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Vorhang auf

Hamburg gehört zu den drei bekanntesten Musical-Städten der Welt. Alexander Schuller über ein Phänomen, das vom New Yorker Broadway bis zum Spielbudenplatz auf St. Pauli und den Bühnen im Hafen führt. Teil I der neuen Abendblatt-Serie

Was fasziniert uns bloß am Musical? Liegt es an der Musik und dem Gesang der Darsteller? An den Choreografien, der Akrobatik und den opulenten Bühnenbildern? Oder sind es doch eher die Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden?

Fest steht vermutlich nur eines: Kein Film, kein Buch und auch kein Theaterstück kann uns jemals solch ein komprimiertes Feuerwerk aus Musik und politischen, sozialen sowie moralischen, aber auch romantischen und lustigen Aspekten bieten. Selbst dann, wenn Musicals einen tieferen, „relevanten“ Sinn transportieren, erklären sie ihren Zuschauern stets auf simple, nachvollziehbare und natürlich auch möglichst attraktive Weise die Welt und den Lauf der Dinge. Genau deshalb lieben wir Musicals: weil wir unser Leben und unsere Lebensgeschichten in ihnen spiegeln können. Aber sind die Deutschen wirklich Musical-verrückt?

Uns Hamburgern könnte man dies wohl am ehesten zuschreiben. Denn unsere Stadt steht – nach New York und seinem legendären Broadway sowie dem Londoner Westend – ziemlich unbestritten auf Platz drei der wichtigsten internationalen Spielorte. Weit mehr als 50 Millionen Zuschauer haben hier seit der Premiere von „Cats“ im April 1986 bis heute ein Musical besucht.

Das Pfund, mit dem die deutsche „Musical-Hauptstadt“ wuchert, sind ihre fünf großen Bühnen; die vier Stage Theater sowie das Mehr!-Theater in der ehemaligen Gemüse-Großmarkthalle im Stadtteil Hammerbrook. Das bedeutet zu allererst einmal „Musical-Vielfalt“ – und dazu zählt seit gut zwei Wochen im Stage Operettenhaus auf St. Pauli auch „Hinterm Horizont“ (Musik: Udo Lindenberg/Texte: Thomas Brussig), zuvor mehrere Jahre lang erfolgreich in Berlin im Theater am Potsdamer Platz gespielt.

Zu hören sind die größten Hits des „Panik-Rockers“ Lindenberg, die den musikalischen Rahmen für eine bewegende Ost-West-Lovestory bieten, die sich rund um Udo und sein Mädchen aus Ost-Berlin dreht. Die endet glücklich im legendären Atlantic Hotel an der Alster, auch im realen Leben Udo Lindenbergs Hauptwohnsitz. „Das ist das geilste Geschenk zu meinem 70. Geburtstag“, schwärmte er kürzlich in dem ihm eigenen Slang. „Mein ‚Lindical‘ kommt endlich auch nach Hamburg! Der Kiez, die Alster und meine Lieder gehören zusammen, und nun kann man die lupenreinen Panik-Songs auf der Hamburger Reeperbahn genießen. So gibt es die ‚Nachtigall Udolito‘ jetzt auch für alle Nordlichter!“

Das Musical „Hinterm Horizont“ ist eine Produktion der Stage Entertainment Deutschland, wenn auch eine mit urhamburgischer Beteiligung. Denn mit an Bord sind Ulrich Waller (Regie) und Thomas Collien (Produktion), die beiden Chefs des St. Pauli Theaters. Es ist am anderen, am westlichen Ende des Spielbudenplatzes beheimatet und das älteste Privattheater Deutschlands überhaupt. Immer mal wieder kommt auch dort ein Musical auf die Bühne. Zuletzt war das 2015 die Gesellschaftspersiflage „Hamburg Royal“, die jedoch beim Publikum nicht so gut ankam wie erhofft. Aber Niederlagen gehören zum (harten) Musical-Geschäft dazu. Auch am „Broadway des Nordens“, wo Corny Schmidt, eingebettet zwischen dem Stage Operettenhaus und dem St. Pauli Theater, mittlerweile ein regelrechtes Imperium des gehobenen Frohsinns erschaffen hat. Zu verdanken ist dies unter anderem dem Riesenerfolgsstück „Heiße Ecke“. Dabei handelt es sich – ganz genau – um ein Musical.

