Kindeswohl

Bitte hört auf zu streiten!

A young boy looking sad as his parents fight in the background

A young boy looking sad as his parents fight in the background

Foto: iStock by Getty Images

In Hamburg gehen immer mehr Eltern vor Gericht, um das Sorge- und Umgangsrecht für ihre Kleinen zu erhalten

Lotte, Hermann und Teddy kommen nur im Notfall zum Einsatz. Die Puppe mit den langen Zöpfen sitzt an die Wand gelehnt auf dem Schreibtisch. Das HSV-Maskottchen und das Kuscheltier haben ihren Platz im Regal unter der Kaffeemaschine. An der Wand dahinter hängt ein buntes Bild mit einer Gans, auf der eine Maus sitzt, und auf dem großen Konferenztisch steht eine Schale mit Süßigkeiten – mehr weist nicht darauf hin, dass in diesem Raum über die Zukunft von Trennungskindern entschieden wird. Die Spielekiste, die es natürlich auch gibt, steht versteckt in einem Schrank.

Britta Langsdorff (50) ist mit Unterbrechungen seit 13 Jahren Familienrichterin. Dass sie ihr Büro am Amtsgericht Hamburg-Mitte nicht in ein kindgerechtes Spieleparadies verwandelt hat, ist Absicht. „Die Kinder, die zur Anhörung hierherkommen, kommen nicht zum Spielen. Das wissen sie auch. Um ihnen und ihrem Anliegen gerecht zu werden, möchte ich, dass sie zu mir Kontakt aufnehmen. Und dabei sollen sie möglichst nicht abgelenkt werden.“ Nur bei den Kleinen dürfen Lotte, Hermann oder Teddy ihrer Aufgabe als Spielgefährte und Trostspender nachkommen. „Wenn Tränen fließen oder die Aufregung zu groß ist, hilft eine spielerische Pause weiter. Und das ist dann auch völlig in Ordnung.“

Wer beim Streit über das Sorge- oder Umgangsrecht für die Kinder keine Regelung findet, landet vor Gericht. Deutschlandweit steigt die Zahl der Verfahren an. Hamburg ist dabei keine Ausnahme. In 4807 Fällen ging es 2014 um die elterliche Sorge, obwohl gleichzeitig die Zahl der Scheidungen sinkt. Zum Vergleich: 2008 waren es 2595. 16 Familienrichter sind in Mitte tätig, in ganz Hamburg sind es 66. Rund ein Drittel der Fälle, die auf dem Schreibtisch von Richterin Langsdorff landen und die sie entscheidet, geht danach in die Beschwerde. Manche Kinder begleitet sie über Jahre beim Großwerden. Die Eltern finden immer wieder einen Grund, vor Gericht zu ziehen. „Man muss sich klarmachen, dass bei uns die Paare landen, die so zerstritten sind, dass es kaum eine Möglichkeit zur Einigung gibt.“ Privates in die Öffentlichkeit zu bringen ist in Zeiten von Facebook und Co. normal geworden.

Zum Wohle des Kindes entscheiden, das ist die Aufgabe eines Familienrichters. Mutter und Vater sind grundsätzlich gleichberechtigt, wenn es um die Frage des Sorgerechts geht. Doch was ist das Kindeswohl, wenn Vater und Mutter ihre oftmals von Verletzungen und Ängsten geprägte Sicht der Dinge darstellen und ihnen jedes Mittel recht ist, den anderen in seiner Erziehungsfähigkeit zu diskreditieren? Juristisch ist das Kindeswohl mitunter schwer zu bestimmen. „Aber genau das ist unsere Arbeit“, sagt Langsdorff. „Und der kommen wir auch nach, sodass im Ergebnis durch uns eine Feststellung erfolgt, was dem Kindeswohl am besten dient oder ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt.“

Was die Anhörung vor dem Familiengericht schwierig macht, ist der Einfluss, den Eltern zwangsläufig auf ihre Kinder ausüben. Das kann bewusst geschehen, ganz oft ist es aber auch unbewusst. Manchmal wollen sie auch nicht, dass ihr Kind überhaupt befragt wird. Es sei zu belastend, ist das Argument. Richterin Langsdorff wird dann deutlich: „Nicht die gerichtliche Anhörung ist für die Kinder – über ein gewisses Maß an Aufregung hinaus – belastend, sondern der Streit der Eltern.“ Der Dramatiker Bertolt Brecht hat das Thema 1948 in seinem Stück vom „Kaukasischen Kreidekreis“ verarbeitet, indem er zwei Frauen an dem Jungen Michel zerren ließ. Seine Botschaft aus dem Theater heraus an um ein Kind Streitende: Lieber loslassen, als wehtun.

