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Das Duell um Berlin

| Lesedauer: 29 Minuten
Peter Wenig und Jens Meyer-Wellmann

Kein anderer Wahlkreis der Hansestadt ist bei der Bundestagswahl so umkämpft wie Hamburg-Nord. Wer beerbt Dirk Fischer? Christoph Ploß, Nachwuchshoffnung der CDU? Oder Dorothee Martin, Aufsteigerin der SPD? Das Protokoll eines Wahlkampfs zwischen Kulis und Google.Von Jens Meyer-Wellmann und Peter Wenig

Küsschen links, Küsschen rechts. Christoph Ploß begrüßt Dorothee Martin wie eine vertraute Freundin. „Zum Glück hast du dir für dieses Foto nicht auch noch hochhackige Schuhe angezogen“, sagt er. So lacht ein etwa gleich großes gut aussehendes Paar in die Kamera des Abendblatt-Fotografen. Ein flüchtiger Beobachter könnte glauben, dass an diesem sonnigen Juli-Tag auf der Wiese im Schatten der Bergstedter Chaussee glitzernde Werbebilder für eine Internet-Partnervermittlung entstehen. Jung, erfolgreich, smart.

Dabei fechten Christoph Ploß und Dorothee Martin gerade ein Duell aus, das das politische Hamburg elektrisiert. Wer wird den Norden der Stadt im nächsten Bundestag als direkt gewählter Abgeordneter vertreten? Während in den anderen fünf Wahlkreisen (siehe Infokasten) die CDU-Herausforderer als Außenseiter in das Rennen gehen, gilt die Entscheidung im Wahlkreis Nord als völlig offen. 2013 holte Urgestein Dirk Fischer (73) zum zweiten Mal in Folge den Wahlkreis Nord, zu dem auch das Alstertal und die Walddörfer bis auf Volksdorf gehören, für die CDU.

Als Fischer 1980 erstmals in den Bundestag einzog, war sein möglicher Nachfolger Christoph Ploß (32/CDU), promovierter Historiker, Referent bei einem großen Verlag, noch nicht einmal geboren. Und dessen Kontrahentin Dorothee Martin (39/SPD), Politologin, Bereichsleiterin bei einem Wohnungsbaugiganten, ging in ihrer Heimatstadt Kaiserslautern in den Kindergarten.

An diesem Nachmittag diskutieren Ploß und Martin mit Anja Hajduk (54, Grüne) und Rainer Behrens (63, Linke) im Senator-Neumann-Heim in Bergstedt über die Chancen und Probleme von Behinderten. Das Quartett spannt einen weiten Bogen von barrierefreien Wohnungen bis zur Behindertenrechtskonvention der Uno. Der Betreuer eines Rollstuhlfahrers holt die Politiker dann zurück in das Hier und Jetzt.

Die Fußgängerampel an der viel befahrenen Bergstedter Chaussee sei seit Wochen defekt, ein großer Teil der Akku-Ladung der Elektro-Rollis gehe drauf für den großen Umweg, jeder Hinweis beim Amt sei bisher vergebens geblieben. Ploß und Martin versprechen, ihre Kontakte auf dem kleinen Dienstweg für die überfällige Reparatur zu nutzen. Hajduk mahnt, dass dies aber auch „wirklich, wirklich schnell“ geschehen müsse, bis ein Zuschauer den Stecker aus dieser Diskussion zieht: „Die Ampel steht gar nicht mehr auf Hamburger Gebiet, die gehört zu Schleswig-Holstein.“

Auf dem Weg in den Bundestag, wo die Kandidaten in den kommenden vier Jahren über Dieselgate, Euro-Rettungspakete und gar den Kriegseinsatz deutscher Soldaten entscheiden könnten, steht eine kaputte Ampel an der Berg­stedter Chaussee. Wer in die Schaltzen­trale der Macht will, muss auch das ganz kleine Karo beherrschen.

