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Leben wie Udo LindenbergIch mach mein Ding – eine Woche im Hotel Atlantic

Wohnen wie Udo Lindenberg, leben wie Udo Lindenberg? Das kann nur einer. Er selbst. Aber seinem Rhythmus nachspüren? Thomas Andre wagte den Selbstversuch. Er mietete sich eine Woche im Hotel Atlantic ein, ging erst in den Morgenstunden ins Bett, joggte nachts um die Alster, genoss Roomservice, aber auch das Zu-Hause-Sein im anonymsten aller Orte. Eine Hommage an einen großen Künstler und seinen Lebensstil

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Udo Lindenberg kann das nicht, er will das auch gar nicht von sich behaupten. Er ist schließlich Künstler und dadurch der konventionellen Berufswelt enthoben. Mit 70 lebt er noch so, wie die meisten von uns nie leben werden: Er geht erst in den frühen Morgenstunden ins Bett und schläft bis mittags. Wenn alle anderen in die Kantine laufen oder zum Lunch, wälzt sich Lindenberg (auch bekannt als der „Rock-Pate“, der „Pop-Opa“) erst aus der Decke.

Dass er ein Spätschläfer und Nochspäteraufsteher ist, ist allgemein bekannt. Taugt noch nicht mal als Partywissen. Genauso wenig wie die Tatsache, dass dieser physiognomisch und verbal einmaligste aller Popstars ins Hotel Atlantic geht, wenn er schlafen will. Immer.

Ich jedenfalls wusste schon, bevor ich überhaupt 1998 das allererste Mal in Hamburg war, dass der Typ, der in meiner Kindheit immer im Radio lief („Ein Herz kann man nicht reparieren“, „Hinterm Horizont geht’s weiter“) und maßgeblich meine Vorstellung von deutscher Popmusik prägte, ich wusste, dass Udo Lindenberg im Atlantic wohnt. Also, dass er permanent dort wohnt.

Im-Hotel-Wohnen als Lebensprinzip – bei Udo Lindenberg, dem selbst ernannten Chef-Paniker, der die Verhältnisse auf der „Andrea Doria“ klärte, im „Sonderzug nach Pankow“ fuhr und auf der „Reeperbahn“, der geilen Meile, ankam, ist Heimat eine Fünf-Sterne-Angelegenheit mit Zimmerservice, Alsterblick und, trotz (oder gerade wegen) ständig wechselnder Mitbewohner und gestrengen Vermieters, dem Anrecht auf selbst gemalte Bilder an den Wänden. Und weil Lindenberg seit 1994 – mit einer winzigen Unterbrechung 2011, als renoviert wurde – den Atlantiker gibt, ist dieser Tage so oft vom „Weißen Schloss an der Alster“, wie das Atlantic in der Hamburg-Folklore heißt, die Rede.

Es sind nämlich Lindenberg-Festwochen, es gibt eine kleine Udo-Mania mit vielen Zeitungstexten und einem großen TV-Porträt direkt nach dem „Tatort“; diesmal nicht wegen eines traumhaften Comebacks, sondern weil er Geburtstag hat. 70 Jahre alt wird Udo Lindenberg, der große Alltagspoet und Überzeugungsnuschler, am 17. Mai. Er gehört seit mehr als vier Jahrzehnten zum Popinventar des Landes. Er ist alles gewesen, Junggenie, Pionier, Star, weg vom Fenster, Säufer, Absacker, Aufsteher und, seit Kurzem erst, relativ gesehen: Volkssänger. Ein Comeback wird Lindenberg, dessen äußere Erscheinung so unverwechselbar ist, dass man sie nicht besser erfinden könnte, nie wieder hinlegen müssen. Mit 70 ist man Olympier, ein Gott der Ewigkeit.

Und so einer lebt nun also seit mehr als zwei Jahrzehnten an einem Ort des Transits, an dem Gesichter täglich wechseln, an dem auf das Einchecken das Auschecken folgt, an dem auch keine Empfangsdame für ewig bleibt und kein Concierge.

Fester Wohnsitz: Atlantic, An der Alster 72–79. Unweit des Hauptbahnhofs, der City, St. Georgs, der Uhlenhorst. Das sind die Koordinaten.

Wie ist das, in Hamburg zu Hause zu sein, aber permanent im Hotel zu leben? Und: Wie ist eigentlich das Atlantic, wenn man nicht nur dran vorbeifährt, sondern darin lebt, wie wohnt es sich in dem neben dem Vier Jahreszeiten berühmtesten Hotel der Freien und Hansestadt?

Für eine Woche habe ich mich im Atlantic eingebucht, als Hamburger in ein Hamburger Grandhotel, in den Luxusschuppen mit fünf Sternen – man gönnt sich ja sonst nichts, jetzt aber mal genauso viel wie Udo Lindenberg, der klassische Vertreter des Homo hotelensis.

Lindenberg selbst ist übrigens auf Reisen. Eine Konzerttour auf einem Kreuzfahrtschiff mit den größten Udo-Fans, von der im Verlaufe der Woche die Nachricht über den Ticker läuft, an Bord sei der Eierlikör ausgegangen.

Eierlikör ist Lindenbergs Getränk der Wahl, wenn er denn mal trinkt. Größtenteils lebt er seit einiger Zeit abstinent. Eierlikör, findet Lindenberg, der Maler, macht sich auch gut auf einer Leinwand. Deswegen gehört das Getränk, das in seiner Omahaftigkeit ja erst mal nicht zu überbieten ist, mittlerweile genauso zum Mythos Lindenberg wie Schlapphut, Zigarre und Sonnenbrille. Bei Lindenberg wird sogar Eierlikör cool.

Gut, dass sie ihn im Atlantic immer vorrätig haben. Ich werde also nicht auf dem Trockenen sitzen. Trotzdem bin ich für die Dauer der Udo-Absenz – sie wird länger dauern, schließlich beginnt im Mai die große Stadiontour – kein Udo-Ersatz, obwohl auch ich grundsätzlich mit Sonnenbrille durch die Lobby latsche. Ich kann nicht malen und nicht singen, und mein Nicht-singen-Können ist ein anderes als das Lindenbergs. Der Mann ist auf seine Weise ein Genie, und deshalb ist dieser Text eine Hommage an einen der ganz Großen, an einen Musiker und Lebenskünstler – und an einen Lebensstil.

Viel, was an Gerüchten über sein Leben kursiert, noch mehr von dem, was er selbst, der Meister der Selbstinszenierung, darüber gesagt hat, ist hier eingeflossen. Aber am Ende ist es natürlich so, dass man sich immer nur ein Bild macht von einer Person. Wie der Udo-Way-of-Life wirklich funktioniert, weiß nur Lindenberg selbst.

