Behindertenhilfe

Wenn das Kinderheim die Lösung ist

Lisa und ihre Mutter Cornelia Kreuzer. Das Mädchen wohnt in einer Jugendgruppe der Behindertenhilfe der Stiftung Anscharhöhe

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Lisa und ihre Mutter Cornelia Kreuzer. Das Mädchen wohnt in einer Jugendgruppe der Behindertenhilfe der Stiftung Anscharhöhe

Cornelia Kreuzer gab ihre behinderte Tochter mit zwölf in die Stiftung Anscharhöhe, ein Zusammenleben ging nicht mehr

Es gab eine Zeit, da hat Cornelia Kreuzer ihre Tochter gehasst – „und sie mich“, wie die 49-Jährige offen zugibt. Das war 2010, als Lisa elf Jahre alt war und sich „quasi über Nacht“ von einem liebevollen, anhänglichen Mädchen in eine aggressive und gewalttätige Person verwandelte. „Die Hormone schossen damals bei ihr ein, hat mir ein Arzt später erklärt. Lisa wurde früher pubertär als normal“, sagt Cornelia Kreuzer. Sie war gewöhnt daran, dass einiges an ihrer Tochter nicht normal ist, dass sie stark entwicklungsverzögert ist, erst mit drei Jahren laufen lernte und genauso spät das Sprechen, dass die Augen schlecht sind, sie immer noch nachts Windeln braucht und leicht autistische Züge hat – doch diese plötzliche Wesensveränderung ihres einzigen Kindes hat die alleinerziehende Mutter an den Rand der Verzweiflung gebracht.

„Ein Nein von mir reichte und Lisa flippte aus, bekam einen Tunnelblick und ging auf mich los. Sie würgte und schlug mich, ich habe wochenlang nicht geschlafen, weil sie diese Anfälle bevorzugt nachts bekam.“ Tagsüber griff Lisa auch ihre Lehrer an, die Schule wollte sie nicht länger unterrichten.

Als sie es nicht mehr aushielt, weil sie auch Angst vor ihrer Tochter hatte, rief Cornelia Kreuzer die Notaufnahme einer Tübinger Klinik an, diese vermittelte ihrer Tochter einen Platz in einer psychiatrischen Klinik in Gammertingen – Lisa und ihre Mutter wohnten damals noch im Süden. Zehn Wochen sollte Lisa dort bleiben und „der Moment, als die Pfleger sie schreiend und um sich schlagend von mir wegbrachten, war der schlimmste in meinem Leben“, erinnert Claudia Kreuzer sich.

Sie hatte Schuldgefühle, fühlte sich als Versagerin, obwohl sie nichts für die Behinderung ihrer Tochter kann. Lisa kam mit einem sehr seltenen Gen-Defekt mit dem Namen Pacs 1 auf die Welt – er wurde allerdings erst 2017 entdeckt, davor konnte kein Arzt ihr sagen, was Lisa hat. „Mein Ex-Mann konnte nicht akzeptieren, dass sie behindert ist, deswegen verließ er uns, als sie drei Jahre alt war“, sagt Cornelia Kreuzer. Sie ist eine warmherzige, sympathische Frau, die so offen über ihr Leben spricht, weil sie es wichtig findet, „sich nicht mehr zu verstecken“.

Denn in den zehn Wochen, die sie von Lisa getrennt war, wurde ihr klar, „dass wir nicht mehr zusammen wohnen können“. Als sie 2011 ein Jobangebot einer Hamburger Firma bekam, die ihr gleichzeitig über einen Familienservice einen Heimplatz in der Eppendorfer Stiftung Anscharhöhe für Lisa vermittelte, sagte sie zu und zog in den Norden. Ein Neuanfang für beide – und eine Entscheidung, die Cornelia Kreuzer nie bereut hat.

Das Gefühl von Versagen und Schuld erlebe er häufiger bei den Müttern behinderter Kinder, sagt Thomas Vonhof, Leiter der Behindertenhilfe der Stiftung Anscharhöhe. Zuzugeben, dass man mit dem eigenen Kind nicht mehr zurechtkomme und es dann abzugeben, sei für viele Eltern ganz furchtbar. „Aber manchmal ist es notwendig, weil zumeist die Mutter ausgelaugt, die Ehe zerbrochen ist, die Geschwister den Bach runtergehen oder das Kind gewalttätig gegen sich und andere ist“, erklärt der Sozialpädagoge Vonhof.