Mitunter führt der Marsch durch die Institutionen auch durch tiefes Unterholz. „Zum Glück tragen Sie keine Pumps, sonst würde ich Sie aus Sicherheitsgründen gar nicht erst auf den Platz lassen“, sagt Jürgen Gand, Vorstand des Hummelsbüttler SV, zu Dorothee Martin, die bei ihrer Wahlkampftour auch Sportvereine besucht. Die Hummeln waren in den 70er- und 80er-Jahren mal eine große Nummer im Hamburger Amateurfußball, dank eines Mäzens sogar auf dem Sprung in die Zweite Liga. Vergangenheit. 2015 meldete der Vorstand die einzige Herrenmannschaft nach internen Querelen aus der Kreisliga ab. Meterhohes Unkraut überwuchert die Zuschauertreppe am Spielfeldrand, seit Monaten kabbeln sich Verein und Bezirk, wer denn nun für die Pflege sorgen muss. Der Ascheplatz vertreibt viele Talente, die kicken lieber auf den Kunstrasenteppichen der Konkurrenz.

Gand deutet auf den Schrottsammelplatz neben der Umkleide, das Amt liefere nicht einmal den fest zugesagten Container. Penibel notiert ein Bezirkspolitiker für Dorothee Martin die Mängelliste, ein Parteifreund, klar. Beim Abschied verspricht die Kandidatin ihr Bestes, um dem Verein zu helfen, aber Wunder könne sie auch nicht vollbringen. Wie auch. Selbst wenn sie den Sprung nach Berlin schaffen sollte, könnte sie im Bundestag weder über Kunstrasen noch Unkrautbeseitigung beim Hummelsbüttler SV verfügen.

Seit Monaten hört sich Dorothee Martin nun die Sorgen in ihrem Wahlkreis an. Marode Schulen, kaputte Straßen, zu wenig Polizisten. Sie hat ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub genommen, um sich ganz auf den Wahlkampf konzentrieren zu können. Ihre private Handynummer steht auf jedem Flyer, mehr Nähe geht nicht. Ihr Signal ist klar: Ich bin für euch da, ich kümmere mich.

Auf den Genossen Trend darf Dorothee Martin nicht bauen

Dabei hat sie selbst gerade Sorgen genug. Ein Unbekannter hat am Vortag ihre Wahlplakate wechselweise mit Zielscheiben beschmiert, „Nutte“ darauf gekritzelt oder sie einfach zerrissen. Die halbe Nacht war Dorothee Martin unterwegs, um neue Plakate zu kleben; sie darf in dieser heißen Phase ihre guten Plätze an den Straßen nicht der Konkurrenz überlassen. Zudem schmerzt der Zeigefinger, gebrochen, als sie die Autotür etwas zu schnell zuschlug. „Ich habe mir diesen speziellen Klingel-Finger machen lassen, damit ich im Haustürwahlkampf noch besser an den Türen klingeln kann“, schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite.

Ohne Galgenhumor wäre dieser Wahlkampf ja auch kaum noch zu leisten. Ihre SPD hat die jüngsten Landtagswahlen verloren, selbst die Herzkammer der Sozialdemokratie, das Land Nordrhein-Westfalen, erlitt einen Infarkt. Der Februar 2017, als Martin Schulz als Kanzlerkandidat zu St. Martin erkoren wurde, zum Hoffnungsträger einer siechenden Partei, scheint in diesen regnerischen Hamburger Sommertagen so fern wie der September 1998 mit dem Wahlsieg von Gerhard Schröder über Helmut Kohl. Damals trat Dorothee Martin in ihrer Pfälzer Heimat in eine vom Erfolg berauschte SPD ein.

Knapp 19 Jahre später weiß Dorothee Martin, dass sie auf den Genossen Trend auf keinen Fall bauen kann. Sie versteht nicht, dass Schulz sich öffentlich nach seinem fulminanten Start so rar gemacht hat. Die SPD, sagt sie, hätte ihre offensive Strategie für Schulz weiterfahren müssen, auch in den Landtagswahlkämpfen.

Nicht einmal mehr auf die Hamburger SPD ist in diesen Wochen noch Verlass; die G20-Krawalle haben das Olaf-Scholz-Mantra vom „ordentlichen Regieren“ massiv beschädigt. Die CDU-Opposition und mehrere Medien forderten seinen Rücktritt. Auch diese Bürde muss Dorothee Martin nun tragen, an ihren Infoständen wird sie mitunter gefragt, ob die Stadt denn noch sicher sei.