Dem annäherungsweise zu entsprechen, den Udo-Lifestyle ein wenig zu imitieren, der viele Menschen fasziniert und dem zuletzt von Lindenbergs Freund und Bruder im Geiste, Benjamin von Stuckrad-Barre, in dessen teils autobiografischem Werk, teils Lindenberg-Fanbuch „Panikherz“ ein Denkmal gesetzt wurde, ein bisschen udomäßig zu werden, ohne selbst eine Legende zu sein, geht am besten im Atlantic. Bin ich theoretisch auch ein Atlantiker? Ich wollte auch zur Selbsterkenntnis gelangen.

Das war das Ziel. Hier kommt der Bericht.

Ein Traum von einem Zimmer

Lindenberg, der hier ja quasi der Hausherr ist, ist also ausgeflogen, auf hoher See – der Fernweh-Udo, alles klar auf dem Dampfer, auf dem er gerade ist, ganz sicher. Hier auch. „Sie sind schon mal hier gewesen? Dann kennen Sie sich ja aus“, sagt die Dame an der Rezeption. Ich kläre sie nicht über meine Atlantic-Unbelecktheit auf, freue mich aber über den mondänen und kosmopolitischen Eindruck, den ich mache. Zweiter Stock, Raum 273. Keine Suite, aber sehr, sehr komfortabel. Kein Alsterblick, aber Fenster zum Innenhof mit Springbrunnen. Ich weiß nicht, wie der Udo-Tarif ist, aber auch mir wird einiges geboten. Es ist vor allem die Aura – Aura ist sowieso eine wichtige Kategorie im Atlantic – des Zimmers, die mir sofort ein Status-Upgrade verpasst. Fünf Sterne Deluxe, das ist das, was mir gebührt, oder? Hamburg! Atlantic! Auch ich in Arkadien! Endlich zu Hause! Ich liebe alle Menschen!

Die Augenblicksekstase lässt mich auch großzügig über die Wertlosigkeit der Minibar hinwegsehen. Bierchen is’ nich’, der Alters-Udo verzichtet schließlich auch. Und er isst, heißt es, auch nur in Maßen. Das wird ein großes Thema werden für mich, der dies meist anders hält.

Extratoll: die Badewanne. Die Badewanne ist der Whirlpool des kleinen Mannes. Und ich bin ein Mann des Volkes, der in den nächsten Tagen crazy Dinge tun wird. Einfach mal so um vier Uhr nachts in die Badewanne steigen, zum Beispiel. Rock ’n’ Roll.

Außerdem werde ich sehr, sehr schnell zum Hotel-Souverän. Ich wünsche, man dient.

Im Atlantic gibt es für alles eine Nummer. Zimmerservice ist, machen wir uns nichts vor, das Höchste, das ein Mensch auf Erden erreichen kann. Es gibt nichts mehr, das mich von den wichtigen Dingen abhält, dem, was man halt Leben nennt; keine Zeitverschwendung mehr für die Handgriffe des Alltags, die ich „niedere Tätigkeiten“ zu nennen jedoch scheue. Nein, das sind sie nicht. Die Akkuratesse und Ordnung zum ästhetischen Prinzip erhebende Mühewaltung der Zimmermädchen und Servicekräfte hat etwas Erhabenes – und Rührendes. Ich hoffe, ich mache ihnen nicht zu viel Arbeit. Ein Hauch von schlechtem Gewissen bleibt, wenn andere meine Bettwäsche re-justieren und mein Bad putzen, ein Hauch, der zu einem kräftigen Windstoß wird im Verlaufe der Tage und mein moralisierendes Über-Ich kitzelt.

Udo Lindenberg gibt bestimmt oft und viel Trinkgeld. Roomservice, singt er in einem seiner Lieder, „wird mit U und H geschrieben“.

Der Springbrunnen im Innenhof – es ist der, in dem Lindenberg zum 50. Geburtstag ein Baum gepflanzt wurde, übrigens – klingt irritierenderweise bei geöffnetem Fenster im Verbund mit der Bad-Belüftung wie die Spülmaschine daheim.

Daheim, was heißt daheim? Wie in jedem Urlaub ist „zu Hause“ vorübergehend woanders, und Haus und Zimmer werden mit jedem Schritt und jeder Minute tiefer in das eigene Wohlfühlzentrum verortet.

Wie es für Lindenberg ist, das atlantische Gefühl, man weiß es nicht und wird es in nur einer Woche auch nicht herausfinden. So wie er wird wohl nie mehr jemand mit dem Atlantic verwachsen.

Im Atlantic klopft jeden Abend der sogenannte „Abendservice“. Er reicht die Frühstückskarte, er zupft die Decke zurecht, wenn man das möchte. Er lächelt nett. So ein Lächeln kann die Laune heben. So ein Lächeln ist auch auf dem Gesicht desjenigen, der die Wäsche morgens abholt und abends, gebügelt natürlich, wiederbringt.

Es ist beruhigend, dass man sich hier, theoretisch, rund um die Uhr Speisen aufs Zimmer kommen lassen kann. Dass es eine „Hausdame“ gibt, die regelmäßig ihre Runde dreht und die man ansprechen kann, wenn man etwas braucht. Anzunehmen, dass sie über Udo Lindenbergs Wünsche am besten Bescheid weiß. Anzunehmen, dass in keinem anderen Zimmer des Atlantic mehr Lindenberg läuft als bei mir. „Als ich noch ein junger Mann war,/saß ich locker irgendwann da,/auf der Wiese vor’m Hotel Kempinski,/Trommelstöcke in der Tasche,/in der Hand ne Cognacflasche,/und ein Autogramm von Klaus Kinski/Guckte hoch aufs weiße Schloss,/oder malochen bei Blohm + Voss,/Nee irgendwie, das war doch klar,/irgendwann da wohn ich da,/In der Präsidentensuite/wos nicht reinregnet und nicht zieht,/und was bestell ich dann?/Dosenbier und Kaviar“, singt er in „Mein Ding“.

Ein Palast der Freundlichkeit

Das mit dem Dosenbier lasse ich, entspricht auch nur Udo ca. 1970. Was er mit den Versen seines Hits meint, der Udo-Ode an, ja!, das Zuhause, ist der Grundwiderspruch des Rockers, der im Palast lebt. Hotels, das sind die Orte, an denen Fernseher aus Fenstern fliegen und Schampusfontänen an Wände spritzen, wenn Musiker darin absteigen. Bei Lindenberg spritzt höchstens Farbe auf Leinwand, der Song ist lediglich eine nostalgische Erinnerung an eine frühe Biografiephase.

