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Katharina von Bora war die Mutter des deutschen Pfarrgartens

Luthers Ehefrau pflanzte nicht nur Blumen, sondern baute auch Obst und Gemüse an, zog Vieh groß und holte Fische aus eigenen Teichen

„Ich habe einen Garten gepflanzt und einen Brunnen gebaut“, schreibt im Sommer 1525 der frisch verheiratete Martin Luther an einen Freund. Da hatte der 41-jährige Ex-Mönch gerade die Ex-Nonne Katharina von Bora geheiratet und mit ihr den verwilderten Garten eines verlassenen Wittenberger Klosters neu angelegt. Ein Jahr später schwärmte er gar sehnsuchtsvoll: „Wenn ich am Leben bleibe, will ich Gärtner werden.“

Acht Jahre nach dem Anschlagen seiner 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche, mit denen er die Spaltung der katholischen Kirche einläutete, schon müde von den Mühen des Kampfes um das richtige Christentum? Lieber Gärtner als Reformator? Wir wissen aus der Geschichte, dass ihn das große Werk der Reformation nicht losließ. Von der Bibel war auch erst das Neue Testament übersetzt. Aber mit der Übernahme des Klostergartens von Wittenberg galt Dr. Luther auch als Vater des deutschen Pfarrgartens.

Das stimmt natürlich so nicht ganz, wäre auch ein „klassischer Fall patriarchalischer Geschichtsschreibung“, so meine Frau Anke. Und wo sie recht hat, hat sie recht. Ohne sie wäre unser Mini-Mühlenpark im Wendland ja auch nur halb so schön.

Der große Reformator hatte, glaube ich, eher ein sehr romantisches Verhältnis zum Gartenwesen. Er schrieb zum Beispiel einem Freund: „Komm, und du wirst mit Rosen und Lilien bekränzt.“ Die Macherin war Ehefrau Katharina von Bora. Und sie ist mindestens die Mutter aller Pfarrgärten. 15 Jahre lang hatte sie als Nonne in einem Zisterzienserinnenkloster gelebt. Der Orden ist berühmt für seine Gartenbaukunst und Obstbaumzüchtungen.

Luthers Gattin hatte nicht nur das Know-how, sondern auch die Power, wie man heute sagen würde, um den Klostergarten von Wittenberg zu managen. Sie ließ Brunnen bohren und kaufte schon sechs Jahre später einen zweiten Garten außerhalb von Wittenberg dazu. „Nicht für mich, ja gegen mich“, wie Luther sagte, „mit Bitten und Tränen.“ Es war die pure Not, die Katharina zur Expansion zwang. Familie und Haushalt wuchsen stetig. Fünf eigene Kinder waren zu beköstigen, etliche Waisen, Luthers Leibsekretär, ein Hauslehrer, Knechte und Mägde, ein Kutscher, eine Köchin und Sauhirten – und bis zu 20 Studenten, die Kost und Logis bei Luthers genossen. Katharina führte ein strenges Regiment, Luther nannte sie bewundernd „Herr Käthe“. Sie „fuhrwerkt, bestellt das Feld, kauft Vieh, weidet und backt, braut Bier“, sagte er.

Nach Luthers Tod im Jahr 1546 ist Katharina mit 60 Hektar Land Wittenbergs größte Grundbesitzerin. Sie hat Schweine, Kühe, Schafe und Ziegen, Fische aus eigenen Teichen, Hühner und Tauben. Bienen liefern Honig zum Süßen. Auf den Feldern wachsen Zwiebeln, Erbsen, Möhren, Bohnen, Kohl und Rote Bete. Gewürze wie Thymian, Majoran, Minze, Anis und Kümmel werden in Hochbeeten gezogen. Sogar Safran, ein teures Luxusgewürz, gewann sie aus den Blüten von Crocus sativus, einer herbstblühenden Krokus-Art. Von den Obstwiesen kommen Birnen, Kirschen, Pfirsiche, Pflaumen und Aprikosen.

Standard-Apfel ist der „Borsdorfer“, eine Sorte, die schon 1175 urkundlich erwähnt wird. Sie stammt von den französischen Renetten ab. Ein kleiner, meist goldgelber Winterapfel, der lagerfähig ist – was damals, als es noch keine Tiefkühltruhen gab, sehr wichtig war. Der Borsdorfer ist die älteste noch heute existierende Kulturapfelsorte. Luthers Frau beschäftigte eigens einen Magister pomeri, einen Pfropfmeister. Um neue Sorten zu züchten, bestellte sie Reiser in deutschen und französischen Klöstern.

Glanzstück ihrer Gartenkunst war der Anbau von Pomeranzen – eine Kreuzung von Orangen und Pampelmusen, die vermutlich aus China stammt. Über Spanien und Italien gelangte die Pomeranze, die wir als Bitterorange kennen, über französische Klöster nach Deutschland. Katharina Luther pflanzte sie in Kübeln in einem Gemisch aus verrottetem Laub, Lehm und Pferdedung. Im Winter mussten die frostempfindlichen Bäumchen in einer Art beheiztem Gewächshaus mit viel Licht untergebracht werden. Im Frühjahr wurde geerntet.

Der große Reformator, der ansonsten eher deftige Hausmannskost wie Schweinebraten in Biersoße vorzog, hatte eine Schwäche für Süßes. Er liebte zum Beispiel Konfekt aus Honig und Pomeranzen. Oder eine Art Krapfen mit gemahlenen Mandeln, die den heutigen Windbeuteln ähneln. Sie hießen auch „Nonnenfürze“, weil der süße Mandelteig beim Einlegen in heißes Fett laut zischte. Im Süddeutschen heißt ein ähnliches Fastnachtsgebäck heute noch „Nonnenfürzle“.

Bis zum nächsten Wochenende, herzlichst Ihr Karl Günther Barth