Magazin

Für Samba ist es nie zu spät

Manfred Drzewiecki, Gründer der Tanzabteilung beim SV Eidelstedt, dreht auch als 83-Jähriger mit Ehefrau Marion noch seine Runden auf dem Parkett. Von Jan Haarmeyer

Die Engel, soll der Philosoph und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354–430) gesagt haben, wüssten nichts anzufangen mit einem Menschen, der nicht tanzen kann. Von daher hat Manfred Drzewiecki also ganz gute Karten, wenn es irgendwann um den Segen von oben geht. Sein halbes Leben hat der Hamburger dem Tanzen gewidmet. 83 Jahre ist er jetzt alt. Und noch immer dreht er mit seiner Frau Marion einmal in der Woche gekonnt die Runden über das Schwingparkett im großen Tanzsaal des SV Eidelstedt am Steinwiesenweg.

Seit Urzeiten drücken die Menschen ihre Gefühle auch dadurch aus, dass sie sich im Kreis drehen. Indische Höhlenmalereien belegen, dass die Menschen schon 2000 Jahre vor Christi Geburt getanzt haben. Das Video des tanzenden südkoreanischen Rappers Psy mit seinem Gangnam Style war im Mai 2014 mit zwei Milliarden Aufrufen das meistgesehene in der Geschichte von YouTube.

Es gibt den Schuhplattler in Bayern, die Polonaise in Wuppertal, die Samba in Rio. Es gibt Schwerttänze in Schottland und den Tanz der Derwische in der Türkei. Ballett an der Stange und Breakdance auf der Straße. Es gibt Volks- und Gesellschaftstänze, rituelle und Modetänze. Getanzt wird in den Mai und auf der ganzen Welt.

Jeden Dienstag am späten Nachmittag treffen sich auch in Eidelstedt die Senioren zum Tanz. Im Sportzentrum am Steinwiesenweg ist der Tanzsaal der dominierende Mittelpunkt. Und ohne Manfred Drzewiecki hätte es diesen glänzenden Raum wohl nicht gegeben. Diese Tanz-Stelle mitten in Eidelstedt ist ein bisschen auch sein Lebenswerk.

Dabei hatte sein Leben in den ersten beiden Jahrzehnten mit Tanz und Musik nichts im Sinn. Als Jugendlicher lag seine Welt in Trümmern. Für den jungen Manfred ging es ums Überleben.

Der Hamburger kommt aus einer Schornsteinfeger-Dynastie. Opa, Vater, zwei Onkel und auch seine zwei jüngeren Brüder waren allesamt Schornsteinfeger. „Mein Vater war Bezirksschornsteinfegermeister in Hamm.“ Als der Krieg ausbrach, war Manfred fünf Jahre alt. Wenig später wurde sein Vater zum Frankreich-Feldzug eingezogen.

Für Hamburgs Schüler ging es zur Kinderlandverschickung. Mehr als zwei Millionen Kinder aus den vom Luftkrieg bedrohten deutschen Städten wurden bis Kriegsende in weniger gefährdeten Gebieten untergebracht. „Wir wurden eines Tages einfach in die Bahn gesetzt. Im Bayerischen Wald hielt der Zug an jedem Bahnhof. Und immer mussten einige Kinder aus der Klasse aussteigen.“ Manfred blieb mit drei anderen bis zuletzt im Zug. „In Jandelsbrunn mussten wir raus.“ Stockdunkle Nacht. Er erinnert sich noch an die vermummten Frauen, die auf dem Bahnsteig standen und alle einen Schlitten dabeihatten. Eine Frau nahm ihn an die Hand und zog ihn eine Stunde durch den Schnee bis zu ihrem Bauernhof in Hinterwollaberg.

Ein Dreivierteljahr lang lebte der Neunjährige dort, und er ging im Dorf zur Schule. „Es gab nur eine Klasse für alle Kinder, von den Erst- bis zu den Achtklässlern.“ Auf dem Hof kümmerte sich keiner um ihn. „Ich bekam zu essen, war sonst viel allein.“ Die Haare wurden länger, er verwahrloste. „Im Sommer 1943 kam meine Mutter mit meinem Bruder zu Besuch und war entsetzt, als sie mich sah.“ Das Glück: Als seine Mutter in Bayern war, wurde Hamburg beim Feuersturm in Schutt und Asche gelegt. „Also zogen wir zum Vater, der in Munster bei Soltau stationiert war.“

1947 kamen sie zurück nach Hamburg. „Die Stadt lag in Trümmern.“ Aber für die Kinder, sagt er, sei das gar nicht so schlimm gewesen. Anfangs wohnte die fünfköpfige Familie in zwei kleinen Kellerräumen an der Rentzelstraße, später in zwei Zimmern am Grindelhof. Der Vater bekam seinen Kehrbezirk wieder, aber für Manfred stand fest, dass er kein Schornsteinfeger werden würde: „Ich wollte partout nicht aufs Dach.“