Deswegen hat er nie Stress mit der Hausdame, nehmen wir mal an. Die Hausdame muss darauf achten, dass 245 Zimmer sauber sind, dazu die Konferenzräume, die Gänge. Die Gänge im Atlantic sind herrschaftlich, ewig lang, vor allem breit. Könnte man hier mit einem Smart durchbrettern? Sicher, vielleicht sogar mit einem Hummer.

Was man nicht kann, ist die Kleiderordnung missachten. „Bitte beachten Sie, dass für Herren im Haus folgender Dresscode gilt: lange Hose, geschlossene Schuhe und bedeckte Schultern. Die Damen bitten wir um einen klassisch- beziehungsweise sportlich-eleganten Stil“, so steht es im ledergebundenen Informationstext, der in jedem Zimmer ausliegt. Von Kopfbedeckung steht da nix – gut für Lindenberg. Der hat aber eh Sonderrechte und darf auch überall rauchen, sodass sich die Atlantic-Regelkunde („Nichtraucher-Hotel“) ganz herrlich sinnlos liest. Wer als Normalsterblicher im Zimmer raucht, muss 250 Euro Reinigungsgebühr latzen.

Im Atlantik herrscht eine distinguierte, aber nicht wirklich angestrengte Atmosphäre. Und es sind wirklich alle freundlich. Die, die dafür bezahlt werden, noch mehr als die, die dafür bezahlen, freundlich behandelt zu werden. Das Atlantic ist ein Palast der Freundlichkeit. Da kann man durchaus neidisch auf Lindenberg werden, der sich nicht mit unwirschen Nachbarn und unkooperativen Vermietern herumschlagen muss. Wer wird ihm, dem Deutschlandstar und Lokalhelden, je einen zweifelhaften Blick zuwerfen oder ihn mit Ignoranz strafen? Im Atlantic ist er Maskottchen, Werbeträger, der Stolz des ganzen Betriebs. Und der besteht nicht nur aus den Atlantic-Leuten, sondern in wechselnder Besetzung auch aus den Gästen, nicht wenige von ihnen Fans. Sie alle sind das Publikum der Udo-Schau, Mitbewohner auf Zeit.

Ich selbst bin keine Schau, werde aber auch mit allerlei Nettigkeiten bedacht, und ich freue mich wahnsinnig über die Sorgfalt, die auf die verbale und nonverbale Kommunikation verwandt wird. Die junge Frau, die mich grüßt und gleichzeitig mit dem Staubwedel die Beleuchtung auf dem Gang säubert, ist nicht ohne Grund Multitaskerin. Sieh her, sagt sie, wir wollen, dass ihr euch hier wohlfühlt, wir sind aufmerksam allen Erscheinungen gegenüber, den Lampen und den Menschen.

Nur selten fühlt man sich überfordert vom permanenten Einen-schönen-Tag-Gewünsche und dem ständigen Nachfragen in der Lobby, ob es noch etwas sein könne – man kann ja nicht den ganzen Tag Ingwertee mit Gebäck bestellen!

Es regieren die hohe Schule der Höflichkeiten und die hohe Kunst des Small Talks. Einmal, nur ganz kurz, denke ich angesichts der vielen jungen Leute in ihren Atlantic-Kostümen an meinen Studentenjob im Konzerthaus in Bremen. Dort arbeitete ich in der Garderobe und als Platzanweiser. Ob die Atlantic-Leute als heimliche Auflehnung gegen die strenge Etikette unter ihren Jacketts und Westen die gleichen ungebügelten Hemden (oder Blusen) tragen wie ich seinerzeit in der Glocke?

Im Rhythmus der Nachteule

Lindenbergs Suite liegt im zweiten Stock. Ich fand nicht heraus, wo, ich wollte es auch nicht herausfinden, ich bin kein Stalker. Lindenbergs Bilder hängen im gesamten Hotel, das größte zentral im zweiten Stock, in einem offene Raum, von dem die Gänge abgehen und der eigentlich viel zu groß ist. Menschen sieht man hier nur, wenn sie in den oder aus dem Fahrstuhl steigen. Oder wenn sie sich das Bild anschauen, es ist das berühmte vom Cover des „Unplugged“-Albums, auf dem der Comic-Udo sich selbst den Stecker zieht.

Seinen gestressten Gästen den Stecker ziehen zwecks energetischen Ablasshandels: Das will ein vielsterniges Hotel im Übrigen immer. Insofern passt das Motiv hervorragend zu Atlantic-Logis und Hotelwellness. Und trotzdem leide ich recht früh unter einer bestimmten Form von Jetlag, ich habe ja die Zeitzone gewechselt – ich lebe nun in der MEUD, der Mitteleuropäischen Udozeit. Was bedeutet, dass ich, theoretisch, von fünf in der Früh bis ein Uhr mittags schlafe. Was das Aktivsein angeht, schiebt Udo Lindenberg seit Jahrzehnten Nachtschicht um Nachtschicht, und er schläft selig den Schlaf des Gerechten oder tastet sich zigarreschmauchend – Lindenberg nennt sein Rauchzeug „Kinderzigarre“, wegen der Nuckelei – in den Tag, wenn andere ihr Tagwerk beinah schon verrichtet habe. Damit schwimmt er, der Populärkünstler und Hitparadenherrscher, Lebensrhythmus-mäßig immer gegen den Strom. Man wird so zur Nachteule, man schärft den Blick für die Gefahren, die im Dunkeln warten, evolutionstechnisch gesehen. Übertragen in die menschliche Zivilisation anno 2016 heißt das: Der Künstler Lindenberg ist am besten und fittesten, wenn die Sonne untergeht und der Mond auf.

Bei mir ist es leider meistens umgekehrt.

Devise: Wachbleiben

Deshalb wird meine Atlanticwoche zu einer vollkoffeinierten Grenzerfahrung. Kick it like Udo? Dann aber stilecht mit schwarzem Teechen, Kaffee, Cola light! Soll der Meister ja tatsächlich viel trinken, und das nicht nur den Resttag über, den er mit seiner Anwesenheit beehrt, sondern auch abends und nachts. Ich habe nie viel Kaffee getrunken, ich vertrage ihn nicht. Mal macht er mich nervös, mal wiegt er mich in den Schlaf. Es ist alles ein großes Rätsel. Da ich aber auf keinen Fall die atlantischen Nächte verschlafen will, gehe ich volles Risiko und – ziehe schon mit einer Flasche Cola im Gepäck ein. Muss man sich mal vorstellen. Mehr Rock ’n’ Roll geht nicht.