Wahrscheinlich würde ihr niemand in der Partei leichte resignative Anflüge übel nehmen. Aber dazu taugt diese zierliche Frau nicht. Stattdessen ackert sie noch mehr. Auf ihrer Facebook-Seite geht gerade ihr 35. Video online, auf ihrer Homepage wirbt sie für politische Fahrrad- und Kanutouren sowie ihren Internet-Talk „FragDoro“. Seniorenzentrum Langenhorn, Schausteller-Stammtisch auf dem Dom, Spielenachmittag an der Alster, statt „Doroistda“ könnte ihr Slogan auch „Doroistüberall“ heißen. Vor ein paar Tagen nahm ihr das Wahlkampfteam das Handy mal für eine Nacht weg: „Doro, du musst jetzt mal schlafen.“

Ploß setzt auf Förderer Fischer und Freund Spahn

Das eng geschnittene Sakko droht an den breiten Schultern fast zu platzen, wenn Jens Spahn gestikulierend vor dem Rednerpult auf und ab schreitet. Der Staatssekretär im Finanzministerium pflegt das Image des politischen Hardliners auch äußerlich, aus seinen Karriere-Ambitionen hat er nie einen Hehl gemacht. Die Abi-Zeitung seiner münsterländischen Heimat notierte 1999 „Bundeskanzler“ als Berufswunsch. Ploß stellt Spahn an diesem Abend im Forum Alstertal am Kritenbarg als „meinen Freund Jens“ vor, eine enge Verbindung zu einem Hoffnungsträger mit bundesweiter Strahlkraft kann in Wahlkampfzeiten nie schaden.

Für zwei lokale CDU-Größen hat Ploß Plätze in der ersten Reihe reserviert. Für Dirk Fischer, in der CDU Hamburg-Nord verehrt als Stimmengarant, der sich nun nach 37 Jahren aus dem Bundestag verabschieden wird. Und für Dietrich Wersich, bei der Bürgerschaftswahl 2015 mit 15,9 Prozent fulminant gescheitert. „Dietrich, du siehst aber fesch aus“, begrüßt Fischer seinen braun gebrannten Parteifreund.

Zu sagen haben sich die beiden ansonsten wenig, eigentlich nichts. Fischer hat Wersich nie verziehen, dass der seinen Hut für die Bundestagskandidatur vorzeitig in den Ring warf – erst vier Wochen später erklärte das Partei-Urgestein seinen Rückzug. Mit entsprechender Verve kämpft er nun für Ploß. Rund 70 Parteifreunde, sagt Fischer, habe er vor dem parteiinternen Duell um seine Nachfolge bearbeitet, sich für Ploß zu entscheiden. Mit Erfolg: Bei der Kandidatenkür im November 2016 erhielt Ploß 225 Stimmen, Wersich nur 158. Schon bei der Wahl zum Parteichef der Hamburg-Nord-CDU hatte der Herausforderer über den Ex-Senator triumphiert. Entsprechend herzlich heißt Ploß denn auch seinen Förderer willkommen.

Der Star des Abends ist dennoch Jens Spahn. Wenn der 37-Jährige Vollverschleierung und linke Gewalttäter („Terroristen“) geißelt, klatscht das Publikum, als hätten gerade Helene Fischer und Andrea Berg die Bühne geentert. Ploß kennt seine Anhänger, weiß, wen er als prominenten Unterstützer verpflichten muss. Auch Wolfgang Bosbach, im Juni zu Gast, wurde für Sätze wie „Wir müssen uns mal wieder um die bemühen, die um 6 Uhr auf den Wecker hauen, um 7 Uhr zur Arbeit fahren, nach zehn Stunden hundemüde nach Hause kommen und brav ihre Steuern zahlen“ wie ein Popstar gefeiert.

Als sich Spahn nach dem letzten Selfie mit einem Mitglied der Jungen Union verabschiedet, fragt Wersich Parteifreund Ploß, ob er den prominenten Gast zum Auto begleiten soll: „Dann kannst du dich um deine Wähler kümmern.“ Ploß schüttelt den Kopf: „Nein, das mache ich schon selbst.“ In solchen Momenten wird deutlich, warum der Mann, den seine Freunde „Plossi“ nennen, als Hoffnungsträger in der Hamburger CDU gilt. Einer wie er, der auf einer Abi-Fete kaum auffallen würde, agiert auf dem politischen Parkett längst wie ein ausgebuffter Profi. Ohne den unbedingten Willen zur Macht wäre Ploß auch kaum mit gerade 24 Jahren zum Vorsitzenden des einflussreichen CDU-Ortsverbands Winterhude aufgestiegen.

