Teilhabe

Ein Koffer voll mit Kultur

Luzie Bischof (l.) ist Kulturbotschafterin und besucht Eva Gellrich Zuhause mit ihren Schamanen-Utensilien

Foto: Andreas Laible

Luzie Bischof (l.) ist Kulturbotschafterin und besucht Eva Gellrich Zuhause mit ihren Schamanen-Utensilien

Das Projekt der ev. Kirchenkreise bringt spannende Vorträge zu Senioren, die nicht mehr aktiv am Leben in der Stadt teilhaben können.

Der große Koffer ist randvoll mit Quilts und diversen Handarbeiten, die in Patchwork-Technik zusammengenäht wurden. Auf „Kulturbotschafterin“ Thea Schmalfeldt wartet jetzt die anspruchsvolle Aufgabe, ihre zumeist blinden oder stark sehbehinderten Zuhörer von einem Handwerk zu begeistern, das von seinen raffinierten Mustern und prächtigen Farben lebt. „In der Nachkriegszeit ging es ja vielen von uns wie früher den amerikanischen Siedlerfrauen: Wenn es nichts gibt, muss aus alten Flicken und Stoffresten etwas gezaubert werden“, erläutert die Hamburgerin, die heute in der Kirchengemeinde St. Gertrud auf der Uhlenhorst zu Gast ist. Für den Vergleich erntet Thea Schmalfeldt umgehend die Zustimmung der anwesenden Damen. Als sie ihre ersten Arbeitsproben in die Runde gibt, wird das Ertasten mit den Händen gleich von freudigem Gemurmel begleitet. „Das ist ja richtige Kunst“, staunt Ingeborg Schmahl (94) und hebt einen Quilt zum Betrachten direkt vor ihre Augen. „Und er ist mit so viel Liebe gearbeitet.“

Ehrenamtliche berichten von ihren ungewöhnlichen Hobbys

Bereits zum fünften Mal bekommen die sehbehinderten Senioren im Rahmen des Projekts „Kultur im Koffer“ Besuch von einem ehrenamtlich tätigen Referenten, der ihnen sein persönliches Hobby nahebringen möchte. Die Vorträge über so verschiedene Themen wie Jahrhundertstimmen der Oper, Karl May, die Geschichte der Speicherstadt oder das Wirken des Reformators Johannes Bugenhagen wurden genauso begeistert wie jetzt das Thema Quilten aufgenommen. Initiiert wurde das kostenfreie Angebot „Kultur im Koffer“ vor knapp fünf Jahren von der Arbeitsstelle „Leben im Alter“ im evangelischen Kirchenkreis Hamburg-Ost und dem Seniorenwerk im evangelischen Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein. „Wir wollten etwas tun gegen die Vereinsamung von Senioren, die nicht mehr aktiv am kulturellen Leben der Stadt teilnehmen können“, erläutert Koordinatorin Heidrun Wörle vom Kirchenkreis Hamburg-Ost. „Kultur ist ein Lebensmittel, das wir wie ,Essen auf Rädern‘ zu den Menschen nach Hause oder in die Treffpunkte bringen möchten. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Erleben und Erinnern, das den besuchten Senioren genauso wie den Kulturbotschaftern selbst viel Freude bereitet.“

Rund 20 aktive Ehrenamtliche sind mittlerweile mit ihren Koffern in Hamburg im Einsatz, manche von ihnen haben gleich mehrere Vorträge im Gepäck. Die Themenvielfalt reicht von Oper über Jazz und verschiedene Literaturthemen bis hin zu Fußball. Eine Kulturbotschafterin singt mit den Senioren, andere bringen CDs zum Reinhören mit oder lesen aus Büchern vor. Eine Ehrenamtliche kommt sogar mit einem Reisekoffer voller historischer Kostüme und Perücken vorbei und schlüpft bei den Besuchen schon einmal selbst ins Biedermeierkleid. Der „Koffer“ kann durchaus ein Pappkarton, ein Rucksack oder ein Picknickkorb sein – Hauptsache, sein spannender Inhalt lockt die Zuhörer aus der Reserve.