Fortan bin ich immer Heiß- oder Kaltgetränke am Süffeln, es läuft und läuft und läuft. Ich rede mit einem Male noch schneller als sonst, die Bedienung in der Lobby versteht mich wahrscheinlich kaum, lässt sich aber nichts anmerken. Sie hat von allen Lächelgesichtern hier das hübscheste.

Der Koffein-Flash wird sich im Laufe der Tage legen, ich gewöhne mich fast an die Ölung der Maschinerie. Außerdem hat jeder Schluck Cola einen wichtigen Nebeneffekt. Er dämpft das Hungergefühl.

I Wear My Sunglasses at Night

Die Sonnenbrille dagegen lerne ich lieben. Sie ist eines der wenigen Utensilien, die im kleinen Udospiel, das wir ihm zu Ehren spielen, eine wirkliche Wesensähnlichkeit herstellen. Allerdings ist der Mai so wonnig, dass die Sonnenbrillerei meist kein bisschen exzentrisch wirkt. Trotzdem ist die beidseitige Verdunkelung in geschlossenen Räumen etwas, das zu empfehlen ist. Ich finde, sie legt einen angenehmen Schleier des Dämmers auf alles. Dadurch wirkt alles ein bisschen auf Abstand und heruntergekühlt. Den dampfenden Cappuccino muss ich so gar nicht abpusten.

Und wer mir gegenübertritt, der sieht meine Augen nicht, das gibt mir etwas Unnahbares, Undurchdringliches. Außerdem mag ich den dramatischen Effekt, wenn ich die Sonnenbrille absetze. Voilà, hier ist er, der ganze Mensch, verwundbar und ganz nackt: Schaut mir in die Augen.

Blöd nur, dass ich nicht Lindenberg bin und mir das Tragen der Sonnenbrille beim Nachmittagskaffee in der Lobby garantiert als pubertäre Lässigkeitsgeste ausgelegt wird.

Büro Atlantic

Recherchen in udophilen und gut informierten Popbusinesskreisen haben ergeben, dass Lindenberg, wenn er nicht auf Reisen ist oder eine neue Platte aufnimmt, nach dem Aufstehen gegen zwei, drei Uhr in die Hotellobby kommt, am Empfang seine Post abholt, die in der Raucherlounge durchgeht, Telefonate führt, „seine Deals macht“, wie er es selbst in einem Interview ausgedrückt hat.

Deals, das weiß Lindenberg, fallen für ihn immer dann gut aus, wenn der Verhandlungspartner schon an seinen Feierabend denkt, er selbst aber gerade erst anfängt zu arbeiten. Lindenberg trifft sich mit den Leuten, die im engeren oder weiteren Sinne mit seinen „Panik“-Unternehmungen zu tun haben – Panik ist seit jeher das Wort, hinter dem sich seine Aktivitäten und sein Freundes- und Unterstützerkreis versammeln –, auch gerne im Hotel. Kann man sich ein stilvolleres Büro vorstellen?

In seiner ersten Hamburgzeit hat der sich damals gerade einen Namen machende, aus Nordrhein-Westfalen stammende Musiker Lindenberg mit Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen in einer Wohngemeinschaft gelebt. Nun, ein Hotel ist in gewisser Hinsicht eine WG, auch wenn jeder seine eigene Toilette benutzt. Es ist eine WG, in der nicht jeder reindarf, aber alle bald wieder ausziehen. Außer Lindenberg halt. Der hat, als soziales Wesen, das gerne Leute um sich herum hat, wenn ihm danach ist, das buchstäblich auf Knopfdruck (des Fahrstuhls) in belebte Umgebung manö­vriert wird, in der Lobby-Welt des Atlantic vielleicht sein perfektes, zwischen Anonymität und Vertrautheit changierendes Habitat gefunden. Wenn ich hier mit Ingwertee oder Cappuccino sitze, saugt mich das vom Band laufende Pianogeklimper in eine vollendete Sphäre der Dezenz und der Unaufdringlichkeit, die gedämpften Gespräche sind ein stetes Grundrauschen. Hotelgäste brechen von hier zu ihren Hamburgtouren auf oder kommen von ihnen zurück. Man sieht Shopper mit Tragetaschen, Geschäftsleute mit Laptops oder ohne, Stadtmenschen mit Drang in Richtung Alster. Einmal ist der Schauspieler und Musiker Gustav Peter Wöhler da, er passt sehr gut in das Setting.

Es gibt Kaffee und Kuchen an beinahe jedem Tisch, und in den Lesersesseln scheidet sich die Scheu vom Geizen: Manche schauen geradezu ehrfürchtig in die Szenerie, zu der neben hohen Decken und prachtvollen Leuchtern auch Landschaftsbilder und ein Porträt von Wilhelm II. gehören. Wer ihn nicht erkennt, der wird flugs von den Bediensteten aufgeklärt. Jede Wette, dass jeder von ihnen, der länger als ein Jahr im Atlantic arbeitet, die Frage schon 100-mal gehört hat.

Armer Wilhelm Zwo: In einem Land, in dem die Monarchie vor langer Zeit abgeschafft wurde, kennt ihn niemand mehr. Trotzdem hat er im Atlantic endlich seinen Platz an der Sonne, denn die Lobby ist ein schöner Ort.

Dem scheuen Staunen derer, die sich an der feinen Gediegenheit ergötzen, steht die gar nicht mal blasierte Gewohnheit gegenüber. Sie ist bei denen anzutreffen, die mit den Sitzecken und den Barhockern, die mit dem Setting, mit der ganzen – zeitlosen oder aus der Zeit gefallenen, man weiß nicht so recht – hanseatischen Inneneinrichtungsnoblesse verwachsen zu sein scheinen. Sie geizen mit Blicken, sie lesen die „New York Times“, und sie bedeuten der Kellnerin mit sparsamen Gesten, dass sie noch etwas bestellen oder dass sie bezahlen wollen.

Der Gedankengang stellt sich von selbst ein: Ist Lindenberg, der Dauergast, vielleicht am Ende ein noch besserer Phänomenologe als die Kellner und Barkeeper? Kann er die Typologie der Atlantic-Gäste noch besser hersagen? Andererseits: Mögen sich die Gäste in ihrem Habitus ähneln, so sind sie doch immer andere. Was der jahrelange, nie versiegende Gesichterstrom in den eigenen vier Wänden – man kann das Atlantic aus der Lindenbergperspektive doch genau so bezeichnen! – mit einem macht, werde ich nie erfahren. Denn ich bin bald wieder weg. Was irgendwie schade ist angesichts der köstlichen Kekse, die im Atlantic zu Heißgetränken gereicht werden und die keiner hier so gierig verschlingt wie ich.