Das absolute Aushängeschild und Liebling der Besucher Hamburgs ist jedoch zurzeit (und daran wird sich vermutlich auch in den kommenden Jahren nicht viel ändern) Disneys „Der König der Löwen“: Seit der Premiere am 2. Dezember 2001 gehört der große Löwenkopf über dem Eingang des Stage Theaters am Hafen auf Steinwerder, direkt gegenüber den Landungsbrücken, zum festen Stadtbild dazu. Nach nunmehr 15 Jahren Spielzeit, in denen mehr als elf Millionen Zuschauer über 6000 Shows gesehen haben, kann man längst von einem „Klassiker“ sprechen, der das aktuelle Bild der Hansestadt als Musical-Metropole nachhaltig prägt; so wie vor 30 Jahren „Cats“, das Stück, mit dem der deutsche Musical-Boom begann.

„König der Löwen“ erspielte weltweit 4,8 Milliarden Euro

Die Geschichte um den kleinen Löwen Simba und den ewigen Kreislauf des Lebens begeisterte erstmals 1994 als Trickfilm die Kinozuschauer auf der ganzen Welt. Bereits drei Jahre später, am 31. Juli 1997, wurde die erste Bühnenfassung von „The Lion King“ im Orpheum Theater in Minneapolis gespielt, bevor sie im Oktober jenen Jahres fast ein Jahrzehnt ins New Amsterdam Theater auf den Broadway in New York umzog. Seit dem 13. Juni 2006 wird es im Minskoff Theater gespielt, da es für die Musical-Version von „Mary Poppins“ weichen musste.

Mit Einnahmen von weltweit mehr als 6,2 Milliarden Dollar (knapp 5,9 Milliarden Euro) gilt es inzwischen als das erfolgreichste Musical aller Zeiten, wobei diese Summe lediglich die Einnahmen aus den verschiedenen Bühnen­produktionen berücksichtigt, jedoch nicht die Erlöse aus dem Merchandising, dem Poster-, CD- oder Warenverkauf. Mit diesem wirtschaftlichen Ergebnis hat Disneys „Der König der Löwen“ den bisherigen Spitzenreiter „Das Phantom der Oper“ vom Thron gestürzt, das bis dahin mit rund sechs Milliarden Dollar die meisten Einnahmen an den Kino- und Theaterkassen erzielt hatte.

Disneys „Der König der Löwen“ wurde bisher in über 60 Städten auf der ganzen Welt aufgeführt, darunter in Metropolen wie New York, Tokio, Lon- do­n, Sydney, Shanghai, Seoul oder Ma-drid. Weit über 80 Millionen Menschen haben diese Ausnahmeproduktion gesehen, nicht wenige sogar mehrmals. Statistisch betrachtet, war bereits jeder achte Deutsche in einer Vorstellung. Über 70 internationale Preise – darunter sechs Tony Awards (auch in der Kategorie „Bestes Musical“ 1998) – sind darüber hinaus ein überzeugender Beweis dafür, ,,dass die Show nicht nur das Publikum fasziniert, sondern auch die Kritiker positiv stimmte. Denn trotz der allgemeinen Beliebtheit dieses Genres wird von den eingefleischten Gralshütern der abendländischen Kultur die künstlerische „Ernsthaftigkeit“ des Musicals immer wieder in Zweifel gezogen.

Doch der Regisseurin Julie Taymor war es gelungen, die afrikanische Savanne und ihre Bewohner in einem Theatersaal zum Leben zu erwecken. Eine derart intensive Verschmelzung zwischen lebenden Darstellern und Puppenspiel hatte es bis zur Broadway-Premiere noch nicht gegeben. „Dieses Musical ist die geniale Kombination aus Kunst und Entertainment. Was Disney gemeinsam mit Julie Taymor geschaffen hat, ist wirklich einmalig auf der Welt“, sagt Uschi Neuß, die Geschäftsführerin der Stage Entertainment Deutschland, über die farbenprächtige Symbiose aus Kreativität, Farbenpracht, Charisma und künstlerischem Können.

