Hilfe

Scheidung – wie Kindern und Eltern geholfen wird

Berater des Treffpunkts für Alleinerziehende : Christine Meier , Barbara Keitel und Enno Borchers    (v.l.)

Foto: Michael Rauhe

Berater des Treffpunkts für Alleinerziehende : Christine Meier , Barbara Keitel und Enno Borchers (v.l.) Foto: Michael Rauhe

Eine Trennung ist schmerzhaft. Gute Unterstützung für die ganze Familie bietet der Alleinerziehenden Treffpunkt und Beratung e. V.

Manchmal ist die Trennung einer Partnerschaft unvermeidlich und für alle Seiten, vor allem jedoch für die Kinder, schmerzhaft. Der Alleinerziehenden Treffpunkt und Beratung e. V. (ATB) hilft Familien bei allen Fragen rund um die Scheidung – davor und auch danach. Es gibt Sprechstunden und Gruppen, die sowohl Schwangere, Eltern als auch Kinder stabilisieren und stärken sollen. Geleitet wird der Verein von der Psychologin und Familientherapeutin Barbara Keitel, die Sozial- und Schwangerenberatung übernimmt Christine Meier. Zum Team gehört zudem Enno Borchers, der für die Kinder da ist.

Was raten Sie Eltern, wie sie ihre Kinder auf die Trennung am besten vorbereiten können?

Barbara Keitel: Wir raten dazu, dass die Eltern mit den Kindern ein gemeinsames Gespräch führen, einen gleichen Grund für die Trennung nennen und den Kindern auch schon möglichst klar die Folgen der Trennung aufzeigen. Also ihnen sagen, wo sie überwiegend wohnen, aber auch, dass sie nach wie vor den anderen Elternteil regelmäßig sehen werden. Die Kinder sollen nicht in eine noch größere Unsicherheit durch unklare Entscheidungen kommen. Kinder selbst entscheiden zu lassen, bei wem sie bleiben möchten, ist eine totale Überforderung, weil sie beide Elternteile lieb haben und keinem einem Absage erteilen möchten.

Wie können ehemalige Paare es schaffen, trotz aller Streitereien gute Eltern zu bleiben?

Keitel: Die Eltern müssen üben und lernen, die Paarebene von der Elternebene zu trennen. Auf der Paarebene sind sie als Mann und Frau gescheitert, aber als Eltern müssen sie dennoch künftig kooperieren. Und das fällt vielen schwer.

Kann man das Kooperieren bei Ihnen lernen?

Keitel: Ja, wir bieten hier ein Elterntraining mit dem Namen „Kinder im Blick“ an. Daran nehmen die Eltern in getrennten Gruppen teil und üben eine neue, bessere Art von Kommunikation miteinander ein. Sie trainieren, wie sie alte Verhaltensmuster durchbrechen können und nicht mehr auf bestimmte Reizsätze reagieren. Das geht auch mit nur einem Elternteil, falls der andere dazu nicht bereit ist.

Was sind die größten und häufigsten Probleme von Alleinerziehenden?

Christine Meier: Für viele ist eine Trennung eine große Krise, es ist der Zusammenbruch ihrer Lebensordnung. Gleichzeitig müssen die Eltern aber stark für ihre Kinder sein. In dieser Situation versuchen wir, die Eltern zu stärken und zu stützen. Wir helfen ihnen, sich zu sortieren, was sie jetzt Schritt für Schritt anpacken müssen. Ein großes Problem ist die Wohnungssuche. Und natürlich kommen Existenzängste hoch, wir beraten viel zum Unterhalts- und Sorgerecht.

Welches Betreuungsmodell ist Ihrer Erfahrung nach das beste für das Kind?

Keitel: Da muss man sehr individuell hinschauen, da gibt es kein Ideal. Wenn beide Eltern gut für das Kind sind, dann können sie sich die Erziehungsarbeit hälftig teilen. Bei sehr kleinen Kindern muss man schauen, ob sie häufige Wechsel gut aushalten können und zwei Lebensmittelpunkte tolerieren. Manche Kinder brauchen mehr Struktur, andere sind flexibler.