Was man so tut bei Nacht

Die Atlantic-Bar genießt besonders bei denen, die noch nie da waren, einen exzellenten Ruf. Der hedonistische Schlachtruf „Auf ins Atlantic, vielleicht sitzt Udo an der Bar“ gehört bei Nachtschwärmern zum guten Ton. Nur dass man am Ende doch nie dort landet. Irgendwas kommt immer dazwischen, meistens die nächste Kneipe. Ein Udo Lindenberg lässt sich übrigens nicht von der Rezeption aus an- und auf seinen angeblichen Stammplatz rufen. Zu keiner Tages- und Nachtzeit. Das wäre ja so, als würde man immer vom Vermieter angerufen werden, wenn einen jemand besuchen will. Oder so ähnlich.

Atlantische Abende, ich habe sie erkundet: mit der eigenen, kleinen Panik-Gang. Sie hört an diesem späten Abend auf die Namen Christoph und Tino. Champions League gucken auf dem Zimmer, später Eierlikör (8,50 Euro, Prost!) in der Lobby, (passiv) rauchen in der Raucher-Lounge. Dort hat Lindenberg ein Privatfach, in dem dicke Zigarren liegen. „Der hat es geschafft“, sagt einer anerkennend. Selbst der stille Genießer in der hinteren Sitzgruppe nickt zustimmend. Ich dagegen, der derzeit ganz auf das Rauchen verzichtet, fantasiere von einem Sauerstoffgerät, das hier ausliegen sollte.

Diesseits der Waberhölle läuft die typische Tonspur einer Bar schön nebenher, man setzt sich rein in diese Geräuschkulisse und goutiert auch die musikalische Barbeschallung. Sie kommt nicht mehr von Band, sie stammt vom Pianisten, der jeden Abend unaufdringlich Popklassiker für freilich überaus unaufmerksame Nicht-wirklich-Zuhörer spielt. Der Barpianist ist ein wichtiger Faktor jedes lobbyistischen Wohlbefindens, aber er ist auch eine tragische Person.

Wir sitzen erst am Tresen, dann in den Sesseln, wir lästern über den jungen Mann auf dem Catwalk in Richtung Lounge: oben Bodybuilder, unten Ballerinabeinchen. Der Gang erinnert fast an Udo, den wir uns federleicht auf dem schweren Atlantic-Teppich vorstellen. Wir imaginieren einen tänzelnden Udo-Auftritt, ich gehe am weitesten, meine Vorstellungskraft schlägt Purzelbäume, ich kriege mich gar nicht mehr ein, ich habe das Bild des Tanz-Udos wirklich deutlich vor Augen. Könnte am Hunger liegen. Ich esse zu wenig, seit ich im Atlantic bin.

Irgendwann steht der Pianist auf, klappt das Klavier zu und geht. Auch auf diese, seine letzte Amtshandlung an diesem Abend achtet niemand. Auch wir gehen, und zwar wieder in Richtung Zimmer, wir wollen Udo hören, er ist ja auch ein Musikdienstleister.

Die Wände im Atlantic sind übrigens likörfarben, finde ich.

In Zimmer 273 läuft dann „Stärker als die Zeit“. Meine Freunde trinken Bier, ich Coke Zero. Wir sitzen lange, die Magie der Nacht äußert sich ja auch in der Ausschweifung, und im Atlantic fühlt man sich auch auf dem Zimmer mondän. Ob Udo diese Form der Hochgestimmtheit im Hotel Atlantic noch wahrnimmt, fragen wir uns – und verneinen dies nach eingehender Überlegung.

Leben wie Udo Lindenberg im Atlantic, das kann nur Udo Lindenberg.

Aber ich gebe mein Bestes in Sachen Lindenberg-Mimesis. Und dass ich in der Atlantic-Woche fast nur Lindenbergsongs höre, ist konsequent. Das Beste aber ist, formuliere ich zu sehr später Stunde in Richtung meiner Freunde – ihre Gesichter zeigen den Ausdruck großer Bewunderung ob meiner Insiderkenntnisse, vielleicht ist es aber auch das erschwerte Bemühen, mir angesichts der Bierumstände zu folgen –, das Beste ist, dass Udo Lindenberg im Auto oder auf seinem Zimmer immer nur seine eigenen Songs hört. Und manchmal, führe ich aus, singt er dann sogar mit.

Was für ein Universum der Selbstgenügsamkeit!

Reeperbahn, ich komm an

Irritierenderweise fühle ich mich immer älter, je länger ich im Atlantic den Lindenberg-Lifestyle nachahme. In einer anderen Nacht ziehen wir zum Kiez, der ist Udo-Gebiet, gefühltes und hin und wieder auch tatsächliches. Die Unverschämtheit ist ja, dass Lindenberg wie manch anderer Rock-’n’-Roll-Greis ein Durchhaltevermögen und eine Fitness an den Tag legt, die manche auch mit 20 nie hatten – und das nach all den Exzessen. Und es ist halt jetzt, nach Mitternacht, in seiner Zeitzone erst früher Abend. Ich ächze unter den Anforderungen, tollerweise habe ich beschlossen, eine Abstinenzabstinenz für diesen Abend auszurufen.

In der Bahn ist eine englischsprachige Reisegruppe, sie singt vielstimmig „Wonderwall“, meine Güte, sind die ausgelassen und euphorisch, es gibt nichts Wunderbareres als Jungsein. Was wäre das Nicht-Schluss-machen-Können von Rocksauriern wie Lindenberg anderes als ein ewiger Aufbruch zum Jungbrunnen? Sollte man sich nicht immer jung fühlen auf St. Pauli?

Passt schon, ich schüttele die Müdigkeit ab. Die jungen Menschen singen weiter, ich liebe es, und dann laufen sie mit mir über Udo Lindenberg, der bekanntlich als Einziger einen Stern auf der Reeperbahn hat, verdient ist verdient. Keiner der jungen Touristen kennt ihn, und so stellen sie zumindest mal Überlegungen an, woher der Name den stammen könnte. Er sei auf jeden Fall jüdisch, sagt einer; Udo Lindenberg würde das interessieren, er erzählt ja jetzt, wo das Interesse an ihm so groß ist wie noch nie, es ist geradezu gigantisch, sehr gerne von seiner Herkunft: Holländisch-indonesisch-sizilianisch-westfälisches Blut fließt demnach in seinen Adern.

