Unterstützung

Nachtwache am Sterbebett

Hannelore Nägele und Katrin Pott-Tiedemann arbeiten ehrenamtlich beim ambulanten Hospizdienst

Foto: Andreas Laible

Hannelore Nägele und Katrin Pott-Tiedemann arbeiten ehrenamtlich beim ambulanten Hospizdienst

Ehrenamtliche beim ambulanten Dienst im Hamburger Hospiz e. V. springen ein, um pflegende Angehörige von Todkranken zu entlasten

An ihre Gedanken und Gefühle bei der ersten nächtlichen Begleitung eines Sterbenden im März letzten Jahres kann sich Hannelore Nägele noch genau erinnern. „Auf dem Weg hatte ich Herzklopfen“, sagt die 66-jährige Ehrenamtliche, die seit vier Jahren zum Team des ambulanten Hospizberatungsdienstes im Hamburger Hospiz e. V. in Altona gehört. „Ich hatte der Anfrage spontan aus dem Bauch heraus zugesagt. Ich wusste nur, dass ein junger Mann, der an einem Hirntumor leidet, im Sterben liegt. Es war ein Notfall, weil seine Frau durch die lange Begleitung zu Hause total erschöpft war.“ In der Wohnung traf die ausgebildete Sterbebegleiterin auf Sara Herbertz (36) und ihre Freundin. Nach einer zehnminütigen Übergabe legten sich die beiden Frauen im Nebenzimmer schlafen. Und Hannelore Nägele nahm am Bett des Ehemannes, der wegen seiner Krampfanfälle mit Medikamenten sediert war, Platz. „Mich hat sehr berührt, dass mir Frau Herbertz so spontan ihren Mann anvertraut hat“, sagt sie.

Angehörige brauchen Pausen bei der Sterbebegleitung

„Angehörige, die einen schwer kranken Menschen begleiten und ihm seinen Wunsch, zu Hause zu sterben, erfüllen möchten, müssen oft über Monate funktionieren. Besonders wenn der Tag-Nacht-Rhythmus durch die Erkrankung durcheinandergerät, sind manche am Ende so ausgebrannt, dass sie auf den letzten Metern aufgeben und der Schwerkranke zum Sterben in ein Krankenhaus oder ein Hospiz überwiesen werden muss“, sagt Sven Goldbach, Geschäftsführer und Pflegedienstleiter vom „Goldbach Palliativ-PflegeTeam“, das Sara Herbertz’ Mann in der letzten Lebensphase betreut hat.

Insgesamt acht ambulante Teams aus Palliativ-Ärzten und spezialisierten Pflegekräften begleiten und versorgen in Hamburg Menschen mit einer schweren, nicht mehr heilbaren Erkrankung in ihrem Zuhause oder im Pflegeheim. Dazu kooperieren sie mit ambulanten Hospizdiensten, welche die Betroffenen und ihre Angehörigen durch ehrenamtliche Besuche entlasten.

„Wer lange pflegt, gerät genauso wie der Kranke leicht in die soziale Isolation“, sagt Sven Goldbach. In einer Großstadt ist es nicht selbstverständlich, dass Nachbarn fragen, wie sie helfen können. Sara Herbertz fühlte sich von ihrem Freundeskreis getragen. „Erst ganz am Ende konnten einige nicht mehr mit der Situation umgehen. Das fand ich menschlich“, sagt sie. „Umso kostbarer war die Unterstützung von Frau Nägele, die so viel Ruhe, Erfahrung und Liebe ausgestrahlt hat. Sie hat mir möglich gemacht, dass ich endlich wieder einmal durchschlafen und Kraft schöpfen konnte, um bis zum Ende für meinen Partner da zu sein.“

