Kriminalität

Wieder draußen

Im Gefängnis zählen sie die Tage bis zur Entlassung. Doch der Weg in die Freiheit ist oft schwerer, als sie denken. Yvonne Weiß hat zwei Häftlinge dabei begleitet. Eine Geschichte über neue Versuche, alte Versuchungen – und den schmalen Grat, der beides trennt

Aussteigen und die Hände aufs Auto!“ Die Szene von Sams Verhaftung klingt aus seinem Mund wie eine Folge „CSI“. CSI HafenCity. Dort wartet Sam im Auto einer Freundin auf dem Beifahrersitz. Sie hat ihm die Schlüssel gegeben, damit er die Heizung schon mal anmachen kann. Kalt draußen. In der gemütlichen Standheizungswärme lehnt sich Sam zurück, als ein Streifenwagen hinter ihm hält. „Raus aus dem Wagen!“ Deutsche Beamte gehen nicht so hollywood-tauglich aggressiv vor wie ihre amerikanischen Kollegen. Dafür haben sie den richtigen Riecher. Kam ihnen komisch vor, dieser Typ in dem Auto. Will der den Wagen klauen? Wollte er? Nein, nein! „War wirklich der einer Freundin!“ Doch da sind die Personalien schon überprüft. Online-Betrüger in unzähligen Fällen. Fahren ohne Führerschein. Illegaler Waffenbesitz. Mögliche Gefahrensituation, also das große Programm: Beine breit, Durchsuchung, Handschellen. Tschüs Freiheit. Mit 23 Jahren. „Dabei ist das mit den Waffen schon lange her“, sagt Sam. Wozu braucht man mit 16 Jahren eine Softairwaffe, ein Butterflymesser und einen Teleskopschlagstock? Andere Jungs in dem Alter haben Fußballschuhe in ihren Rucksäcken. Oder? Vielleicht auch nur ein Heile-Welt-Klischee von vorgestern.
Also: Warum?

„Zur Selbstverteidigung!“

„Hat dich jemand bedroht?“

„Nein, aber in dem Alter war ich noch nicht so groß wie jetzt, nur 1,60 Meter. Mit den Waffen habe ich mich sicherer gefühlt.“

„Und warum die Betrügereien?“

„Weil ich Geld brauchte – und weil es leicht war.“

Drei Jahre lang kommt Sam damit durch, Dinge auf Ebay zu verkaufen, die er gar nicht besitzt. Die Käufer überweisen ihm Geld, sehen aber nie eine Ware. Die Fotos der imaginären Produkte zieht sich der Hamburger einfach aus dem Internet. „Google war mein bester Freund“, sagt Sam. Irgendwann macht sich jemand die Mühe, den betrügerischen Verkäufer zu ermitteln, denn es waren einfach zu viele Geschädigte geworden.

Die Gerichtsverhandlung dauert vier Stunden. Sam sieht zum ersten Mal die Menschen, die er um ihr Geld gebracht hat. Das sei nicht so angenehm gewesen, manche hätten selbst wenig Geld gehabt, viele Familien. „Das tat mir schon leid, ich habe vor dem Richter auch Reue gezeigt“, sagt Sam. Weil ihm der Anwalt dazu geraten hatte? „Nein, das war blöd von mir, mich an anderen Menschen zu bereichern, aber ich musste zu der Zeit an mich denken.“

Ein Jahr und sieben Monate Gefängnis lautet die Konsequenz.

Pascal kann sich an seine Verhaftung nicht mehr erinnern. Sechs Promille stellte der Arzt im Vollzugskrankenhaus fest. Andere wären bei so viel Alkohol im Blut gestorben, doch ein erfahrener Trinker wie Pascal, der kommt durch. Drei Flaschen Wodka am Tag, dazu Bier und Haschisch. In diesem Zustand macht der damals 38-Jährige viele Dinge, die „nicht so gut ankamen“, wie er es nennt. Auftragsdiebstähle zum Beispiel. Muss man nur zur Bauwagen-Siedlung gehen und fragen, was benötigt wird. Mal was bei Saturn, mal was von Douglas. Erledigt Pascal und bekommt dafür Gras.

Schwere Körperverletzung steht allerdings auch in seiner Akte. „Joah, mit den Kumpels geprügelt, einmal bin ich meinem besten Freund auf dem Kopf rumgehüpft“, sagt Pascal. Wieso?

