Unterstützung

Eine Chance für drogensüchtige Jugendliche

Das Suchttherapiezentrum für drogensüchtige Jugendliche Come in! wird von Oliver Voß-Jeske geleiteit

Das Suchttherapiezentrum für drogensüchtige Jugendliche Come in! wird von Oliver Voß-Jeske geleiteit

Foto: Roland Magunia

Ins Come in! kommen seit 25 Jahren Mädchen und Jungen aus ganz Deutschland, um sich therapieren zu lassen.

Die Villa am Moorfleeter Deich könnte kaum idyllischer liegen. Direkt gegenüber ist ein kleiner Jachthafen an der Dove Elbe, rundherum gibt es grüne Wiesen und sogar einen eigenen Bolzplatz auf dem parkähnlichen Gelände. Den großzügigen Aufenthaltsraum des Come in! dominiert ein riesiges Graffitibild, auf dem steht: „Drugs kill“ (Drogen töten). Ein paar Jugendliche kickern, andere haben offenbar Putzdienst und fegen den Boden. Gäste werden aufmerksam und mit lautem Hallo begrüßt. Wenn man nicht wüsste, dass viele der Mädchen und Jungen hier über Jahre einen Alltag ohne Struktur, voller Gewalt und zugedröhnt mit Drogen hinter sich haben, könnte die „Klinik für die Rehabilitation von suchtkranken Jugendlichen“ auch als gemütliches Freizeitheim durchgehen.

Dieses Jahr wird die Einrichtung 25 Jahre alt – angefangen hat sie als Modellprojekt, inzwischen ist die Klinik als Therapiezentrum fest etabliert. Die 33 Plätze werden von Drogensüchtigen aus ganz Deutschland belegt. „Wir bieten den Jugendlichen ein drogenfreies Umfeld, in dem sie zu sich kommen können. Sie können sich entfalten, wieder zur Schule gehen und neue Hobbys ausprobieren. Aber vor allem bekommen sie hier die Chance auf ein normales Leben“, sagt der Psychiater und Klinikleiter Oliver Voß-Jeske. Es gibt neben drei Hauslehrern auch Sozialpädagogen, Erzieher, Ergotherapeuten, Psychologen und sogar eine Ernährungsexpertin, die sich um das Wohl der Zwölf- bis 20-Jährigen kümmern. Außer unterschiedlichen Therapien gibt es ein großes Sportangebot, Kreativgruppen, Ausflüge in die Umgebung und Konzert- und Theaterbesuche. Dennoch bricht etwa die Hälfte der Jugendlichen das Programm in den ersten Wochen ab – zu groß ist die Sucht und zu schwach der Wille, sich dem Leben mit klarem Kopf zu stellen.

Während früher im Come in! vor allem Heroinsüchtige behandelt wurden, sind die Jugendlichen heute alle cannabisabhängig und konsumieren darüber hinaus Drogencocktails aus Alkohol, Amphetaminen, Ecstasy und Kokain. Auch wenn die Jungen und Mädchen dadurch nicht mehr körperlich so krank sind wie damals die „klassischen“ Junkies, so sind die sozialen Probleme doch ähnlich. Sie kommen oft aus schwierigen Familien – häufig sind die Eltern schon suchtbelastet – und lebten in wechselnden Wohngruppen oder auf der Straße. Viele sind über Jahre nicht mehr zur Schule gegangen, wurden kriminell und dealten. Fast alle Patienten haben psychische Erkrankungen oder Auffälligkeiten. Die meisten sind nicht freiwillig hier, sondern auf Empfehlung eines Jugendrichters, Jugendamts oder Krankenhauses.

Bei Smilla aus Berlin hat ihr gesetzlicher Vormund die Reißleine gezogen. Die 17-Jährige ist seit Ende Juli im ­Come in! Vorher war sie vier Monate zur Entgiftung in einer Berliner Klinik. „Das hat dort so lange gedauert, weil ich den Entzug immer wieder abgebrochen habe“, sagt das hübsche dunkelhaarige Mädchen. Die Jugendliche hat einen familiären Albtraum hinter sich. Ihren Vater kennt sie nicht, zur Mutter hatte sie eine enge Bindung.

Mit 14 fing Smilla an zu kiffen, aus Neugierde, wie sie sagt. Sie schwänzte die Schule, lebte benebelt in den Tag hinein. „Meiner Mutter habe ich nicht gesagt, dass ich Drogen nehme, aber sie hat gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt, und ist mit mir zu einem Psychologen gegangen“, sagt Smilla. Dieser diagnostizierte Depressionen, das Mädchen besuchte eine Tagesklinik. Dann erlitt die Mutter einen Schlaganfall. Die damals 16-jährige Smilla rief den Krankenwagen, doch schnell war klar, dass ihre Mutter nicht lange weiterleben würde. Im Februar ist sie gestorben.

