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Der Mann, der die Stones nach Hamburg bringt

| Lesedauer: 9 Minuten
Holger True

Folkert Koopmansleitet die Hamburger Konzertagentur FKP Scorpio, die am 9. September Mick Jagger & Co. für ein Konzert in den Stadtpark holt. Mehr als 80.000 Fans werden erwartet. Ein Porträt von Holger True

Entspannt sieht er aus, fast so, als sei er im Urlaub. Das sportliche Kurzarmhemd hängt locker über dem Bund der knielangen Outdoorhose, die Füße stecken in bequemen Stoffschuhen – Folkert Koopmans strahlt an diesem drückend-schwülen Spätsommertag eine sympathische Gelassenheit aus. Und das wenige Tage bevor im Hamburger Stadtpark eines der größten Konzerte über die Bühne geht, die Hamburg je erlebt hat. Die Rolling Stones kommen. Der 53-Jährige, der eher wie Mitte 40 wirkt, hat sie in die Stadt geholt. Würde er selbst allerdings nie so sagen. „Daran hatten ja auch andere großen Anteil“, gibt er zu bedenken und meint neben dem Bezirksamt Nord, das die Genehmigung erteilte, auch sein vierköpfiges Spezialteam, das sich seit Monaten um die Megashow kümmert, zu der bis zu 82.000 Fans erwartet werden. Und doch, ohne Folkert Koopmans gäbe es keine Konzertagentur FKP Scorpio und vielleicht auch kein Hamburger Stones-Konzert.

Mit 17 Jahren veranstaltete er sein erstes Konzert

In der 2700 Quadratmeter großen Zen­trale an der Großen Elbstraße hat Koopmans ein geräumiges Büro mit Balkon zur Elbe, die Elbphilharmonie ist in Sichtweite. Auf 250 Millionen Euro beziffert er den für 2017 avisierten Jahresumsatz des Gesamtunternehmens, zu dem auch einige Auslandsfilialen etwa in Schweden und den Niederlanden gehören. Doch Geld scheint nicht seine Hauptantriebsfeder zu sein. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt der gebürtige Ostfriese, der auf einem Bauernhof im Dorf Marienhafe aufwuchs und 1981, im Alter von 17 Jahren, sein erstes Konzert veranstaltete. Das gelb-braune Plakat von damals hängt fein säuberlich gerahmt in der Ledersofa-Sitzecke des Büros: „Am 30.1. um 20.00 spielt die Gruppe Amuthon im Schulzentrum Marienhafe“, verkündet es mit leicht windschiefer Schreibschrift. „Eintritt: 3 DM“.

Für Koopmans war dieses Konzert eine Initialzündung. Bald, noch nicht lange volljährig, zog er nach Norden, die nächstgrößere Stadt, machte den Realschulabschluss und eine Lehre als Industriekaufmann bei der Spirituosenfirma Doornkaat. „Ich hatte dort ein Jobangebot, aber das war’s für mich nicht.“ Stattdessen machte er das Fachabitur und studierte in Emden zwei Semester Betriebswirtschaftslehre, „ohne wirklich anwesend zu sein“, wie er mit einem Schmunzeln zugibt. Gut möglich, dass er tagsüber einfach zu müde war, um sich in stickige Hörsäle zu quälen, schließlich verdiente er bereits Geld als Aufbauhelfer bei Konzerten und mit dem nächtlichen Kleben von Konzertplakaten.

Als im Hamburger Abendblatt eine Stellenanzeige erschien, mit der ein Booker für die Große Freiheit 36 gesucht wurde, bewarb Koopmans sich kurzerhand. Und wurde tatsächlich eingestellt.

Von 1987 bis 1990 buchte er Künstler nicht nur für die Freiheit, sondern auch für das Docks, die Traumfabrik in Kiel und ein paar andere Clubs in Norddeutschland. Eine Art Lehrzeit unter Profibedingungen, in der er Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen konnte. Am Ziel war er aber immer noch nicht, das kam erst in Sicht, als er 1990 die Firma Scorpio gründete. „Meine Assistentin und ich, das war das ganze Team“, sagt Koopmans, der heute etwa 100 Angestellte beschäftigt. 27 Jahre ist das jetzt her, und für Scorpio, heute FKP Scorpio und zu 50,2 Prozent in Besitz des Ticketvertreibers CTS Eventim, gab es eigentlich nur eine Richtung: nach oben, höher und höher. „Es ist eher wie bei den Aktienkursen“, relativiert Koopmans, „Manchmal gibt es auch Einbrüche.“ Allerdings ist es nach jedem kleinen Absturz für ihn auch immer wieder kräftig aufwärtsgegangen. Echte Flops waren selten. „1993 habe ich Radiohead abgelehnt, das war ein Fehler, und 2008 hatte ich schlaflose Nächte, weil unsere ,Palazzo Dinner Show‘ viel schlechter als erwartet lief.“ Während der Finanzkrise gingen vor allem die Firmenbuchungen für Weihnachtsfeiern dramatisch zurück. „Das hat uns richtig viel Geld gekostet.“ Auch die 2009 mit großen Erwartungen gestartete „Beatlemania Hamburg“, ein Beatles-Museum auf St. Pauli, war ein Misserfolg – und wurde 2012 geschlossen. Doch das sind kleine Ausnahmen in einer großen Erfolgsgeschichte.

