Hilfe

Ein Genesungsbegleiter für psychisch Kranke

Wolfgang Neunherz, Genesungsbegleiterbeim BHH Sozialkontor

Wolfgang Neunherz, Genesungsbegleiterbeim BHH Sozialkontor

Foto: BHH Sozialkontor

Wolfgang Neunherz hatte selber eine tiefe Krise, nun leitet er Gruppen für Menschen mit ähnlichen Diagnosen

Wer krank ist, sollte Hilfe annehmen – das ist eine der wichtigsten Einsichten, die Wolfgang Neunherz aus seiner eigenen Lebensgeschichte als Suchterkrankter und ehemaliger Psychiatriepatient gelernt hat. Nun ist er selbst ein Helfer für andere im BHH Sozialkontor. Dieses bietet in seinen Treffpunkten von Eimsbüttel über Farmsen bis nach Wilhelmsburg eine offene Beratung für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderung an. Menschen, die sich belastet fühlen oder Unterstützung im Alltag wünschen, sind eingeladen, dort vorbeizuschauen.

Wolfgang Neunherz arbeitet im Treffpunkt Hamburg Süd in Harburg als Genesungsbegleiter. Das ist jemand, der selbst eine psychische Krise durchgemacht hat und dadurch hilfreich für andere Menschen in einer ähnlichen Situation sein kann. Dafür hat sich der ­gelernte Energieelektroniker und spätere Pflegehelfer ein Jahr lang am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ausbilden lassen. Ex-In – Experienced Involvement – heißt diese Schulung und bedeutet „Einbeziehung Psychiatrie-Erfahrener“. Befürwortet und gefördert wird das Ex-In-Projekt von der Welt-Gesundheits-Organisation und der Europäischen Union. Dahinter steht die Erkenntnis, dass seelische Gesundheit eine Grundlage für das Wohlbefinden aller Menschen ist. „Ex-Ins“ arbeiten zusammen mit psychiatrischen Fachkräften, Forschern und Lehrkräften, machen Gruppenarbeit, halten Vorträge oder führen Einzelgespräche.

„Das Konzept ist eine neue Herangehensweise, eine Bereicherung für die Klienten und auch für die Mitarbeiter“, sagt Ulf Möller, Bereichsleiter Süd des BHH Sozialkontors, „wir werden es weiterentwickeln und an allen Treffpunkten eta­blieren. Manchmal tut es gut, einmal wegzukommen von der rein professionellen Sicht.“

Einmal wöchentlich leitet Wolfgang Neunherz eine „Recovery“-Gruppe und bietet auch Einzelgespräche an. „Recovery bedeutet Genesung, wir gehen einen gemeinsamen Weg, um wieder stark zu werden“, sagt der 46-Jährige. Er unterstützt die fünf Männer und Frauen auf ihrem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Die Teilnehmer haben Ängste, Depressionen, Borderline oder eine Psychose.

Wolfgang Neunherz litt unter einer Generalisierten Angststörung. Bei dieser Störung machen sich die Menschen andauernd Sorgen und fürchten sich vor imaginären Gefahren, die sie oder ihr Umfeld betreffen könnten. Jahrelang hatte er versucht, seine Krisen mit Alkohol und Tabletten in den Griff zu bekommen, doch dies betäubte ihn nur und zerstörte seine Beziehungen.

„Ich habe bei der Ex-In-Ausbildung gelernt, den sogenannten Troll beim Namen zu nennen“, sagt Wolfgang Neunherz und rät allen Betroffenen, „bitte nicht alleine bleiben mit den Problemen, sondern zu Freunden, Familie oder Therapeuten zu gehen und darüber sprechen.“ Das Wichtigste sei ein liebevoller Umgang mit sich und anderen Menschen.

Ein Gruppentreffen läuft nach einem Muster ab. Die Teilnehmer erzählen in der ersten Stunde über sich und ihre momentane Befindlichkeit und über Themen, die sie beschäftigen. Dann wird ein Thema ausgesucht und bearbeitet, das kann auch eine Traumreise sein. Es gibt Hausaufgaben, wie ein Glückstagebuch zu schreiben oder eine Achtsamkeitsübung zu machen. In der zweiten Stunde wird geklönt und gespielt, Musik gehört. Wichtig sei, sagt Wolfgang Neunherz, dass alle mit einem guten Gefühl heimgehen.

Er ist offen und herzlich und hat einen Vorteil gegenüber Therapeuten und Ärzten, um glaubhaft bei den Gruppenteilnehmern rüberzukommen: „Ich habe selbst erlebt, was die Klienten empfinden, mir können sie nichts vormachen.“ Wolfgang Neunherz ist für die Betroffenen ein Vorbild, denn er hat es geschafft, sich aus der Krise herauszuarbeiten. Er ist wieder „Herr im eigenen Haus“ – ein Ziel, das alle erreichen möchten.

Infos: www.bhh-sozialkontor.de, BHH Sozialkontor, Holzdamm 53, Tel. 227 22 70, E-Mail: info@bhh-sozialkontor.de, Treffpunkt Hamburg Süd: Tel. 180 10 03 64