Sein parteiinternes Duell gegen Wersich wirkte dennoch eher wie Wattebäuschen-Werfen verglichen mit dem Kampf, den Dorothee Martin gegen ihren Konkurrenten Maximilian Schommartz um die SPD-Kandidatur führte. Martin spricht von der „härtesten Phase meiner politischen Laufbahn“. Gezielt wurden Gerüchte gestreut, sie lebe gar nicht in Fuhlsbüttel, also im Wahlkreis Nord, für den sie in der Bürgerschaft sitzt, sondern am feinen Hofweg auf der Uhlenhorst. Martin stritt dies immer ab, sie sei nur vorübergehend bei ihrem Lebensgefährten eingezogen, Fuhlsbüttel bleibe ihre Heimat. Als ein anonymer Brief bei ihrem Arbeitgeber landete – der Schreiber warnte die Chefetage, die Schlammschlacht um die Genossin könnte auf das Unternehmen abfärben –, fragte sich Martin, ob es das alles noch wert sei. Parteiprominenz, allen voran Sozialsenatorin Melanie Leonhard, bestärkte sie, an ihren Plänen festzuhalten. Im November 2016 entschied sie die Delegierten-Wahl gegen Schommartz mit 39 zu 22 Stimmen klar für sich.

Zehn Monate später führt der Weg zu einem Termin mit Dorothee Martin am Bergkoppelweg in Fuhlsbüttel an zwei Eimern Kleister vorbei in den Konferenzraum der SPD Hamburg-Nord. In den Ecken stapeln sich Kisten mit Broschüren, T-Shirts und Kugelschreibern, die Wände sind tapeziert mit Plakaten. Kreisgeschäftsführerin Kerstin Bake-Völsch organisiert ihren siebten Bundestagswahlkampf, bei ihrer Premiere 1994 unterlag Nord-Kandidat Wolfgang Curilla deutlich gegen Dirk Fischer. Stundenlang klebte sie damals mit Parteifreunden Etiketten auf Werbebriefe, der Siegeszug von E-Mails und Internet war noch nicht absehbar, von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter ganz zu schweigen.

Für den virtuellen „Doroistda“-Wahlkampf zeichnet Pascal Jensen verantwortlich. Smartphone, Tabletcomputer und Notebook liegen vor ihm auf dem Tisch, der Bremer Politikmanagement-Student will zeigen, was er in den vergangenen Monaten für seine Klientin erreicht hat. Videos, sagt er, seien heute wichtiger denn je. Fast täglich schickt er bewegte Bilder von Dorothee Martin in die Weiten des Internets. Sein Credo: Authentizität. „Viele Politiker twittern in Wahlkampfzeiten bei jeder Gelegenheit; wenn die Wahl gelaufen ist, kommt nichts mehr“, kritisiert Jensen. Dorothee Martin sei dagegen schon weit vor ihrer Kandidatur digital sehr aktiv gewesen, daher wirke ihre multimediale Präsenz nun auch glaubwürdig. Kleine Pannen oder Missgeschicke sind ausdrücklich erwünscht, kein Foto wurde öfter geklickt als der gebrochene „Klingelfinger“. Jensen versteht nicht, dass bei manchen Wahlkämpfern das Internet noch unterschätzt werde: „Sie erreichen über die sozialen Netzwerke viele Wähler für vergleichsweise wenig Geld.“

In der Tat ist die analoge Materialschlacht deutlich teurer, das Gesamtbudget der SPD im Hamburger Norden liegt bei 70.000 Euro. Allein die 50.000 roten Kugelschreiber mit dem Aufdruck www.dorotheemartin.de kosten 10.000 Euro.

Die SPD hat sich für eine teure Variante entschieden, das Standardmodell wäre drei Cent das Stück günstiger gewesen. Aber Martin findet, dass sich das Investment gelohnt hat: „Viele Bürger haben mir schon gesagt, dass das Ding so gut schreibt.“ Deshalb klemmt sie bei ihren Haustürbesuchen stets einen Kuli an die Flyer.

