Abendblatt-Aktion

Weihnachtspäckchen: „Danke, dass Sie an mich denken“

8000 Abendblatt-Weihnachtspäckchen gingen an Bedürftige in der Stadt. Wie sehr sich die Empfänger freuten, zeigt diese Reportage.

Hamburg. Seit dem Sommer war Waltraut Roocks nicht mehr draußen vor ihrer Tür. Um Luft zu schnappen, schleppt sie sich ab und zu auf ihren Balkon. „Aber die Luft in den Straßen ist doch eine andere“, sagt die 88-Jährige. Sie ist eine warmherzige Frau, humorvoll und geistig fit. Doch seit ihrem Schlaganfall vor 14 Jahren schwach auf den Beinen. „Ich bräuchte eine kräftige Begleitperson, die mich ab und zu nach draußen bringt. aber die kann ich mir nicht leisten, also bleibe ich eben hier“, sagt sie.

Froh über jede Abwechslung

Deswegen ist Waltraut Roocks froh über jede Abwechslung, die zu ihr in die winzige Zweizimmerwohnung der Seniorenwohnanlage St. Pauli kommt. An diesem Adventstag sind es Erika Gerhardt und Frauke Westenberg von der AWO-Beratungsstelle im Haus, die der alten Dame ein Abendblatt-Weihnachtspäckchen vorbeibringen – wie noch 34 weiteren Senioren im Altenheim. „Oh, wie schön. Das ist alles was für die Hüfte!“, ruft Waltraut Roocks fröhlich von ihrem großen Sessel aus und packt den Stollen, die Marzipankugeln und die edle Schokolade auf ihren Tisch.

Die Abendblatt-Weihnachtsaktion im Video

Abendblatt-Weihnachtspäckchen-Aktion
Video: abendblatt-TV

Entzückt schaut sie auf das bunte Kinderbild, das der neun Jahre alte Jonas gemalt hat und auf das er neben einem Weihnachtsmann, einem Schlitten und Tannenbaum „Frohe Weihnachten“ geschrieben hat. „Das kommt in meine Schublade, wo ich besondere Andenken aufbewahre“, sagt Frau Roocks bestimmt. Und die bunten Papierfröbelsterne, die auch in dem Paket sind, will sie auf ihr geschmücktes Weihnachtstischchen legen.

Die Hamburgerin hat nur eine kleine Rente, die durch Grundsicherung aufgestockt wird – und das, obwohl sie bis zum Tag ihres Schlaganfalls mit 74 Jahren in ihrem kleinen Friseursalon in der Glashüttenstraße gearbeitet hat. „Ich habe meine Arbeit geliebt“, sagt sie. Sie hat ihren Sohn alleine großgezogen, später ihren Lebensgefährten und ihre Eltern gepflegt. Urlaub konnte sie sich als Selbstständige selten leisten, aber sie hatte viele Bekannte. „Inzwischen sind fast alle tot, auch hier im Haus kenne ich nur noch meine Nachbarin“, sagt sie.

Ihr kranker Sohn besucht sie alle zwei Wochen, „sonst lebe ich so in den Tag hinein“. Der Pflegedienst kommt dreimal am Tag, um sie zu waschen, anzuziehen und etwas zu essen zu machen. „Aber die haben ja auch keine Zeit, für manche bin ich eine Nummer.“ Waltraut Roocks sagt das ohne zu klagen, sie hat es akzeptiert. Aber umso mehr freut sie sich über das Abendblatt-Päckchen. „Das bedeutet doch, dass jemand an mich denkt. Ich bin nicht vergessen worden“, sagt sie und streicht lächelnd über den Karton.

Päckchen bekommen Besucher der Tafel Eidelstedt

Jürgen Podhostrik hat noch nie ein Weihnachtspäckchen bekommen. Er hat schon von der Aktion im Abendblatt gelesen und „ich fand das immer eine tolle Initiative“. Aber der 63-Jährige hätte nie gedacht, dass er einmal zu den Bedürftigen gehören würde, für die diese Päckchen bestimmt sind. Das war, bevor er seinen Job als Berufskraftfahrer wegen einer Zyste in der Wirbelsäule aufgeben musste und feststellte, dass seine Frührente nicht zum Leben reicht. „Ich habe rund 200 Euro für Lebensmittel, Kleidung und Extras. Das ist nicht genug“, sagt er.

Deswegen geht Podhostrik seit März dieses Jahres einmal die Woche zur Tafel der Kirchengemeinde Eidelstedt und holt sich Lebensmittel ab. „Das hat mich anfangs viel Überwindung gekostet“, sagt der sympathische Mann. Als er den Inhalt des Päckchens sieht, das er bei der Weihnachtsfeier der Tafel erhält, lächelt er. „Was für leckere Sachen, die konnte ich mir schon lange nicht mehr leisten.“ Es wird sein einziges Geschenk zu Weihnachten sein.

