Inklusion

Plädoyer einer Mutter für mehr Toleranz

Birte Müller mit ihrem Sohn Willi

Foto: Birte Müller

Birte Müller mit ihrem Sohn Willi

Birte Müller nimmt ihren behinderten Sohn mit in die Kirche und in Konzerte. Das sei egoistisch, wurde ihr vorgeworfen

Es ist wohl eine der schwersten Anschuldigungen an eine Mutter, sie eine Egoistin zu nennen.

Im Zusammenhang mit meinem behinderten Sohn Willi wurde mir dieser Vorwurf schon mehrfach gemacht. In offenen Diskussionsforen liest man es ständig, aber auch mir persönlich wurde es schon gesagt, dass es egoistisch sei, so ein Kind zu bekommen, welches die Gesellschaft viel Geld kostet.

Auch finden es andere Leute egoistisch, mit einem Kind wie Willi zum Beispiel ins Weihnachtsoratorium zu gehen, wo andere Menschen gestört werden könnten durch unangepasste Geräusche und Bewegungen.

Komischerweise habe ich ganz konträre Vorstellungen von Egoismus. Eigentlich immer, wenn es um das Thema Pränataldiagnostik geht, kommen mir gerade die Argumente für eine Abtreibung behinderten Lebens egoistisch vor. Es geht dabei grundsätzlich um die Angst der werdenden Eltern vor eigenen Einschränkungen. Aber noch nie hat mir jemand gesagt, er lasse die Nackenfaltendichte seines Babys messen, um das Gesundheitssystem nicht zu belasten.

Aus meiner Sicht scheint es mir auch deutlich egoistischer zu sein, ein behindertes Kind aus einer Kirche zu verweisen, weil es mich stört, als die Tatsache an sich, dass eine Familie wie unsere überhaupt ein Konzert besucht.

Wenn ich allerdings wirklich eine echte Egoistin wäre, dann würde ich gar nicht mit Willi ins Weihnachtsoratorium gehen. Wir würden uns einen schönen Nachmittag zu Hause machen und ich würde für Willi eine DVD einschieben, damit er sich das Stück zum
x-ten Mal in der Glotze anschauen kann. Ich würde mir ganz sicher nicht den Stress machen, mich in einer Kirche unter scheinheilige Menschen zu begeben, die mir Sätze sagen wie "Nächstenliebe ist keine Einbahnstraße". Weiß Gott nicht! Ich erfülle lediglich meinem Sohn den sehnlichen Wunsch, ab und zu ein echtes Orchester zu sehen.

Zum Glück gibt es noch viele andere Menschen, die uns durch ihr Lächeln und ihre Hilfe durch solche Herausforderung tragen. Oft sind das Mütter, die sich gut vorstellen können, dass es für uns nicht immer einfach ist. Statt den Kopf zu schütteln, wenn Willi begeistert direkt vor der Nase ihres Kindes in der ersten Reihe tanzt, freuen sie sich und rücken sogar zusammen, damit er sich zu ihnen setzen kann. Sie kommen nicht auf die Idee, mich darauf hinzuweisen, dass es nummerierte Plätze gibt!

Wie kann man denn der Mutter eines behinderten Kindes auch ernsthaft Egoismus vorwerfen? Das ist doch wirklich das Absurdeste überhaupt, wenn man in Betracht zieht, wie viel Kraft uns unsere Kinder und unser Umfeld kosten. Ich fürchte, viele von uns sind gar nicht egoistisch genug!

Wenn ich mich mit Müttern behinderter Kinder austausche, merke ich, dass oft genau diejenigen die glücklichsten Familien haben, die eine große Portion Egoismus besitzen und ehrlich dazu stehen. Und eine Lektion in Nächstenliebe braucht ganz sicher trotzdem keine von ihnen. Denn aus vollem Herzen zu lieben, ohne Gegenleistung zu erwarten, das ist die Kunst, die wir ALLE von unseren Kindern gelernt haben.

Dieser Artikel erschien zuvor im "Südring
Aktuell",
dem Magazin des Hamburger Vereins "Leben mit Behinderung". Weitere Informationen unter www.lmbhh.de

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