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„Leinen los“ als Lebensmotto

Marcel Kloverts Heimat ist die Welt. Jetzt will er mit einem schwimmenden Hostel in Harburg Anker werfen. Ein bisschen jedenfalls. Porträt eines Freigeists von Martina Goy

Als die Presse anrückt, rückt der Helfer gerade aus. Dachdecker-Tape im Baumarkt soll er schnell besorgen. Der Regen rund um den Jahreswechsel hat seine Spuren hinterlassen. „Es riecht ein bisschen streng“, sagt Marcel Klovert, nachdem er dem Freund Geld für den Einkauf mitgegeben hat. Dann zeigt er auf die offen stehende Luke, die in den Bauch seines Schiffes führt. Beim Blick hinunter in den Laderaum der „Lydios“ sind neben lose herumliegenden Brettern auch dunkle Stellen auf dem Boden zu erkennen. „Die sind vom Wasser“, erklärt er. „Dach und Kanten müssen schnellstens abgedichtet werden. Wenigstens weiß ich jetzt, was auf der Handwerker-Prioritätenliste an erster Stelle steht.“

42.000 Euro hat Klovert für den mehr als 100 Jahre alten Schüttgutfrachter aus Holland bezahlt. Sieben Tage hat die Überfahrt nach Hamburg gedauert. Ein Freund stand am Ruder, denn der neue Schiffseigner hat kein Patent. Nun liegt der Kahn seit Mitte Dezember im Binnenhafen von Harburg am Lotsekai. Praktischerweise direkt neben dem Kulturkran. Ein Museumsstück zwar, doch durchaus funktionstüchtig. „Wichtig für unsere Bauarbeiten“, sagt Klovert. Die eine oder andere Platte aus Rigips muss demnächst von Land an Bord befördert werden. Bis zum Herbst dieses Jahres soll der erst vor ein paar Monaten ausgemusterte Lastkahn zu einer schwimmenden Herberge umgebaut werden. So jedenfalls ist der in Teilen auch schon behördlich abgesegnete Plan des Marcel Klovert, Weltenbummler, Freiheitsdenker, Lebenskünstler und bald Zimmervermieter auf einem Schiff.

Vier Doppel- und ein Familienzimmer auf etwa 130 Quadratmetern sollen dann Übernachtungsgästen, die das Ungewöhnliche suchen, zur Verfügung stehen. Bed und Breakfast auf Pensionsniveau. Für den umfangreichen Umbau sind 200.000 Euro vorgesehen. Ob das geliehene Geld ausreicht, er die richtigen Handwerker findet, die helfenden Freunde dabei bleiben und der Zeitplan eingehalten werden kann, darüber macht sich Klovert noch keine Gedanken. „Inschallah“, sagt er. Der liebe Gott wird es schon richten. Ein bisschen spricht er, als sei sein Rachen mit Kaugummi verklebt. Der Akzent verrät den Niederländer. Hamburger Fußball-Fans sind an diese Sprachfärbung gewöhnt – van Nistelrooy, Huub Stevens und Rafael van der Vaart haben Spuren hinterlassen.

Und nun also Marcel Klovert (48) aus Rotterdam. Doch wie einen Mann beschreiben, der sich fast vollkommen losgelöst hat von konventionellen Schnüren? Der sich so gar nicht in ein Schema pressen lässt. Dem Karriere und Besitz, Anerkennung und Erfolg, Vorhersehbarkeit und Sicherheit wenig bis gar nichts bedeuten. Der zwar mal Kon­struktionsmechaniker in seiner Heimat gelernt hat, aber das Arbeiten nie als Schritt auf dem Weg zur Selbstverwirklichung betrachtete, sondern stets nur als Mittel zum Zweck: Er brauchte Geld für seine Weltreisen. Denn Reisen bedeutet Freiheit. „Meine Lebensmaxime.“

Seit eine gute Freundin der Mutter ihn während des ungeliebten, weil auf unbedingten Gehorsam aufgebauten Armeedienstes auf einen zweiwöchigen Urlaub nach Thailand mitnahm, treibt Klovert die Lust auf fremde Menschen und deren Geschichte um. Dass er auf seiner ersten großen Reise im Zug später ausgerechnet einen Cousin traf, der eigentlich nach Amerika wollte und sich stattdessen ihm für den Abenteuer-Trip nach Asien anschloss, gehört zu jenen Zufällen des Lebens, die Weichen stellen. Gemeinsam entdeckten die beiden jungen Männer die Welt. Und zumindest Klovert fand darin seinen Lebensinhalt.

