Projekt

Das schickste Sozialkaufhaus der Stadt

 Daniel Emmerich (20), Sandra Kanemann (19) und Mirco Kirchner (20) arbeiten im Sozialkaufhaus BezahBar

Daniel Emmerich (20), Sandra Kanemann (19) und Mirco Kirchner (20) arbeiten im Sozialkaufhaus BezahBar

Foto: Marcelo Hernandez

Im bezahlBAR machen schwer vermittelbare Jugendliche eine Ausbildung zum Verkäufer. Ihre Kunden sind bedürftige Menschen aus Barmbek

Einwandfrei“, sagt Anita und hält eine hellblaue Mädchenshorts hoch. „Sind Sie mit 50 Cent einverstanden?“ Die Kundin nickt. Anita fischt das nächste Teil aus dem kleinen Berg aus Kinderkleidung und Spielzeug, den die Kundin vor ihr auf dem Verkaufstresen abgeladen ab. Ein rosa T-Shirt. Auch daran fehlt das Preisschild. Wieder muss Anita die Qualität beurteilen, um den Preis festlegen zu können. Routiniert befühlt die 19-Jährige den Stoff, schaut nach, ob alle Nähte intakt sind und sagt dann: „Zehn Cent. In Ordnung?“ Wieder stimmt die Kundin zu. Kein Wunder – anderswo müsste sie dafür mehr bezahlen.

Weiter geht’s. Zum Glück sind die restlichen Einkäufe, darunter eine Puppe und ein Ball, ausgezeichnet. Anita diktiert die Preise, Daniel tippt sie in die Kasse. Ernsthaft nennt er der Kundin die Summe. Nicht einmal zehn Euro bezahlt sie für ihre Einkäufe, die jetzt von Ehsan eingepackt werden. „Nimm mal für das Spielzeug eine andere Tüte, sonst knittern die Klamotten“, rät Ausbilderin Katja Niessen dem jungen Mann, der den Rat bereitwillig befolgt.

Anita, Daniel und Ehsan gehören zu den acht Jugendlichen, die derzeit im Barmbeker Sozialkaufhaus „bezahlBAR“ zu Verkäufern und Einzelhändlern ausgebildet werden. Auf normalem Wege wäre ihnen das nicht gelungen: Anita etwa hat nach ihrem Hauptschulabschluss Fristen versäumt; Daniel leidet an dem sehr seltenen Rasmussen-Syndrom. Das Sozialkaufhaus ist ein Projekt der Jugendbildung. Insgesamt 250 Jugendliche machen dort eine Ausbildung und können dabei gleichzeitig ihren Schulabschluss nachholen. Im Sozialkaufhaus erwerben sie unter Anleitung grund­legende Kompetenzen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und einen geregelten Tagesablauf.

„All unsere Auszubildenden haben Probleme. Dazu gehören Abhängig­keiten, auch von Computerspielen, Sprachprobleme, katastrophale familiäre Verhältnisse oder Kriminalität“, sagt Christina Zipprich. Die ehemalige Automobilkauffrau und ihr Kollege Mathias Keil, Einzelhändler und Pädagoge, sind als Teamleiter bei der Jugendbildung verantwortlich für 17 Mitarbeiter, bestehend aus Sozialarbeitern, Lehrern und Ausbildern wie Katja Niessen aus dem Sozialkaufhaus.

Seit sechs Jahren gibt es diesen besonderen Secondhandladen, gelegen in einem schönen Backsteinensemble an der Habichtstraße. Im bezahlBAR wird nicht nur etwas für die Jugendlichen, sondern auch für die Menschen aus dem Stadtteil getan. Wer weniger als 800 Euro verdient, kann hier zu Spottpreisen einkaufen, was zuvor gespendet wurde: sehr gut erhaltene Gebrauchtkleidung, oft Designerware, aber auch hochwertige Neuware. Von der Anlieferung bis zum Verkauf lernen die Aus­zubildenden den gesamten Prozess kennen. Sie sichten die Ware, kontrollieren sie auf Schäden, bemessen ihren Wert, legen den Preis fest, präsentieren die Ware, beraten die Kunden und bedienen die Kasse. Es kann auch schon mal zu ihren Aufgaben gehören, einen Lkw für die Großspende eines Unternehmens zu bestellen.

Neben den vielen privaten Gönnern spenden auch viele Unternehmen: Ein Textilhändler überlässt dem Sozialkaufhaus regelmäßig Bekleidung – auch eine Lieferung von 3000 BHs war mal dabei. Ein Schuhgeschäft spendet Stiefel, Sandalen und Mokassins, die sich die bezahlBAR-Kunden sonst niemals leisten könnten. Manchmal, wenn ein Mode­label mal wieder eine Musterkollektion verschenkt hat, können sie sogar brandneue Teile tragen, bevor diese für andere überhaupt erhältlich sind.

Alles wurde gespendet – auch die hochwertige Einrichtung

Auch die hochwertige Einrichtung – Tische und Regale aus weißem und naturfarbenem Holz – wurde gespendet. „Das war großartig, denn so können wir unsere Ware schöner präsentieren, als es Secondhandläden normalerweise möglich ist: mit einheitlichen Holzbügeln, schönen Möbeln und Schaufensterpuppen“, sagt Mathias Keil. Den Jugendlichen gibt ihr Umfeld, das an die Mode-Abteilung eines guten Kaufhauses erinnert, Selbstbewusstsein. Sie werden dem Sozialkaufhaus von Teamarbeit Hamburg und der Arbeitsagentur zugewiesen. Von Anfang an gehen sie zweimal wöchentlich in die Berufsschule, absolvieren betriebliche Praktika und fangen nach bestandener Prüfung eine betriebliche Ausbildung an.

Das ist das Hauptziel. „Die meisten schaffen ihren Abschluss. Und das ist bei vielen der erste Erfolg in ihrem Leben“, sagt Christina Zipprich. Und zwar ein nachhaltiger: 85 Prozent der Jugendlichen fassen anschließend Fuß auf dem regulären Arbeitsmarkt. Das hat die Handelskammer bei ihren Überprüfungen herausgefunden.

Dass er mit dem Sozialkaufhaus als Sprungbrett doch noch ins Berufsleben durchstarten kann, weiß auch Mirco. Nachdem er die Schule in der 10. Klasse abgebrochen hat, ist der 20-Jährige nun im ersten Ausbildungsjahr. Nach seinem Abschluss möchte er aber nicht als Verkäufer arbeiten, sondern sich weiterbilden.

„Ich habe viel im Kopf“, sagt er. „Am liebsten möchte ich Erzieher werden. Vielleicht aber auch Zerspanungsmechaniker in der Holz- oder Metallbranche.“