die umfangreiche Sammlung mit Alkoholpräparaten wurde in leer stehenden ­U-Bahn-Schächten deponiert, die Vogelsammlung auf einer Burg in Sachsen. Immerhin: Den spektakulären Narwal-Schädel hatte ein Präparator im letzten Moment im Keller eingemauert – er blieb erhalten. Tragisch: Auch das wertvolle Schriftgut wurde vernichtet, darunter Inventarlisten, Zettelkataloge der Sammlungen und auch Manuskripte für eine Festschrift zum 100. Geburtstag des Hauses im selben Jahr.

Die Ruine des alten Museums wurde Anfang der 1950er-Jahre abgetragen, 1969 gingen die erhaltenen Sammlungen in den Besitz der Universität über. Das 1984 wieder eröffnete Museum befindet sich in einem schlichten Bau am Martin-Luther-King-Platz, in dem die bedeutende Sammlung mehr schlecht als recht präsentiert werden kann.