8000 dieser Besuche hat Martin bereits mit ihrem Team hinter sich. Jensen organisiert die Klingeltouren durch den Wahlkreis. Auf einem DIN-A3-Bogen hat er die Stadtteile des Kreises markiert. Fuhlsbüttel, Ohlsdorf, Alsterdorf, Eppendorf und Winterhude sind grün eingefärbt. Symbolträchtig, hier wohnen viele Grünen-Wähler. „Dort muss es uns darum gehen, dass die Sympathisanten der Grünen zumindest mit ihrer Erststimme Doro wählen“, sagt Jensen. Man müsse ihnen klarmachen, dass eine Erststimme für die Grünen-Spitzenkandidatin Hajduk taktisch gesehen eine Stimme für den CDU-Kandidaten sei.

Die Farbe Blau für Stadtteile wie Duvenstedt, Lemsahl-Mellingstedt oder Sasel signalisiert viele Wechselwähler, hier lohnt sich der Stimmenkampf nach dem Abschied von Dirk Fischer also besonders. Ohnehin klingt Jensen sehr optimistisch. Eine junge, engagierte Frau, das werde auch viele Wähler überzeugen, die bei der Zweitstimme die Konkurrenz ankreuzen werden: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diesen Wahlkreis gewinnen werden. Und das ist keine Durchhalteparole.“

Auch Ploß setzt auf die Jugend bei der Wahl seines Wahlkampfstrategen. Zum Termin mit dem Abendblatt in der CDU-Villa am Leinpfad kommt sein Wahlkampfmanager Christoph Schaefers mit dem Fahrrad – gerade erst hat er eine Klausur über Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen und Nervenheilkunde in seinem Medizinstudium geschrieben. Auch Schaefers, derzeit Kreisvorsitzender der Jungen Union in Hamburg-Nord, baut auf diese derzeit so angesagte ­Mischung aus Altbewährtem und den Instrumenten der schönen neuen Digitalwelt.

„Es geht nicht um ein Entweder-oder, es geht um eine sinnvolle Verzahnung von traditionellem Wahlkampf und der Nutzung von Internet und Social Media wie Facebook“, sagt der 25-jährige Wahlkampfmanager.

Im Zentrum des traditionellen Wahlkampfs stehen rund 1000 Ploß-Plakate, klassische Infostände in Fußgängerzonen, der gute alte Verschenk-Kugelschreiber, nach dem die Wähler noch immer lechzen, als seien preiswerte Schreibgeräte in diesem Land Mangelware – und der Haustürwahlkampf, mit dem die CDU in den vergangenen Landtagswahlkämpfen in anderen Bundesländern so gute Erfahrungen gemacht hat. Allein drei bis vier Prozentpunkte hätten die Besuche bei potenziellen Wählern im Saarland gebracht, berichtet Kandidat Ploß. Rund 216.000 Wahlberechtigte gibt es im Bundestagswahlkreis Nord – an immerhin 13.000 bis 15.000 Türen wollen Ploß und seine Helfer in diesen Wochen klingeln. Mindestens 1000 Hamburger will der Kandidat persönlich zur richtigen Wahl überzeugen.

Im Hamburger Norden sind die Wähler Hausbesuche der CDU seit Jahrzehnten gewohnt. Ploß-Förderer und Vorgänger Dirk Fischer pflegte sich mit Einwurfkarten gern zu politischen Gesprächen bei den Menschen zwischen Winterhude und Wellingsbüttel einzuladen, die er nicht als für die CDU gänzlich verlorene Seelen einschätzte. Heute wird das analoge Echtgespräch mit den Menschen allerdings digital deutlich besser vorbereitet als in den guten alten Zeiten. Alles, was an sozioökonomischen Daten oder zum Abstimmungsverhalten bei vergangenen Wahlen zur Verfügung steht, wird heute genutzt, um die Straßenzüge auszuwählen, in denen sich das Klingeln für Parteipolitiker überhaupt lohnt. In Sozialwohnungssiedlungen würde der Aufwand dem CDU-Kandidaten kaum zusätzliche Stimmen bringen. Hochburgen der SPD oder der Linken werden daher gar nicht erst angesteuert. „Mit einem überzeugten Linken kann ich eine Stunde lang angeregt diskutieren, aber am Ende kann ich ihn doch nicht überzeugen“, sagt Ploß. „Man muss sich auf die konzentrieren, die der eigenen Partei nicht prinzipiell abgeneigt sind. Alles andere wäre Energievergeudung.“