„Der hatte mich angefasst.“

„Angefasst?“

„Ich hab nix gegen Homosexuelle oder so, aber da hat sich bei mir irgendwie ein Schalter umgelegt.“

Und was war mit seiner Freundin? „Angeblich häusliche Gewalt, aber ich habe das Glas neben sie an die Wand geschmissen, das hat sie gar nicht richtig getroffen, die hatte mir doch vorher schon zwei Zähne rausgehauen!“

Zwei Haftbefehle laufen gegen ihn, Pascal ist auf der Flucht, da wird es Winter. Im Harburger Bahnhof steht ein Glaskasten, darin ist es immer schön warm. Der komplett zugedröhnte Pascal schleppt sich mit letzter Kraft hinein: „Dann habe ich mich gestellt; wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich heute tot.“ Gestellt oder einfach umgekippt und von Polizisten gefunden worden? Ach, wer erinnert sich schon so genau. 13 Monate Haft, entscheidet der Richter.

Im Gefängnis

Na guck mal einer an, Marc-André ter Stegen ist auch da! Tatsächlich sieht Sam aus wie der deutsche Nationaltorhüter vom FC Barcelona, seinen Mitinsassen fällt das gleich auf. Was heißt das jetzt? Finden die meinen Kopf zu hübsch, sodass er eine Politur vertragen könnte? „Ich kam da in ein Haifischbecken“, sagt Sam. Zum Glück trifft er gleich in der ersten Woche einen alten Bekannten. „Der hat dann ein Auge auf mich geworfen.“

Es hilft, Insassen zu kennen, die sich im Knast bereits Respekt verschaffen konnten. Jeder Freund vergrößert den eigenen Schutzschild. „Freund würde ich den allerdings nicht nennen, maximal Kumpel“, sagt Sam. „Im Knast hat man keine Freunde. Man kommt alleine, und man geht alleine“.

In der Zwischenzeit versucht man, keinen Ärger zu bekommen und in Haus 1 verlegt zu werden. Denn es gibt nicht nur Unterschiede zwischen den sechs verschiedenen Justizvollzugsanstalten in Hamburg (Santa Fu beispielsweise: unbeliebt, denn man sitzt zwischen Mördern und anderen bösen Jungs; Billwerder dagegen: wenn schon Gefängnis, dann dieses), sondern auch zwischen den verschiedenen Gebäudekomplexen.

In Billwerder stellt Haus 1 das Ziel dar, welches es zu erreichen gilt. Wer dort wohnt, befindet sich mit einem Bein schon wieder in der Freiheit. Man darf viermal die Woche Sport machen, mehr Besuch empfangen als üblich, und vor allem hat die Zelle eine Holztür, keine Metalltür mehr. Eine verschlossene Tür ist eine verschlossene Tür? Im Gefängnis nicht.

Sams Mutter kommt alle zwei Wochen zu Besuch, sie rät ihm, durchzuhalten und die Zähne zusammenzubeißen. Und: „Ändere dich!“ Sie finanziert ihm den sogenannten „Zugangseinkauf“. Mit 153 Euro kann man im Gefängnis-Shop fast ein Schlaraffenland zusammenshoppen, vorausgesetzt, man ist wie Sam Nichtraucher und trinkt keinen Kaffee, andernfalls wird’s teuer.

„Kulinarisch war es für mich fast ein Paradies“, sagt Sam. Auf den zwei Kochplatten macht er sich Pfannkuchen und Spaghetti mit Thunfisch. Kochen wird im Knast für viele zum neuen Hobby. Ungenießbar sei das Essen, das mittags und abends aus der offiziellen Gefängnisküche komme, daher nutzen viele die Gemeinschaftsküche. Wenn sie nicht wieder vollkommen versaut hinterlassen wurde.

Die Bude sauber halten sei in Haft am wichtigsten, findet Sam. Er meldet sich zur Arbeit in der Hofkolonne. Mülltonnen entleeren ab 7.05 Uhr, zu der Zeit startet der erste Lauf der Arbeiter, der zweite Lauf beginnt um 7.30 Uhr. Wecken um 6.15 Uhr – das heißt im Knast aber nicht „Wecken“, sondern „Lebendkontrolle“. Zellentür auf, alles okay? Einmal kurz den Arm unter der Bettdecke hervorheben, gut. Lebt noch.