Warum geraten viele Alleinerziehende in finanzielle Not?

Meier: Es ist teurer, allein zu leben, als als Paar. Häufiger Grund der Not ist, dass die Trennung schon während der Schwangerschaft oder Elternzeit eintritt, wenn das Geld bereits knapp ist. Viele Frauen verzichten auch später auf Vollzeitarbeit oder haben keine Ausbildung und es ist oft auch schwerer für sie, den beruflichen Anschluss zu finden. Zudem fließen häufig keine Unterhaltszahlungen, weil die Väter selber arm sind oder eine weitere Familie haben. Da geben wir dann Tipps, wie sie Gelder, die ihnen zustehen, einfordern können.

Raten Sie Frauen ab von Teilzeitarbeit, um nicht in die Armutsfalle zu geraten?

Meier: Das ist vor allem bei kleinen Kindern ein zweischneidiges Schwert. Frauen haben jahrzehntelang dafür gekämpft, dass es eine Elternzeit gibt, und viele Mütter möchten die ganz Kleinen nicht schon so früh in eine Fremdbetreuung geben, denn die Zeit mit ihnen kommt ja nicht wieder. Leider kommen sie oft erst zu uns, wenn man an ihrer Lebenssituation wenig ändern kann.

Keitel: Zum Glück setzt sich in der Gesellschaft langsam das Lebensmodell durch, bei dem auch der Vater beruflich etwas zurücksteckt. Das wird gern von den Gerichten gesehen, allerdings müssten die Väter auch mehr gefordert werden, meiner Meinung nach. Leider hängt die Arbeitswelt noch etwas hinterher, viele Väter, die weniger arbeiten möchten, können es nicht, weil ihre Arbeitgeber das nicht tolerieren.

Wie können sich Alleinerziehende vor einer Überforderung schützen?

Keitel: Diese Mütter können sich zum Beispiel Hilfe von außen holen, wir vermitteln auch Patenprojekte. Genauso können sie Kontakt zu den Großeltern intensivieren. Und sich vernetzen, zum Beispiel bei unseren regelmäßig stattfindenden Treffpunkten. Da können Alleinerziehende andere Frauen kennenlernen, mit denen sie gemeinsam eine Betreuung organisieren könnten oder sich gegenseitig die Kinder mal abnehmen. Denn Isolation ist oft nach einer Trennung ein riesiges Problem, weil der alte Freundeskreis wegbricht.

Was belastet die Kinder von Alleinerziehenden am meisten?

Keitel: Je kleiner die Kinder sind, umso mehr suchen sie die Schuld bei sich. Viele sind unsicher, ob sie den Kontakt zum anderen Elternteil verlieren. Anhaltende Feindseligkeiten zwischen den Eltern im Verlauf der Trennung sind das Hauptproblem für die Kinder – wenn sie spüren, dass die Eltern die Dinge nicht gut für sie regeln können. Das ist für Kinder schwer auszuhalten und zu ertragen. Denn Kinder lieben beide Eltern und möchten nicht, dass einer schlecht über den anderen redet.

Wie helfen Sie Kindern und Jugendlichen bei der Bewältigung?

Keitel: Wir haben Kindertrennungsgruppen für Sechs- bis Elfjährige, dort können Jungen und Mädchen sich mit Gleichbetroffenen austauschen und erhalten durch Einheiten, die aufeinander aufbauen, ein stärkendes Gerüst, um besser mit der Trennung umzugehen und sich auch in der Familie aktiver einzubringen. Wir bieten danach auch Einzelgespräche für sie an. Gleichzeitig arbeiten wir mit den Eltern, damit auch sie ihr Kind stärken können. Den Fokus immer auf den Kindern zu haben – das ist das Wichtigste!

Kontakt und Infos: ATB, Güntherstraße 102,Tel. 250 11 84, E-Mail: atb-hamburg@t-online.de, www.atb-hamburg.de. Es gibt dort auch einen Secondhand-Kinderkleidershop

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.