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Endlich ein Zuhause

Im SOS-Kinderdorf lernt Miriam Opresnik Mädchen und Jungen kennen, die sich endlich einmal geborgen fühlen können. Ein Besuch, der nachdenklich macht und demütig

Es begab sich aber zu der Zeit, dass einige Kinder im Land, welches zu einem der reichsten der Welt zählte, nicht bei ihren Eltern leben konnten. Oder durften. Weil ein Amt entschieden hatte, dass sich die Eltern nicht gut um ihre Kinder kümmerten. Sie vernachlässigten. Schlugen. Misshandelten. Oder ihnen noch Schlimmeres antaten.

Mit diesen Worten könnte diese Geschichte anfangen. Doch es sind Worte, die einen falschen Eindruck suggerieren. Die einen glauben lassen, dass alles spiele weit weg, vor langer Zeit. Sei längst vorbei. Vergangen. Vergessen. Doch das ist es nicht. Denn all das passiert genau jetzt. Heute. Hier.

Noch während ich die Worte schreibe, muss ich eine Pause machen. Immer wieder aufhören, neu ansetzen. Weil es fast unmöglich ist, die richtigen Worte zu finden. Zu beschreiben, was die Kinder erlebt haben, wie sie damit umgehen – und was das alles mit einem selbst macht. Wie es die eigene Sicht auf die Welt verändert. Auf „Probleme“, die hier so nichtig werden, dass man sich schämen muss, sie je so empfunden zu haben.

Hier, das ist im SOS-Kinderdorf Harksheide, wo mehr als 70 Kinder und Jugendliche leben. Die meisten von ihnen dauerhaft. Durchschnittlich zehn bis 15 Jahre lang. Die Zahl, die Dorfleiter Jörg Kraft (56) nennt, ist so unfassbar, dass ich nachfragen muss. Zehn bis 15 Jahre? So lange? Das ist fast die gesamte Kindheit. Jugend. Je nachdem, wie alt die Kinder waren, als sie ins Dorf gekommen sind. Manchmal sind sie nur ein paar Wochen alt, ein paar Monate. Säuglinge. Winzig, hilflos. Ich höre Geschichten von Kindern, die wochenlang in ihren Zimmern eingesperrt waren. Die keine Klinken an ihren Türen hatten, damit sie nicht raus konnten. Es sind Geschichten, die fassungslos machen. Wütend. Ratlos. Unendlich traurig.

Es ist kurz vor 13 Uhr, und im Wohnzimmer ist der Tisch fürs Mittagessen gedeckt. Zwei selbst gemachte Kerzen stehen auf dem Tisch, ein Adventsgesteck, neun Teller. Die Tisch­decke ist abwaschbar. Nadine (6) ist die Erste. Sie fragt, wann es Essen gibt. Ob sie Nagellack darf? Auf den Schoß kann? Kuscheln! Es ist keine Frage. Sondern ein Wunsch. Das Haus mit der Nummer 13 ist das Zuhause von Na­dine. Ihr einziges. An ein anderes kann sie sich nicht erinnern. Sie war 20 Monate alt, als sie hierher gebracht wurde. Ihre Mutter hatte sich nicht um sie gekümmert, Nadine fast den ganzen Tag in ihrem Gitterbettchen gelassen. 20 Monate lang. Sie konnte nicht laufen, nicht sprechen.

Petra Geisling (44), eine der Erzieherinnen im Haus, nimmt Nadine in den Arm, drückt sie an sich. Dann ruft sie die anderen zum Essen. Eins, zwei, drei, vier, fünf Kinder poltern, hüpfen und sausen die Treppe herunter, setzen sich an den Esstisch, reden durcheinander. Wer möchte eine Wurst, wer nicht? Wer Rübenmalheuer, wer lieber ein Brot? Es wird ausgeteilt und gekleckert und gelacht, als ein paar Möhren im Wasserkrug landen. Die Kinder sind aufgekratzt. Es sind Ferien. Weihnachtsferien. WEIHNACHTEN!! Den Baum haben sie schon geschmückt. Eine Seite mit blauen Kugeln, für die Jungs, eine mit pinkfarbenen, für die Mädchen. Sechs Kinder sind sie, zwei Jungs und vier Mädchen. Eigentlich ungerecht, meinen André (12) und Timo (8). Weil sie in der Unterzahl sind, die blaue Seite daher fast kleiner ausgefallen wäre. Fast. Denn Sidney (11) hat sich ebenfalls für die blauen Kugeln entschieden. Sie findet pink doof. So wie die meisten Mädchensachen.

Plötzlich knallt es, Leonie (11) zuckt zusammen. Timo hat ein Geschoss aus seiner Spielzeugpistole abgeschossen. Und das beim Essen! Also echt! „Wo hast du das Ding überhaupt her“, fragt Leonie. Sie kann sich nicht vorstellen, dass Mama so was kauft. Aber Timo nickt. Doch, doch! Von Mama. Eine kurze Pause. Dann eine Erklärung: Also von der anderen Mama. Seiner leiblichen. Bei der er früher war. Nicht Steffi (37), die Kinderdorfmutter, bei der er jetzt lebt. Und die er Mama nennt. So wie alle Kinder im Haus.

Es ist mehr als ein Kosename. Es ist ein Ausdruck ehrlicher, tiefer Zuneigung. Es rührt zutiefst, wenn die Kinder von ihrer Mama Steffi erzählen. Die mit ihnen Kekse backt und Hausaufgaben macht, ihnen vorliest und sie ins Bett bringt. Die mit ihnen zum Arzt geht und Klamotten einkauft. Mit ihnen in den Urlaub fährt, Quatsch macht, über Probleme redet und für sie da ist. Immer. Denn Kinderdorfmutter ist kein Beruf, für den man sich entscheidet. Es ist ein Lebensmodell. Weil die Mütter hier nicht nur arbeiten. Sondern leben. Eine andere, eine eigene, Wohnung haben sie nicht.

Heute hat Steffi frei. Schade, ich hätte sie gern kennengelernt. Ihr gesagt, wie großartig ich sie finde. Und das was sie tut. Kindern ein neues Zuhause zu geben. Neue Hoffnung. Die Chance auf ein normales Leben. Trotz allem. Oder gerade deswegen. Doch auch wenn Steffi nicht da ist, habe ich am Ende des Besuchs das Gefühl, sie ein bisschen zu kennen.

An der Wand hängt ein selbst gemaltes Bild von Steffi. Zwei Hände, die einen Apfel umschließen. Er hat die Form eines Herzens. Darauf stehen drei Worte: Gesundheit. Liebe. Sicherheit.

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