Am Ende des Tages erfolgt der Einschluss gegen 17 Uhr oder 18.30 Uhr, je nach Wochentag. Da wird ein Abend allein auf acht Quadratmetern ziemlich lang. „Eine Minute fühlt sich an wie eine Ewigkeit“, sagt Sam. „Das war echt eine Hausnummer.“

Vier Selbstmorde gab es 2017 in Hamburger Gefängnissen, die Gefangenen erhängten oder erstickten sich. An Suizid denkt Sam trotz seiner Beklemmungen nie: „Ich habe die Zeit genutzt, um meinen Kopf klarzubekommen. Wieso führe ich so ungesunde Beziehungen zu Frauen zum Beispiel, und warum habe ich keinen richtigen Beruf gelernt, warum nur Hauptschulabschluss gemacht?“

Verwunderlich in der Tat, denn Sam kann sich gut artikulieren, und er weiß seinen Kopf zu nutzen. Einem Dummkopf wären die Internet-Betrügereien gar nicht so lange gelungen. Die 7,50 Euro im Monat für eine Fernsehmiete kann er zunächst nicht aufbringen, also liest er Bücher wie „Jurassic Park“. „Danach habe ich den Film mit ganz anderen Augen betrachtet. Wahnsinn, wie detailliert diese Welt beschrieben wurde“, sagt er. Es tut gut, sich in Fantasien zu flüchten, wenn die Realität gerade ihr dunkelstes Antlitz zeigt.

Nur noch eine Woche, dann ist Pascal wieder draußen. Er hat Tabletten gegen seine Sucht bekommen, man könnte ihn als clean bezeichnen. Es gebe zwar selbst gebrautes Zeug im Knast, aber das rühre er nicht an: „Ich will nicht den Rest meines Lebens unter einer Brücke und im Knast verbringen.“ Die Zeit in Billwerder ist keine Premiere für ihn, Pascal hat Erfahrungen mit Gefängnissen. Er werde bald 40 Jahre alt, erzählt Pascal, früher, da habe er eine schöne Wohnung gehabt und zwei Katzen, Gina und Mickey (die Namen prangen als Tattoos auf seinen Unterarmen), und Kontakt zu seiner Familie, aber jetzt, jetzt seien alle nur noch enttäuscht von ihm.

Die nächsten 40 Jahre sollen anders werden. „Aber wie soll das nächste Woche werden? Ich kenne noch nicht mal den Weg von hier zurück in die Stadt“, sagt er. Hier habe er einen Job und ein Dach über dem Kopf, draußen nicht.

Die Angst vor der Freiheit scheint berechtigt. Im Durchschnitt ist in Deutschland nach drei Jahren ein Drittel der Inhaftierten wieder straffällig geworden, die höchste Rückfallgefahr besteht in den ersten sechs Monaten nach der Entlassung. Die erste Zeit in Freiheit scheint also die schwierigste zu sein.

Hamburg ist im bundesweiten Vergleich ein Vorreiter bei der Wiedereingliederung von Gefangenen geworden, weil im Resozialisierungsgesetz festgelegt wird, dass Haftentlassene einen Anspruch auf einen Hilfeplan haben. Das Gesetz ist derzeit im parlamentarischen Verfahren und tritt am 1. Januar 2019 in Kraft. Sein Ziel: das sogenannte „Entlassungsloch“ zu vermeiden. Justizsenator Till Steffen geht davon aus, dass „unser Gesetz zu mehr Sicherheit in Hamburg führen wird, denn erfolgreiche Resozialisierung ist der beste Opferschutz“.

Der Hilfeplan soll auf jeden Klienten (klingt besser als Ex-Häftling) zugeschnitten werden. Dafür gibt es Übergangsmanager wie Timm Meyer. Der ­36-Jährige arbeitet im Fachamt für Straffälligenhilfe im Bezirksamt Eimsbüttel. Sein Büro hat einen so unschönen Ausblick auf einen Parkplatz, dass er die Jalousien meistens geschlossen hält. Dafür ist Meyer selbst der beste Ausblick, den seine Klienten haben können. Eine Vision von einer besseren Zukunft. Ein Hoffnungsschimmer. Der Sozialarbeiter unterstützt bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, klärt auf, welche Schulabschlüsse und Ausbildungen infrage kämen, bringt die Leute zur Schuldner- oder Suchtberatung. Vor allem aber kommt er schon vor der Entlassung ins Gefängnis, um den Übergang von drinnen nach draußen zu erleichtern.

