Krankheit

"Ich wollte lernen, so weh das auch tat"

Sonja Borowski (24) kommt aus Hamburg, studiert derzeit in Kiel

Foto: Roland Magunia

Sonja Borowski (24) kommt aus Hamburg, studiert derzeit in Kiel

Sonja Borowskihat Legasthenie. Sie wurde von Mitschülern gemobbt, von Lehrern ignoriert. Heute ist sie Sozialpädagogin

Legasthenie! So lautete die Diagnose einer Lerntherapeutin, als meine Eltern sich während meiner Grundschulzeit auf den Weg machten um herauszufinden, warum ich nicht so Lesen und Schreiben lernte wie die anderen Kinder. Mit der Diagnose konnten meine Lehrer wenig anfangen, auch der damalige Schulleiter tat meine Betroffenheit ab. Heute sind die Erinnerungen daran, wann das Mobbing meiner Mitschüler anfing, unscharf. Einige Momente sind aber für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich als kleines Mädchen zusammen mit einem anderen Jungen in einem Extra-Raum, damit wir die Klasse nicht beim Diktat stören. Es war egal, was wir in der Zeit taten. Es interessierte nicht, ob wir abschrieben, das Ergebnis war doch immer eine Seite mit mehr roter Korrekturfarbe als blauer Farbe aus meinem Füller.

Zurückblickend wurde ich von den Zuständigen aus der Grundschule aufgegeben. Noch heute kommen mir die Tränen, wenn ich an das Gefühl denke, als mir meine Klassenarbeiten von Mitschülern aus den Händen gerissen wurden. Ich höre noch das Lachen über die erniedrigenden Noten. Egal, wie viel ich zu Hause mit meinen Eltern übte, egal, wie sehr ich wie die anderen sein wollte: Ich war es nicht. Schmerzhaft waren die Worte einer Klassenkameradin, als ich vom Spielen bei ihr abgeholt wurde. Ich solle doch bitte niemandem erzählen, dass ich bei ihr war.

Irgendwann wollte ich mich morgens nicht mehr anziehen, die Kleidung juckte, ich bekam Ausschlag. Es gehörte zum morgendlichen Ablauf, dass ich mich schreiend auf den Boden warf, meine Zimmertür zuknallte und mir die Kleidung vom Körper riss. Doch jedes Mal aufs Neue zog ich mich dann wieder an, denn ich ging immer in die Schule. Ich wollte lernen, so weh das auch tat.

Die Lehrer empfahlen meinen Eltern, mich auf eine Förderschule zu geben. Ich hatte jedoch Eltern, die an mich glaubten und sich für mich immer engagierten. Wir hatten zudem eine ausgezeichnete Lerntherapeutin gefunden, die mir in den Grundschuljahren half. Auf ihren Rat hin wechselte ich Mitte der vierten Klasse auf die Sprachheilschule in Wandsbek. Damals wehrte ich mich vehement gegen den Wechsel, trotz Mobbings wollte ich in der Klasse bleiben, auch wenn ich nur eine Freundin hatte.

Den Stempel Sonderschülerin musste sie akzeptieren lernen

Aus heutiger Sicht aber war es die beste Entscheidung für mein weiteres Leben, auch wenn der Schulwechsel einen wesentlich längeren Weg mit der U-Bahn bedeutete. Die Sprachheilschule war der Ort, an dem ich anfing, meine Stärken kennenzulernen. Dort gab es kleine Klassen und Lehrer, die wussten, wie sie das Potenzial eines jeden Kindes fördern konnten. Den Stempel "Sonderschülerin" musste ich über Jahre akzeptieren lernen. Das Zentrum des kleinen Stadtteils, in dem ich wohnte, versuchte ich viele Jahre zu meiden. Ich fuhr mit dem Fahrrad Umwege, ich wechselte die Straßenseite, wenn ich ehemalige Klassenkameraden sah.

Erst als ich in der neunten und zehnten Klasse Schulsprecherin wurde und auf Landesebene in der Schülerkammer Hamburg alle Sonderschüler der Stadt vertrat, gewann ich genügend Selbstvertrauen, um mich nicht mehr zu verstecken. Ich entschloss mich, für all die ausgesonderten Menschen zu kämpfen, die nie eine gerechte Chance erfahren haben und aufgegeben wurden.