Das Abitur aber durfte er auch nicht machen. „Mein Vater sagte, wenn du Abitur machst, willst du auch studieren. Das wollen deine Brüder dann auch, und das kann ich mir nicht leisten.“ Das hat er eingesehen. Und hatte mit seinem Realschulabschluss drei Jobs gleichzeitig zur Auswahl. „Mir lagen Verträge zum Unterschreiben als Speditionskaufmann und als Grafiker vor.“ Er aber entschied sich für den Verwaltungsdienst. „Ich bin ein Schreibtischmensch.“ Wurde fünf Jahre später im Bezirksamt Eimsbüttel der bislang jüngste Fachamtsleiter und kümmerte sich im Abgabenamt um Anliegerbeiträge, Grund- und Hundesteuer. Wechselte später als Regierungsamtmann zur Arbeitsrechtlichen Vereinigung Hamburg und entwarf dort individuelle Tarifverträge für städtische Unternehmen wie Theater, Krankenhäuser oder den Flughafen.

1951 lernte er Marion kennen. „Beim Baden am Krupunder See.“ Acht Jahre später haben sie geheiratet. 1963 wurde Tochter Martina geboren. Vor acht Jahren haben die zweifachen Großeltern goldene Hochzeit gefeiert. Das Geheimnis einer solch langen Beziehung? „Gegenseitiger Respekt und gemeinsame Interessen“, sagen sie. Wie etwa das Wandern in den Bergen. Oder eben das Tanzen.

Schon in der Jugend haben sie getanzt, und als sie vor 40 Jahren nach Eidelstedt gezogen sind, wollten sie damit wieder anfangen. Und zwar beim Eidelstedter SV. Dort suchte der Verein gerade einen Abteilungsleiter. „Wir wollten eigentlich nur tanzen.“ Das Problem: „Wir waren eher da als die Abteilung.“ Aber es gab einen sehr engagierten Tanzlehrer. Und so gründete Manfred Drzewiecki mit seiner Frau die Tanzabteilung, die schnell anwuchs. „Bald hatten wir 400 Mitglieder.“

Und sie hatten einen Traum. „Einen eigenen Tanzsaal.“ Aufgrund der vielen Tänzer ergaben sich am Jahresende immer erhebliche Kassenüberschüsse. „Die Mitglieder der Tanzsportabteilung entschieden, die Überschüsse nicht zur Senkung des Beitrags zu verwenden – sondern zur Bildung eines Fonds für den Bau eines eigenen Tanzsaals.“ Dagegen gab es im Verein erhebliche Widerstände. Aber mit der Unterstützung des damaligen Vorsitzenden Klaus Kastorf durfte die Tanzabteilung ein zweckgebundenes Sondervermögen ansammeln, das schließlich knapp 250.000 Mark betrug. 1994 war es geschafft: Im Sportzentrum am Steinwiesenweg wurde der Tanzsaal eröffnet. Mit einer turniergerechten Tanzfläche von zehn mal 15 Metern.

Was ist das Faszinierendste am Tanzen? „Die Freude an der Bewegung zur Musik.“ Kann das jeder? „Man muss den Takt heraushören, sonst wird es schwierig“, sagt Drzewiecki. Dazu brauche man eine Grundfitness und gute Fußarbeit. Und: „Der Kopf muss immer oben sein.“

Bis vor Kurzem haben sie noch vier Tanzkreise betreut, jetzt tanzen Marion und Manfred noch in einem Hobbykreis. „Aber nur noch Latein.“ Also Samba, Cha-Cha-Cha, Rumba, Jive oder Paso Doble. „Da tanzt man auseinander, das ist nicht mehr so schwierig wie bei den Standardtänzen, wo man eng zusammen tanzt.“ Dass Tanzen jung hält, sieht man ihnen an. Sie kennen niemanden, sagen sie, der in all den Jahren mit ihnen getanzt hat und an Demenz erkrankt sei. „Das hat sicher damit zu tun, dass man beim Tanzen ständig in Bewegung ist und sehr viele Informationen gleichzeitig verarbeiten muss.“ Toll sei auch, dass man den Tanzsport zu zweit ausüben kann. Wobei einer immer die Führung übernimmt. „Und das ist der Mann“, sagen beide. Das Tanzen, sagt Manfred Drzewiecki, sei wohl die letzte Domäne, die den Männern geblieben ist.

Beide müssten also das machen, was der Mann will. Zu ernst aber dürfe man das nicht nehmen. „Natürlich kommt es vor, dass man sich mal streitet“, sagen sie. „Aber sobald man die Tanzfläche verlässt, muss der Streit vorbei sein.“