Jubiläum

Paten helfen Schülern beim Berufsstart

Familie Behlmer mit den beiden Jugendlichen Leo und Arzije, denen sie als Paten zur Seite stehen.

Familie Behlmer mit den beiden Jugendlichen Leo und Arzije, denen sie als Paten zur Seite stehen.

Foto: Miguel Ferraz

Beim Mentorenprojekt „Generation Zukunft“ stehen Ehrenamtliche Jugendlichen zur Seite. Das Programm gibt es 10 Jahre.

Wenn das Ehepaar Behlmer mit seinen Patenschülern Arzije (18) und Leo (17) unterwegs ist, dann sind Vertrautheit und gegenseitige Zuneigung nicht zu übersehen. Bei Cola und Schokokuchen wird unentwegt geredet und gelacht, diskutiert und herumgealbert.

Seit drei Jahren sind die beiden ehemaligen NDR-Journalisten Paten für die Jugendlichen. Zusammengekommen ist das Quartett über das Projekt „Generation Zukunft“, das die Hauptkirche St. Michaelis vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Karin Behlmer und Dr. Dieter Möller-Behlmer begleiten Arzije und Leo beim Übergang von der Schule in den Beruf und öffnen ihnen Türen zu neuen Perspektiven. Das ist vor allem für Jugendliche mit Migrationshintergrund wichtig, um sich besser in einer fremden Kultur zurechtzufinden und die Klippen des deutschen Ausbildungssystems zu meistern.

Arzijes Familie kommt aus Mazedonien. Als sie als Neunjährige nach Hamburg kam, sprach sie kein Wort Deutsch. Bald steht das hübsche dunkelhaarige Mädchen vor dem Abitur und möchte Psychologie studieren. Leo, schmal und ziemlich cool, ist in Hamburg geboren. Sein Vater kommt aus Serbien und die Eltern begrüßten die Möglichkeit, dass ihr Sohn im Projekt besser gefördert werden konnte. Derzeit gibt es 45 Zehntklässler, die sich alle freiwillig für das Programm angemeldet haben und von Paten betreut werden. „Eigentlich hatte ich mir meinen Ruhestand anders vorgestellt“, sagt Dieter Möller-Behlmer leise grummelnd. Doch dann hatte seine Frau Karin ihn „mitgeschnackt“ in die Stadtteilschule Mümmelmannsberg, eine der drei Stadtteilschulen, mit denen das Projekt kooperiert. Bei Leo und Dieter, bei Arzije und Karin machte es damals gleich klick. Schnell war man beim Du: „Wenn wir unterwegs sind, dann halten uns alle für eine Kleinfamilie!“

Die Paten des Projekts kommen aus den unterschiedlichsten Berufen, sie sind Handwerker und Banker, arbeiten bei Versicherungen oder in den Medien, sie sind Studenten oder Ruheständler. „Eines haben sie gemeinsam: eine hohe Motivation, Verantwortung für die Zukunft junger Menschen zu übernehmen“, sagt Michel-Pastorin Julia Atze, Leiterin des Projekts.

Die Jugendlichen werden durch regelmäßige Treffen in den Schulen betreut und für die Paten gibt es sogenannte Patenabende. Alle vier bis sechs Wochen gibt es dort thematische Fortbildungen und die Möglichkeit zum Austausch und der Vernetzung.

Manche der Verbindungen reichen – wie bei den Behlmers – weit über die einjährige Laufzeit des Projekts hinaus. „Nicht bei allen Tandems läuft es gleich so rund“, erklärt Lars Rieck, Koordinator des Projekts. Er hält Kontakt zu den Tandems und steht mit Rat und Tat zur Seite. Und wenn es gar nicht klappen sollte, kann die Patenschaft auch beendet werden.

Das Spektrum hat sich erweitert: Mittlerweile sind Schüler aus Internationalen Vorbereitungsklassen dabei, auch unbegleitete Flüchtlinge.

„Generation Zukunft“ finanziert sich aus Spenden. Ein Patentandem kostet den Michel 747 Euro jährlich. Das Projekt wurde gleich mehrfach ausgezeichnet: 2007 mit dem Peter-von-Zahn-Gedächtnis-Preis des Hamburger Bürgerpreises, 2009 mit dem Integrationspreis der Freien und Hansestadt Hamburg.

Zweimal im Monat treffen sich Arzije und Leo mit ihren Paten zu gemeinsamen Unternehmungen, die sie per WhatsApp verabreden. Die vier interessieren sich für Kunst und Kultur, gehen in Ausstellungen, ins Konzert und ins Theater. „Hamburg ist unser Zuhause geworden, auch weil wir die andere Kultur so viel besser kennengelernt haben“, sagen die beiden Jugendlichen.

Aber sie haben auch Einblicke in viele Berufswelten gewinnen können, denn die Behlmers haben eine Menge Türen für sie geöffnet. Sie waren mit ihnen unter anderem bei Desy und bei Airbus, beim NDR und der Handelskammer, sie haben Hochschulen besucht und waren bei der Polizei und beim Gericht. „Wir hatten schon viele Traumberufe, die ändern sich ständig“, erzählt Arzije lachend. Der Pilotenberuf steht bei Leo im Moment ganz weit vorn, aber er könnte sich auch vorstellen, Designer zu werden.

Wenn die Behlmers über Arzije und Leo reden, dann spürt man, wie stolz sie auf ihre Patenschüler sind. Doch Karin Behlmer hat sich auch Gedanken darüber gemacht, wie es für die Eltern der beiden gewesen sein muss, ihre Kinder mit fremden Leuten allein unterwegs sein zu lassen. Nach der ersten persönlichen Begegnung waren die Ängste der Eltern verflogen. Heute schätzen Leos und Arzijes Eltern die Chancen, die ihren Kindern eröffnet wurden. Mittlerweile gehört das Ehepaar bei seinen Patenschülern zu den Vertrauten der Familie.

Das liegt vielleicht auch daran, dass sie Klartext mit den beiden reden, wenn es mal in der Schule nicht rund läuft. Für die Behlmers ist es die schönste Bestätigung, dass Leo heute aus vollem Herzen sagt: „Schule macht Spaß.“

Neugierig und zugewandt sind die beiden Hamburger Paten, die ihre Lebens- und Berufserfahrung gern mit den beiden jungen Leuten teilen. Aber für sie ist die Patenschaft keine Einbahnstraße. Der Kontakt erschließt auch ihnen eine neue und oft fremde Lebenswelt, zum Beispiel, wenn Arzije im Ramadan fastet. „Den ganzen Tag nichts zu essen und zu trinken kann doch nicht wirklich gesund sein?“, fragt Karin Behlmer und Arzije lächelt über ihre Sorge. „Es ist toll, mit jungen Leuten so offen zu reden“, findet Karin Behlmer. „Wie ticken und denken die?“ In einem sind sich die vier einig: „Wir möchten so lange wie möglich gemeinsam weitermachen!“

Für das nächste Schuljahr werden noch Paten gesucht. Infoabend für Interessierte am 19. Juli, 18 Uhr im Gemeindehaus St. Michaelis (Englische Planke 1). Um Anmeldung unter Telefon 37 67 81 07 wird gebeten. Informationen: www.st-michaelis.de/generationzukunft