Für Kinder und Jugendliche mit „herausforderndem Verhalten“, wie es in der Amtssprache heißt, bietet seine Einrichtung 48 Plätze in fünf Wohngruppen. Die meisten Bewohner sind Jungen mit schweren autistischen Störungen, manche haben Epilepsie, geistige und psychische Behinderungen. Viele kommen zu Beginn der Pubertät, weil dann, wie auch bei Lisa, oft massive Verhaltensveränderungen auftreten, mit denen die Eltern nicht mehr umgehen können. „Die meisten Eltern kommen von sich aus zu uns, aber rund 20 Prozent der Jugendlichen werden vom Jugendamt an uns verwiesen, weil es zum Beispiel starke Drogen- oder Alkoholprobleme in der Familie gibt“, sagt Thomas Vonhof, der dieses Jahr noch eine Sprechstunde einrichten möchte.

Meistens zahlt die Sozialbehörde die rund 6000 Euro Betreuungskosten monatlich. Dafür gibt es fast eine Eins-zu-eins-Betreuung, viele Freizeitangebote wie Trommeln, Theater, Kunst und Sportstunden in der hauseigenen Turnhalle. Ganz in der Nähe gibt es die Förderschule Lokstedter Damm, in die 50 Prozent der Jugendlichen gehen. Ergotherapeuten und Logopäden kommen ins Haus. „Das ist schon eine besonders tolle Einrichtung hier“, sagt Cornelia Kreuzer, deren Tochter schon vom ersten Besuch an dableiben wollte. „Sie liebt die Gemeinschaft in der Anscharhöhe und wenn sie länger als einen Tag bei mir ist, will sie wieder zurück.“

Rund 50 Erzieher, Heilerziehungspfleger und Sozialpädagogen kümmern sich um die Jugendlichen, die durchschnittlich zwei bis vier Jahre in der Einrichtung wohnen. Die Betreuer sind geschult darin, aggressives Verhalten abzuwehren und dennoch gleichzeitig Geborgenheit und Zuwendung zu geben. Jedes Kind hat einen Bezugsbetreuer, der auch einen engen Kontakt zu den Eltern hält. „Wir machen hier manches anders als die Eltern. Wir sind weniger behütend, trauen den Jugendlichen mehr zu“, sagt Pädagoge Vonhof. Das hat auch Cornelia Kreuzer bemerkt, ihre Tochter sei nun viel selbstständiger, könne sich unter Aufsicht alleine an- und ausziehen und halte es aus, wenn sich nicht alles um sie drehe. „Allerdings musste ich mich auch daran gewöhnen, dass sie mal mit schmutziger Hose oder nassen Haaren rumläuft, weil sie das Geföhntwerden hasst“, sagt die Schwäbin lächelnd.

Sie selber habe auch wieder ein Leben. „Ich habe anfangs vor allem die freie Zeit genossen und viel gelesen. Das konnte ich zuvor nie, ich war immer nur für Lisa da.“ Die Vorwürfe von Bekannten, wie sie ihr Kind nur habe weggeben können, wischt sie weg, denn sie weiß, dass es ihrer Tochter sehr gut in der Stiftung Anscharhöhe geht. „Das ist ihr Zuhause“, sagt Cornelia Kreuzer und streicht ihrer Tochter liebevoll über die Haare. Lisa umarmt sie, gibt ihr einen Kuss und legt den Kopf auf ihre Schulter. Sie sitzen auf dem Bett in Lisas kleinem Zimmer, das voller Bilder ist. An einer Wand hängt ihr Wochenplan, Symbolkarten und Fotos zeigen dem 18 Jahre alten Mädchen seine Aktivitäten jeden Tag an. Neben dem Bild ihrer Arbeit in einer Filzwerkstatt steckt montags ein Pferdebild in der Lasche – für therapeutisches Reiten, am Mittwoch symbolisiert ein Kind mit Schwimmflügeln einen Schwimmbadbesuch, am Donnerstag geht es zum Arzt. Und am Sonntag steckt ein Bild von Cornelia Kreuzer im Kalender. „Da kommt immer Mama“, sagt Lisa und gibt ihrer Mutter ein Küsschen.

Infos unter: www.anscharhoeh.de

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