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Der lange Kampf um die Gesamtschulen

1968 wurde die neue Bildungsform in Hamburg eingeführt. Über viele Jahre hat man sie heftig bekämpft – aber auch entschlossen verteidigt. Von Matthias Schmoock

Verglichen mit dem, was später folgen würde, war der Beginn eher friedlich. Als 1968 Hamburgs erste Gesamtschulen eingerichtet wurden, ahnte vermutlich niemand, dass der Stadt ein regelrechter Bildungskrieg bevorstehen würde, ausgetragen unter anderem mithilfe von Großdemonstrationen, Gerichtsprozessen und wechselseitigen Diffamierungen.

Im Herbst 1967 wurde offiziell angekündigt, dass ab Ostern 1968 Gesamtschulversuche in vier Stadtteilen geplant seien. Den Anfang machen sollten die Albert-Schweitzer-Schule, die Volks- und Realschule Alter Teichweg, das Heinrich-Hertz-Gymnasium zusammen mit der Volks- und Mittelschule Grasweg und das Gymnasium Farmsen zusammen mit der Volks- und Mittelschule Surenland. Der damalige Schulsenator Wilhelm Drexelius (SPD) kündigte an, mithilfe der Gesamtschulen könnten „sowohl die Hoch- als auch die Minderbegabten“ besser gefördert werden. Die CDU signalisierte grundsätzlich Aufgeschlossenheit, forderte aber mehr Zeit und sorgfältiger ausgewählte Standorte.

Die Lehrerschaft war in der Anfangszeit überfordert

Nachdem sich in zwei der zunächst ausgewählten Schulen Kollegien und Elternvertreter gegen den Versuch entschieden hatten, blieben nur noch das Heinrich-Hertz-Gymnasium und die Schule Alter Teichweg übrig. Vor 50 Jahren – am 1. April 1968 – ging die Gesamtschule Alter Teichweg als erste Inte­grierte Gesamtschule Hamburgs an den Start. Kurze Zeit später folgte das Heinrich-Hertz-Gymnasium als erste Kooperative Gesamtschule.

Der Anfang war ziemlich holprig. Dem bunt zusammengewürfelten Lehrerkollegium fehlte es logischerweise an Erfahrung mit der neuen Schulform, viele fühlten sich überfordert. Das geplante Kurssystem wurde monatelang nicht eingeführt, die didaktische Vorbereitung war mangelhaft, und die hohen Anmeldezahlen sorgten für zusätzliche Probleme. Im Archiv der heutigen Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg finden sich Aufzeichnungen aus den ersten Jahren, die viel von der Hilflosigkeit der Schulgemeinschaft in dieser Pionierzeit verdeutlichen.

In einem Protokoll vom Oktober 1970 steht unter anderem: „Der ,Unterricht‘ in den Augen der Eltern: Lehrer kommt herein (bis 10 Minuten verspätet), sorgt für Ruhe so oder so – oder auch nicht –, unterrichtet, geht mit dem Läuten. Aggressivität der Kinder wird von Kollegen mit Strafarbeiten und Ohrfeigen ,behandelt‘.“ Und an anderer Stelle: „Während des Unterrichts herrscht eine permanente Unruhe. Es wird derart mit Apfelresten, Weintrauben und Papier geworfen, dass Schüler, Wände, Schränke, Scheiben, Tafel und Tische vollgeschmiert sind (...). Einige Eltern überlegen jetzt, ob sie ihre Kinder noch guten Gewissens in der Schule lassen können (...).“

Lehrer der ersten Stunde, die sich 2008 zum damals 40. Jahrestag ihrer alten Schule einfanden, erinnerten sich unter anderem, dass die Stunden- und Lehrpläne in der Anfangsphase oft erst „im Morgengrauen vor dem Unterrichtsbeginn“ erstellt wurden. „Die Mathepauker waren ihren Schülern, zum Beispiel in Mengenlehre, immer nur eine Stunde voraus“, berichtete ein Pensionär damals.

Doch die Versuchsschulen, von der Schulbehörde personell und materiell kräftig gefördert, fassten mit der Zeit Tritt und behaupteten sich in der Schullandschaft. Ein Neubau brachte am Alten Teichweg 1974 mehr Raumkapazitäten, und von 1976 an führte die Schule alle Jahrgänge von der Grundschule bis zum Abitur. 1978 kam eine Vorschule hinzu, 1985 ein Aufbaugymnasium.

Der Konflikt zwischen Gegnern und Befürwortern des Gesamtschulwesens gärte jahrelang, bevor er Ende der 70er- Jahre eskalierte. Von CDU-Seite und konservativen Elternvertretern lautete der Vorwurf, dass die SPD langfristig die pädagogische Gleichmacherei durchsetzen wolle. Die Gegenseite konterte, das bisherige Schulsystem benachteilige Kinder aus bildungsschwächeren Familien massiv.

1977 wurde in einer Präambel des Schulgesetzes festgelegt, dass fortan der Elternwille „bei der Wahl der im Gesetz vorgesehenen Schulformen entscheidet“. Bei Umfragen sprachen sich mehr als 20 Prozent der Eltern für die Gesamtschule aus, die damals immer noch den Status einer Versuchsschule hatte. Das konnte viel oder wenig sein – je nachdem, durch welche politische Brille man die Zahl betrachtete. Joist Grolle (SPD), Schulsenator von 1978 an, der den Ausbau des Gesamtschulwesens energisch vorantrieb, avancierte bei den Gesamtschulgegnern zur Hauptreizfigur, fast monatlich wurde sein Rücktritt gefordert.

Fakt ist: 1979 setzte die SPD über eine Änderung des Schulgesetzes dann durch, dass die Gesamtschule als Regelschule das dreigliedrige Schulsystem ergänzte und gleichberechtigt neben Volks-, Realschule und Gymnasium trat. Die CDU sprach vom „massivsten Eingriff in das Schulwesen nach dem Krieg“ und vom „pädagogischen Hätschelkind der SPD“. Damals gab es acht Gesamtschulstandorte, im selben Jahr wurden zwölf weitere gegründet.

Wahr ist, dass die anfänglich weit verbreitete Bereitschaft, Kinder aus inhaltlichen Gründen an einer Gesamtschule anzumelden, mit der Zeit stark zurückging und dass faktisch immer weniger Schüler mit Gymnasialempfehlung diese Schulform besuchten und besuchen. Wahr ist aber auch, dass die heutigen Stadtteilschulen (siehe Infokasten) längst erfolgreich arbeitende feste Größen in der Hamburger Bildungslandschaft geworden sind und dass sich auch viele konservative Bildungsexperten schon lange mit dieser Tatsache arrangiert haben.

Wer heute etwas über die Auseinandersetzungen um Hamburgs erste Gesamtschulen erfahren möchte, muss
in den Tiefen diverser Archive danach suchen.