Ihre Augen glänzen dabei nicht nur vor Rührung, denn dank der vielen ausverkauften Vorstellungen ist das Stück ebenfalls eine gut geölte Gelddruckmaschine, die auch im Teenager-Alter nichts von ihrer Frische und Strahlkraft verloren hat. Darüber hinaus gilt „Der König der Löwen“ – sogar unter Kulturaspekten bei Umfragen – mit großem Abstand als „der wichtigste touristische Reiseanlass nach Hamburg“. Kein anderes Musical in ganz Deutschland verzeichnet durchschnittlich eine ähnlich weite Anreisedistanz seiner Gäste, die vor allem aus Deutschland (Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg) sowie aus Österreich und der Schweiz kommen. Die Besucher reisen im Schnitt aus einer Entfernung von über 370 Kilometern an, bleiben durchschnittlich knapp drei Nächte in der Hansestadt und sorgen auf diese Weise für in der Hamburger Hotellerie und Gastronomie gern verbuchte Einnahmen im dreistelligen Millionenbereich.

Als Börsenhändler verdiente Friedrich Kurz Millionen

Es wäre daher nicht einmal vermessen, Disneys „Der König der Löwen“ als „das perfekte Musical“ zu bezeichnen. Denn es liefert eine eingängige Story, die zu Herzen geht; dazu ein opulentes Bühnenbild und einen mitreißenden Soundtrack von Elton John (Liedtexte: Tim Ric­e), der von insgesamt 54 Darstellerinnen und Darstellern gesungen, gesprochen und getanzt wird. 400 verschiedene Kostüme sowie weitere 400 Masken und Puppen kommen an einem Abend zum Einsatz. So entstehen geradezu magische Tableaus fürs Auge: Tänzerinnen mit Grasflächenplateaus auf dem Kopf bilden die Savanne, die von Giraffen, Antilopen, einem Geparden und einem Elefanten bewohnt wird; Hyänen, ein Erdmännchen und ein Warzenschwein gehören wie die Löwen nebst Nashornvogel zum zentralen dramatischen Personal.

Gut 30 Jahre zuvor war die neue Zeitrechnung in Deutschland mit eher heimischen Haustieren eingeläutet worden. Monatelang hatte Hamburg sich damals dank massiver Werbung bereits im „Katzenfieber“ befunden. Am 18. April 1986, einem regnerischen Freitagabend, drängelte sich das Premierenpublikum im Foyer des komplett umgebauten Hamburger Operettenhauses am Spielbudenplatz und schlürfte Gratischampagner, darunter viele Musikkritiker mit argwöhnischem Blick. Es war der mit Spannung erwartete Abend der deutschen Uraufführung des Revue-Musicals „Cats“ von Andrew Lloyd Webber.

Doch der Mann, der mit seiner Stella-Theater-Produktion GmbH in der Hansestadt Hamburg wirklich den deutschen Musicalboom entfachte, hieß Friedrich Kurz. Der war zu diesem Zeitpunkt zwar erst 38 Jahre alt, aber er konnte dennoch eine erstaunliche Lebensgeschichte erzählen. Es war die Story eines wort- und weltgewandten Provinzburschen aus dem beschaulichen Nürtingen, der stets nach Höherem strebte und von klein auf arge Schwierigkeiten mit Autoritäten besaß. Er war als junger Mann aus der bürgerlich-spießigen Enge ausgebrochen, um sich als Fußballprofi und Skilehrer in den USA zu verdingen. Danach begann er ein Filmstudium, wurde irgendwann auch Produzent. Doch mit seinem ersten Projekt legte er erst einmal eine veritable Pleite hin.

Manch anderer hätte sich zu diesem Zeitpunkt vermutlich in die soziale Hängematte gelegt, aber Friedrich Kurz heuerte rotzfrech als Händler für Optionsscheine an der Börse an – und verdiente Millionen. „Ich hätte mich zwei Jahre später bereits zur Ruhe setzen können“, schrieb er 2010 in seinen Memoiren. Stattdessen reiste er, auf der Suche nach neuen Herausforderungen, fortan lieber mit seiner Freundin, der Hamburger Malerin Billy Szaggar, durch die Welt. Und da er als smarter Plauderer galt, gelang es ihm rasch, an den „Hotspots“ der Reichen und Schönen Kontakte zu knüpfen. Zu seinen engen Freunden zählte bald der Schauspieler Robert Redford. Allerdings sollte diese Freundschaft für Friedrich Kurz wenige Jahre später zum schmerzhaften Bumerang werden – aber das konnten damals wohl nur Billy Szaggar und Robert Redford wissen, die heute miteinander verheiratet sind.