In meinem Blut zirkuliert der Alkohol, in der Disziplin Augenblicksverehrung bin ich nun ganz weit vorne. Mir fällt auf, dass es keinen größeren Kontrast geben kann als zwischen der Hamburger-Berg-Kaschemme Zum Goldenen Handschuh und dem Hotel Atlantic. Beide haben eine Bar, das ist die einzige Gemeinsamkeit. Vom Hamburger Berg aus betrachtet, wo die Menschen ihr Bier in Büchsen trinken und Wörter nur dann Wörter sind, wenn man sie sich ins Ohr plärrt, ist ein unter Denkmalschutz stehendes Grandhotel ein noch viel stilvolleres, aber natürlich auch bourgeois-unbeweglicheres Gebäude.

Im „Handschuh“ bewegt sich viel, die Menge wogt, die Männer haben Alkoholikerstimmen, man versteht sie nicht, es läuft „Sexy“ von Marius Müller-Westernhagen.

Breite Gänge

Später, beim Heimkommen, das kein wirkliches Heimkommen ist, aber trotzdem in inzwischen vertraute Gefilde führt, ist das Hotel ein einsamer Ort. Die Gänge wirken noch länger und breiter als sonst, sie sind ganz anders als der vielleicht enge, dafür aber auch gemütliche Hausflur im, sagen wir, Ottenser Altbau. Es gibt im Atlantic nie Gespräche mit dem Nachbarn beim Altpapierrausstellen, keinen Treppenhausschnack über Fußball mit dem Typen, mit dem man eben immer über Fußball redet.

Dafür bleiben wenigstens die Zimmermädchen manchmal länger als für eine Saison, das stellt ja auch Vertrautheit her. Und langweilig wird einem auch nicht, bei all dem Personenschwund und dem gleichzeitigen Auffüllen der Humanressourcen. Hotel, das ist ein ewiges Kommen und Gehen.

Udo-Ertüchtigung

Wahrscheinlich würde Udo Lindenberg den Seniorenwettkampf gegen Mick Jagger verlieren. Jaggers Stadiontourneen sind ausgedehnter, außerdem ist seine Rockrüstigkeit schon länger als diejenige Lindenbergs Trainings-basiert. Der Sport, die Fitness, die Agilität: Mich wundert in der Ü-70-Abteilung der Leibesertüchtigung schon lange gar nichts mehr. Beim Joggen überholen mich gerne gut gelaunte Rentner, dabei locker parlierend. Ich halte das dann manchmal für ein Posieren mit der eigenen Vitalität. Tatsächlich sind Rentner heute einfach leistungsstark wie nie.

Lindenberg, ist der eigentlich Rentner? Als Künstler wohl kaum und im Hinblick auf sein jüngstes Erreichen des Klassiker-Status schon mal gar nicht. Die Haupteigenschaft eines Klassikers ist seine Zeitlosigkeit. Zeitlosigkeit kennt keine körperlichen Gebrechen, Zeitlosigkeit steigt auf Bühnen und gibt, ohne zu schwächeln, mehrstündige Konzerte. Zeitlosigkeit hält sich fit.

Deshalb wusste ich, was mich in meiner Atlantic-Woche im Udo-Beat erwartet: jeden Tag eine Runde um die Alster. Aber nicht morgens oder abends, wenn der Herdenauftrieb der Hamburger auf der Suche nach Höchstleistungen gewaltig ist, sondern mitten in der Nacht.

Ich fühle mich Nacht für Nacht auf den Punkt fit (Ausnahme: der Kiez-abend). Während meine Entourage geistigen Getränken zuspricht, bleibe ich glasklar in der Birne. Außerdem bin ich ja Koffein-gedopt, was allerdings vor allem zur Folge hat, dass mein Kopf die körperliche Müdigkeit austrickst. Als ich um halb drei nachts meine erste Runde um den sanft unterm Mondlicht liegenden See absolviere, lasse ich mich enthusiastisch von den für mich exotischen Begleitumständen tragen. Dass Lindenberg keinen Wert darauf legt, sich joggenderweise in der Öffentlichkeit zu zeigen und dabei x-fach von Fans und Alles-Dokumentierern fotografiert zu werden, erscheint logisch. Aber auch ich finde Gefallen an meinem Nacht-Trainingslager. Auf dem MP3-Player läuft Lindenbergs Körper-Hymne „Mein Body und ich“, die Vergleichsmöglichkeiten sind gering: „Ey, mein Body, du und ich,/Ich weiß, du lässt mich nicht im Stich!/And’re hätten bei so ’nem Leben/Längst den Löffel abgegeben/Ich hab geraucht so wie ein Schlot/Und gesoffen wie ein Loch,/Ich hab dich superhart geschunden,/Doch du lebst immer noch!“

Ich lebe auch, und wie. Hamburg hat sich müde hingelegt, eine himmlische Ruhe ist in der Stadt. Hier ein Pärchen, dort ein studentisches Bier-Doppel, sie wirken wie hingetupft in eine romantische Nachtlandschaft, ich denke an Joseph von Eichendorffs „Mondnacht“, natürlich. Dann schrecke ich ein paar Enten auf, ich passiere eine tote Ratte. Es wird Zeit.

Und siehe da, der Rückweg auf der Seite des Harvestehuder Wegs wird zum Triumphlauf, das Atlantic ist weithin sichtbar. Wie majestätisch es drüben steht, glänzend weiß! Ich laufe und laufe, ich laufe dem Atlantic entgegen und vor meinem Schatten weg und glaube, als ich im Ziel bin, also quasi zu Hause, dass ich so schnell noch nie die siebeneinhalb Kilometer gelaufen bin.

Dann ist’s aber wieder nur die üblich lahme Dreiviertelstunde, ich wette, Udo lacht darüber.

Am späten Nachmittag gehe ich jeden Atlantic-Tag schwimmen. Ich habe mal gehört, Lindenberg behalte im Schwimmbecken seinen Hut auf. Ich will das gerne glauben, weil Udo Lindenberg ein Gesamtkunstwerk ist, das sein Image auch dann modelliert, wenn es Sport treibt. Der Pool im Atlantic ist nicht groß. Meistens schwimme ich allein. Wenn ich mich ins Wasser sinken lasse, beginnt der Pool sofort mit mir zu sprechen: Das Wasser leckt über den Rand und gluckert im Abflussstreifen in die Löcher. Was für eine Wasserverdrängung, Donnerwetter! Ob das beim Asketen Udo Lindenberg genauso ist?