Das 2017 gestartete „Nachtwachen“-Pilotprojekt findet ausschließlich in Kooperation des Goldbach-Teams und des ambulanten Dienstes im Hamburger Hospiz e. V. in ausgewählten Notfällen statt: Sofern die Erkrankten bei Bewusstsein sind, dürfen sie weder Aggressionen noch eine Weglauftendenz zeigen. Die Angehörigen halten sich in der Regel ebenfalls am Einsatzort auf. Das Palliativteam klärt den Begleiter im Vorwege darüber auf, was in der Nacht auf ihn zukommen könnte, ist telefonisch erreichbar und kann jederzeit zur Unterstützung angefordert werden. Nach einer Einführungsveranstaltung stehen zehn Mitarbeiter für Nachtwachen zur Verfügung. Im vergangenen Jahr gab es fünf Anfragen, in drei Fällen wurde die Begleitung für eine oder zwei Nächte durchgeführt.

Katrin Pott-Tiedemann hatte ihre Ausbildung zur Hospizbegleiterin gerade abgeschlossen, als sie eine Nachtwache im Pflegeheim als ihren ersten ehrenamtlichen Einsatz übernahm. „Ich bin meinem Herzen gefolgt, hatte keine Angst, sondern Vertrauen“, sagt die 59-Jährige, die als Lebens- und Trauerbegleiterin sowie Therapeutin tätig ist. Seit dem Unfalltod ihres Mannes vor 20 Jahren hat sich die Hamburgerin intensiv mit dem Thema „Tod“ auseinandergesetzt. Mit Ulrike Schmidt (Name geändert), der Tochter der schwer kranken Seniorin, verband sie gleich eine große Wärme und Herzlichkeit. Hinter der Angehörigen lagen damals durch mehrere Erkrankungen der Mutter bereits zwei Jahre der intensiven Betreuung, in denen ihr Freunde großen Halt gegeben hatten. Als einzige Tochter hatte die 58-Jährige ihre Mutter an jedem Wochenende besucht und ihre Urlaubszeiten dafür genutzt, um die 80-Jährige zu Untersuchungen zu begleiten, ihr während der vielen Krankenhausaufenthalte zur Seite zu stehen und ihre Wohnung aufzulösen.

„Als sich der Zustand meiner Mutter dann rapide verschlechterte, waren meine Kräfte eigentlich schon am Ende“, sagt Ulrike Schmidt. „Meine Mutter drohte durch ihre Krebserkrankung zu ersticken, was für mich kaum auszuhalten war. Deshalb wollte ich auch nachts bei ihr sein. Ich habe dann in ihrem Zimmer übernachtet, aber kein Auge zugetan. Umso dankbarer war ich, als mir die Möglichkeit einer Nachtwache angeboten wurde.“

In Anwesenheit der Ehrenamtlichen schlief Ulrike Schmidt bis sechs Uhr morgens durch, während Katrin Pott-Tiedemann über die Sterbende wachte, sie streichelte, ihr die Stirn kühlte und regelmäßig den Mund befeuchtete. „Ich war einfach präsent. Es war für mich ein Geschenk, dass ich Ulrikes Wunsch nach etwas Ruhe erfüllen konnte“, sagt Katrin Pott-Tiedemann. Zwei Stunden nachdem sie das Pflegeheim verlassen hatte, schlief die alte Dame im Arm ihrer Tochter ein.

Die Dankbarkeit der Angehörigen wirkt lange nach

Für die beiden Angehörigen wirkt die Erfahrung, dass sie in größter Not Beistand von einem fremden Menschen bekommen haben, bis heute wie ein Licht in der Trauer nach. Und auch die Ehrenamtlichen sind noch nach Monaten von der Wertschätzung und Dankbarkeit, die sie im Rahmen der Nachtwache erfahren haben, erfüllt. „Ich weiß jetzt, dass ich mit meinem Ehrenamt am richtigen Platz bin“, sagt Katrin Pott-Tiedemann. Sie ist sich mit ihrer Kollegin Hannelore Nägele einig: „Ich würde jederzeit wieder eine Nachtwache am Sterbebett übernehmen.“

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