Betreutes Wohnen

Späte Liebe zu Gedichten und deutschen Klassikern

Die Literaturgruppe in der Kursana Residenz Wedel (v.l.n.r.): Hildegard Dwinger (88), Felicitas Diestel (88), Margot Bruß (94, sitzend), Renate Popp (74), Inge Knaak (92), Dozent Arne Offermanns (45), Gisela Schnackers (90) und Renate Lütje (99).

Die Literaturgruppe in der Kursana Residenz Wedel (v.l.n.r.): Hildegard Dwinger (88), Felicitas Diestel (88), Margot Bruß (94, sitzend), Renate Popp (74), Inge Knaak (92), Dozent Arne Offermanns (45), Gisela Schnackers (90) und Renate Lütje (99).

Foto: Kursana Wedel

Im „Literarischen Gespräch“ gehen die Bewohner einer Seniorenresidenz in Wedel einmal im Monat auf kulturelle Entdeckungstour

„Die Gedichte von Mascha Kaléko haben mich tief berührt“, sagt Margot Bruß (94) und erntet für ihre Einschätzung die Zustimmung ihrer Mitbewohnerinnen. Nur eine der sieben Teilnehmerinnen beim heutigen Literaturkreis in der Kursana Residenz Wedel war das Werk der jüdischen Dichterin bereits vertraut, alle anderen haben beim Lesen ihrer Lyrik Neuland betreten. „Herausforderung ist das erklärte Ziel unserer Runde“, sagt Literaturwissenschaftler Arne Offermanns (45), der seit vier Jahren einmal im Monat kulturinteressierte Bewohner in der Senioreneinrichtung zum literarischen Gespräch einlädt. Bis zu zwölf Teilnehmer, darunter auch zwei Herren, nehmen das Angebot ihrer Residenz regelmäßig wahr. „Ich wähle hier Texte aus, die einen Anlass für Gespräche schaffen. Dabei beeindruckt mich immer wieder, wie intensiv sich die Senioren gerade auf die sperrigen Werke einlassen und mit welcher Leidenschaft sie diskutieren. So macht der Umgang mit Literatur großen Spaß.“

Durch alle Genres haben sich die Senioren bereits gearbeitet: Arne Offermanns hat für den Literaturkreis Kurzgeschichten, Auszüge aus Romanen und Dramen genauso wie Lyrik aus verschiedenen Epochen ausgewählt. Maximal zwanzig Seiten Lesestoff stellt der Dozent, der 2011 mit dem Joseph Carlebach-Preis ausgezeichnet wurde und kurz vor der Disputation seiner Dissertation über den jüdischen Autoren Ernst Lissauer steht, im Vorwege als Kopien zur Verfügung.

In der Literaturliste finden sich neben Klassikern von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller auch Werke moderner Autorinnen wie Judith Herrmann. Zu bekannten Namen wie Thomas Mann und Bertolt Brecht gesellen sich Schriftsteller wie Ernst Lissauer oder Leo Perutz, die es neu zu entdecken gilt. Und auch provokante Zeitgenossen wie Peter Handke und Elfriede Jelinek sind mit Auszügen aus ihrem Werk vertreten. „Es waren durchaus Texte dabei, die ich für mich allein niemals zu Ende gelesen hätte“, gibt Renate Lütje (99) zu. „Ich verstehe nicht viel von Literatur. Einige Texte mochte ich am Ende zwar immer noch nicht, aber die Auseinandersetzung in der Runde ist immer eine Bereicherung.“

Arne Offermanns, der nach langjähriger Tätigkeit im Groß- und Außenhandel erst mit 32 Jahren sein Germanistikstudium aufnahm, ist die „Elfenbeinturm“-Mentalität vieler Wissenschaftler fremd. Ihm liege am Herzen, die Literatur zu den Menschen zu bringen, sagt er. Dem Hamburger sind vor allem der historische Hintergrund und der gesellschaftliche Kontext eines Werkes wichtig. Deshalb sind die persönlichen Erinnerungen, die die Teilnehmer zur Zeitgeschichte beitragen können, auch stets in der Diskussion willkommen.

Im Gespräch über Mascha Kalékos Gedichte wird schnell deutlich, wie intensiv sich die Seniorinnen auf das Treffen vorbereitet haben: Die meisten haben die Texte mehrfach gelesen. Einige haben sich sogar im Vorwege über die Autorin informiert und bereits beim gemeinsamen Mittagessen im Restaurant der Residenz über einzelne Gedichte ausgetauscht.

Arne Offermanns liefert in der Runde Hintergrundinformationen zur Autorin der „Neuen Sachlichkeit“, die im Berlin der Weimarer Republik als weibliches Pendant zu Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky oder Erich Kästner galt. Gemeinsam erforschen die Teilnehmerinnen, wie Mascha Kaléko mit poetischen Stilmitteln in den eingängigen Texten Brüche, Wendungen und emotionale Tiefe erzeugt.

„Ich bin immer wieder begeistert darüber, was ich aus unseren Zusammenkünften mitnehmen kann“, freut sich Bewohnerin Gisela Schnackers (90) am Ende der Stunde. „Ich hatte mein Leben lang keine Zeit für ein Hobby. Hier habe ich mein Herz für die Literatur entdeckt, und ich kann mit dem Lesen gar nicht mehr aufhören. Es ist ein Geschenk des Alters, dass ich jetzt alles nachholen darf.“ (map)