Monatelang erkundete er fortan mit dem Rucksack die Kontinente. Er lebte nah an den Bewohnern, teilte ihr Essen, ihre Lebensbedingungen, ihre Ansichten, ihre Spiritualität. Jobbte als Küchenhilfe, wenn das mitgebrachte Geld ausging. Nach Hause kam er nur, um ein paar Monate regelmäßig zu arbeiten und für die nächste große Reise zu sparen. Der Erkenntnisgewinn eines solchen Lebens sei immens, sagt er. „Man lernt Leute kennen, die ganz andere Auffassungen haben als man selbst. Die eigenen Gedanken davon, wie alles sein soll, werden durcheinandergerüttelt. Es ist so, als öffnet man seinen Schrank und entdeckt darin ständig neue Fächer.“

Seine erste Frau lernte er 1992 in einem Meditationskurs in Indien kennen. Die studierte Tibetologin aus Hamburg arbeitete als Übersetzerin. Die nächste Rucksackreise machten sie gemeinsam, inzwischen hatte Klovert das Fotografieren für sich entdeckt. Er konnte seine Reportagen unter anderem an das „Globetrotter“-Magazin verkaufen. Doch die Medienkrise machte der Arbeit als frei schaffender Lichtbildner ein jähes Ende. Das Paar wurde in Hamburg sesshaft, bekam eine Tochter.

Er fand Arbeit als Foto-Assistent, dann schulte er auf Programmierer um, fand den Datenjob sogar spannend und kreativ. Doch je länger er im regelmäßigen Arbeitsalltag verankert war, desto mehr hatte er das Gefühl, sich nicht weiterzuentwickeln. „Jeder Kollege saß vor seinem Computer, die Kommunikation war gleich null. Das war es nicht, was ich vom Leben wollte.“ Sechs Wochen Urlaub auf Bali brachten die nötige Distanz, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Klovert ging wieder öfter auf Reisen, stellte seinen Job als Programmierer auf flexiblere Füße. Doch die Ehe scheiterte in diesen Jahren. Eine Portion Fernweh hat die Tochter von den Eltern geerbt. Derzeit macht sie Abitur. „Auf Weltreise zu gehen ist immer mal wieder ihr Thema“, sagt der Vater.

Inzwischen ist er mit einer Journalistin verheiratet. Sohn Tom ist drei Jahre alt. Als der Kleine anderthalb war, stieg das Ehepaar gemeinsam aus den Jobs aus, nahm Elternzeit und ging auf Reisen, um Südostasien zu erkunden. Sie schrieb, er fotografierte wieder. Tom in den Reiserhythmus zu integrieren war kein Problem. Egal ob in Malaysia, Brunei, Vietnam, Laos oder Kambodscha – im kinderlieben Ausland war er überall der Star. In einem Blog hat Mutter Heike aufgeschrieben, was Tom alles erlebte. In einem zweiten Blog sind ihre Reportagen und die Bebilderung durch den Ehemann zu finden. Seit Sommer 2015 sind sie wieder in Hamburg.

Zurzeit lebt die Kleinfamilie noch in einer Wohnung in Wilhelmsburg. Im Februar läuft der Mietvertrag aus, dann erfolgt der Umzug aufs Boot. In der gegenüberliegenden Kita hat Tom schon einen Platz sicher. Und im Prinzip ist auch klar, wie der Platz an Bord aufgeteilt wird. In der mit zwei schweren, dunkelblauen Sofas vollgestellten Wohnküche soll irgendwann das Kinderzimmer sein. Die Sitzgarnitur holt sich demnächst eine Flüchtlingsfamilie ab. Die kleine Schlafkoje nebenan ist schon jetzt bezugsfertig. Klettert man den steilen Niedergang wieder hinauf in den Bootsführerstand und auf der anderen Seite hinunter, liegen dort weitere zwei Räume, in denen die Eltern leben wollen. Erst dahinter beginnt der Frachtraum, der mit Fenstern und Bädern zum schwimmenden Hostel umgebaut werden soll.

Entstanden sei die Idee auf der Südostasienreise, erzählt Klovert. „Wir lieben beide das Wasser und können uns ein Leben auf einem Boot vorstellen.“ Auf das Zigeunerleben aus dem Rucksack, die geliebten Fernreisen zu Menschen, die wie sie mit wenig glücklich sind, wollen sie aber nicht verzichten. „Im Januar und Februar ist erfahrungsgemäß touristisch im Norden nicht viel los“, sagt Klovert, der für den neuen Job als Gästehausbesitzer schon ein Praktikum im Hotel 25hours gemacht hat. „Das könnten wir für Reisen nutzen.“ Vielleicht auch mal wieder auf die Insel der Walfänger in Indonesien, deren Zahlungsmittel Wal-Fleischstücke sind.

Der kleine Tom wird gern wieder losfahren. Noch ist er, anders als die meisten Kleinkinder, emotional nicht an feste Schlafplätze gebunden. Im Gegenteil. Als er kürzlich das erste Mal auf dem Schiff übernachten durfte, fand er es wenig aufregend. Einen Weitgereisten wie ihn noch zu überraschen dürfte eine der Lebensaufgaben für die Eltern sein.