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Die Diakonin, der Blinde vertrauen

Die blinde Diakonin Dagmar Holtmann beim Kochen

Die blinde Diakonin Dagmar Holtmann beim Kochen

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig / HA

Seit einem Vierteljahrhundert unterstützt und berät Seelsorgerin Dagmar Holtmann Sehbehinderte in Hamburg

Konzentriert tastet Dagmar Holtmann (58) eine Zwiebel nach Schalenresten ab, legt sie aufs Schneidebrett und schneidet sie mit einem scharfen Keramikmesser in kleine Würfel. Neben ihr hackt Helmut Fuchs (82) nicht minder akkurat zwei Knoblauchzehen klein. Wer die beiden Teilnehmer des Kochkurses „Nicht nur fürs Auge“ dabei erlebt, wie sie ihre Zutaten für den „Kreolischen Eintopf“ vorbereiten, käme nicht auf die Idee, dass beide nicht sehen können. „Ich übernehme auch beim Kochen zu Hause gern das Schnippeln“, erklärt Dagmar Holtmann ihre Fingerfertigkeit.

Zusammen mit acht Blinden und drei Sehenden trifft sich die Diakonin einmal im Monat in der Evangelischen Familienbildungsstätte Eppendorf, um unter der Leitung einer Ernährungswissenschaftlerin ein Vier-Gänge-Menü zuzubereiten und anschließend gemeinsam zu genießen. Das „Kochen nach Handmaß“ ist nur eines von zahlreichen Freizeitangeboten der „Blinden und Sehbehindertenseelsorge (BSS)“ der Nordkirche. Seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert organisiert Dagmar Holtmann im Hamburger Raum diverse Veranstaltungen und berät Betroffene und ihre Angehörigen. Außerdem kümmert sie sich um die Ausbildung und Betreuung der Ehrenamtlichen. „Der Bedarf ist groß, da in der alternden Gesellschaft immer mehr Menschen über 70 Jahre durch den grünen Star, Makula-Degeneration oder Diabetes ihr Sehvermögen verlieren“, erläutert Dagmar Holtmann. „Durch den Schock der Diagnose fallen die meisten Betroffenen zuerst in ein tiefes Loch und ziehen sich aus dem Leben zurück, viele verfallen in eine Depression. Sie trauen sich nicht mehr zu, sich mit Hilfsmitteln vertraut zu machen, geschweige denn die Blindenschrift zu lernen. Ohne Unterstützung geben sich viele der erst im Alter Erkrankten auf.“

Sie war oft wütend und hat mit ihrem Schicksal gehadert

Dagmar Holtmann musste von klein auf lernen, mit ihrem Handicap zu leben. Durch eine zu hohe Sauerstoffzufuhr im Brutkasten wurde die Netzhaut der Frühgeborenen geschädigt. Während bei ihrer Zwillingsschwester eine Therapie anschlug, verlor sie ihr geringfügiges Sehvermögen in den ersten Lebensjahren. Als Sechsjährige wurde Dagmar Holtmann im Internat der „Landesblindenanstalt“ in Hannover eingeschult. „Wir waren mit 13 blinden Kindern in einem Zimmer untergebracht und mussten uns zum Waschen in Reihen aufstellen. Wer nicht artig war, bekam Schläge“, erinnert sie sich. „Als quirliges, unkonzentriertes Kind hatte ich es dort schwer. Ich habe mit meinem Schicksal gehadert und war oft unfassbar wütend.“ Die Wende kam erst, als sie mit 14 Jahren einen Jugendkreis des christlichen Blindendienstes Niedersachsen/Bremen besuchte. „Durch eine Predigt habe ich in mir die Kraft gespürt, mein Leben zu meistern, und mit meiner Behinderung Frieden schließen können.“ Nach dem Studium der Sozialpädagogik und Diakonie am Rauhen Haus arbeitete Dagmar Holtmann zunächst als Gemeindediakonin in einer Kirchengemeinde. 1993 nahm sie ihre Arbeit als Diakonin beim Christlichen Blindendienst, dem Vorläufer des BSS, auf und baute ein Netzwerk aus Ansprechpartnern in Verbänden, Vereinen und Kirchengemeinden auf, um ihr Angebot bekannt zu machen.