So ein Superstar, der schiebt doch immer eine Bugwelle vor sich her. Wahrscheinlich ist sie es, die hier beständig schwappt.

Einmal Müsli, bitte

Ich fange angesichts der Sporteinheiten, die ich unverdrossen aneinanderreihe, an, mich für ein anatomisches Wunder zu halten. Das Hungergefühl ist nämlich hartnäckig, es rührt einzig und allein daher, dass ich nicht nur im Lindenberg-Rhythmus schlafe, sondern auch im Lindenberg-Rhythmus esse. Beides klappt überhaupt nicht. Deshalb der Jetlag – ich bin sehr spät im Bett und früh wieder auf. Aber zum Frühstücksbüfett will ich nicht, das wäre so was von Anti-Udo, kommt nicht infrage. Was mir immerhin die Gelegenheit gibt, den Zimmerservice zu bemühen – „Schönen guten Tag, Herr Andre, was kann ich Ihnen bringen?“; „Birchermüsli, bitte“.

Im Nachhinein nennt Lindenberg den properen Lindenberg der mittleren Jahre einen „Rock-’n’-Roll-Mops“. Selbstironie ist nicht die schlechteste aller Eigenschaften, aber mir ist sie in diesem Moment nicht gegeben. Der Magen rumort, Bircher statt Lachs und Käse, eieiei, was mache ich hier eigentlich ...

Immerhin verzichte ich darauf, zum Pinsel zu greifen. Lindenberg hat ein eigenes Atelier im Atlantic, einer wie ich sollte jedoch nicht glauben, die kreative Beflügelung, die vom Atlantic – siehe Udo Lindenberg – ausgeht, falsch interpretieren zu müssen. Ich hatte im Fach „Bildende Kunst“ meist eine Vier, in der achten Klasse gab es sogar einen blauen Brief.

Der Geist Udos, das zeigen alle von mir bislang getätigten Untersuchungen, geht nie und nimmer auf mich über, nur weil ich seine Herberge austeste! Manchmal treffe ich im Aufzug oder auf den Gängen Leute, bei denen ich vermute, dass sie Udo-Fans sind, dass sie vielleicht auf ihrem Hamburgbesuch absichtlich im Atlantic wohnen. Es sind die Hotelgäste, die am unbürgerlichsten aussehen.

Als ich abends im Atlantic-Restaurant diniere, platziert mich der Kellner am Fenster – Alsterblick. Hier hätte ich beste Sicht auf die Joggerinnen, sagt er, er klingt nicht wirklich anzüglich dabei, eher sympathisch bemüht, die im Atlantic durchaus nicht immer, sagen wir, unsteife Atmosphäre aufzulockern. Sie alle laufen, erklärt er mir, „gerade im Sommer hier immer um die Alster“. Ich verkneife mir, ihm über meine eigenen Kenntnisse der hiesigen Angewohnheiten aufzuklären, bin aber etwas enttäuscht, dass er mich augenscheinlich nicht für einen Hamburger hält, der es sich angelegen sein lässt, hin und wieder im Atlantic zu speisen.

Das Paar am Nebentisch ist aus Süddeutschland, seiner Gastrokritik („Das Lamm war etwas zäh“) lässt es in Richtung des jungen Kellners Gedanken zum berühmtesten Atlantic-Bewohner und seiner früheren Eskapaden folgen. Ganz anderer Lebensrhythmus, alles einpfeifen, Koks besorgen wie Zigaretten – ich bekomme wieder mal einen Eindruck davon, was alles zum Udo-Mythos gehört. Es schwingt immer Bewunderung mit, weil es ihn immer noch gibt, „Phönix aus der Flasche“ (Songzeile) eben.

Einmal höre ich, wie jemand zu seiner Nebenfrau sagt, Lindenberg habe ja ganz früh in seinem Leben, bevor er ein Star war, selbst in einem Hotel gearbeitet, als Liftboy im Breidenbacher Hof in Düsseldorf. Das ist korrekt. Ich bin sicher, am Rhein sind sie neidisch, dass er seinen Wohnsitz später nach Hamburg verlegt hat, jetzt ist das Atlantic das berühmteste Rockhotel Deutschlands, nicht der Breidenbacher Hof.

Der Steinbutt schmeckt mir sehr gut, der Hunger bleibt. Ich denke an mein mangelndes Diätvermögen und meinen Vater. Er stellte richtigerweise schon zu einem frühen Zeitpunkt in meinem Leben fest, ich würde „fressen wie ein Scheunendrescher“.

Irgendwann, es muss die dritte Nacht sein, sehe ich einen drahtigen, perfekt tiefenentspannt durch die Gänge schlurfenden Mann mit Hut. Muss eine Hungerfantasie sein. Ich laufe anschließend sehr gemütlich um die Alster. Am nächsten Morgen fühle ich mich gut in meinem aufgeräumten Zimmer, bald schon ist mein Urlaub im Atlantic leider, leider vorbei, das werde ich mir doch nicht von einer Zwangsdiät versauen lassen! Schließlich ist Udo Lindenberg alles, aber kein Pedant. Frühstücksbüfett, Lachs, Schinken, Croissants, jetzt brechen alle Dämme. Ich bin im Schlaraffenland und habe alle Hände voll zu tun und tanze über die Essensauslage, die Menschen erheben sich und staunen. Stehende Ovationen für meine XXL-Mahlzeit, der Koch kommt, eine Delegation von der Abteilung Unternehmenskommunikation, das Atlantic braucht neue Werbefotos für die Homepage. Ich stehe gerne zur Verfügung. In Wirklichkeit lasse ich es mir einfach nur schmecken, ich liebe Frühstückbüfetts.

Der Flaneur

Touristisch gesehen liegt das Atlantic sehr gut. Zentral, nahe an der City und am Wasser, das bunte St. Georg ebenso fußläufig zu erreichen, und die Nähe zum Hauptbahnhof ist sicherlich ein Bonuspunkt für alle, die die Liebreize der schönsten Stadt der Welt gar nicht aushalten können. Lindenbergs Nachbarschaft ist heterogen: hier die feinen Alsterquartiere, dort die abgeranzte Bahnhofsgegend mit ihren heruntergekommenen Gestalten. Ich habe Udo vor längerer Zeit mal durch die Spitalerstraße stapfen sehen, aber erst jetzt, in der Woche der großen Udo-Einfühlung, weiß ich, wohin er ging. Erst zu Tabak Wolsdorff, wo er sich immer erst durch die Zigarrenpalette schnuppert, um dann doch wieder dieselbe Marke zu nehmen: Montecristo No. 3, Stückpreis zehn Euro. Will ich mir nicht leisten, bin eh nicht so der Zigarrenraucher.