Auf der Sprachheilschule erreichte ich die mittlere Reife, schloss eine schulische Ausbildung ab, um damit im 13. Schuljahr das Fachabitur zu erlangen. Damit war ein großes Ziel geschafft, denn ich wusste ab der sechsten Klasse, dass ich studieren möchte.

Ich machte ein Freiwilliges Soziales Jahr in Südafrika. Dort arbeitete ich in einem Sportprojekt und ließ mich auch von anfänglichen Hürden in der englischen Sprache nicht unterkriegen. Danach studierte ich drei Jahre lang Sozialpädagogik an der Fachhochschule Kiel. Ich habe nun einen Bachelor mit einem sehr guten Abschluss. Nun bin ich Sozialpädagogin und beginne in wenigen Tagen den Master.

Aufgrund der Legasthenie habe ich immer einen Nachteilsausgleich bekommen, in allen Schulformen und auch im Studium. Das aber auch nur mit vielen Anträgen und durch den engen Kontakt zu den Schulleitern oder heute dem Prüfungsamt. Mein Ziel ist es, an einer Hamburger Schule am Gelingen der Inklusion mitzuarbeiten. Es bedarf engagierter Menschen, damit mehr Chancengleichheit das frühe Aussortieren von Kindern beendet.

Die Grundschulzeit habe ich inzwischen dank vieler Gespräche und einer Psychotherapie verarbeitet. Im Studium merke ich aber immer noch die Angst vor einem erneuten Scheitern. Darüber hinaus mag ich bis heute bestimmte Kleidung nicht tragen. Meinen Weg hätte ich ohne den Fußballsport, meine Familie und die richtigen Begleiter nicht so erfolgreich gemeistert. Meine Eltern haben nie den Glauben an mich verloren und ihrem Engagement verdanke ich, dass ich die Sprachheilschule fand und die teure Lerntherapie erhalten konnte. Das abendliche Üben, die vielen Arzttermine und das Engagement meiner Mutter in den höchsten Elterngremien Hamburgs, hat der gesamten Familie aber sehr viel abverlangt. Das wirkte sich auch auf meinen jüngsten Bruder aus, der ein Jahr verspätet eingeschult wurde, da er durch meine Ausbrüche zu Hause Ängste vor der Schule entwickelt hatte.

Unterstützung durch die Selbsthilfegruppe

Mindestens vier Prozent unserer Bevölkerung sind von Legasthenie betroffen und es braucht noch viel mehr Toleranz und Aufklärung, damit Stigmatisierung und Mobbing nicht mehr das Leben der Betroffenen bestimmen. Aus diesem Grund habe ich mit vier anderen Menschen mit Legasthenie eine Selbsthilfegruppe namens die "Jungen Aktiven" innerhalb des Bundesverbands für Legasthenie und Dyskalkulie e. V. aufgebaut. So können wir Betroffenen uns austauschen und unterstützen. Zusammen machen wir uns bewusst, was unsere Stärken sind, und gewinnen dadurch an Selbstvertrauen, auch zum Beispiel für Vorstellungsgespräche. Wir Menschen mit Legasthenie haben oftmals funktionierende Strategien zum Problemlösen und Erreichen unserer Ziele. Einfühlsamkeit, Arbeitsbereitschaft, Durchhaltevermögen und ein guter Umgang mit Kritik zählen wir zu unseren Stärken.

Ich wünsche mir, dass die Inklusion weiterentwickelt und vorangetrieben wird. Die Ausbildung der Lehrer muss verbessert und die Schule ein Ort werden, an dem die Potenziale von Kindern und Jugendlichen zählen und gefördert werden. Als Gesellschaft sind wir gefordert, die Vielfalt unter uns als bereichernd anzuerkennen. Ich möchte meinen Eltern und Geschwistern auf diesem Weg danken und alle Menschen mit Legasthenie motivieren, niemals aufzugeben. Glaubt an Euch und Eure Stärken, es lohnt sich zu kämpfen!

Kontakt zur Autorin:
E-Mail: sonja-borowski@outlook.de oder zur Legasthenie-Selbsthilfegruppe unter der
E-Mail: ja@bvl-legasthenie.de

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