Häufig suchen Angehörige oder Freunde ihre Beratung auf, um zu fragen, wie sie Erkrankte unterstützen können. „Auf Betroffene bekomme ich mittlerweile oft Hinweise und biete ihnen dann initiativ eine Beratung an“, erzählt Dagmar Holtmann. „Beim ersten Hausbesuch stehe ich den Menschen meist noch dabei zur Seite, ihre Diagnose zu verarbeiten. Außerdem informiere ich über die Möglichkeiten, Blindengeld oder eine Haushaltshilfe zu beantragen. Zu weiteren Besuchen bringe ich dann verschiedene Hilfsmittel mit und zeige, wie eine sprechende Uhr oder ein ­DESY-Player für Hörbücher funktionieren.“ Jüngere Betroffene berät sie außerdem über Möglichkeiten zur Umschulung und blinde Flüchtlinge informiert sie über spezielle Hilfsangebote zur Integration.

Derzeit arbeitet Dagmar Holtmann mit einem Stamm von 20 ehrenamtlichen Mitarbeitern im Alter zwischen 30 und 80 Jahren, die Betroffene mit Besuchs- und Fahrdiensten unterstützen oder sie bei Behördengängen oder Arztbesuchen begleiten. Ständig ist sie auf der Suche nach neuen Interessierten, die sie in kostenlosen zweitägigen Veranstaltungen über die gängigen Erkrankungen informiert und darin schult, wie eine Begleitung ohne Bevormundung gelingen kann. „Mit ehrenamtlicher Unterstützung durch Sehende finden viele Erkrankte neuen Lebensmut“, hat sie oft erlebt.

In Begleitung können zahlreiche Blinde und Sehbehinderte auch an den monatlichen Themennachmittagen in der Pauluskirche in Altona und St. Gertrud in Uhlenhorst teilnehmen, für die Dagmar Holtmann regelmäßig Referenten mit spannenden Vorträgen organisiert. Genauso wie beim Singkreis und der Kochgruppe ist das Miteinander von Seheingeschränkten und Sehenden von Herzlichkeit und Respekt geprägt. Mit einem Gebet beginnt nach der Zubereitung am liebevoll gedeckten Tisch das gemeinsame Genießen, zu dem jedes Dreierteam einen Gang beisteuert. Der „Kreolische Eintopf“ zur Einstimmung wird genauso wie der „Süßkartoffel-Salat“ und das Dessert „Milchreis mit Mango“ ausgiebig gelobt, das Hauptgericht „Bami Goreng“ erntet sogar Applaus. Einige Teilnehmer tragen zum Gespräch private Erlebnisse bei, es wird viel miteinander gelacht. Für Dagmar Holtmann sind solche Momente gelebter Inklusion echte Kraftquellen. „Es gibt mir Selbstbewusstsein und macht mich geradezu euphorisch, dass ich in meiner Funktion so viel bewegen kann“, sagt sie lächelnd. „Wenn ich nicht blind wäre, hätte ich diese tollen Menschen hier vielleicht niemals kennengelernt.“

Schulung für Ehrenamtliche

Am 6. April (ab 16 Uhr) und 7. April findet unter der Leitung der Diakonin Dagmar Holtmann die nächste Schulung für Ehrenamtliche in Hamburg statt. Im November wird sie durch einen Praxisteil ergänzt, bei dem die Begleiter mithilfe von Simulationsbrille und Augenbinde lernen können, sich besser in die Rolle von Erkrankten einzufühlen.
Informationen unter Tel. 040/306 20 10 51 und 015154 67 09 82 oder E-Mail: dagmar. holtmann@seelsorge.nordkirche.de

Die Internetseite www.blindendienst-nordkirche.de/
veranstaltungen-2018.html informiert über alle Veranstaltungen der Nordkirche
in Hamburg und
Umgebung für blinde und sehbehinderte
Menschen.