Dies gelingt auch dank Facebook. Das soziale Netzwerk stellt (auch den politischen) Werbetreibenden allerlei rechtlich einwandfreie Daten der Nutzer zur Verfügung. So wird es möglich, Menschen über das soziale Netzwerk gezielt nach Postleitzahl, Alter, Sprache oder Interessen anzusteuern. Auf diese Weise können die Parteistrategen wenigstens dafür sorgen, dass 20-Jährige nicht täglich mit Hinweisen auf Veranstaltungen zur Pflege konfrontiert werden.

Das Ploß-Team glaubt, dass Martin zu früh startete

Für solche Daten und ihre Nutzung allerdings zahlen die Werbenden an Facebook – egal ob sie Autos, Zahnzusatzversicherungen oder Politik verkaufen wollen. Rund 5000 Euro hat das Ploß-Team für die Werbung bei Facebook und Co. veranschlagt. Insgesamt liegt das Wahlkampf-Budget der Hamburger Nord-CDU bei 80.000 Euro, laut Ploß ausschließlich aus Spenden finanziert.

Sein Team hofft, dass auch ungewöhnliche Werbeideen zünden. Parteifreunde haben sein Konterfei auf die Hüllen von edlen Schokoladen drucken lassen, die er an den Haustüren und an Infotischen vor allem an Kinder verteilt. Außerdem hat ein Unternehmer dem Jungpolitiker kleine, weiße Handtücher mit CDU-Logo spendiert.

Die Themen sind für Ploß so klar wie im Grunde mit der politischen Konkurrenz austauschbar. Ihm geht es um Familie, die „hart arbeitende Mittelschicht“ und um „innere und äußere Sicherheit“. Das Thema Sicherheit, sagt der CDU-Kandidat in seinem mitunter etwas angestrengt wirkenden Mittelstufenlehrertonfall, sei schließlich auch für die Jugend das „Top-Thema“. Das habe gerade eine repräsentative Jugendstudie der Zeitschrift „Bravo“ ergeben.

Dennoch bleibt für beide Kandidaten die Frage, ob sich all das Engagement, all diese Wochen voller 16-Stunden-Tage am Wahltag auszahlen werden. Die Plakate. Die Infostände. Die Facebook-Videos. Im Ploß-Team ist man sicher, dass der Frühstart der Konkurrentin Martin sogar schaden könnte, der Wähler sei genervt von zu viel Werbung. Womöglich ist das auch ein Grund, warum die CDU in Hamburg-Nord im Netz weniger präsent ist als die rote Konkurrenz. Die Facebook-Seite von Christoph Ploß wird deutlich weniger von den CDU-Machern bespielt, als es bei Martins Seite der Fall ist; bis vor Kurzem hatte Ploß nicht einmal eine eigene Homepage. Jetzt hat er zwar eine, aber die wirkt wenig kreativ und war über Google bisher kaum zu finden – weil sie zu neu ist und offenbar auch nicht sehr professionell programmiert wurde. Auch einen Eintrag beim wichtigsten Internet-Lexikon, Wikipedia, gibt es nicht vom CDU-Kandidaten. Wikipedia habe ihn gelöscht, erzählt Ploß – wegen Verstoßes gegen die „Relevanzkriterien“. Ploß ist nicht Mitglied der Bürgerschaft, sondern bisher lediglich Bezirksabgeordneter. Für Wikipedia sind aber erst Landtagsabgeordnete (in Hamburg: Mitglieder der Bürgerschaft) bedeutend genug, um ihre Biografien zu publizieren. Der Kandidatenstatus für den Bundestag allein reicht Wikipedia nicht. Bei diesem Wahlkampf geht es für den jungen Politiker also nicht nur um ein Bundestagsmandat, sondern auch um den Eintrag im weltbekanntesten Internet-Lexikon.