Ich bin mit einer Dame unterwegs, und die ist sehr klug. Sie weiß nämlich, dass eine Galerie in der Europa Passage Udos Bilder verkauft. Wir fahren in den vierten Stock und schauen uns um. Das Udo-will-zum-Strand-Bild kostet 3800 Euro. Außerdem gibt es die sogenannten „Leckerelle“ zu kaufen, Liköre mit von Lindenberg gestalteten Etiketten. Sind die jetzt zum Trinken oder zum Malen? Ich vermute, die Verwendung stellt uns der Künstler anheim.

Es gibt eine sehr intensiv riechende Raucherlounge hier, ganz oben im Konsumtempel; keiner kennt sie, auch jetzt treffen wir dort niemanden an. Klare Sache, dass nur Lindenbergs Anwesenheit dieser dunklen Räucherbutze Glamour verleihen könnte.

Wir ziehen weiter, bei Saturn liegen seine CDs stapelweise, die alten und die neuen. „Wie bekomme ich die volle Ladung Udo?“, fragt ein Werbeplakat.

Ich habe schon öfter gehört, dass Lindenberg manchmal mit seinem Porsche, der stets in der Atlantic-Tiefgarage auf ihn wartet, ganz gemächlich in die Lange Reihe fährt, obwohl die nur fünf Minuten Fußweg entfernt liegt. Ich halte das keineswegs für eine Umweltsünde, im Gegenteil glaube ich nicht, dass seine Renommierkarre viele Kilometer draufhat. Er fährt, weil es ihm Spaß macht. Udo Lindenberg, das ist der Mann, der immer gesagt hat, dass er reich und berühmt werden wollte, und der dankbar ist, dass er dies geschafft hat. Manchmal, heißt es, geht er bei schönem Wetter an die Alster, er hat dann Autogrammkarten dabei und stellt sich für Selfies hin.

Das ist eine dermaßen überragende und schöne Vorstellung. Dass da einer genau da wohnt, wo er immer wohnen wollte: in einem Hotel, das eine gute Adresse ist und in dem vor allem die zu Hause sind, die über die feinen Unterschiede Bescheid wissen, die zwischen stilvoll und stillos entscheiden. Dass dieser Typ, der als junger Mann in einem Hotellift die Schönen und Reichen bediente, seinen Aufsteigertraum erfüllen konnte. Dass ausgerechnet bei ihm niemand, wie so oft in diesem Land, ein böses Wort verliert, dass keiner neidisch ist – dass jeder ihm alles gönnt.

Dass dieser Udo Lindenberg, wenn er Lust hat, in die Lobby seines Wohnhauses geht, sich von Fans ansprechen lässt, dass er mit Autogrammen zur Alster geht, weil er es mag, erkannt zu werden. Keine falsche Scheu hier, nirgends. „Einer muss den Job ja machen“, singt Lindenberg auf der neuen Platte. Ab November ist er in Hamburg noch präsenter: Sein Musical „Hinterm Horizont“ läuft dann im Operettenhaus.

Der Rocker als Bürger

Lindenberg ist seit einigen Jahren so eine Art personifizierter Rockadel, oder besser: Deutschlands erster Rockbürger. Erst war er Deutschrockwegbereiter, dann Star – und dann stürzte er ab, für sehr lange. Rappelte sich wieder auf, legte eine Kehrt-, eine glorreiche Wende hin, indem er, wenn man ihm glaubt, dem Tod von der Klippe sprang. Seit acht Jahren nun gelingt ihm so viel wie nie zuvor. Er ist erstmals Nummer-eins-Künstler, spielt vor 50.000 Zuschauern in riesigen Arenen. Anfang des Monats sah sich der „begnadete Sprachjongleur“, wie ihn die „Süddeutsche Zeitung“ zu Recht nennt, stolz wie Bolle im Passage Kino den ein paar Tage später in der ARD gezeigten Porträtfilm über sich an. Es war ein großes Lindenbergfest und eine famose Selbststilisierung mit Blitzlichtgewitter. Auf die versteht sich Lindenberg, der sich treu geblieben ist und dennoch neu erfunden hat, der eine selbst geschaffene Kunstfigur und trotzdem authentisch ist, sehr gut. Eben weil er mal ganz weg war, aber ein Lebenswerk vorweisen kann, das den alten unsterblichen Liedern noch etwas Neues hinzufügen konnte, sind seine Sympathiewerte so hoch wie nie.

Als ich beim Alsterlauf an all den Palästen und Edelhütten, den Bürgerhäusern und Prachtanlagen vorbeijoggte, fiel mir endgültig auf, wie unantastbar Lindenberg längst ist. Er schmeißt keine Fernseher aus seiner Hotelsuite, er lebt da, wo er lebt, weil er es dort schön findet. Bei Lindenberg ist das Rockbürgertum, der bourgeoise Lebenswandel des Künstlers kein Widerspruch. Und deswegen fand ich mit einem Mal, in meiner Udo-Woche, die Protzvillen sehr angemessen.

Angenehm war’s, denke ich beim Auschecken. Das Wasser kam in der Dusche aus einer vielstrahligen Brause von oben, nicht nur aus einem prosaischen Duschkopf. Es war wie Urlaub und doch wieder nicht, denn ich kenne ja alles, die Stadt, das Land, die Leute.

Psychologisch wird es jetzt, in der direkten Post-Atlantic-Phase, interessant: Wie wird es sein, nicht mehr über einen roten Teppich zu gehen, an einem Doorman mit Frack und Zylinder vorbei, bevor ich mein „Zuhause“ betrete? Wird sich wohl alles etwas banaler anfühlen.

Wenn ich spät nachts, eigentlich schon morgens im Bett lag, viele Kissen um mich herum, die Matratze nicht zu weich, nicht zu hart, erklang beinah immer von irgendwoher Musik, ganz leise und dumpf. Saxofon, Schlagzeug, wahrscheinlich auch Stimme.

Udos Jukebox im Atlantic läuft, auch wenn er nicht da ist.

Video zum Thema: www.abendblatt.de/Chefvisite„Hinterm Horizont“, Udo Lindenbergs Erfolgsmusical aus Berlin, zieht nach Hamburg um und ist ab 10. November im Operettenhaus (U St. Pauli), Spielbudenplatz 1, zu sehen. Karten ab 49,90 Euro in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32, Öffnungszeiten: Mo–Fr 9 bis 19 Uhr, Sa 10 bis 16 Uhr. Oder unter Hamburger-Abendblatt-Ticket-Hotline 040/ 30 30 98 98.