Rezension

Die vielen Seiten der Integration

Ein Deutschkurs für Flüchtlinge

Ein Deutschkurs für Flüchtlinge

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Ann-Kathrin Eckhardt hat ein über die unterschiedlichen Erwartungen von Geflüchteten und Helfern geschrieben

Integration ist kein Sprint. Eher ein Ultra-Marathon, schreibt die Münchner Redakteurin Ann-Kathrin Eckhardt in ihrem Buch „Flucht und Segen“. Sie betreute schon vor der großen Flüchtlingswelle 2015 zwei irakische Familien und hat erfahren, wie sich ihre Einstellung und Gefühle während der Tätigkeit als Ehrenamtliche veränderten. In den ersten Monaten als Flüchtlingshelferin mache man einen ziemlich guten Deal. „Man gibt: ein bisschen Zeit, ein wenig Geld, ein paar ausrangierte Klamotten. Man bekommt: Dankbarkeit, einen erweiterten Horizont und endlich wieder Platz im Kleiderschrank.“

Doch irgendwann komme der Frust. Denn trotz einiger Erfolge, wie einen Kindergartenplatz, eine Wohnung oder einen Minijob für die Schützlinge zu finden, tauchen immer neue Probleme auf: bürokratische Hürden, das Warten auf Genehmigungen oder schwer nachvollziehbares Verhalten der Geflüchteten. Auch wenn der Wille da ist, sich zu integrieren, stoßen die Menschen aus anderen Kulturen sehr schnell an Grenzen. Sie kommen meist aus „autoritären und patriarchalischen Systemen mit starren Regeln und harten Strafen“, schreibt Eckhardt. Ihre Vorbildung und Lebensweise passen oft nicht zu den Gegebenheiten in Deutschland.

Die Autorin schildert einzelne Schicksale, politische Zusammenhänge, Fachleute kommen zu Wort und bieten Erklärungen für die großen Erwartungen vieler Flüchtlinge, und sie lässt diese für sich selbst sprechen. Dadurch werden Einstellungen und Gefühle nachvollziehbar – die Sehnsucht nach der Heimat und Angehörigen, Wünsche für die Zukunft, Stolz, der verhindert, die eigene Lage ehrlich gegenüber den Verwandten einzugestehen. Auf vielen lasten Schulden gegenüber Schleppern und der Druck, die Großfamilie zu Hause schnell und umfassend finanziell zu unterstützen. Ebenso erzählen andere Ehrenamtliche von ihren Erfahrungen – von Anfeindungen Ängsten, Euphorie und Ernüchterung, aber auch von Freundschaft und Dankbarkeit. Auch Helfer machen Fehler, gehen davon aus, die Flüchtlinge hätten die gleichen Bedürfnisse und Vorstellungen vom Leben wie sie selbst, einigen fehlt die professionelle Distanz, manche haben ein Helfersyndrom. Eckhardt schafft es, das Thema Flucht und Integration von so vielen Seiten zu beleuchten, dass sich vorgefasste Meinungen während des Lesens schnell verändern können.

Ein mögliches Fazit ist: Flüchtlinge sind keine homogene Gruppe, jeder Einzelne muss deshalb den Weg in die neue Gesellschaft auf seine eigene Weise finden. Gut, wenn sie Paten wie Ann-Ka­thrin Eckhardt an ihrer Seite haben, die ihnen helfen, im „Traumerfüllungswunderland“ Deutschland zurechtzukommen.

Ann-Kathrin Eckhardt: „Flucht und Segen“, Pantheon Verlag, 238 Seiten, 14,99 Euro

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