Wer Dorothee Martin dagegen googelt, stößt zunächst auf ihre Homepage und gleich danach auf ihren Wikipedia-Eintrag. Aber nicht nur in diesem Punkt wähnt man sich bei den Roten weit vor der schwarzen Konkurrenz. Dorothee Martin und ihr Team spotten auch, dass das CDU-Team zuletzt noch an einer virtuellen Haustür den Klingelwahlkampf probte, während man selbst schon seit Monaten von Wohnung zu Wohnung eilt.

Trotz Hightech-Analysen bleibt der Wähler ein rätselhaftes Wesen. Und so weiß Ploß auch nicht genau, wie sicher er auf der Merkel-Welle surfen kann. Manche CDU-Wahlkampfstrategen fürchten, dass viele Sympathisanten im Gefühl des sicheren Sieges am Wahltag daheim bleiben könnten – für Ploß wäre es in seinem engen Erststimmen-Wahlkampf fatal. Deshalb appelliert Ploß auch bei jeder Veranstaltung, ja wählen zu gehen: „Man hat ja beim Brexit oder der US-Präsidentenwahl gesehen, wie das ausgehen kann, wenn die Menschen sich zu sicher sind und aufs Abstimmen verzichten.“

Am Ende wird es so sein wie im Fußball: Der Sieger hat recht. Immer. Allerdings mit einem feinen Unterschied. Ploß wird auch bei einer Niederlage gegen Martin wahrscheinlich in den Bundestag einziehen, sein vierter Platz auf der Landesliste sollte reichen. Seine Konkurrentin müsste dagegen bei einem Ploß-Sieg auf weitere Hamburger SPD-Ausrutscher hoffen; sonst würde ihr Listenplatz drei wohl das Aus bedeuten.

Christoph Ploß gibt trotz seiner besseren Ausgangslage alles; zum Glück, sagt er, brauche er wenig Schlaf. Und wenn er schon digital weniger zu bieten hat als seine SPD-Konkurrentin, dann will er zumindest beim Haustürwahlkampf im Endspurt gleichziehen. Zwischen 17 und 20 Uhr zieht er mit seinen Unterstützern durch die Wohngebiete. Danach, sagt er, wollen die Leute nicht mehr gestört werden – und vorher seien viele noch nicht zu Hause. An diesem Freitagnachmittag trifft sich das Team an der S-Bahn-Station Wellingsbüttel.

Ein gutes Dutzend Mitglieder der Jungen Union sowie eine Bezirksabgeordnete und ein Bürgerschaftsmitglied werden mit Flyern, Kulis, Türanhängern und Wasser ausgestattet – schließlich können drei Stunden Klingelmarathon auch durstig machen. Christoph Ploß geht mit einer Studentin zur Friedrich-Kirsten-Straße – eine gut situierte Gegend. Hier stehen große Einfamilienhäuser auf weitläufigen Grundstücken. Vor den Häusern und Villen parken SUVs und andere teure Autos. Manche Gärten sind mit hohen Mauern umgeben.

Hier haben die jungen Christdemokraten erwartungsgemäß ein Heimspiel. Und es zeigt sich, dass sich das Plakate­kleben gelohnt hat. „Ich kenne Sie“, sagen fast alle Wellingsbüttler, bei denen Ploß klingelt und sich stets ordentlich vorstellt: „Einen wunderschönen guten Tag. Mein Name ist Christoph Ploß. Ich bin Ihr CDU-Kandidat für die Bundestagswahl. Wenn Sie ein Anliegen haben, können wir jetzt darüber sprechen. Oder Sie können mich später kontaktieren. Auf dem Flyer stehen die Kontaktdaten.“

Die Reaktionen sind fast durchweg freundlich. Dies ist erkennbar keine Sozi-Hochburg. Die Leute nehmen die Flyer, und viele wünschen Ploß Glück und Erfolg bei der Wahl. Kinder bekommen Schokolade. „Bei mir rennen Sie offene Türen ein. Ich habe immer CDU ­gewählt“, sagt eine 82-Jährige: „Auch wenn die Merkel ruhig mal etwas mehr Witz zeigen könnte.“ Mehrfach wird Ploß auf die geplante Bebauung einer nahen Grünfläche mit Dutzenden Wohnungen angesprochen. Die CDU sei gegen die Bebauung von Grüngebieten, sagt Ploß, er werde mit dem Bürgerschaftsabgeordneten Dennis Thering reden. Der wisse das und habe ja auch nichts gemacht, klagt der Mittfünfziger mit dem kleinen Hund zwischen den Beinen und der großen schlanken Frau neben sich. Auf seiner Fußmatte steht: „Vergessen Sie den Hund, Vorsicht vor der Ehefrau!“ Auch wenn er nicht ganz überzeugt ist: Flyer und Kuli nimmt der Mann trotzdem.

