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Pur, stur – und glücklich

Michy Reincke, Musiker und Talentförderer, ist trotz seines großen Hits „Taxi nach Paris“ nicht reich geworden. Aber er ist bei sich selbst geblieben. Und das ist ihm mehr wert. Von Peter Wenig

Der Ingwer-Tee dampft in der Tasse, die Einladung zu einem Stück Kuchen lehnt Michy Reincke dankend ab. Zum Termin mit dem Abendblatt im Literaturhauscafé ist er zu Fuß gekommen, sind ja auch nur 15 Minuten. Vernünftig. Und doch schade: Wenn Michy Reincke aus einem Taxi gestiegen wäre – einen besseren Einstieg hätte es für diese Geschichte nicht geben können.

1984. Helmut Kohl regiert das Land, Niki Lauda wird Formel-1-Weltmeister, mit Sat.1 startet der erste deutsche Privatfernsehsender. Und ein Lied dröhnt bei jeder Fete in der norddeutschen Tiefebene aus den Boxen. „Mit einem Taxi nach Paris, nur für einen Tag. Mit einem Taxi nach Paris, weil ich Paris nun mal so mag.“ Was für eine Geschichte: Ein Barmbeker Jung, der sich mit 15 selbst das Gitarrespielen beibringt, der in den Schulferien quer durch Europa trampt, um in Fußgängerzonen Bob-Dylan-Lieder zu singen, schreibt mit Mitte 20 einen Song, der zum Soundtrack einer Generation gehört.

Das „Taxi nach Paris“ sollte ganz anders heißen

33 Jahre später kippt Michy Reincke, inzwischen 58 Jahre alt, Honig in seinen Ingwertee und sagt: „Dieses Lied ist mir einfach so zugeflogen.“ Und eigentlich sollte es ganz anders heißen: „Ich traf Joe Strummer in Paris.“ Reincke lacht, als er in das verständnislose Gesicht des Abendblatt-Reporters blickt. Genauso hätten ihn damals auch seine Bandkollegen angeschaut, als er mit der Songidee im Probenraum erschien.

Wieso Joe Strummer, der 2002 verstorbene Sänger der britischen Punkband The Clash? Und wieso Paris? Michy Reincke klärt auf: „Joe Strummer war damals von der Bildfläche verschwunden, unmittelbar vor einer Tournee. Überall wurde er gesucht. Schließlich stellte sich heraus, dass er in Paris inkognito den Marathon gelaufen war. Ich fand es charmant.“ Dass ihn damals die Kollegen überzeugten, den Refrain noch einmal zu überdenken, zählt zu den glücklichen Zufällen in Reinckes Leben. Die Idee zum echten Titel entstand am selben Abend, als Reincke von einem Kiezbummel zurück nach Barmbek fuhr. Mit einem Taxi. Diese Geschichte ist typisch für seinen Weg. Keine Karriere, die Marketingstrategen für eine Castingshow ausklügelten. Sondern eine Laufbahn auf eigenen Pfaden. Mal hinauf. Und mal wieder hinab. Noch heute schreiben ihn Fans mit „lieber Felix“ an. Felix De Luxe, so taufte Reincke seine Band in den 1980er-Jahren. Auch so eine Geschichte. Reincke wollte als Altsprachler den Künstlernamen „Felix“, also der Glückliche, die Plattenfirma bestand auf dem Zusatz „MS“, schließlich kreuzte das „Traumschiff“ als TV-Quotengarant durch die Weltmeere. Showmaster Michael Schanze versprach sich bei einer Ansage: „Hier kommt die Band MX Felix“ – plötzlich führte Reincke eine Band glücklicher US-Atomraketen an. Der Zusatz „De ­Luxe“ entstand beim Blick auf den Toaster „Rowenta de luxe“ in Reinckes Haushalt.

Jahrzehnte her. Und doch prägend für den Wunsch, sein eigenes Ding zu machen. Reincke gründete seine Plattenfirma Rintintin. Als Studio diente seine Altbauwohnung in Barmbek-Süd, dritte Etage, Aufzug. Schulfreund Stefan Gwildis jazzte hier mit den Strombolis zwischen selbst gebastelten Styroporquadern, immer nur tagsüber, um die Nachbarn nicht zu stören. Auch Anna Depenbusch und das Folk-Duo Fjarill startete ihre Karrieren bei Rintintin.

Zumindest im norddeutschen Raum große Namen. Große Kasse hat Michy Reincke dennoch nicht gemacht, im Gegenteil: Manche Produktionen waren ein Zuschussgeschäft. Die Unabhängigkeit hat ihren Preis. Wenn Reincke selbst eine neue CD produziert, finanziert kein Konzern die Produktion, geschweige denn gibt einen Vorschuss. Keine PR-Strategen organisieren Interviews, entwerfen Werbekampagnen, buchen Konzerthallen oder planen Fernsehauftritte. Rintintin besteht nur aus Reincke und seiner Frau Yvonne Paulien, die sich auch für andere Künstler um Promotion und Tournee-Organisation kümmert.

Im Herbst wird Reinckes neues Album erscheinen. „Ein Geschenk für meine Fans“, sagt er. Was wie eine der üblichen Sprachstanzen im Musikbusiness klingt, hat bei Reincke einen sehr realen wirtschaftlichen Hintergrund. Er produziert seine Alben aufwendig, feilt wochenlang an den Arrangements. Und das in einer Branche, in der die CD-Verkäufe seit Jahren zurückgehen. Und wo die sogenannten Streamingdienste, also das Hören von Songs im Internet auf Abo-Basis, nur den Superstars noch ansprechende Honorare bescheren.

