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Gemeinsam trauern nach einem Suizid

Hilfe fuer Hinterbliebende nach Suizid: Natalie Katia Greve (li.) und Birgit Sonnabend

Foto: Andreas Laible

Hilfe fuer Hinterbliebende nach Suizid: Natalie Katia Greve (li.) und Birgit Sonnabend

Birgit Sonnabend und Natalie Katia Greve verloren Angehörige durch Suizid. Nun helfen sie Hinterbliebenen, zurück ins Leben zu finden.

Vielleicht hatte sein Tod doch einen Sinn, den möchte Natalie Katia Greve ihm zumindest geben. Deswegen ist sie seit sechs Jahren dabei, ihr Leben komplett umzukrempeln. Die 42-Jährige hat neu angefangen, diverse Ausbildungen zur Trauerbegleiterin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und zum Business Coach gemacht. Damit auch ihr Alltag wieder einen Sinn macht, nachdem sie so lange ihre Gefühle nach außen verborgen hatte, sprachlos war ob des Schmerzes, den sie nach Knuts Tod empfand.

Acht Wochen vorher hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie war 35 Jahre alt, er der Mann ihres Lebens. Sie hatten Pläne, wollten Kinder und zusammen alt werden. Und dann hat er sich umgebracht, tief verstrickt in Depressionen, aus denen er nur den Tod als Ausweg sah. Plötzlich wurde aus der glücklichen Verlobten eine Hinterbliebene nach Suizid.

Ihr Verlobter hinterließ keinen Abschiedsbrief

Kurz vor seinem Tod hatte Knut eine tiefe Krise, die aus dem lebenslustigen und agilen Journalisten ein Häufchen Elend machte, der keine Minute mehr allein sein wollte, bis Natalie Greve schließlich einen Platz für ihn in einer psychosomatischen Klinik ergattern konnte. Dort erhängte Knut sich nur wenige Tage später an der Garderobe seines Zimmers, ihr gemeinsames Foto hatte er zuvor umgedreht. Er hinterließ keinen Abschiedsbrief. "Er hatte wohl früher schon einmal starke Depressionen, davon wusste ich aber nichts. Und keiner hätte vermutet, dass er sich jemals selber töten würde", sagt Greve.

Nach dieser Tat war sie über Monate wie betäubt. "Ein- und Ausatmen war eine Zeit lang mein einziges Ziel", sagt Natalie Greve. Sie redet heute offen über den Suizid ihres Partners, hat sogar darüber ein Buch geschrieben. Ihr ist die Enttabuisierung und Entstigmatisierung des Themas wichtig.

Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland rund 10.000 Menschen das Leben und hinterlassen Angehörige, die mit ihren Fragen, der Trauer und dem Schmerz oft alleine fertigwerden müssen. "Viele Hinterbliebene erleben Schuldzuweisungen von anderen und quälen sich zudem mit eigenen Schuldgefühlen. Auch ich habe mich lange gefragt, ob ich etwas übersehen oder falsch gemacht habe", sagt Greve. Ihr hat damals eine Trauergruppe geholfen, im Leben wieder eine Perspektive zu sehen. Begleitet wurde die Gruppe damals von Birgit Sonnabend, zu der Greve einen intensiven Kontakt hielt, bis die 62-Jährige sie fragte, ob sie künftig gemeinsam mit ihr Trauergruppen unter dem Namen "Vergiss mein nicht" anbieten möchte.

Seit 2015 begleiten die beiden nun neben ihren Jobs jedes Jahr ehrenamtlich eine Gruppe Hinterbliebener nach Suizid. Eine Arbeit, die beide zutiefst befriedigt, "weil wir sehen, dass die Menschen nach dieser gemeinsamen Zeit wieder auf eigenen Beinen stehen und ihr Leben in die Hand nehmen", sagt Sonnabend, die sich zuvor beim Institut für Trauerarbeit engagierte.