„Fahrplangespräch“ heißt das, was Meyer und Pascal an diesem Vormittag führen. Im Besucherraum der JVA Billwerder brummen die Automaten. Chips, Cola, alles, was ungesund ist. Es gibt eine Spielecke für Kinder, an die Wand wurde ein Meer gemalt. An einem der zehn Tische turtelt ein Paar, sie streicheln sich, und die Frau sagt immer wieder: „Ich warte.“ So viel Zuneigung an diesem unromantischen Ort hätte man gar nicht erwartet. Liebe lässt sich nicht aussperren.

Timm Meyer und Pascal diskutieren, wo er die erste Nacht nach seiner Entlassung schlafen könnte. Seine Eltern haben abgelehnt, sie müssen erst wieder Vertrauen aufbauen. Pascal clean? Warten wir’s ab. Immerhin hat der Vater eine Tasche vorbeigebracht, damit sein Sohn seine Habseligkeiten nicht in einer Tüte aus dem Knast tragen muss. „Ich gehe nicht ins Pik As, auf keinen Fall!“ sagt Pascal. In der Übernachtungsstätte für obdachlose Männer werden einem die Schuhe von den Füßen geklaut, meint er. Da schlafe niemand, da ruhe man höchstens.

Eine andere Option findet ebenfalls keinen Anklang. „Ich habe gehört, da gibt es mehr Drogen und Alkohol als auf dem Kiez.“ Auch Harburg gilt es großräumig zu umgehen, zu viele alte Saufkumpane, zu groß die Versuchung, wieder zur Flasche zu greifen.

Pascals Ziel ist eine sogenannte ­67er-Einrichtung, ein Übergangshaus für Männer, in dem auch sozialpädagogische Betreuung angeboten wird. Diese Plätze sind in Hamburg heiß umkämpft. „Sozialarbeit bedeutet immer auch streiten und Durchsetzungsstärke beweisen“, sagt Timm Meyer. Der Übergangsmanager kämpft für seine Klienten, doch nicht alles liegt in seiner Macht. „Wir können den Entlassungstag noch so gut vorbereiten, manches scheitert an den Behörden. Da werden viele hohe Hürden kreiert“, sagt Meyer.

Er weist aber auch ­darauf hin, die bürokratischen Herausforderungen nicht als Entschuldigung zu benutzen, um den Kopf in den Sand zu stecken. „Die Verantwortung für dein eigenes Leben lässt sich ab heute nicht mehr hinausschieben“, sagt er zu Pascal.

„Aber Sie bleiben doch in den nächsten sechs Monaten an meiner Seite, Herr Meyer?“ „Wenn Sie das wollen, ja.“

Der Tag der Entlassung

Um 7 Uhr räumt Pascal seine Zelle, er wirft einen letzten Blick zurück auf seine Matratze: „War gemütlich.“ Er gibt seinen Leih-Fernseher und seinen Wasserkocher ab. Dann lässt er in der Ambulanz seinen Gesundheitszustand überprüfen, kein Insasse darf krank entlassen werden. Verletzt anscheinend schon, denn Pascals Nase sieht demoliert aus. „Bin unglücklich gefallen auf den Tisch in meiner Zelle“, sagt er. Seine Fingerkuppen sind ebenfalls verletzt.

In der Vollzugsgeschäftsstelle erhält Pascal seine Entlassungspapiere, damit kann er sich legitimieren, bis er einen neuen Ausweis beantragt hat. Nächste Station ist die Kammer: Anstaltsklamotten abgeben, endlich wieder die geliebte Lederjacke anziehen. Bisschen enger geworden. In der Haft nehmen viele zu, Pascal schafft 14 Kilo in 13 Monaten. Im Innenhof noch eine letzte Zigarette, bevor sich die Tore öffnen. Pascals Vorarbeiter bei seinem Gefängnisjob als Fachlagerist kommt vorbei. „Viel Glück!“, sagt er, Pascal antwortet: „Bis bald.“ „Das hoffe ich nicht“, sagt Meyer.

