Auszeichnung

Wie eine MS-Kranke anderen hilft

Gewinnerin des Selbsthilfe Preises Frau Steiner

Foto: Michael Rauhe

Gewinnerin des Selbsthilfe Preises Frau Steiner

Michelle Laise-Steiner gibt ihre Erfahrungen an Gruppen weiter. Sie erhielt dafür den Hamburger Selbsthilfepreis 2016 .

Vielleicht beschreibt der Fall in ein tiefes schwarzes Loch am besten das Gefühl, das Michelle Laise-Steiner überkam, als sie mit 29 Jahren ihre Diagnose bekam: Sie hat MS, also Multiple Sklerose. Das ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie kann das Gehirn, das Rückenmark sowie die Sehnerven befallen und die Betroffenen immer mehr in ihrer Bewegungsfähigkeit einschränken. „Bei mir fing es mit Lähmungserscheinungen im Arm und Bein an. Und ich wurde vergesslicher“, erinnert sich Michelle Laise-Steiner und streckt die schlanken Beine von sich. Momentan deutet nur eine schwaches Hinken darauf hin, dass die zierliche Frau körperlich eingeschränkt ist. Die Krankheit tritt in Schüben auf, mal geht es ihr besser, dann kann sie sich wieder kaum bewegen. „Das macht es auch so schwer, von Außenstehenden Verständnis zu bekommen. Die sehen mein Äußeres und denken, scheint doch alles okay mit ihr, was hat sie nur. Damit kann ich immer noch schwer umgehen“, sagt die 38-Jährige, die frühverrentet ist und am Tag immer wieder mit Müdigkeitsanfällen kämpfen muss.

Die Diagnose wurde gestellt, als die gebürtige Dänin im Berufsleben durchstarten wollte. Sie war vor 15 Jahren für ein soziales Jahr aus Kopenhagen nach Hamburg gekommen, hatte das Sozialpädagogik- und Phonetik-Studium beendet und gerade ihren ersten Job begonnen. „Ich war sehr leistungsstark und das ist ja auch eine wichtiger Wert in der Gesellschaft – leider“, sagt Laise-Steiner. Stattdessen folgte der Absturz in eine tiefe Depression – keine seltene Reaktion bei dieser lebensverändernden Krankheit.

„Ich lag über Monate bewegungsunfähig im Bett, hatte Angst vor der Zukunft und konnte mir nicht vorstellen, dass das Leben jemals wieder schön sein kann“, erinnert sich Laise-Steiner. Es dauerte fast vier Jahre, bis sich die junge Frau aus dem tiefen Loch gekämpft hatte. „Ich fing an, mir Bewegungen vorzustellen, bis ich sie auch wirklich ausführen konnte.“

Sie trennte sich von Beziehungen, die ihr nicht gut taten, achtete fortan auf ihre Bedürfnisse und erarbeitete sich durch Yoga und eine hohe Selbstmotivation eine innere Ruhe und Zufriedenheit, die sie auch ausstrahlt. Und sie hatte ein Ziel: „Ich wollte meine Erfahrungen an andere weitergeben.“ So machte sie sich auf die Suche nach Menschen, die ihre Hilfe brauchen konnten. „Teilen ist heilen ist mein Motto. Denn es hilft ja auch mir, wenn ich anderen helfen kann“, sagt sie fröhlich. Ihre Botschaft: Bewegung ist wichtig für den Körper und Geist – und sei sie auch noch so sanft. Als erstes ging Laise-Steiner vor rund zweieinhalb Jahren in einen Seniorentreffpunkt bei ihr um die Ecke, bot ihre Dienste an und gibt seither ehrenamtlich einen Yogakurs im Sitzen für gebrechliche ältere Frauen auf der Bühne im Bürgertreff in Altona-Nord. „Am Anfang waren manche ganz schön biestig, inzwischen ist das eine sehr fröhliche Seniorengruppe, die auch außerhalb meiner Stunde etwas gemeinsam unternimmt“, erzählt Michelle Laise-Steiner. Zudem gibt sie seit zwei Jahren im Frauenwohnhaus „Johanna“ einen Yogakurs für die psychisch sehr belasteten Frauen. Und da es bisher kaum Unterrichtsmaterial für diese beiden unterschiedlichen Gruppen gibt, hat die künstlerisch begabte Dänin gleich noch zwei Übungshefte für Yoga geschrieben und illustriert, die sie zum Selbstkostenpreis an Übungsleiter und Physiotherapeuten abgibt. Ihre Umtriebigkeit und die Dankbarkeit der Gruppenteilnehmer tun ihr gut.

„Ich habe aber gemerkt, dass auch ich den Austausch mit Betroffenen brauche. Aber ich hatte keine Lust, in einer Gruppe über meine Probleme zu klagen und im Selbstmitleid zu versinken, sondern ich wollte mit anderen nach vorne schauen“, so Laise-Steiner. Also gründete sie 2014 eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit chronischer Erkrankung in Verbindung mit einer psychischen Diagnose. Auch dort geht es vor der Gesprächsrunde zunächst um Entspannung und Bewegung „und dann darum, wie es uns geht und was hilft, einen positiven Ausblick zu bekommen.“

Durch ihre Erfahrungen und ihre Recherchen ist Michelle Laise-Steiner nun ein wandelndes Lexikon, was ihre Krankheit, gute Ernährung und geeignete Bewegungsabläufe angeht. Vergangenes Jahr gründete sie einen Verein mit dem Namen „Trotz allem bewegend“. Sie baute eine Website auf, mit der sie und weitere Experten Maßnahmen zur Selbsthilfe an Menschen mit chronischen Erkrankungen und psychischen Problemen weitergeben. Dazu gibt es einen Newsletter, den Laise-Steiner an Abonnenten verschickt.

Das Leben kann „trotz allem“ aufwärts gehen – das ist für die engagierte Michelle Laise-Steiner zur Lebensphilosophie geworden. Und auch, dass „man einfach nur die Sichtweise ändern muss, um ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen“. Diese positive Energie gibt sie an viele Menschen trotz ihres eigenen Schicksals weiter. „Die unglaubliche Leistung von Michelle muss anerkannt werden“, dachte sich ihre Freundin Giulietta Glitscher und hat sie deswegen im Namen der Senioren-, Johanna- und Selbsthilfegruppe für den Hamburger Selbsthilfepreis vorgeschlagen. Das Urteil der Jury war einstimmig: Für ihr Engagement erhielt Michelle Laise-Steiner am Freitag den Hamburger Selbsthilfepreis 2016 des Verbands der Ersatzkassen.

Weitere Infos zum Verein und der Website unter: www.trotzallembewegend.de

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