Birgit Sonnabend hat ihre Mutter verloren. Diese hatte sich 1982 mit Schlaftabletten das Leben genommen – wegen finanzieller Schwierigkeiten ihres Ladens. Sonnabend, die damals Ende 20 und selber Mutter zweier Kinder war, hat über Jahre die Sprach- und Hilflosigkeit in ihrer Familie erlebt. "Es gab zu der Zeit keine Hilfsangebote oder Gesprächsgruppen. Mein Vater und meine Brüder haben jeder für sich alleine versucht, mit dem Geschehen fertigzuwerden", sagt Sonnabend, die 2005 eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht und sich somit mehr als 20 Jahre nach dem Suizid ihrer Mutter mit dem Thema auseinandergesetzt hat. "Erst danach ging es mir wirklich besser", sagt sie.

In den Gruppen, die Sonnabend und Greve führen, gibt es immer Teilnehmer, die erst nach Jahrzehnten über die Selbsttötung in ihrer Familie sprechen. Es gibt beste Freundinnen oder Geschiedene, die mitmachen, genauso wie Ehepartner und Geschwister. "Wir sind offen für Zu- und Angehörige", sagt Sonnabend. Ab 8. Juni gibt es wieder eine neue Gruppe. Die beiden Trauerbegleiterinnen bieten die geführte Gruppe nur geschlossen an – nach den ersten drei offenen Terminen nehmen sie keine weiteren Teilnehmer auf . "Wir möchten nicht, dass die Teilnehmer ihre Geschichte immer wiederholen müssen", sagt Greve.

In ihren Trauergruppen ist die eigene Suizid-Erfahrung kein Thema, denn "es geht ja um die anderen, nicht um uns". Greve und Sonnabend geben die Themen der Treffen vor, anfangs gehe es darum, über die Beerdigung, den Abschied oder auch die Auffindsituation zu sprechen. Doch danach sollen die maximal zehn Teilnehmer auch über das Jetzt und die Visionen für ihr Leben sprechen. Es gibt Rituale und Übungen. Doch das Wichtigste ist – wie bei allen Trauergruppen –, dass die Teilnehmer einander verstehen, dass sie offen über ihren Schmerz, ihre Sehnsüchte reden können und alle Fragen stellen, die sie bewegen. Viele treffen sich auch nach Abschluss des Jahres weiterhin. "Meine beste Freundin habe ich durch die Trauergruppe gefunden", sagt Natalie Katia Greve. Sie arbeitet selbstständig als Business Coach in Unternehmen zu Themen wie Gesundheit und Trauer. Das macht ihr Spaß. Doch der Sinn ihres Lebens sei, die Erfahrung weitergeben zu können, "dass man den Suizid eines geliebten Menschen überleben und damit seinen Frieden finden kann".

Trauergruppen

Eine neue geführte Jahresgruppe für Suizidhinterbliebene bieten die beiden Trauerbegleiterinnen Birgit Sonnabend und Natalie Katia Greve ab dem 8. Juni an. Die Gruppe trifft sich zweimal im Monat um 18.30 Uhr im Altenhof, Winterhuder Weg 98. Nach den drei ersten Treffen wird die Gruppe geschlossen. Kostenbeitrag: 15 Euro pro Treffen. Kontakt:
Tel.: 01602986423,
E-Mail: info@vergissmeinnicht-trauer.de

Der Verein Agus – Angehörige nach Suizid – bietet jeden ersten Sonnabend im Monat von 16 bis 18 Uhr im Gruppenraum der
St.-Jacobi-Gemeinde, Jakobikirchhof 9, eine offene Selbsthilfegruppe an. Kontakt: Christel Wilke, Tel: 04141/ 88 02 8, E-Mail: christel-wilke@gmx.de

In Pinneberg trifft sich Agus jeweils am dritten Freitag im Monat von 19–21 Uhr in den Räumen der Suchtberatung, Bahnhofstr. 29.
Kontakt: Dagmar Lüders
Tel.: 04101/ 51 28 29
E-Mail: aguspinneberg@gmail. com

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