Für Diakon Uwe Loose, der mit seinen Ehrenamtlichen die schöne Feier im Gemeindesaal organisiert hat, ist die Weihnachtspäckchen-Aktion eine Wertschätzung für die Menschen, die jede Woche zur Tafel kommen. „Die Lebensmittel im Paket sind was ganz Besonderes. Und gerade das Kinderbild und die Bastelarbeit zaubern vielen ein Lächeln ins Gesicht. Einer sagte, er werde das Bild aufhängen“, so Loose. Die Tafel, die jede Woche rund 240 Menschen mit Lebensmitteln versorgt, sei für viele auch Begegnungsstätte.

Deswegen kommt auch Karin Meier regelmäßig aus Eimsbüttel mit dem Bus in den Dallbregen. Es ist mühsam mit dem Rollator. „Bei der Tafel treffe ich auf Bekannte und kann etwas klönen. Sonst komme ich ja nicht raus aus meiner Wohnung“, sagt die 78-Jährige. Genauso wie Waltraut Roocks hat sie ihre zwei Kinder alleine großgezogen, geputzt und als Servierkraft gearbeitet. Aus ihrem Päckchen zieht sie einen kleinen Engel. „Der soll mir Glück bringen“, sagt Karin Meier und fügt hinzu: „Geben Sie einen Gruß zurück an alle, die an uns gedacht haben.“

6793 Kinderbilder als persönlicher Gruß

Hamburgs Kindergartenkinder, Schülerinnen und Schüler sind echte Künstler und haben ein großes Herz. Auch in diesem Jahr schickten Schulen, Eltern und Kitas wieder viele bunte Bilder für unsere Weihnachtspäckchen. Wochenlang waren die Schreibtische in der Redaktion mit glitzerndem Staub und kleinen Metallengeln oder -Sternen bedeckt, als unser Team die 6793 Werke geschickt bekam und zählte. Mal steckte eins im Postumschlag, mal waren es bis zu 10o Bilder, gesammelt von den Klassen einer Schule.

Weihnachtsbilder von Hamburger Kindern:

Oft standen darauf auch gute Wünsche zum Fest und für das kommende Jahr wie „Voll Fröhlichkeit und Sonnenschein soll heute dein Weihnachten sein“ von der achtjährigen Arianna. Janine Pfaff schrieb über die sechs- bis elfjährigen Künstler ihres Kurses an der Grundschule Osterbrook: „Die Kinder waren begeistert, für Ihre Aktion zu malen. Unter ihnen sind auch Flüchtlingskinder, die an diesem Tag fleißiger gemalt und gebastelt haben als je zuvor.“

Alle Werke haben etwas gemeinsam: Sie sind ganz persönliche Grüße von Mensch zu Mensch. Guido Schmidt erhielt in seinem Päckchen ein Bild von einer Yara. „Ich bin so gerührt“, schrieb er an uns. „Ich möchte mich von ganzem Herzen bedanken, auch wenn das Kind nie meinen Dank erfährt.“ Stellvertretend auch für alle anderen hat dies nun doch geklappt.

Rekord: Wir konnten 8800 Bastelarbeiten verschenken

Seit Jahren verfolgt Bettina Röpke die Päckchenaktion im Abendblatt. Diesmal wollte sie auch dazu beitragen. „Da ältere Menschen oft zu wenig trinken, habe ich bunte Glasuntersetzer gehäkelt. Vielleicht greifen sie dann öfter mal zu ...“, so Frau Röpke in ihrem Begleitschreiben. Insgesamt 8800 Bastelarbeiten kamen dieses Jahr in der Redaktion an, ein Rekordergebnis! Viele Spenden kamen anonym, manche Leser schauten persönlich vorbei: wie Birgit Warnecke mit selbst gemachten Seifen, Ruth Wedeking mit Strickwaren und Gudrun Ahlquist, die 230 Perlensterne aufgefädelt hatte.

Werner R. brachte wieder einen Sack voller Fröbelsterne zu uns. Mehr als 600 dieser kunstvollen Sterne hatte auch Evelyn Steffen mit ihrer Schwester Gisela Gruba gefaltet. Ingrid und Peter Berndt bastelten Kränze aus Notenpapier. Kunstvolle Schachteln erreichten uns von Alexandra Hochgesamg, Elke Schilling füllte ihre Kästchen mit Steinherzen, und schöne genähte Herzen, Gänse und Taschen schickte die Patchworkgruppe von Marianne Rohloff. 3000 ihrer süßen Engel spendete uns die Künstlerin Petra Jonas über Rannenberg & Friends. Ein riesiges Dankeschön an alle, die gebastelt, gestrickt, gestickt, gehäkelt und gefaltet haben!