Am Ende zählt aber auch das wirtschaftliche Ergebnis

Eine Erfolgsgeschichte, die sich durch Vertrauen, Loyalität und natürlich den richtigen Riecher erklärt. Wenn es darum geht, künstlerisches Potenzial zu entdecken, ist Koopmans immer noch eine Klasse für sich. „Meine 20 Jahre jüngeren Mitarbeiter staunen oft, wen ich da anschleppe“, grinst der Mann, für den Musik ein Lebenselixier ist. „Gerade gestern habe ich im Autoradio einen tollen Song gehört, den ich nicht kannte, und gleich recherchiert, um welchen Künstler es sich handelt.“ Gut möglich, dass der sich schon bald im Scorpio-Portfolio findet. Ist Folkert Koopmans also vor allem Fan, der Konzerte mit seinen Lieblingskünstlern organisiert? Vehement weist er das zurück: „Letztlich ist es wie in einer Schraubenfabrik, am Ende muss das wirtschaftliche Ergebnis stimmen.“ Eine Tour zu veranstalten, nur weil man die Musik oder den Künstler möge, sei geradezu gefährlich, dann überschätze man womöglich das kommerzielle Potenzial vollkommen.

Am wohl eindrucksvollsten hatte Koopmans den richtigen Riecher im Fall von Ed Sheeran. Mit ihm veranstaltete er in Deutschland schon Konzerte, als lediglich 200 Besucher kamen. Heute kommen Zehntausende, um den britischen Superstar zu sehen. Zum Auftritt am 25. Juli 2018 auf der Trabrennbahn in Bahrenfeld werden sogar mehr als 80.000 erwartet.

Die beiden mögen sich, arbeiten gern zusammen, vertrauen einander. Vielleicht auch, weil beide so bodenständig und unprätentiös sind. Allüren? Arroganz? Angeberei? Fehlanzeige. In der Ruhe liegt die Kraft, in der Beharrlichkeit, die keine Lautstärke braucht.

Koopmans hat viel erlebt mit Stars und Sternchen. Hat Bruce Springsteen, der ihm eine persönliche Widmung aufs Konzertplakat schrieb, als „hochprofessionell und entspannt“ kennengelernt. Und die Entourage von Rapper Eminem als extrem anstrengend. Einen halben Tag habe er, der Konzertveranstalter, gebraucht, um Zugang zu seinem eigenen Backstagebereich zu bekommen. „Da standen Zwei-Meter-Hünen mit mehr Muskeln als Hirn am Eingang ...“

Auch das gehört zum Tagesgeschäft, von dem der Vater zweier Söhne (17 und 21) und einer Tochter (23) sich langsam zurückzieht. Zwar ist er immer noch an bis zu 150 Tagen im Jahr in Europa unterwegs, besucht Festivals, Konzerte und Auslandsbüros, doch mehr und mehr setzt er auf sein eingespieltes Team und greift nur ein, wenn sein Einfluss tatsächlich gebraucht wird, etwa um eine stockende Vertragsverhandlung wieder in Gang zu bringen.

Einer seiner Söhne macht inzwischen eine Ausbildung bei FKP Scorpio: „Er hat mir auch schon Tipps gegeben, und wir haben die Bands dann tatsächlich auf Tour geschickt“, erzählt Koopmans mit mildem Vaterstolz. Er selbst orientiert sich inzwischen verstärkt nach Nindorf, einem Örtchen am Rande der Lüneburger Heide. Hier hat er nicht nur ein Haus, hier züchtet er neuerdings auch Welsh-Black-Rinder.

Vor einer Woche hat er drei Mutterkühe und drei Kälber gekauft, gemeinsam mit einem Landwirt kümmert er sich um die Tiere. „Das war schon lange mein Traum“, sagt er und berichtet mit einem Lächeln davon, die Rinder dieser Rasse seien so zutraulich, dass man normalerweise sogar die Bullen kraulen könne. Das passt zu diesem ruhigen Vertreter der oft so lauten, überdrehten Showwelt.

Doch erst einmal kommen jetzt die Stones, für Koopmans, der auch das Hurricane-Festival in Scheeßel organisiert, eine der größten Herausforderungen seines Veranstalterlebens. Schließlich markiert Hamburg den Auftakt der Europatour: Alles ist neu, muss sich erst einspielen, Jagger und Co. werden schon Tage vorher in Hamburg erwartet, um den Feinschliff der Show vorzunehmen.

Ob er die Stones dann auch trifft, weiß er nicht. „Kann sich ergeben, manchmal macht man auch ein gemeinsames Foto, aber ich bin da nicht so hinterher“, sagt er.

Mögen andere ihre Facebook-Seiten mit „Ich und ...“-Promifotos überschwemmen, Koopmans hat einen Blick auf den Hamburger Hafen als Titel- und die Scorpio-Flagge als Profilbild. Glamour und Lautsprecherei sind seine Sache eben nicht. Dafür trägt er vielleicht auch viel zu gern bequeme Kurzarmhemden und lockere Outdoorhosen.