„Bei den aktuellen Absatzzahlen müsste jede CD fast 150 Euro kosten. Und um die Kosten für eine Produktion aus Streaming-Erlösen aufzubringen bräuchte ich 100 Millionen Streams“, rechnet Reincke vor. Seit Jahren legt er Einkünfte aus seinen Konzerten für die Produktion seiner Alben zurück.

Reincke beklagt das nicht, mit einer Opferrolle kann er nichts anfangen. Dafür schätzt er viel zu sehr seine Unabhängigkeit. Seine Lieder haben Titel wie „Sie begegnete mir auf die gleiche Art, wie der Blitz in einen Baum einschlägt“, was ihm jede Plattenfirma mit Blick auf die eng getakteten Ansagen im werbefinanzierten Radio ausreden würde. Reincke kümmert das nicht: „Mir machen ungewöhnliche Sätze Spaß.“ Und da vieles schon auf schlichte Weise gesagt sei, benötige man manchmal eben ein paar Worte mehr.

Wer daran klebe, die Qualität seiner eigenen Arbeit an Verkaufszahlen festzumachen, habe den geistigen und seelischen Nutzen von Kultur ohnehin nicht verstanden: „Unsere Gesellschaft hätte so viele kreative und heilende Kräfte, wenn sie nicht die ausbeuterischen Prinzipien des Neoliberalismus auf Kultur anwenden würde. Ich weiß genug von Musik und Worten, um einschätzen zu können, wie gut das ist, was ich tue. Um weiterzumachen, brauche ich keine Hitparaden.“

Was Reincke allerdings erwartet, ist Respekt. Als das Abendblatt vor Jahren in einer – eigentlich wohlwollenden – Konzertkritik schrieb, Reincke bitte Jahr für Jahr eine älter werdende Generation zum Nostalgie-Trip ins „Taxi nach Paris“, fühlte sich der Musiker zutiefst gekränkt. Warum reduziere der Kritiker sein Schaffen allein auf seinen größten Hit? Warum setze er sich nicht ernsthaft mit seinem neuen Album auseinander? Warum sei dem Abendblatt die Künstlerin im Vorprogramm nicht eine Zeile wert gewesen? Um sich überhaupt noch zu einem klärenden Gespräch mit dem Redakteur zu treffen, bedurfte es schon vieler Überredungskünste seiner Frau.

Hasko Witte, der vor allem Klassik-Künstler berät, nennt Reincke einen der „gradlinigsten Menschen, der mir je begegnet ist“. Reincke habe einen ausgeprägten Dickkopf, lasse sich nichts gefallen: „Aber wenn er sich für eine Sache begeistern kann, läuft er so heiß, dass sich andere an ihm verbrennen können.“

Witte, Reincke und Yvonne Paulien erfanden 2004 die Lausch Lounge, eine Veranstaltungsreihe, um jungen Künstlern der Metropolregion eine Chance zu geben. Mitunter gab es bis zu 15 Konzerte im Jahr, ein Kraftakt für die ehrenamtlichen Organisatoren – die Einnahmen wurden an die Künstler verteilt. „Es geht nicht darum, wer am besten irgendwelche Chart-Songs nachsingen kann. Bei uns gibt es Künstler mit einer eigenen Haltung, mit Humor und mit einer Qualität an Liedern, die uns klüger und sensibler machen können“, sagt Reincke.

Dass es 2017 keine Lausch Lounge gab, hat einen schlichten Grund. Reincke ist nur noch selten in Hamburg, mit seiner Frau lebt er inzwischen den größten Teil des Jahres auf einem Bauernhof im andalusischen Ronda mit Pferdestall und einem Hektar Land – und dennoch günstiger als in einer Dreizimmermietwohnung in Winterhude. Reincke liebt die Sonne, das Licht und das entspannte Leben auf dem Land. Die Ruhe, sagt er, tue ihm gut. Ab und an schauen Weggefährten vorbei, machen mit ihm Musik im neu eingerichteten Studio. Vielleicht gibt es 2018 auch eine Neuauflage der Lausch Lounge in der Hauptkirche St. Katharinen, Hasko Witte peilt dies jedenfalls fest an.

Wer ihn live hören will, muss hin, Mitschnitte gibt es nicht

Reinckes erste Auftritte im neuen Jahr stehen fest. Nach dem Konzert am 9. Februar im Harburger Rieckhof geht es im Mai nach Sylt, Weimar, Buchholz, Magdeburg und Kiel. Kurz vor Weihnachten wird er wieder im Tivoli gastieren, wie immer werden seine drei Konzerte dort Monate vorher ausverkauft sein. Wer ihn live hören will, muss sich schon ein Ticket kaufen, Reincke, auch da ist er stur, verweigert sich dem Verkauf von Konzertmitschnitten. Sie genügen nicht seinen Qualitätsansprüchen.

Reincke freut sich genau wie vor mehr als drei Jahrzehnten auf den Kontakt mit seinem Publikum. „Glücklich, glücklich“ heißt eines seiner Lieder, die er auf der aktuellen Tour spielt. Das passt. Für sein Lebensglück, sagt er, brauche er weder ein dickes Auto noch ein großes Bankguthaben. „Ich liebe und ich werde geliebt“, sagt er über seine Ehe. Er könne von seiner Leidenschaft leben, in Andalusien inmitten der Natur. Was, bitte, wolle mal noch mehr.

Nach eineinhalb Stunden Gespräch im Literaturcafé verabschiedet sich Michy Reincke. Er geht zu Fuß nach Hause in seine Wohnung in Barmbek-Süd. Für seinen Weg braucht er kein Taxi.

Nächste Woche: Jens Weidner, Management-Trainer, Aggressionsexperte und Optimist