Selbsthilfe

Wenn Unordnung krankhaft wird

Lesedauer: 6 Minuten
Ann-Britt Petersen
Unordnung kann belastend sein

Unordnung kann belastend sein

Foto: getty/istockphoto

Wer unter dem Messie-Syndrom leidet, dem ist mit der Parole „Räum mal auf“ nicht geholfen. Denn die Gründe dafür sitzen tief

Christine D. (59) sammelt Dinge. Sachen, die man noch mal gebrauchen könnte, denkt sie. Egal ob Pappkartons oder Joghurtbecher, Bücher oder Kleidung – sie hortet alles, was ihr in die Finger gerät. „Wenn etwas erst mal bei mir ist, kann ich mich nicht mehr davon trennen“, sagt die gelernte Heilerziehungspflegerin. In der Wohnung der zierlichen Frau stapeln sich Berge von Kartons, Klamotten und diversen Gegenständen bis fast unter die Decke.

Auch die Wohnung von Horst W. (66) steht voll mit technischen Geräten. „Ich wurde schon gefragt, ob ich ein Computermuseum aufmachen will“, sagt er. Für ihn ist das kein Witz. Das Sammeln gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit, für den Fall der Fälle hat er immer ein Gerät in Reserve, auch wenn es nicht mehr richtig funktioniert. Jetzt hat er Ärger mit seinem Vermieter. „Die Fenster und Heizungsventile in der Wohnung müssen frei zugänglich sein, das geht bei mir nicht“, sagt Horst W.

In der Wohnung von Ulrike Z. (57) gibt es sehr aufgeräumte Ecken, aber auch einige unsortierte Stapel. Die bereiten ihr Sorgen. Es sind hauptsächlich ausrangierte Spielsachen ihrer inzwischen erwachsenen Kinder, zum Teil verpackt in Kisten und Taschen. „Ich würde sie gerne wegräumen, die Unordnung ist mir peinlich. Aber ich müsste die Sachen erst durchsehen und dazu kann ich mich nicht überwinden“, sagt die fünffache Mutter.

Alle drei sind Teilnehmer einer Hamburger Selbsthilfegruppe für Menschen mit dem Messie-Syndrom. Der Begriff entstand aus dem englischen Wort Mess, das übersetzt Chaos, Unordnung bedeutet. Als Messies werden Menschen bezeichnet, denen es schwerfällt, sich zu organisieren, ihre Wohnung in Ordnung zu halten oder Alltagsverpflichtungen nachzukommen.

Die meisten Messies sind im Beruf sehr strukturiert

Medizinisch ist das Syndrom schwer einzuordnen. Rainer Rehberger, Facharzt für Psychotherapeutische und Innere Medizin, beschreibt es als eine vielschichtige und tiefgreifende Störung, die mit Symptomen von Zwang, Sucht, Depressionen, Ängsten und Scham verbunden sein kann.

Das Syndrom zeigt sich auf sehr unterschiedliche und widersprüchliche Weise. „Viele Messies sind äußerlich unauffällig und ihre Wohnungen nicht so vermüllt, wie es oft dargestellt wird“, sagt Janice Pinnow, Gründerin und Vorsitzende von Melano, dem Landesverband der Messies im norddeutschen Raum und selbst betroffen. Die meisten Messies seien sogar sehr strukturiert in ihrem Beruf, lebten aber privat im Chaos. „Bei manchen ist es nur ein voll beladener Schreibtisch, ein Schrank oder der Keller in einem ansonsten aufgeräumten Umfeld“, sagt Pinnow. Im Unterschied zu anderen Menschen mit Sammelleidenschaft leiden Messies unter ihrem Verhalten. „Sie schämen sich dafür und würden es gerne ändern, aber mit ihrem Willen allein schaffen sie es nicht“, sagt Pinnow. Etwas in ihnen sperrt sich dagegen.