Smilla stand plötzlich alleine da und zog in eine vom Jugendamt betreute Einzelwohnung. „Ab da habe ich angefangen, alle möglichen Drogen durcheinander zu nehmen. Ich wollte mich nur noch betäuben und habe das Geld vom Jugendamt dafür genommen“, sagt das Mädchen. Smilla klaute zudem Fahrräder und Schuhe aus dem Treppenhaus. „Ich war total runtergekommen und irgendwann habe ich zu meinen Betreuern gesagt: Helft mir.“

Im Come in! fühlt Smilla sich geborgen, auch wenn sie ihre Berliner Freunde und ihren 31 Jahre alten Bruder vermisst, ihren einzigen Verwandten. „Aber hier gibt es einen tollen Gruppenzusammenhalt, die Betreuer sind total offen, ich kann mit allen reden.“ Sie will nur die erste Phase, die sogenannte Rehabilitation, mitmachen. Diese dauert in der Regel acht bis neun Monate. In der Zeit erleben die Jugendlichen klare Regeln und einen durchstrukturierten Tag. Verstöße werden geahndet mit zusätzlichen Diensten, zum Beispiel in der Küche, beim Wecken oder beim Putzen. „Doch die Jugendlichen bekommen, wenn sie wollen, auch mehr Verantwortung, übernehmen Gruppen, werden Paten für die neuen Patienten“, erklärt der Klinikchef Voß-Jeske. Smilla geht zum sehr individuell zugeschnittenen Unterricht auf dem Gelände und will ihren mittleren Schulabschluss machen. Eventmanagerin, das wäre ihr Traumjob. „Ich schaffe das, ich bin ein starkes Mädchen“, sagt sie und blickt ihr Gegenüber mit klaren Augen an.

Während Smilla noch in der Anfangsphase ist, hat Timm schon 18 Monate Therapie im Come in! hinter sich. Eigentlich ist er seit zwei Monaten entlassen, hat die zweite Phase, die sogenannte Re-Integration, hinter sich, seinen Hauptschulabschluss gemacht und ist mitten in einer Tischlerlehre. Dennoch kommt er immer wieder gerne zu Besuch nach Moorfleet. Gerade hat er eine schlechte Zeit, seine Freundin hat Schluss gemacht. „Da helfen mir die Gespräche mit den Betreuern. Es tut gut, hier zu sein“, sagt der 19-Jährige.

Dabei wollte er Ende 2015 „ums Verrecken nicht in die Klinik. Ich fand das schrecklich, aber der Gerichtshelfer hat mich überredet. Danach habe ich hier alles mitgemacht, alle Therapien, Kreativ- und Sportangebote.“ Timm war gewalttätig, hat Kinder abgezockt, Drogen verkauft und seinen alten Vater bedroht. „Ich war voll krass drauf, habe so viel Scheiße gebaut, war unter Drogen überhaupt nicht mehr ich selbst.“

Der noch kindlich wirkende, sympathische junge Mann erzählt freimütig von seiner Vergangenheit. „Den Tag, an dem ich das erste Mal gekifft habe, verfluche ich. Da war ich zwölf und wusste sofort: Drogen zu nehmen ist mein Ding. Das ist cool und macht Spaß.“ Timm kommt – anders als viele der ­Come-in!-Patienten – aus einer gutbürgerlichen, liebevollen Familie in der Holsteinischen Schweiz. Er wuchs bei seinem Vater auf, der Kontakt zu seiner Mutter und dem Stiefvater ist eng. „Mein Vater war der liebste Mensch überhaupt, aber er hat mir keine Grenzen gesetzt und so viel Geld gegeben, wie ich wollte. Ich hatte also anfangs genügend Kohle für Drogen, danach habe ich einfach Papas Konto leer geräumt und ihn erpresst.“ Timm hält inne und schluckt, vor allem das asoziale Verhalten gegenüber seinem Vater kann er sich kaum verzeihen. „Er war 81 und starb, als ich hier in Therapie war. Ich konnte mich nicht bei ihm entschuldigen. Ich denke immer an ihn.“ Mit seiner Mutter telefoniert er nun fast täglich. „Sie hat immer zu mir gehalten, ich bin ihr total dankbar, auch meinen Lehrern und sogar den Gerichtshelfern. Ohne die wäre ich nicht so weit wie heute.“

Seinen Kummer und seine Drogengeschichte verarbeitet Timm in Rap-Songs – Workshops dazu hat der Unterstützerverein der Klinik „Licht im Schatten“ finanziert. Timms Texte sind tief berührend und ehrlich. Er tritt damit auch in Schulen und Jugendeinrichtungen auf. Jugendliche von Drogen abzuhalten, das ist heute Timms Mission.