Der Übergangsmanager holt Pascal ab, die beiden haben an diesem Tag viel vor. Ein Parforceritt durch Hamburgs Bürokratie. „Die Wege sind sehr komplex für jemanden, der in der Haft zwangsläufig unselbstständig geworden ist“, sagt Meyer. Die erste Hürde stellt das Jobcenter team.arbeit.hamburg in der Kleinen Reichenstraße dar. 740,18 Euro Überbrückungsgeld hat Pascal in seiner Hosentasche. Um weitere Unterstützung zu beantragen, muss er erst mal wieder im staatlichen System erfasst werden. Wer einmal draußen war, der kommt ohne 1000 Dokumente nicht wieder rein. Den Entlassungsbescheid, die Haftbescheinigung, die Antragsunterlagen, den Kontoauszug der Anstalt, ein Schreiben der Krankenkasse – mit Timm Meyers Hilfe hat Pascal alles parat. Sogar drei Lebensläufe hat er angefertigt, alle handschriftlich verfasst, im Gefängnis gab es keinen Kopierer.

Fehlt nur noch ein Ausweis. „Gehen Sie zur Bahnhofsmission, die machen Ihnen den günstiger“, rät die Sachbearbeiterin. An ihrem Schreibtisch klebt eine „Läuft bei dir“-Postkarte. Ihr Pullover wird von einem Peace-Emblem dekoriert. Das richtige Zeichen für eine Frau, die von ihren Kunden gerne mal als „blöde Fotze“ beschimpft wird. Dürfe man nicht persönlich nehmen, erklärt sie: „Die Leute müssen sich hier nackig machen, sie sind in einer Notsituation. Weil es aber auch um unsere Steuergelder geht, muss ich eben genau prüfen.“

Wer sich bemüht, der hat gute Chancen. „Ich kann in Bürokratensprache erklären oder so, dass man mich versteht“, sagt die nette Dame mit dem Beruf, auf den wenige neidisch sind. Und wen sie richtig mag, der bekommt sogar den Tipp, hier niemals auf Toilette zu gehen. Zu viele Drogenrückstände. „Mir tut das auch immer so leid, wenn ich kleine Kinder sehe, die hier die Stühle ablecken.“

Pascal behauptet nach dem ersten Amtsbesuch, das Wichtigste begriffen zu haben. Für jemanden, der kein Staatsexamen in Jura besitzt, eine echte Leistung, denn die Paragrafen wirbeln nur so durch die Luft. Ohne Timm Meyer und die nette Peace-Dame als Vermittler würden die Vorschriften jeden erschlagen. Straffrei.

Pascal dreht sich eine Zigarette. „Ich muss das Tattoo meiner Ex-Freundin übertätowieren lassen und mir ein Handy besorgen“, sagt er. Erst mal gingen sie jetzt zur Bundesagentur für Arbeit, erklärt Meyer. „Jawoll, Commander!“ sagt Pascal und dreht noch eine Zigarette.

Nachdem es in der zweiten Behörde schneller ging als erwartet, fahren die beiden nach Eimsbüttel zum Bezirksamt, eine Unterkunft für die nächsten Tage suchen. Oben in der Kantine soll sich Pascal sein erstes Essen in Freiheit aussuchen. Er wählt Currywurst mit Pommes. „Echte Pommes! Gibt es im Knast nicht. Ein Traum.“ Anschließend klopft er an der Tür, hinter der sich laut Schild die „Öffentliche Unterbringung Wohnungsloser“ befindet.

Eine Dame mit einem Herzen größer als ein Pottwal begrüßt Pascal. „Hallo, ich bin der Knacki“, sagt er. „Haftentlassener“, korrigiert die Herzensfrau. Auf ihrem Schreibtisch, in den Regalen und an der Wand sieht man überall Delfine – in Plastik, in Porzellan geformt, auf Postern. Die größte Delfin-Show außerhalb der Weltmeere. Sie liebe diese Tiere einfach, sagt sie. Ihr Telefon klingelt. Eine Frau brüllt sie an. Herzdame antwortet ruhig: „Frau Schneider, ich habe keinen Platz mehr heute Nacht für Ihren Sohn, er ist nicht wie verabredet bis 15 Uhr hier gewesen.“ Sie legt auf.

„Mit welcher Einsicht sind Sie entlassen worden?“ fragt sie Pascal. „Ich bin geheilt.“ „Das wollte ich hören. Das Lächeln bringe ich Ihnen mit der Zeit wieder bei. Und was ist mir Ihrer Nase passiert?“ Da klingelt wieder das Telefon. „Frau Schneider, bitte weinen Sie nicht. Ich habe nur wenige Unterkunftsplätze, ihr Sohn hält sich einfach nicht an Absprachen.“ Wieder aufgelegt.