Das erlebte auch Christine D. Sie dachte lange, sie sei einfach nur unordentlich. Dass das immer größer werdende Chaos in ihrer Wohnung mit ihrem inneren Chaos zusammenhängt, erkannte sie lange nicht. Sie merkte, dass sich in ihr großer Widerstand regte, wenn ihr Partner aufräumen wollte. „Das habe ich als übergriffig erlebt, als Zwang und mich innerlich dagegen verweigert“, sagt Christine D. Als ihr Partner sie verließ, wurde das Sammeln noch schlimmer. In einer Therapie wegen anderer psychischer Probleme hatte sich schon herausgestellt, dass sie eine früh entwickelte Bindungsstörung hat. „Nach meiner Geburt wurde meine Mutter krank und ich lebte bei verschiedenen Pflegemüttern. Ich lernte, mich früh an verschiedene Menschen anzupassen, aber eine zuverlässige Bindung zu einer Mutter fand ich nie“, sagt sie. Daraus entstand tiefe Verunsicherung. Dass das auch mit ihrem äußeren Chaos zu tun hat, erkannte sie erst bei der Beschäftigung mit dem Thema Messie.

„Oft führen Entwicklungstraumen in der Kindheit dazu, dass sich Betroffene an Gegenstände binden, weil sie mit der Bindung an Menschen so schlechte Erfahrungen gemacht haben“, sagt Janice Pinnow. Es ist ein unbewusster Versuch, sich zu helfen. Das erkläre auch, warum die Menschen die Dinge nicht wegwerfen könnten. „Wenn eine kaputte Vase für die Beziehung zu meiner Mutter steht und jemand diese wegwirft, dann ist das, als brächte er meine Mutter um“, sagt sie.

Auch wenn diese Verbindung für einen Außenstehenden irrational wirkt, ist sie für den Betroffenen auf der Gefühlsebene vorhanden. Deswegen bringt es nichts, wenn andere das Chaos aufräumen. Denn das innere Chaos bleibt bestehen. „In Extremfällen ist es schon zu Selbstmorden gekommen, weil die Wohnung auf einmal leer war oder weil der Betroffene das Gefühl hatte, aus seiner gefühlten aussichtslosen Lage nicht mehr herauszukommen“, sagt Janice Pinnow. Helfen könnte eine Körper -Psychotherapie für Bindungsstörungen und Enteicklungstraumata. Das sei ein langjähriger Prozess, in dem der Betroffene daran arbeite, eine tragfähige Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen.Ratgeber zum besseren Aufräumen brächten dagegen nichts, so Pinnow.

„Besonders schwer ist die Situation für Angehörige“, weiß Christine D. „Sie sollten Betroffene nicht gängeln, denn mit Druck erreichen sie eher das Gegenteil“, sagt sie. Hilfreicher sei es, den Betroffenen, Wertschätzung und Zuverlässigkeit zu signalisieren, aber auch die eigenen Grenzen wahrzunehmen. Und auch die Selbsthilfegruppe ist wichtig. Sie ist ein Schritt heraus aus der Isolation. „Es hilft zu sehen, dass man nicht allein ist mit dem Problem“, sagt Ulrike Z. Obwohl sie weiß, dass die angesammelten Spielsachen für das Kind stehen, das sie vor vielen Jahren verloren hat, fällt es ihr noch immer schwer, sie auszusortieren. „Inzwischen verspüre ich manchmal einen Schub, mich von Sachen zu trennen“, sagt sie. Dem Impuls folgt sie dann sofort, bevor die Angst vor dem Loslassen wieder aufsteigt.

Informationen zum Messie-Syndrom:
Verband Melano, Tel. 04131/720 73 65, www.messie-syndrom.de Selbsthilfegruppen: Kiss Hamburg,
Tel. 39 57 67, www.kiss-hh.deLiteratur: Rainer Rehberger, „Selbsthilfe für Messies“, Fachratgeber Klett-Cotta, 18 Euro