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„Traumjob“ gegen die Armut

Kristin Alheit, neue Chefin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, will dafür sorgen, dass niemand unter die Räder kommt. Was sie praktisch schon ihr Leben lang tut.Von Jan Haarmeyer

Die Lebenswirklichkeiten in Hamburg?“ Kristin Alheit überlegt einen Moment. „Die sind sehr unterschiedlich“, sagt sie schließlich. Ja, es stimme schon, Hamburg sei eine reiche Stadt. „Aber der Reichtum ist natürlich nicht gleich verteilt.“ Und genau darauf will sie in den nächsten Jahren aufpassen – „dass niemand weiter abgehängt wird, sondern dass es den Menschen besser geht.“

Parität ist das Stichwort. Lateinisch paritas. Also Gleichheit. Seit 100 Tagen ist Kristin Alheit nun quasi auch von Amts wegen für die Gleichheit in der Stadt zuständig. Als neue Chefin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Wie will sie für Gleichheit sorgen? Als ständige Mahnerin, wenn es um soziale Missstände in der reichen Stadt geht? „Auf die Tonne zu hauen, das ist keine Aufgabe für die ersten 100 Tage“, sagt die Mutter von zwei Söhnen, 19 und elf Jahre alt, die vor 50 Jahren in Kassel geboren wurde.

Wie würde sie einem Kind erklären, was sie genau tut? „Ich kümmere mich darum, dass sich die Menschen in dieser Stadt wohlfühlen“, sagt sie. Wohlfahrt sei ja ein ziemlich altertümliches Wortungetüm. „Etwas verstaubt, dabei ist dieser Begriff für alle Menschen doch von entscheidender Bedeutung.“

Also: Was brauchen die Menschen, um sich in Hamburg wohlzufühlen? Kristin Alheit hat vor allem die Kinder und die alten Leute im Blick, die Jugendlichen und die Flüchtlinge, die Menschen mit Handicap und die ständig zunehmende Zahl von Frauen, die nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten wollen oder auch müssen und ihr Kind gleichzeitig bestens aufgehoben wissen wollen. Laut aktuellen Zahlen wurden 2016 in Hamburg 10.633 (57,5 Prozent) Einjährige in der Krippe betreut.

Und sie steht mit dem Verband auch hilfreich zur Seite, wenn „die erwachsenen Kinder“ mit 40, 50 oder 60 Jahren plötzlich damit konfrontiert werden, dass ihre Eltern gepflegt werden müssen. Für all diese Menschen sei der Paritätische mit seinen Hilfsangeboten „ein Sammelbecken sehr unterschiedlicher sozialer Einrichtungen“.

Ganz genau sind es derzeit 384 Mitgliedsorganisationen aus allen Bereichen der sozialen Arbeit. In ihren rund 1000 Einrichtungen sind 8000 ehrenamtliche und 19.000 hauptamtliche Mitarbeiter tätig. Damit gehört der Paritätische zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt und dem Deutschen Roten Kreuz sowie den beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbänden Diakonie und Caritas zu den fünf Großen. Deshalb wurde der Paritätische auch 1924 unter dem Namen „Fünfter Wohlfahrtsverband“ gegründet. 1934 lösten die Nationalsozialisten die Organisation auf, 1948 gründete sie sich als Landesverband Hamburg wieder. In der Satzung heißt es eher trocken: Der Verband hat eine Funktion als sozialer Anwalt für sozial Benachteiligte, als Fachberater für Information und Weiterbildung der Mitgliedsverbände und als Gestalter des Sozialstaats durch Einflussnahme auf Politik und Verwaltung. Die Grundprinzipien: Offenheit, Vielfalt und Toleranz. Der Gedanke der Gleichheit aller – der Parität – kennzeichnet das Selbstverständnis.

Wenn man so will, hat Kristin Alheit gerade einen klassischen Seitenwechsel vollzogen. Jahrelang stellte sie nämlich als Politikerin die finanziellen Mittel bereit, um „Dinge in der Gesellschaft zum Besseren zu verändern“. Vier Jahre lang als Bürgermeisterin in Pinneberg, danach fünf Jahre als Sozialministerin in Schleswig-Holstein. Dort hat sie sich auch um die bessere Ausstattung von Kitas bemüht. „Da hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr viel getan“, sagt sie. In Schleswig-Holstein habe sie nicht ein einziges Mal ernsthaft darüber diskutieren müssen, ob die Kita auch eine Bildungseinrichtung sei. Sie hat auch gleich ein Beispiel in eigener Sache. „Ich selbst habe, als mein zweiter Sohn noch in die Kita gegangen ist, sehr viel über das Sonnensystem und über die Dinosaurier gelernt“, sagt sie und lacht laut.