„Ich würde gerne meine Neffen kennenlernen, die habe ich leider noch nie gesehen, war früher immer zu voll“, sagt Pascal. Die Herzensdame schaut ihn mitfühlend an und druckt allerhand Unterlagen aus, mit denen sich Pascal bis 17 Uhr bei der Unterkunft melden soll, die ihn für die nächsten Wochen aufnimmt. Kein Luxus-Appartement, ein Zweierzimmer. „Deutscher Mitbewohner?“, fragt Pascal.

Telefon. „Frau Schneider, nun reicht es aber. Lassen Sie Ihren Sohn nicht rein. Der randaliert bei Ihnen doch wieder nur! Bleiben Sie stark, so geht das mit dem Kerl nicht weiter.“ Der Sohn von Frau Schneider ist Mitte 30 und zwei Meter groß.

Timm Meyer liefert Pascal bei seiner neuen Bleibe ab. In der Tat keine Luxus-Herberge. Die Hamburger Tafel fährt gerade vor. Plötzlich geht der Feueralarm los. Es dröhnt aus allen Rohren. Doch niemand gerät in Panik. Der Alarm stellt das gewohnte Zeichen für die knapp 200 Bewohner dar, um beim Entladen des Lieferwagens der Hamburger Tafel zu helfen. Muss man erst mal wissen. „Raucher oder Nichtraucher?“, fragt der Leiter des Hauses Pascal, der wie ein Fragezeichen in der seltsamen Szenerie steht. „Raucher.“ „Guter Mann.“

Muskelkater. Noch nie zuvor so schlimm. Bei nur 30 Minuten täglich Hofgang, da bauen sich die Muskeln mit der Zeit ab. Natürlich hätte Sam Sport machen können in der JVA, wollte er aber nicht. Nach seinem Entlassungstag, an dem er wie Pascal von Behörde zu Behörde marschierte, merkt er nun, wie wenig er sich im Gefängnis bewegt hat. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, Fußball zu spielen im Park, aber daraus wird erst mal nichts. Langsam angehen lassen. Wortwörtlich. Auch aus einem anderen Grund: Sam traut der ungewohnten Freiheit nicht. So lange war der 25-Jährige fremdbestimmt, und nun soll er plötzlich wieder allein entscheiden. Er könnte alles tun, was er will. Doch er legt sich bei seinen Eltern aufs Sofa und starrt an die Decke.

In der ersten Nacht nach der Entlassung schläft er nicht, viel zu aufgeregt. Er bleibt liegen, bis seine Mutter am Morgen reinkommt. „Da ist mir aufgefallen, dass ich gewartet habe, bis jemand die Tür öffnet“, sagt Sam. Seine Mutter hatte sie gar nicht verschlossen, sondern nur angelehnt. Wusste Sam, seine Augen hatten es gesehen, sein Unterbewusstsein aber befand sich noch in Haft.

Als er schließlich aufsteht, umfasst ihn eine tiefe Dankbarkeit. Für seine Pflichtverteidigerin, für die gnädige Richterin, für Timm Meyer, der ihm eine Perspektive aufzeigt. „Ich glaube, ich bin noch einmal knapp am Eisberg vorbeigesteuert“, sagt Sam. Ab jetzt gilt es, alle Gefahrenzonen zu umschiffen.

Heute

Pascal ist weg. Untergetaucht. Zu keinem der Termine mit Timm Meyer mehr erschienen, sein Mitbewohner im Wohnheim hat ihn nur einmal gesehen. Wo könnte er sein? Die Herzensdame vom Amt glaubt: „Der ist wieder in seiner alten Szene unterwegs.“ Der Alkohol, dem er so aus dem Weg gehen wollte, hat ihn wahrscheinlich schon ein paar Stunden nach seiner Entlassung wieder in seine Arme geschlossen.

Da bist du ja, mein alter Kumpel. Wo warst du denn so lange?

Im Knast.

Na, dann herzlich willkommen zurück in der Freiheit, wo du gleich wieder in das Gefängnis deiner Sucht wandern kannst. Die Tore der staatlichen Haftanstalt haben sich geöffnet, damit du dich wieder in deine selbst gebaute Einzelzelle begeben kannst. Wodka hält gefangener als Gitter.