Die Trennungsrate geht nach dem ersten Kind in die Höhe

„Ich schaue mir sehr genau an, wie viel Einigungspotenzial vorhanden ist“, sagt Langsdorff. Bevor sie die Kinder anhört, bittet sie die Eltern zum Vorgespräch. Dann können sie bei ihr auch mal Dampf ablassen. Sich ein möglichst umfassendes Bild von der Problematik zu machen ist jedes Mal das Ziel. Aber auch das Jugendamt, Anwälte und ein Verfahrensbeistand als Anwalt der Kinder sind in das Prozedere eingebunden und geben ihre Einschätzungen ab.

„Wir machen uns die Entscheidung nicht leicht“, sagt Langsdorff. Solange noch ein Rest von Hoffnung da ist, die Kommunikation zwischen den zerstrittenen Parteien wiederherzustellen, werden die Paare an Mediatoren oder Erziehungsberatungsstellen verwiesen. Erst wenn alle Einigungsversuche ausgeschöpft und vergeblich sind, ergeht ein Beschluss. Schriftlich. Bei den Gesprächen in ihrem Büro, außer mit den Kindern, trägt die Richterin Robe und bittet auch die Anwälte um angemessene Kleidung. „Die Ernsthaftigkeit dieser Situation muss auch äußerlich rüberkommen.“

In seltenen Fällen, wenn Aktenlage und eigene Recherche kein klares Bild ergeben oder wenn es um eine mögliche Kindeswohlgefährdung geht, sucht Britta Langsdorff die Hilfe eines Gutachters. Micaela Peter, Psychologin mit eigener Praxis, wird seit zehn Jahren in solchen Situationen von Familiengerichten als externe Fachfrau herangezogen. Ihre Erfahrung aus dieser Arbeit: „Es fehlt in Deutschland bei Scheidungen und Sorgerechtsfällen an kompetenter Nachbetreuung und Nachbegleitung.“

In den USA beispielsweise sei man schon seit den 80er-Jahren weiter. Dort kümmert sich ein Team von Experten bei strittigen Scheidungsfällen um Kinder und Eltern. Fünf Sitzungen zahlt der Staat. „In 80 bis 90 Prozent aller Fälle können sich die Eltern außergerichtlich einigen“, sagt Peter. Derzeit arbeitet sie an einem Projekt, das jungen Eltern Hilfestellung sein soll, wenn sie in die Krise geraten. Fakt ist: „Die Trennungsrate geht nach dem ersten Kind signifikant in die Höhe.“

Auch sie ist davon überzeugt, dass an den deutschen Familiengerichten alles getan wird, um dem Kindeswohl gerecht zu werden. „Uns Gutachtern wird zeitlich und finanziell großer Spielraum gestattet“, sagt sie. „Wir können gründlich fragen und forschen, bis wir glauben, die beste Antwort gefunden zu haben.“ 15 Gutachten pro Jahr erstellt sie. Dabei geht es vor allem darum, die Wahrheit herauszufinden. „Eltern können sich nicht lange verstellen“, sagt Peter. „Deshalb sind die meisten Urteilssprüche gerechtfertigt.“ Verlierer bei den Streitigkeiten sind dennoch die Kinder, die bei unerbittlich streitenden Eltern in Loyalitätskonflikte getrieben werden. „Eines sollte ihnen immer klargemacht werden“, sagt Micaela Peter. „Ihr seid nicht schuld.“ Dies sei eine grundlegende Befürchtung von Trennungskindern.

Richterin Langsdorff stellt am Ende ihrer Anhörung obligatorisch nur eine Frage an die Kinder. Wenn eine gute Fee ihnen einen Wunsch erfüllen wolle, welcher wäre das? Die Antworten darauf sind fast immer gleich. „Die Kleinen wollen, dass sich die Eltern wieder versöhnen. Die Älteren, dass wenigstens der Streit aufhört.“ Beides sind Wünsche, die ihnen das Familiengericht leider oft nicht erfüllen kann.