Zu jener Zeit gab es noch einen anderen Freund in London, der zufällig in die „Real Useful Group“ involviert war; jenes Vermarktungsunternehmen, das der englische Komponist Andrew Lloyd Webber im Jahre 1977 für seine Musicals gegründet hatte. Dieser Genius hatte in den USA, in Großbritannien und im Theater an der Wien bereits große Erfolge mit seinen Stücken gefeiert. „Cats“ lief in der österreichischen Hauptstadt seit dem Jahre 1983 vor stets ausverkauftem Haus. Dann hatte Friedrich Kurz einen Geistesblitz: Hamburgs damaliger Finanzsenator Horst Gobrecht (SPD) saß auf einem maroden, ungenutzten Operettenhaus, das die Stadtkasse damals monatlich mit rund 50.000 D-Mark belastete.

„Es war die damalige Kultursenatorin Helga Schuchardt, mit der ich den Deal einfädelte“, erzählte Kurz später. Mehr noch: „Die gesamte Korrespondenz lief über ein geheimes Faxgerät im Keller ihrer Behörde, da man ‚im Rathaus niemandem über den Weg trauen durfte‘, hatte sie mich vorher gewarnt.“ Die gesamte Kulturwelt hatte damals immense Zweifel an einem nachhaltigen Erfolg dieses Genres. „Doch Musicals waren in den USA erfolgreich, und ich fand Hamburg so wunderschön, dass ich fest daran glaubte, Menschen aus ganz Deutschland auch ein zweites Mal hierherlocken zu können“, sagte Kurz. Er sollte recht behalten: Die Katzen schnurrten fast 15 Jahre lang. Der letzte Vorhang fiel erst am 28. Januar 2001, aber Friedrich Kurz selbst sollte das nur aus der Ferne miterleben.

Aber der Reihe nach: 1988 ließ er mit seiner inzwischen gegründeten Stella GmbH den „Starlight Express“ in Bochum abfahren, ebenfalls ein Lloyd-Webber-Musical, für das im Ruhrpott ein eigenes Theater gebaut wurde. Dieses rasante Stück wird trotz wechselnder Lizenznehmer inzwischen im 28. Jahr als das „erfolgreichste und am längsten laufende Musical an einem Standort“ nach wie vor dort gespielt.

1990 folgte mit dem „Phantom der Oper“ der dritte Paukenschlag, diesmal wieder in Hamburg. Friedrich Kurz erklärte dieses Musical kurzerhand zu seinem Prestigeprojekt. Gegen den ursprünglich geplanten Aufführungsort – die „Flora“ im Schanzenviertel – hatte es massive Bürgerproteste gegeben, woraufhin die Stadt ihre ursprüngliche Baugenehmigung zurückgezogen hatte. Dabei war Andrew Lloyd Webber von den Graffiti und dem Viertel überhaupt total begeistert gewesen.

So entstand nun aber „ein paar Steinwurfweiten entfernt“ an der Stresemannstraße die „Neue Flora“. Doch die Premiere am 29. Juni 1990, mit Anna-Maria Kaufmann und dem Startenor Peter Hofmann in den Hauptrollen, wurde zum Skandal. Ein Hagel von Eiern und Farbbeuteln ging aufs Publikum nieder. „Ich warnte Andrew vor der demonstrierenden Masse gewaltbereiter Menschen“, erzählte Kurz. „Doch er entgegnete: ,Fritz, du hast dieses Theater gebaut, und wir werden es durch den Haupteingang betreten!‘“