Pascals Eltern sind schwer enttäuscht, aber darin haben sie Übung, es ist ja nicht das erste Mal. War klar. Timm Meyer gibt nicht so schnell auf. Er geht die Punkte in Harburg ab, an denen Pascal früher abhing. Ohne Erfolg. Einmal verfolgt er eine Spur bis zu einem alten Kumpel, bei dem Pascal für ein paar Tage untergekommen sein soll, aber wenn er dort anruft, dann sagt der Kumpel: „Ja, die Sachen liegen hier noch, aber der Pascal ist jetzt schon ein paar Nächte unterwegs.“ Irgendwann nimmt auch der Kumpel nicht mehr ab. „Ich kann niemanden zwingen, sich helfen zu lassen“, sagt Meyer.

Es ist früh am Morgen, und Sam kommt von der Arbeit. Der 25-Jährige sichert nachts ein Hamburger Krankenhaus. Alle zwei Stunden eine Innen- und eine Außenrunde. Aufpassen, dass nichts passiert. Wenn wie kürzlich ein Mann mit Schnittwunden in den Eingangsbereich rennt und droht, Frauen umzubringen, wenn sich Obdachlose in den Toiletten schlafen legen, wenn Drogenabhängige randalieren, dann muss Sam für Recht und Ordnung sorgen. Ein ehemaliger Häftling sorgt nun für die Sicherheit in dieser Stadt.

Nach so kurzer Zeit schon wieder einen Job zu haben, das ist gut. Gut für die eigene Motivation, gut für die Abtragung der Schulden, gut für die Sozialprognose.

Hätte Sam früher auf sich selbst so gut geachtet wie jetzt auf das Krankenhaus, dann würden diese Nachschichten für zehn Euro die Stunde wahrscheinlich keinen Hoffnungsschimmer darstellen. „Aber mit der Haft im Rücken und nur Hauptschulabschluss, da habe ich fast keine Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen“, sagt Sam. Probiert er dennoch. Kfz-Mechatroniker, das wäre es. Ein Porsche rast auf dem Hintergrundbild. „Ich habe alle meine Motoren gestartet, um auf dem rechten Weg zu bleiben“, sagt Sam. Klingt wieder wie aus einer TV-Serie, aber nicht schlecht.

Seine Oma wird ihm demnächst den Führerschein bezahlen, mit der Schuldnerberatung will er Ordnung in sein Finanz-Chaos bringen. Wie viele private Gläubiger gibt es? Was fordert der Mobilfunkanbieter? Sind Ratenzahlungen möglich?

Die offenen Rechnungen bei der Krankenkasse konnte Timm Meyer bereits um 20.000 Euro reduzieren. Keine Ahnung, wie er das schafft, aber die wenigsten danken dem Sozialarbeiter dafür, welche Felsbrocken er seinen Schützlingen Tag für Tag aus dem Weg räumt. Sam hingegen weiß diese Unterstützung zu schätzen: „Sie müssen nur was sagen, Herr Meyer, dann streiche ich Ihnen mal das Büro. Eine HSV-Raute an dieser Wand hier, das wäre doch cool.“ Herr Meyer lacht und lehnt dankend ab.

Dienstags und freitags muss sich Sam auf der Polizeiwache melden, denn er ist nur auf Bewährung draußen. Es reicht ein kleines Vergehen, und seine Strafe, die bislang sehr glimpflich ausfiel, könnte auf drei Jahre anwachsen. „Ich gehe nicht mal mehr über eine rote Ampel, so viel Schiss habe ich davor, wieder im Knast zu landen“, sagt Sam. Fährt er mit Freunden im Auto mit, nervt er sie die ganze Zeit: „Fahr nicht so schnell, pass auf, Achtung.“

Die Vorsicht ist Sams ständiger Begleiter. Sie steht mit ihm auf, sie geht mit ihm durch den Tag. Wenn er bei HSV-Spielen Ärger riecht, verzieht er sich. Mit seinem Mitbewohner im Wohnheim für Haftentlassene redet er nur das Nötigste. So richtig kennenlernen will er den gar nicht. Könnte ein falscher Freund sein: „Der Knast hat mir echt die rosarote Brille abgenommen, ich darf nicht mehr mit Asis abhängen.“ Früher oder später landet jeder auf dem Niveau der Menschen, mit denen er sich umgibt.

„Vielleicht muss ich meine Ansprüche runterschrauben“, sagt Sam. Wenn er in den nächsten Monaten keinen Job in der Autobranche findet, dann wäre eine Ausbildung in der Gastronomie genauso gut. Ist nicht immer alles Porsche im Leben, ein Golf bringt dich genauso von A nach B. Von unten nach oben.

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