Im Haustürwahlkampfgeht es um Sekunden

Die Kunst beim Haustürwahlkampf ist es, sich nicht in lange Debatten verwickeln zu lassen. Sonst wäre das Pensum nicht zu schaffen. Es geht ja auch nicht um lange Vorträge, mit denen man die Leute überzeugen will. Viele sind schon dadurch eingenommen, dass ihr Kandidat sich persönlich vorgestellt hat. Und dann reden sie mit ihren Nachbarn darüber. „Mundpropaganda ist sehr wichtig“, sagt Ploß. Überall dort, wo niemand öffnet, wirft er Flyer in die Briefkästen. Seine Begleiterin führt derweil Statistik. Einen Strich für jeden Besuch macht sie. Hinter jeder Adresse sind drei Smileys abgebildet: ein lachender, ein neutraler und ein schlecht gelaunter. Je nach Reaktion kreuzt sie einen der drei an.

Mehr Daten dürfe man nicht erheben, sagt Ploß. Wenn also jemand etwa sage, er werde niemals CDU wählen, weil er SPD-Mitglied sei, wäre die Niederschrift dieser Information schon ein Verstoß gegen den Datenschutz. Die Listen gehen nämlich später an die Wahlkampfzentrale der Bundes-CDU. Nach zwei Stunden beginnt es zu nieseln. Nach einer letzten Runde durch eine benachbarte Straße lädt Ploß sein Team noch auf ein Bier in eine Kneipe ein.

Bevor Dorothee Martin ihre Klingeltour an einem frühen Donnerstagabend mit Fraktionschef Andreas Dressel starten kann, muss der am kleinen Einkaufszentrum Stüffel in Bergstedt zunächst ein Problem im Waschsalon lösen. Eine betagte Frau bittet ihn um Rat beim Münzeinwurf: „Der funktioniert nicht, Sie sind doch bestimmt von der Wohnungsbaugenossenschaft.“ Dressel lacht und bringt die Maschine tatsächlich in Gang.

Auch der Enkel von Hans Apel kämpft für Dorothee Martin

Unterdessen erklären Martin und Stratege Jensen ihren 13 Unterstützern, darunter sechs Jusos, die Grundregeln des Polit-Geschäfts an der Haustür: Höflich bleiben, keinen Kaugummi kauen, nicht länger als 45 Sekunden stören. Und immer sagen: „Ihre Bundestagskandidatin, nicht unsere.“

Martin verteilt an diesem Abend ihre Rentenflyer. Schließlich wohnen in den Genossenschaftswohnungen viele Senioren, die SPD-Sympathisanten überwiegen. Die Stimmung ist freundlicher als das Wetter. „Wir werden Sie wählen“, hört Martin mehrfach, nur ein Bewohner will weder Flyer noch Kuli.

Der Regen wird heftiger, Jensen bricht die Tour ab: „Ich will nicht, dass ihr euch erkältet.“ Zehn Minuten später sitzen Martin und Dressel mit ihren Helfern, darunter auch Jan Apel, Enkelsohn des verstorbenen SPD-Ministers Hans Apel, beim Italiener um die Ecke. Jensen sammelt die Klingelzettel ein, auf denen die Wahlkämpfer die Hausnummern der besuchten Wohnungen notiert haben. Er wird sie später akribisch erfassen, ein doppelter Hausbesuch wäre zu peinlich. Dorothee Martin schaut in die Runde, sichtlich bewegt, dass sich an diesem Abend trotz des schlechten Wetters so viele Genossen für sie engagiert haben. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir das bedeutet.“ Solidarität statt Sorgen. Nicht ihr Wahlkampf-Slogan. Aber kostbar für den Seelenfrieden.