Auch „Das Phantom der Oper“ wurde zu einem gigantischen Erfolg in der noch jungen, deutschen Musical-Szene, parallel dazu wurde das wertschöpfende Phänomen des „Musical-Tourismus“ nun spürbar. Heute werden allein in Hamburg rund eine Million Übernachtungen pro Jahr nur von Musiktheater-Besuchern gebucht. Die „Musical-Reise“ gilt als gelungene Symbiose von Städtetrip und Showerlebnis. Vor allem „Der König der Löwen“ im Stage Theater am Hafen auf dem ehemaligen Werftgelände Steinwerder, ursprünglich fürs Musical „Buddy“ und seine Premiere am 16. Dezember 1994 errichtet, wird sich bis zum letzten Vorhang zu einer der echten Sehenswürdigkeiten zählen dürfen. So wie der Michel, die Hamburger Speicherstadt mit ihrem weltbekannten Miniatur Wunderland und nach ihrer Eröffnung im kommenden Jahr auch die spektakuläre Elbphilharmonie.

Hamburg gehört zu den beliebtesten Städtereisezielen

Das Erlebnis Musical im Hafen beginnt bereits mit der Barkassenüberfahrt von den Landungsbrücken. Ein lohnendes Geschäft für die Fährenbetreiber. Denn seit dem 23. November 2014 läuft im benachbarten neuen Stage Theater an der Elbe, das Musical „Das Wunder von Bern“. Im Januar 2017 wird es jedoch vom Spielplan genommen. Doch nicht nur Fährbetreiber profitieren von den Musical-Besuchern, Städtetouristen nehmen häufig auch andere Kulturangebote wahr. Zudem beleben sie die Hotelbranche, die Gastronomie und den Einzelhandel. Die Musiktheaterstadt Hamburg rangiert seit Jahren auf einem stabilen zehnten Platz der beliebtesten Städtereiseziele in Europa.

Und Friedrich Kurz? Vielleicht ging es damals alles etwas zu schnell für ihn. Auch in Berlin, Bochum, Stuttgart und weiteren deutschen Städten wollte er Musical-Theater bauen. Mit dem Stuttgarter Unternehmer Rolf Deyhle, einem umtriebigen schwäbischen Selfmade-Milliardär († 2014 in Badenweiler), war er dazu bereits 1988 eine Zweckehe eingegangen, die jedoch nur drei Jahre lang halten sollte. Denn Kurz’ Berliner Musicals „Shakespeare and Rock ’n’ Roll“ (an der Freien Volksbühne) und „Sag mir wo, die Blumen sind“ (im Theater am Kurfürstendamm), erfüllten die hohen finanziellen Erwartungen nur teilweise.

Unglücklicherweise investierte Kurz zeitgleich in teure Filmprojekte, die ebenfalls nicht reüssierten. Es kam zu juristischen Auseinandersetzungen, in dessen Folge Deyhle dem Musical-Missionar 1991 dessen Anteile abkaufte. Doch auch Deyhle gelang es nicht, das Unternehmen zu stabilisieren. 1997 wurde das Geld erstmals so knapp, dass die Kredite für die Theaterneubauten nicht mehr bedient werden konnten. Außerdem war mit dem niederländischen TV-Produzenten Joop van den Ende drei Jahre zuvor ein cleverer Mitbewerber auf dem gerade entdeckten deutschen Musical-Planeten gelandet. Als die Stella AG 2002 insolvent wurde, übernahm die Stage-Holding fast alle ihrer Spielstätten in Deutschland und wurde praktisch über Nacht zu einem Musical-Monopolisten. Aber der deutsche Musical-Express nahm dadurch erst richtig Fahrt auf.

Friedrich Kurz selbst hatte noch bis vor zwei Jahren versucht, mithilfe von Investoren am Ferdinandplatz in Dresden ein neues Musical-Theater mit 3500 Sitzplätzen entstehen zu lassen. Der US-Stararchitekt Daniel Libeskind sollte für den Bau verantwortlich zeichnen. Als Premierenstück hatte Kurz „Michelangelo“ vorgesehen, in dem die italienischen Grieco-Brüder, Komponisten und Produzenten, die Lebensgeschichte dieses großartigen Renaissancekünstlers erzählen wollten. Doch das Projekt ist inzwischen auf Eis gelegt. Über die Gründe kann nur spekuliert werden.

Friedrich Kurz lebt heute zurückgezogen bei Berlin.

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