„Ich habe vor Kurzem selbst eine ,Kultur im Koffer‘-Veranstaltung zum Thema Oper besucht und war gleich von dem Angebot begeistert“, sagt Thea Schmalfeldt, die sich seit bald 40 Jahren mit Leidenschaft dem Quilten widmet und es fast ebenso lange in Kursen unterrichtet. Da die Wellingsbüttelerin mehr als 20 Jahre beruflich Beschäftigungstherapie für Senioren angeleitet und darin viele Fortbildungen gegeben hat, fällt es ihr leicht, frei vor einer Gruppe zu sprechen. Anderen Interessierten helfen die regelmäßig stattfindenden Einführungskurse vom Kirchenkreis Ost, ein Thema zu finden und es ansprechend zu präsentieren. Alle drei Monate treffen sich die Kulturbotschafter zum Austausch, zweimal im Jahr findet im Rahmen der sogenannten Vertiefungstage eine Fortbildung statt. Zudem werden die Ehrenamtlichen regelmäßig im Sommer zu einem Ausflug eingeladen, um sich besser kennenzulernen.

„Mir war nur klar, dass ich etwas zum Thema Indianer anbieten möchte“, sagt Lucie Bischof (81) aus Winterhude, die seit dreieinhalb Jahren als Kulturbotschafterin in Hamburg unterwegs ist. „Im Einführungskurs habe ich das weite Gebiet dann auf den Punkt bringen können, der mich am meisten begeistert: schamanisches Heilen.“ Da ihr außergewöhnliches Angebot anfangs kaum gebucht wurde, packte die ehemalige Buchhalterin einen zweiten Koffer zum eingängigen Thema „Wilhelm Busch“, mit dem sie gleich erfolgreich durchstarten konnte. „Bei diesen Lesungen mache ich dann ein bisschen Werbung für die Schamanen“, berichtet sie lächelnd. Mittlerweile hat die Seniorin mehr als ein Dutzend Mal vor Publikum über ihr Lieblingsthema berichtet. Bei Eva Gellrich (83) findet sogar ein dritter kultureller Hausbesuch zum Thema Schamanismus statt.

Mehr als 20 Vorträge hat die 83-Jährige schon gebucht

„Das Thema fasziniert mich, auch wenn ich als absolut realistischer Mensch nicht alles dabei nachvollziehen kann“, sagt die Seniorin aus Osdorf, die sich mit mehr als 20 gebuchten Terminen selbst als „beste Kundin“ des Projekts bezeichnet. Ihr Leben lang hat die vielseitig interessierte Hamburgerin viel gelesen und Abos für die Oper, die Musikhalle und verschiedene Theater gehabt. Stark eingeschränkt beim Sehen und in der Mobilität kann sie heute keine Veranstaltungen mehr besuchen. „Für mich sind diese Hausbesuche wertvoll, weil ich mich so mit anderen austauschen und immer Neues dazulernen kann“, sagt sie. Heute demonstriert Lucie Bischof, wie die Medizinmänner und -frauen versuchen, ihr Gegenüber mit rhythmischen Klängen von Trommel oder Rassel in Trance zu versetzen. Am Ende erprobt sich Eva Gellrich sogar dabei, ein Pendel bei persönlichen Fragen zurate zu ziehen.

Das Projekt „Kultur im Koffer“ sucht weitere Botschafter genauso wie Interessenten, die eines der mehr als 40 Themen für einen Hausbesuch oder ein Seniorentreffen buchen möchten. Nur bei Gruppenveranstaltungen in nicht kirchlichen Einrichtungen wird eine Gebühr von 25 Euro dafür fällig. Diakon Hajo Witter von der Arbeitsstelle „Leben im Alter“ informiert unter Tel. 519 00 08 36 über die Ausbildung. Koordinatorin Heidrun Wörle gibt unter Tel.
519 00 08 27 genauere Infos zu den Themen und stellt den Kontakt zu den ehrenamtlichen Mitarbeitern her. Infos: www.
kultur-im-koffer-hamburg.de

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.