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Zusammen ist man weniger allein

 Nele Langosch (l.)  besucht Ilona Freudendahl regelmäßig

Nele Langosch (l.) besucht Ilona Freudendahl regelmäßig

Foto: Roland Magunia

Der Verein Freunde alter Menschen organisiert Besuchspartnerschaften zwischen alten und jungen Menschen

Das 13-stöckige Wohnhaus in Hamburg-Bramfeld wirkt mit seiner grauen Betonfassade trostlos. Doch in der Wohnung von Ilona Freudendahl herrschen bunte Farben vor, die kleinen Räume sind dekoriert mit vielen Pflanzen, Fotos und Figuren – den Begleitern eines langen, ausgefüllten Lebens. Die 87-Jährige geht mit dem Rollator an den Couchtisch und setzt sich in den Sessel. Zufrieden lächelt die zierliche Frau mit dem adretten Kleid und den zum Zopf geflochtenen grauen Haaren. Sie hat heute wieder einen Gast. Nele ist zum Kaffeetrinken gekommen. Nele Lan­gosch (31) könnte ihre Enkelin sein, aber die beiden kennen sich erst seit zwei Jahren. Seit die junge Frau sie regelmäßig besuchen kommt, als Ehrenamtliche des Vereins „Freunde alter Menschen“.

Der Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, etwas gegen die Isolation und Einsamkeit von Senioren zu tun und dafür die Besuchspartnerschaften zwischen jungen und hochbetagten Menschen ins Leben gerufen. „Wir bemühen uns, bis zu drei Freiwillige für regelmäßige Besuche an einen älteren Menschen zu vermitteln. Im Idealfall entwickeln sich daraus echte Freundschaften“, sagt Reiner Behrends (32), einer von drei hauptamtlichen Mitarbeitern des Vereins.

Manche Senioren wenden sich direkt an den Verein, andere erfahren von ihm durch Dritte. „Wir fördern in einem weiteren Projekt die Nachbarschaftsstrukturen und kooperieren dabei mit der Hanseatischen Baugenossenschaft. So kommen auch Hausmeister auf uns zu, wenn sie von einem Mieter wissen, der sich über Kontakte freuen würde“, sagt Reiner Behrends.

Ilona Freudendahl erinnert sich noch gut daran, wie der Hausverwalter sie ansprach. „Da sind so junge Leute, die wollen Sie mal besuchen kommen, sind Sie einverstanden?“ Die Seniorin kommt nur noch selten raus, ist auf den Rollator angewiesen. Wenn sie an die frische Luft gehen möchte, kommt sie schon die Treppen von ihrer Wohnung im ersten Stock ohne Hilfe nicht hinunter. 1963 war sie mit ihrem Mann als eine der ersten Mieter eingezogen. Kinder bekam das Paar nicht. Seit dem Tod ihres Mannes 1979 lebt sie allein. Morgens und abends kommt eine Pflegerin und hilft ihr beim An- und Auskleiden, den Rest des Tages ist sie in ihrer Wohnung für sich. „Ich kann mich selber beschäftigen, ich koche auch für mich, die Lebensmittel werden ja geliefert, aber ich freue mich sehr, wenn Nele kommt. Dann kann man wieder erzählen und auch mal ein bisschen albern sein“, sagt die gebürtige Hamburgerin und lächelt verschmitzt. „Wir haben uns beide von Anfang an gleich gut verstanden.“

Nele Langosch kann das nur bestätigen. Sie kommt alle zwei bis drei Wochen im Wechsel mit Sebastian Junge (33), einem weiteren Freiwilligen, zu Frau Freudendahl. „Wir unterhalten uns und ich helfe ihr auch mal wie neulich beim Umtopfen der Zimmerpflanzen oder wenn etwas vom obersten Regal geholt werden muss“, sagt Nele Langosch.

Sie sei gerne mit älteren Menschen zusammen, sagt sie. „Die Älteren haben so viel erlebt und auf viele Dinge des Lebens eine andere Sicht, das interessiert mich“, sagt die Diplom-Psychologin. Schon während ihres Studiums in Berlin begann sie sich im dortigen Verein Freunde alter Menschen zu engagieren, „Mit war aufgefallen, dass ich in meinem Alltag kaum mit älteren Menschen zusammenkam.“ 2014 wurde der Verein auch in Hamburg gegründet. Die Ursprünge der Organisation liegen in Paris. 1964 gründete Armand Marquiset dort die „Les petits frères des Pauvres“, mit dem Ziel, vor allem armen Menschen zu helfen.

In Hamburg kümmern sich derzeit rund 140 Freiwillige um etwa 200 Senioren. „Die meisten Menschen wollen dort alt werden, wo sie wohnen. Doch wenn Familie und Freunde in unmittelbarer Nähe nicht vorhanden sind, ist es gut, wenn der Nachbarschaftsgedanke und die lokale Gemeinschaft gestärkt werden“, sagt Reiner Behrends.

Um noch mehr Senioren zu erreichen, bündeln die Freiwilligen ihre Arbeit in Stadtteilteams und vernetzen sich mit dortigen Pflegeeinrichtungen, Ärzten und Apotheken. „Während wir im Innenstadtbereich noch mehr Ältere ansprechen wollen, suchen wir für die äußeren Stadtbereiche wie Harburg, Farmsen oder Poppenbüttel noch dringend mehr Freiwillige“, so Behrends.

Zu den Besuchspartnerschaften gehören auch gemeinsame Ausflüge, Spielenachmittage oder Kinoabende. Ilona Freudendahl schwärmt von den Ausflügen mit dem Alsterdampfer oder zum Apfelhof. „Bei schönem Wetter bin ich traurig, wenn ich nicht rauskomme. Da sind die Ausflüge wundervoll und man trifft auch andere Teilnehmer“, sagt sie.

Reiner Behrends, der die Senioren von den Erstkontakten kennt und auch die Freiwilligen beim ersten Termin zu den Senioren begleitet, erlebt immer wieder, wie positiv sich die regelmäßigen Besuche auf die Menschen auswirken. „Oft haben sich Sprache und Mobilität wie auch die Stimmung sichtbar verbessert“, sagt er. Für ihn steht fest: Die Freundschaft lässt die Menschen aufblühen.

Infos für Freiwillige und Senioren, die besucht werden möchten gibt es unter www.famev.de, Tel.: 32 51 83 17, E-Mail: hamburg@famev.de