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Hamburger Brillen-Sprechstunde für Obdachlose

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Ann-Britt Petersen
Der Obdachlose Andreas brauchte dringend eine neue Brille, er bekam sie über die  Aktion Mehrblick in der „Mission Kunst und Suppe“

Der Obdachlose Andreas brauchte dringend eine neue Brille, er bekam sie über die Aktion Mehrblick in der „Mission Kunst und Suppe“

Foto: Michael Rauhe

Das Projekt Mehrblick versorgt Wohnungslose und Bedürftige mit gebrauchten Gestellen und ermöglicht ihnen damit mehr Teilhabe am Leben

Ein Winterabend in der „Mission Kunst und Suppe“ in der Hamburger Neustadt. Die Tagesstätte für obdachlose Menschen, die aus einer Kunstaktion entstand, ist gut besucht. Einige sind an diesem frostigen Abend gekommen, um sich aufzuwärmen, etwas zu essen, andere haben sich gezielt auf den Weg gemacht, um ein in Hamburg einzigartiges Angebot wahrzunehmen: die Brillen-Sprechstunde für Obdachlose und Bedürftige von der Initiative „Mehrblick“.

Kisten mit hunderten von gebrauchten Brillen bedecken einen Tisch. Christiane Faude-Großmann, Initiatorin der Aktion „Mehrblick“, hat sie mitgebracht, ebenso wie Prüftafeln, Messbrille und Testgläser. Notwendige Utensilien, mit denen sie und eine ehrenamtliche Fachkraft die kostenlose Brillen-Sprechstunde anbieten. Ziel ist es, Menschen, die eine Sehhilfe brauchen, eine annähernd passende Brille mitzugeben. „Damit das Leben etwas leichter wird“, sagt Faude-Großmann.

Viele schämen sich, zum Augenarzt zu gehen

Wie unsicher man ohne Brille sein kann, weiß die 50-Jährige aus eigener Erfahrung, sie ist selber Brillenträgerin. „Gut sehen zu können, bedeutet mehr Teilhabe am Leben, trägt zur sozialen Integration bei. Wer auf der Straße lebt, ist ohnehin schon ausgegrenzt. Wer dazu auch noch schlecht sieht, ist es doppelt“, sagt die zierliche Frau, die die Initiative vor zwei Jahren gründete. Ein- bis dreimal im Monat gehen sie und ihre Helfer in unterschiedliche soziale Einrichtungen in Hamburg. Es ist nur eine Grundversorgung, die sie anbieten können. „Es geht um eine annähernde Verbesserung der Sehfähigkeit, eine hundertprozentige können wir mit unseren Mitteln nicht erreichen“, betont sie.

Der Bedarf ist groß, das zeigt sich auch an diesem Abend. Mehr als ein Dutzend Menschen wollen ihre Augen testen lassen. Nicht nur wohnungslose auch sesshafte Menschen mit wenig Geld haben sich zur Brillen-Sprechstunde angemeldet. Wie Christine (46) aus Hamm. „Der Weg hierhin war schwierig, weil ich die Wegweiser an der U-Bahn nicht gut erkennen konnte“, sagt die Hartz-IV-Empfängerin, die durch eine Nervenschädigung halbseitig gelähmt ist und nur mit einem Rollator vorwärts kommt. „Für eine Brille vom Optiker müsste ich 180 Euro dazubezahlen, sagte mir meine Krankenkasse, aber das Geld habe ich nicht übrig.“ Weil sie unterschiedliche Sehstärken auf beiden Augen hat, helfe ihr auch keine billige Fertiglesebrille, deswegen ist die Brillen-Sprechstunde so wichtig für sie.

So geht es auch Andreas (54) der auf der Straße lebt. Seit einem Unfall ist er auf einem Auge blind, nun lässt auch die Sehkraft des bisher intakten Auges nach. Christiane Faude-Großmann zeigt auf eine Tafel mit Zahlenreihen in unterschiedlichen Größen. Andreas sitzt ihr in etwa vier Meter Entfernung gegenüber. Mit einem Messbrillengestell auf der Nase versucht er, die kleinen Zahlen zu lesen. Gunther B., pensionierter Augenarzt, unterstützt Christiane Faude-Großmann an diesem Abend beim Messen der Sehschärfe und dem Herausfinden der geeigneten Brillengläser. Er schiebt eine neue Linse in das Brillengestell und fragt „wie ist es jetzt?“ Andreas schaut auf die Tafel und lächelt strahlend. „Ich kann wieder etwas sehen“, ruft er begeistert.

„Es sind diese Momente, die mich in meiner Arbeit bestätigen“, sagt Faude -Großmann. Auf die Idee zum Projekt kam die studierte Marketing- und Kommunikationsfachwirtin während ihrer Beschäftigung in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Diakonischen Werkes Hamburg. „Dort hatte ich häufig Kontakt mit Obdachlosen und bemerkte, wie viele von ihnen schlecht sehen konnten“, erinnert sie sich. Doch einen Sehtest bei einem Optiker oder Augenarzt zu machen, sei für die meisten Betroffenen nahezu ausgeschlossen. „Die Scham ist zu groß, um dorthin zugehen, viele sind auch nicht krankenversichert“, sagt sie. Christiane Faude-Großmann wollte helfen. Sie begann zunächst in ihrem Bekanntenkreis gebrauchte Brillen zu sammeln. Viele machten mit. „Es ist auch für die Spender ein gutes Gefühl, dass ihre überflüssigen Brillen noch genutzt werden“, so Faude-Großmann. Die patente Frau weitete das Projekt aus, stellte es an Schulen und in Kirchengemeinden vor, warb bei Optikern um ehrenamtliche Mitarbeit und gewann Kooperationspartner, wie das Unternehmen Optiker Bode. In allen Filialen können gebrauchte Brillen für das Projekt abgegeben werden. „Inzwischen bekommen wir Brillenspenden aus ganz Deutschland und haben bereits 400 Gestelle an Bedürftige ausgegeben“, sagt Faude-Großmann.

Und es melden sich immer mehr Einrichtungen bei ihr. „Wir bekommen Anfragen von Altenheimen und aus anderen Städten“, so Faude-Großmann. Um die Arbeit zu bewältigen, kündigte sie ihre feste Stelle in einer Unternehmensberatung und setzt sich seit Juni 2016 voll für ihre Initiative ein, die seitdem eine gemeinnützige Gesellschaft ist. Geld verdient sie damit nicht, das Projekt ist von Spenden abhängig. Doch sie möchte weiter auf die Bedürfnisse dieser Menschen aufmerksam machen und ihnen zugleich eine Chance geben, mit besserer Sehkraft neue Wege im eigenen Leben zu entdecken. „Auch dafür steht der Name ,Mehrblick’“, sagt die Gründerin. Für 2017 wünscht sie sich weitere Spenden, um etwa ein mobiles Augenmessgerät anzuschaffen, die Abendblatt-Initiative „Von Mensch zu Mensch“ beteiligt sich daran. Auch Optiker, die Sehtests und Messungen ausführen können, sind eingeladen, sich ehrenamtlich zu beteiligen.

Infos: www.gebrauchtebrillen-hamburg.deNächste Brillen-Sprechstunde: 16.1., 15-17 Uhr, Ambulante Hilfe Altona, Jessenstraße 13