Sie lacht sehr oft während des Gesprächs. Die rund 60 Mitarbeiter des Paritätischen, so scheint es, haben eine ziemlich fröhliche und lebhafte Chefin bekommen. Hat sie jetzt ihren Traumjob gefunden? „Es klingt vielleicht merkwürdig“, sagt sie, „aber für mich war tatsächlich bisher jede meiner ja ganz unterschiedlichen Tätigkeiten, die ich ausüben durfte, ein Traumjob. Und auch meine Arbeit jetzt beim Paritätischen gehört für mich zu 100 Prozent dazu.“ Nach 50 Jahren ist wieder eine Frau in der Geschäftsführung. „Eine erfreuliche Entwicklung, dass immer mehr Frauen in Führungspositionen arbeiten.“

Kristin Alheit hat sich für diesen Job ganz klassisch beworben, nachdem die SPD-Regierung in Kiel im vergangenen Jahr abgewählt worden war und sie erst einmal arbeitslos wurde. Sie sagt zwar, sie habe keinen beruflichen Lebensplan, der nun genau auf diesen Job hinausgelaufen sei. Aber sich für andere einzusetzen und darauf aufzupassen, dass niemand ausgegrenzt wird, das habe sie schon ihr ganzes Leben lang gemacht. Als Klassensprecherin, als Schulsprecherin, als Studentenvertreterin. „Ich habe mich immer engagiert und gefragt: Was kann ich tun, damit niemand auf der Strecke bleibt?“

Ab 2008 war sie Pinneberger Bürgermeisterin

Ein bisschen ist ihr das sicherlich auch schon in die Wiege gelegt worden. Der Vater Professor der Soziologie, die Mutter Sozialpädagogin, die Großmutter evangelisch-religiös. „In meiner Familie gab es immer eine klare Haltung zur Gerechtigkeit und zu einem gesellschaftlichen Miteinander.“

Wem hat sie am meisten zu verdanken? „Ich hatte immer das große Glück, dass es unterschiedliche Menschen gab, die mich in meinem Leben und auch bei meinen beruflichen Stationen gefördert und begleitet haben“, sagt Kristin Alheit, die nach dem Abitur Jura in Bremen und Frankfurt studiert hat und danach als Anwältin in eine Frankfurter Notar- und Rechtsanwaltskanzlei eintrat. „Dadurch ist im Laufe der Zeit ein sehr breites Netz entstanden, auf das ich mich verlassen und in das ich mittlerweile auch meine Stärken einbringen kann.“

Vor 20 Jahren ist sie nach Hamburg gezogen, arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin und engagierte sich als Referentin in der Finanzbehörde für die Modernisierung der Verwaltung.

Bereits mit 22 Jahren ist Kristin Alheit in die SPD eingetreten, sie saß als junge Abgeordnete im Stadtparlament von Kronberg im Taunus und wurde mit 30 Jahren Referatsleiterin beim hessischen Finanzminister Karl Starzacher. In Hamburg war sie als zugewählte Bürgerin ehrenamtlich in der Altonaer Bezirksversammlung tätig, bevor sie 2008 Bürgermeisterin in Pinneberg wurde.

Was würde sie als Erstes tun, wenn sie einen Tag lang Bürgermeisterin von Hamburg wäre? „Als ehemalige Bürgermeisterin von Pinneberg weiß ich, dass auch Bürgermeister an einem Tag die Welt allein nicht verändern können. Ich würde mich aber dafür einsetzen, dass mehr Verantwortliche aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft einen Seitenwechsel in den Sozialbereich wagen“, sagt sie. „Wer wenigstens mal einen Tag lang den Alltag einer Pflegekraft in einer Seniorenunterkunft oder einer Erzieherin in einer Kita hautnah miterlebt hat, der lässt den Berufen im sozialen Bereich vielleicht in Zukunft stärker die Anerkennung zukommen, die sie auch verdienen.“

Ihr großer Vorteil im neuen Amt liegt auch darin, dass sie sehr genau weiß, wie man Projekte anschiebt. Wen man ansprechen muss, wie man Vorurteile abbaut, wie die Sachen schließlich finanziert werden können. Ist damit ein erneuter Seitenwechsel, also eine Rückkehr in die Politik, ausgeschlossen? „Ich habe hier wieder eine neue berufliche und vor allem sehr spannende Herausforderung gefunden, auf die ich mich voll konzentriere und die mich 24 Stunden am Tag ausfüllt“, sagt Kristin Alheit, die Entspannung beim Laufen findet. „Und auch die Arbeit in meinem kleinen Garten entspannt mich sehr. Und wenn ich mit meinem elfjährigen Sohn Französischvokabeln lerne, kann ich ebenfalls super abschalten und bin dann ganz bei der Sache.“

Wie sieht sie ihre zukünftige Rolle als Chefin dieses großen Wohlfahrtsverbands in Hamburg? Wie laut wird sie werden, um den Verantwortlichen in der Politik die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich vor Augen zu halten? „Keiner der Bereiche, um die wir uns kümmern, darf unter die Räder kommen“, sagt sie. Dafür brauche es eine starke Vertretung, eine kräftige Stimme und manchmal auch mahnende Worte.

Für ein verbales Dauerfeuer aber, mit dem sie permanent und auf allen Kanälen die Missstände in der Stadt anprangert, steht Kristin Alheit eher nicht zur Verfügung. „Ich hoffe, dass ich immer zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Dinge sage“, sagt sie und lacht wieder. Sie wird wohl eher auf dem kurzen Dienstweg agieren. „So ein richtiges Lebensmotto habe ich eigentlich nicht“, sagt sie. „Aber ich bin schon so ein Typ, der gern Dinge verändert und gemeinsam einfach loslegt. Wenn es denn also ein Motto für mich geben würde, dann so etwas wie ,Packen wir’s an‘.“

Nächste Woche: Marion Bönsch, Geschäftsführerin der Shell Deutschland Oil GmbH

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